„UNSERE MUSIK IST EXAKT DAS, WAS WIR MACHEN WOLLEN“ – STYRONAUTEN IM MICA-INTERVIEW

Die Debüt-Platte „Delta“ ist im Jahr 2016 erschienen, im Juni 2025 folgt das zweite Album „Norm“ der Grazer Band STYRONAUTEN: Jürgen Plank hat mit Bassist Roland Renner über Highlights der ersten 15 Bandjahre genauso gesprochen wie über das Improvisieren und die Bedeutung einer Almhütte, auf die sich die Band jedes Jahr zum Jammen zurückzieht. Und Renner erzählt von der Nummer „Polar Purple Turtle“, die zum Album-Release als Single erscheint. Warum Erika Pluhar als Mitwirkende für „Norm“ angefragt war, ist ebenfalls Thema dieses Interviews. Styronauten sind: Heinz Hoppaus (key), David Kuhness (drums), Roland Renner (bass) und Werner Schmierdorfer (git) – ein Instrumentalquartett, dessen Musik zwischen allen Stühlen sitzt, sphärisch, experimentell oder minimalistisch, komponiert und improvisiert.

Ihr habt euch im Jahr 2010 gegründet und feiert heuer die ersten 15 Jahre eures Bestehens. Was waren Highlights für dich in dieser Zeit?

Roland Renner: Wir haben mal zwei Konzerte in Tschechien gespielt, unter anderem in einem Vorort von Prag. Das war zirka im Jahr 2017 und sehr lustig. Der Gig in Prag war dann in einem Kellerlokal, das immer viele Besucher:innen hat. Es ist für uns nicht unwichtig, dass es schon Publikum gibt, weil es mit unserer Musik ziemlich schwierig ist, Publikum zu generieren. Auch Radios sind für uns schwer zu erreichen, wir gehen insgesamt den schwierigeren Weg im Vergleich zu einer ganz normalen Rockband mit Sängerin.

Inwiefern war diese Tour nach Tschechien also ein Highlight?

Roland Renner: Wir sind gerne miteinander unterwegs. Eine Bandprobe ist eigentlich ein Treffen von Freunden. Wir treffen uns und verbringen gerne Zeit miteinander. Wir sind in diesen Vorort von Prag gefahren, haben Plakate von uns gesehen und haben letztlich – ich verkürze ein wenig – vor einem Menschen gespielt. Der Besitzer des Lokals hat am Ende gemeint: you are an LSD-Band! Am nächsten Tag haben wir dann in Prag vor rund 200 bis 300 Leuten gespielt und das war cool für uns.

Irgendwo habe ich gelesen, dass für eure Bandgründung auch eine Almhütte bedeutend ist. Wie war das?

Roland Renner: Wir haben seit mehr als 20 Jahren die Tradition, dass wir uns Ende August für eine Woche auf einer Almhütte treffen und jammen. Wir haben dabei immer Aufnahme gemacht und das ist wie ein Zeitdokument für alle, die dabei sind. Da ist auch mal ein Poetry-Slam dabei und aus den Jams ergeben sich auch immer wieder Ideen für Stücke.

Improvisation ist somit ein wichtiger Aspekt bei euch. Ihr habt am neuen Album „Norm“ aber 10 Stücke festgeschrieben, wie sieht es mit deren Live-Umsetzung aus?

Bild der band styronauten, schwarzweiß
Styronauten © Alexander Seidler

Roland Renner: Wir machen nicht wie Bob Dylan Variationen von „Blowin’ in the Wind“, die man dann nicht erkennt. Bei uns wird man die Stücke auf jeden Fall erkennen. Wir haben offene Teile, Improvisationsteile, mit Signalen, die den nächsten Teil anzeigen. Manchmal kommt unser Keyboarder mit einer Idee zur Probe, die wir dann miteinander weiterentwickeln.Ich bringe auch manchmal Geschichten mit, die ich gerne vertonen möchte. Wir brauchen eine inhaltliche, emotionale Ausrichtung zu den Geschichten, die wir musikalisch erzählen wollen. Es gibt offene Teile, aber die Abläufe sind schon ausgemacht.

Das Album heißt „Norm“ und die im Pressetext aufgeworfene Frage reiche ich gleich an dich zurück: wie lassen sich gesellschaftliche Normen in Musik abbilden? Und um welche Normen geht es?

Roland Renner: Wir haben uns unter anderem mit der Frage beschäftigt: Was ist eine gesellschaftliche Norm? Was sind Abnormen? Was sind Randerscheinungen in einer Gesellschaft?

