Bild Rucki Zucki Palmencombo
Rucki Zucki Palmencombo (c) Archivband

„Unsere Musik funktioniert wie ein Gespräch, wir plaudern“ – BERNHARD TRAGUT (RUCKI ZUCKI PALMENCOMBO) im mica-Interview

1982: Die RUCKI ZUCKI PALMENCOMBO landet mit ihrer ersten Single „Südseeträume“ einen Top Ten-Hit in Österreich. Nach einigen Singles legt die Band um BERNHARD und GABI TRAGUT nun ihr drittes Album vor. Im Interview mit Jürgen Plank erzählt BERNHARD TRAGUT, warum ihn Tocotronic genauso inspiriert wie Schlager- und traditionelle Volksmusik. Und wie es gekommen ist, dass ihm Malcolm McLaren von den Sex Pistols eine Hose angemessen hat.

Seit wann gibt es die Rucki Zucki Palmencombo?

Bernhard Tragut: Geben tut es uns zirka seit 1980, ich weiß das nicht mehr so genau, aber der erste Abschnitt war von 1980 bis 1983. Das Jahr 1982 war da zentral, da haben wir die erste Single aufgenommen und sind ‚berühmt’ geworden, mit den ‚Südseeträumen’. Das hat sich aber schnell wieder aufgehört, wir haben noch ein bisschen mit Hausmusik weitergemacht und dann wirklich rund 20 Jahre lang pausiert. Ich wollte mehr bildende Kunst machen und habe manchmal solo bei Vernissagen gespielt.

Gab es sonst noch Auftritte vor der zweiten Bandphase der Band?

Bernhard Tragut: Ja, es gab drei Revival-Auftritte mit Ronnie Urini. Da sind die ganzen Spannungen so weiter gegangen wie in den 1980er-Jahren und ich habe mir gedacht: nein, da muss etwas Neues passieren. Und so haben wir uns im Jahre 2000 – wie man in der Wirtschaft heute sagt – neu aufgestellt und haben wieder neu angefangen. 

Welche anderen Bands haben Sie inspiriert?

Albumcover Das Salz in der Suppe
Albumcover “Das Salz in der Suppe”

Bernhard Tragut: Mich hat Tocotronic sehr inspiriert. Durch sie ist auch mir wieder etwas eingefallen beim Liederschreiben. Ich habe Tocotronic im Alten AKH gesehen, bei einem Künstlerfest und dieses Konzert, in einem kleinen Kammerl, war für mich eine Offenbarung. Damals waren sie noch gar nicht so bekannt, aber ich habe mir gesagt: jetzt habe ich die Zukunft des deutschsprachigen Rock’n’Rolls gesehen. Ich habe mich darüber gefreut, dass sie später berühmt geworden sind.

Die neue Platte hat mich manchmal – insbesondere durch das rhythmische Akkordeonspiel – an Cajun-Musik erinnert. Wie hat sich das ergeben?

Bernhard Tragut: Ich mag diese Musikrichtungen schon lange: Cajun, Zydeco, Tex-Mex. Und mich interessiert so eine Art Kulturvergleich. Mich interessiert – ich nenne das immer – die Musikreise: wo eine Musik hergekommen ist, wo sie wieder zurück hingeht. Da ist ja Tex-Mex ein gutes Beispiel dafür. Mich interessieren auch die west-afrikanischen Neo-Blueser. Wenn der Blues wieder nach Afrika zurückkehrt und die Beduinen im Zelt E-Gitarre spielen. So hat sich das ergeben.

„Was hat eigentlich der Rock’n’Roll mit Polka zu tun?“

Welche Klänge wollten Sie noch unbedingt dabeihaben?

Bild Rucki Zucki Palmencombo
Rucki Zucki Palmencombo (c) Christian Bauer

Bernhard Tragut: Ich habe eine Ziehharmonika in die Band geholt, weil ich keine Orgeln gemocht habe. Diese typischen Keyboard-Klänge aus den 1980er-Jahren, die mag ich überhaupt nicht. Das Akkordeon ist natürlich ein altes Schlager- und Volksmusikinstrument.

Damit geben Sie mir das nächste Stichwort: inwiefern hat die Rucki Zucki Palmencombo auch Querverbindungen zur österreichischen Volksmusik?

Bernhard Tragut: Das hat natürlich mit dem Aufwachsen etwas zu tun. Auf jeden Fall ist das eine zentrale Geschichte, ich bin ja Niederösterreicher und mein Vater war ein Steirer. Österreichische Volksmusik war ja lange verpönt, das hat auch mit den Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten zu tun. Ich habe mir schon in den 1980er Jahren darüber Gedanken gemacht: was hat eigentlich der Rock’n’Roll mit Polka zu tun? Mein Vater hat Knöpferlharmonika gespielt und ich bin mit dem Rock’n’Roll aufgewachsen.

Haben Sie auf der neuen Platte tatsächlich ein Volkslied drauf, „Siagst nua du mi so“ von Leo Murer?

Bernhard Tragut: Das ist ein Kärntner Komponist und Schreiber. Die beiden Stücke – „Is scho stü uman See“ und „Siagst nua du mi so“ – sind keine Traditionals, bei denen man nicht mehr weiß, wer sie geschrieben hat, sondern die sind beide zirka 60 Jahre alt.

