Cayes (c) Klubkunst

„Unser Ziel ist es, eine völlig rohe, authentische Mischung abzuliefern.” – CAYES im mica-Interview

Nach vier Jahren Zusammenarbeit, die nicht immer ganz zielstrebig war, präsentiert die Wiener Neustädter Band CAYES nun ihre erste EP. Und wie der Name der Platte schon sagt, geht es auf „love life death“ um die Liebe, das Leben und den Tod. Für die zwei Bandmitglieder von CAYES, RONALD DANGL und JULIA SCHWARZER, stecken die Songs voller persönlicher Erfahrungen und Hingabe. Mit Anne-Marie Darok sprachen die beiden über ihre unterschiedlichen Wege zur Musik, die Kehrtwende in ihrer Bandgeschichte und die Wiener Neustädter Community.

Wie haben Sie als CAYES zusammengefunden?

Ronald Dangl: Wir haben uns vor vier Jahren kennengelernt, bei Konzerten in Wiener Neustadt, im Triebwerk oder im SUB. Das Thema Musik stand anfangs gar nicht im Raum, weil ich nicht wusste, dass Julia singt, und sie nicht wusste, dass ich Musik mache.

Julia Schwarzer:  Ich war für ein halbes Jahr in Berlin und habe dort Gesangsunterricht genommen und Gitarre gespielt. Dann bin ich zurückgekommen und habe an einem Cover-Abend in Wiener Neustadt teilgenommen und dort zwei Songs gesungen. Das war das erste Mal, dass Ronny mich singen gehört hat.

Ronald Dangl: Also es war eigentlich so, dass ich den Auftritt verpasst habe und sie dann bekniete, die zwei Songs backstage noch einmal vorzusingen. Ich war zu dem Zeitpunkt sehr überrascht, weil ich nicht gewusst habe, dass sie singen oder Gitarre spielen kann. Ich habe vorher schon in Bands gespielt, aber das war jetzt die Chance, etwas Eigenes daraus zu machen.

Welche Musikrichtung haben Sie damals verfolgt?

Ronald Dangl: Wir haben viel Foals gehört und deshalb ging es eher in eine gitarrenlastige, schnellere Richtung. Doch da wir von null an angefangen haben, Musik zu machen, war die Entwicklung relativ schnell spürbar. Irgendwann waren zehn, fünfzehn Ideen da und wir haben nicht genau gewusst, was wir damit machen sollen. Dann hat es noch mal fast zwei Jahre gedauert, bis wir uns auf etwas eingependelt haben.

„Ich habe immer schon gerne viel und laut gesungen.”

Wann haben Sie als Einzelpersonen angefangen, Musik zu machen?

Julia Schwarzer: Ich habe immer schon gerne viel und laut gesungen. Und dann ging es ganz klassisch weiter:  Mit 14 habe ich begonnen, Gitarre zu spielen, und das lose so weiterbetrieben. Eigentlich habe ich erst nach meinem Studium begonnen, eigene Songs zu schreiben. Wie das geht, habe ich mir mit YouTube-Videos angeeignet, und zwar für mich allein.

Ronald Dangl: Bei mir geht das alles ein bisschen länger zurück, ich bin ja auch älter. Ich habe auch als Kind Gitarre gespielt. Mit 16, 17 habe ich meine erste Band gehabt. Und dann habe ich immer weiter Musik gemacht. Vor zwölf Jahren war ich zum Beispiel aktiv in einer Gruppe, die auch im Ausland getourt hat. Nach dem Auflösen der Band habe ich meinen Fokus verlegt, auch weil ich mit dem Studium fertig wurde. Und so habe ich in den letzten zehn Jahren als Tontechniker gearbeitet.

Julia, Sie haben Medizin studiert. Warum haben Sie nicht etwas mit Musik gelernt?