Ich erkläre all das gerne mit einer Nummer, die heißt „Hoarder“.Das ist unsere längste Nummer, da geht es um dieses Horten, um das Messie-Dasein. Wir haben lange an dieser Nummer gearbeitet, noch mit unserem damaligen Schlagzeuger. Ich wollte mit dem Schlagzeuger eine Suite mit unterschiedlichsten Rhythmen machen, auf die sich dann die Solisten legen. Das Stück ist sehr beatlastig. Wir sind durch einen Zeitungsartikel auf das Messie-Thema gekommen, da gab es zwei Brüder in New York, die haben so viel in ihrer Wohnung angesammelt, dass der Boden eingebrochen ist und die beiden sind gestorben. Das waren aber nicht arme Leute, sondern das waren zwei Anwälte. Und das ist eine lustige Kombination: Es gibt Armut, auch wenn du aus materialistischer Sicht reich bist. Norm ist sehr viel, das war für uns auch ein Zusammenfassen von allem, was sich thematisch seit unserem Album „Delta“ angesammelt hat. Es gibt immer wieder Dinge, über die wir sprechen und die sich als Stücke manifestieren.

Kannst du dazu ein Beispiel nennen?

Roland Renner: Zum Release wird eine Nummer herauskommen, die heißt „Polar Purple Turtle“. Da haben wir uns auf die Frage, worum es im Lied geht, einfach einen Witz erzählt. Unser Keyboarder hat gemeint: Es klingt so wie wenn eine Schildkröte in einem goldenen SUV in der Arktis herumfährt. Wir haben diese abstruse Idee weitergesponnen: sie bricht im Eis ein, weil sie einfach fahrlässig ist. Das soll jetzt nicht unsere Klima-Message sein, aber auch die Klimafrage ist uns wichtig. Klar: in dieser crazy world ist sowieso alles wichtig, was gerade abgeht. Das Album ist nicht nur eine Song-Collection, aber es ist auch kein Konzeptalbum mit einer zentralen Idee.

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Eure Stücke tragen außerdem Titel wie „Zirkusfreak“ oder „Monolith“. Wenn man instrumentale Musik macht, bekommen die Titel meist mehr Bedeutung.

Roland Renner: Das stimmt. Die Liedtitel sind schon wie ein Beipackzettel, den man mitgibt. Wenn es um Neue Musik geht, taucht manchmal die Frage auf: was will die Komponist:in uns sagen? Bei „Zirkusfreak“ haben wir diese klassische Zirkusmelodie eingewoben. Ich habe da mal ein Buch gehabt, mit alten Zeichnungen zum Zirkus: die Frau, mit den drei Armen. Oder der arge Gewichtheber, womit wir wieder bei den Randerscheinungen sind, die interessant sind.

Außerhalb der Norm.

Roland Renner: Genau, völlig außerhalb der Norm.

Weil du gerade die Bilder im Buch angesprochen hast: wenn man eure Flyer oder Plakate anschaut, bekommt man den Eindruck, dass ihr viel Wert auf die Bildsprache im Kontext mit eurer Musik legt.

Roland Renner: Ich bin auch Fotograf und Filmemacher, somit sind mir Bilder wichtig. Die Bildsprache gehört für mich einfach dazu. Wenn die Frage auftaucht, ob wir ein Album herausbringen müssen, lautet das Fazit: wir betreiben hier ein extrem teures Hobby. Mir ist auch die Haptik des Vinyls wichtig und wie das gesamte Erscheinungspaket ist. Das geht bis hin zu den Live-Visuals. Bei unserem Release-Gig im Grazer Orpheumwerden wir einen Live-Visualisten haben, der analog improvisierte Visuals machen wird. Die Formen der Styropor-Teile auf den Pressefotos sind schon im Sinne der Corporate Identity der Band vordefiniert. Die sind nicht zufällig entstanden.

Wie wichtig ist Improvisation für euch in der Live-Situation?

Roland Renner: Eigentlich spielen wir bei jedem Gig etwas Neues. Wir machen immer Impro. Wir machen auch Impro-Abende, an denen die Leute uns Begriffe zurufen können und wir spielen dazu dann ein Stück. So kam es zu „Akupunktur“, das war das erste Video, das ich vor einigen Monaten gepostet habe. Es war am Schluss von einem Konzert, wir haben eigentlich schon alles gespielt, aber die Leute wollten noch eine Nummer hören. Wir haben also nach einem Begriff gefragt und irgendjemand hat „Akupunktur“ gegröhlt.