Wie waren Ihre ersten Kontakte zum Rock’n’Roll, war das mit Carl Perkins und Elvis? 

Bernhard Tragut: Nein, wir hatten gegenüber von der Kirche eine verruchte Bar. Als kleiner Bub war ich Ministrant, aber aus dieser Bar hat die Musik aus der Musicbox gedröhnt. Ein Lied, das da zu hören war, hieß „Woolly Bully“, das war in den frühen 1960er Jahren. Mich hat damals schon der Sound fasziniert, als ich zum ersten Mal im Radio Canned Heat gehört habe, dachte ich mir: was ist denn das? Wie schnarrt denn das? Das hat sich ganz anders angefühlt, obwohl es gar nicht so anders ist wie die Volksmusik.

„Malcolm McLaren hat mir im Geschäft von der Vivienne Westwood den Bauch vermessen und mir eine Hose verkauft“ 

Auf der neuen Platte kann man neben Volksmusik auch Blues und Schlager heraushören. Sind das die Koordinaten, zwischen denen eure Musik passiert?

Bernhard Tragut: Ja, ganz bestimmte Schlager, sage ich mal. Da geht es auch viel um den Klang und andererseits um das Bildhafte der Texte. Ich bin ja auch bildender Künstler und das Bildhafte der Texte ist in den Kärntner Lieder genauso wie bei Freddy Quinn: ‚fährt ein weißes Schiff nach Hongkong’, oder so. Nicht zu vergessen: Punk war für mich auch wichtig, dadurch habe ich mich getraut zu spielen. Ich war damals auch mal in London und: Malcolm McLaren hat mir im Geschäft von der Vivienne Westwood den Bauch vermessen und mir eine Hose verkauft. Ein Jahr später haben wir erfahren, dass es dort in London gerade mit Punk losgegangen ist.

Das neue Album wurde analog aufgenommen, warum war Ihnen das wichtig?

Bernhard Tragut: Das Analoge war mir gar nicht so wichtig, mir war eher wichtig, dass wir uns im Studio wohl fühlen und dass es im Studio nicht ganz anders wie gewohnt ist: das heißt, dass wir die Musik live einspielen. Das wollte ich immer so. Thomas Pronai und ich haben uns zirka zehn Jahre lang beschnuppert, er hat mich Mal dazu eingeladen bei der Kantine-Band Mundharmonika zu spielen. In der Cselley-Mühle war das dann beim Aufnehmen ein totales Wohlfühlwochenende. So funktioniert diese Band auch: unsere Musik funktioniert wie ein Gespräch, wir plaudern. Ich höre ja den anderen so gerne zu und komme dadurch manchmal selbst aus dem Takt. Das ist ein großer Genuss. Niemand tut sich da mit einem Solo hervor, sondern die Musik ist ein Geflecht.

„‚Südseeträume’ war das erste Lied, das ich je geschrieben habe“ 

Vor 36 Jahren haben Sie mit dem Lied „Südseeträume“ einen Top Ten-Hit gehabt. Haben Sie danach überlegt, wie Sie noch einen Hit landen könnten oder war diese Idee nach der ersten Bandphase weg?

Bernhard Tragut: Diese Idee war nie da, der Hit ist ja auch passiert. ‚Südseeträume’ war das erste Lied, das ich je geschrieben habe. Wir haben bei Atelierparties gespielt und sind dann halt von Wilfried entdeckt worden, weil wir im U4 ausgeholfen haben. Und innerhalb von 14 Tagen ist das Lied im Radio gelaufen. Wir haben aber ganz gut mit dem Erfolg umgehen können. Wir haben dann ein Mal in der Stadthalle gespielt, vor 17.000 Leuten, die aber nicht wegen uns gekommen sind, sondern bei einer Pop-Veranstaltung da waren. Jetzt denke ich nicht mehr daran, aber für mich wäre ein karrieremäßig anzustrebender Status gewesen, in der Welt herum zu fahren und in jeder Stadt kommen 500 Leute zum Konzert. Aber kein Stadionkonzert, dort mag ich ja selbst oft nicht hingehen! 

Was hat Wilfried für Sie konkret gemacht?

Bernhard Tragut: Er hat uns gesehen und hat gesagt: mir gefällt, wie ihr tut. Meldet euch, wenn ihr eigene Lieder habt. Wir haben ihm dann eine Demo-Kassette geschickt und er hat gemeint: das mache ich. Wir sind also ins Studio gegangen und haben eine Single aufgenommen, das hat alles er bezahlt, das war auf seine Kosten. Mit der Single ist er dann zu seiner Plattenfirma, zu Polydor, gegangen und die haben das genommen. Das war die New-Wave-Zeit, Ariola hat schon jemanden gehabt und Polydor hat noch so schräge Vögel wie uns gebraucht. Witzig war auch: damals ist auf Ö3 Werbung für Sendungen auf Ö1 gemacht worden, und da ist unsere Single einen ganzen Tag hindurch immer wieder angespielt worden. So ist das alles ins Rollen gekommen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

Rucki Zucki Palmencombo live
17.05.2018
local (Heiligenstädter Str. 31, 1190 Wien)
20h

Links:
Rucki Zucki Palmencombo
Rucki Zucki Palmencombo (Facebook)