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Und dann gibt es im Song „Lametta“ doch Text. Worte, die in einer Art Assoziationskette aneinander gereiht werden, etwa: Haftung, Bindung, Lage, Nation. Oder: Körper, Kult, Kreis, rund. Wie kam es dazu, dass in diesem Fall doch Text vorkommt?

Roland Renner: Die Nummer „Lametta“ ist immer ein bisschen herumgegeistert. Da waren einfach zwei Akkorde, gewisse Sounds und mit denen und mit einem Loop vom Keyboarder sind wir schwanger gegangen und haben damit gespielt. Unser Produzent und Tontechniker hat in seinen Anmerkungen zu den Songs geschrieben, dass „Lametta“ einen Text bräuchte. Wir machen ja Instrumentalmusik, aber für eine direkte Message ist Text eine weitere Dimension. Wir sehen ja auch, wohin die Welt sich entwickelt und deswegen haben wir versucht, die Message klarer zu kriegen. Der Text zu „Lametta“ stammt von mir, die Worte hängen alle zusammen, manchmal stehen sie im Kontrast zu einander und es gibt bei diesem Text keinen Anfang und kein Ende.

Weil „Lametta“ die einzige Nummer mit Text ist: wer trägt den Text vor?

Roland Renner: Dazu gibt es eine lustige Geschichte: ich habe damals eine Radiosendung über Erika Pluhar gehört, sie hat ein Geburtstagsjubiläum gehabt. Ihre Stimme ist einzigartig und ich habe mir gedacht: es wäre witzig, wenn Erika Pluhar den Text sprechen würde. Ich habe mir das in den Kopf gesetzt und probiert das umzusetzen. Sie hat eine Demo-CD mit dem Text von mir in die Hand gedrückt bekommen, aber sie hat sich nicht mehr gemeldet. Wir haben dann eine gute Freundin gefunden, eine 79jährige Grazer Legende: Irmi Horn. Sie hat den Text performt, ich bin sehr froh, dass sie das gemacht hat.

„ICH GLAUBE, WIR WÜRDEN AUCH BEIM NOVA ROCK FESTIVAL ALS ERSTE BAND AM NACHMITTAG SEHR AUFFALLEN UND NICHT PASSEN“

Bild der Band Styronauten, schwarzweiß
Styronauten © Alexander Seidler

Inwiefern ist es ein Vor- oder auch ein Nachteil, dass ihr euch genretechnisch zwischen allen Stühlen bewegt?

Roland Renner: In Bezug auf Veranstalter:innen ist es schwierig, denn die wissen nicht, was sie mit uns anfangen sollen. Veranstalter:innen machen ja einen Liederabend oder ein Tango-Event oder so. Da ist es sehr schwierig, denn sie wissen nicht, wo sie uns einordnen sollen. Ich glaube, wir würden auch beim Nova Rock Festival als erste Band am Nachmittag sehr auffallen und nicht passen.

Ich merke das auch, weil es ziemlich frustrierend ist, Gigs zu checken. Wir müssen nicht von der Musik leben, deswegen können wir es uns leisten, unsere Musik so zu machen. Sonst würden wir wahrscheinlich andere Musik machen. Unsere Musik ist exakt das, was wir machen wollen. Das ist für uns ein Vorteil und den Menschen, die unsere Gigs besuchen, taugt das, weil sie nicht immer das Gleiche hören wollen. Wenn ich dich fragen würde: welche Musik machen wir? Was wäre dein Genre?

Ich würde sagen: Experimentell, Impro, in Richtung Jazz gedacht.

Roland Renner: Ja. Ich habe einem Niederländer, der ein Piratenradio betreibt, unsere Musik vorgespielt. Der hat gesagt: ihr macht Psychedelic Rock. Wir reden nie über Genres, jeder bringt etwas ein. Unser Gitarrist war vor 30 Jahren im Bereich Metal, ist dann irgendwann Richtung Blues gegangen und ist dann bei uns gelandet. Unser Ziel ist, dass wir Neues entdecken. Seit einem halben Jahr sind wir schon wieder an neuem Material dran. Eine neue Nummer werden wir ziemlich sicher bei den Release-Gigs spielen, die wieder anders klingen wird. Archaisch. Eine Nummer, die sich mit dem aktuell wieder erweckten Patriachat beschäftigt.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Styronauten live:
06.06.25: Orpheum, Graz
14.06.25: Chelsea, Wien

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