Julia Schwarzer: Lustigerweise wollte ich in der Oberstufe in einen Musikzweig gehen. Ich wusste nur damals nicht, dass man ein Instrument nicht sehr gut beherrschen muss, um in den Musikzweig gehen zu können. Und deshalb bin ich dann in die naturwissenschaftliche Richtung gegangen, wo ganz natürlich das Interesse an der Medizin kam. Das Kreative lief nebenbei, wobei es mit der Zeit immer wichtiger wurde. Ich komme auch ein bisschen aus der Schreiberecke und habe mich so von Kurzgeschichten über Lyrik bis zu Songtexten vorgearbeitet. Erst vor eineinhalb Jahren habe ich in einer Post-Hardcore-Band als Bassistin gespielt. Ich wollte eben etwas im musikalischen Bereich machen, aber kannte bis dahin niemanden. Und als ich gesehen habe, dass sie eine Bassistin suchen, dachte ich mir, dass das mit dem Bass schon klappen wird. Was es dann auch tat.

Cayes (c) Klubkunst

Sie kommen ja aus der Umgebung von Wiener Neustadt. Wie sieht es dort mit den Möglichkeiten für junge musikliebende Menschen aus?

Ronald Dangl: Wiener Neustadt ist ein sehr, sehr großes Thema. Es hat schon einen sehr starken persönlichen Bezug für mich. 2019 ist es leider nicht mehr so einfach, als Musikerin bzw. Musiker Unterstützung zu erlangen. Aber wenn man zurückschaut, hat Wiener Neustadt eine starke musikalische Vergangenheit. Ich selbst habe im Triebwerk meine ersten musikalischen Erfahrungen gemacht, seit 22 Jahren eine der wichtigsten Locations für Musikerinnen und Musiker. Bands haben dort immer schon die Möglichkeit gehabt, einfach auszuprobieren, wie das so ist, in einer Band zu sein. Es gibt Workshop, Networking – wie es halt in einer kleinen Community ist. Wobei das Wiener Neustädter Netzwerk eigentlich groß ist, auch wenn man das von außen nicht wirklich erkennt. Es gibt einige Bands, die aus Neustadt-Umgebung kommen und sich einen Namen gemacht haben: Bestes Beispiel ist HVOB. Die haben gezeigt, dass es abseits vom Mainstream auch eine Möglichkeit gibt, im Rampenlicht zu stehen.

Julia Schwarzer: Ich muss sagen, dass ich musikalisch eher spät diese Szene entdeckt habe, vielleicht weil ich nicht in dieser Punk-Community war. Ich bin auf jeden Fall erst so mit 18 ins Triebwerk gekommen, über den Triebwerk-Chor, den es damals noch gab. Es war, als hätte sich eine Tür geöffnet. Ich habe gemerkt, dass es viele Konzerte und Veranstaltungen gibt, die ich vorher nie mitbekommen hatte.

„Im Laufe der Produktion ist für uns der Punkt gekommen, an dem wir gemerkt haben, dass wir einen Tapetenwechsel brauchen.”

Sie haben ihre EP mit CAYES ja auch in Wiener Neustadt aufgenommen, oder?

Ronald Dangl:  Wir haben in einem Wiener Neustädter Studio gearbeitet und angefangen, dort die Songs aufzunehmen.

Julia Schwarzer: Eigentlich haben wir viel dort gemacht, die ganzen Gitarren zum Beispiel. Das Schlagzeug haben wir dann in Wien mit Alex Tomann aufgenommen.

Ronald Dangl: Nur gegen Ende der Produktion haben wir das Musikmachen aufs Land verlegt, denn ich habe ein Haus in Wiesen geerbt und dort mein eigenes Studio eingerichtet.

Wann haben Sie sich für den Bandnamen CAYES entschieden?

Julia Schwarzer: Den gibt’s schon seit 2016. Wir wollten gerne ein Wort haben und nicht etwas, was es schon gibt. Aber schon etwas, wozu man eine Verbindung hat. Und Chaos war unsere Arbeitsweise und etwas, was auch in uns stattgefunden hat. Erst später habe ich herausgefunden, dass Cayes kleine Inseln sind, die aus abgestorbenen Sedimenten wie Pflanzen oder Tieren bestehen. Das fand ich auch ganz passend.

Ronald Dangl: Den Bandnamen spricht man eigentlich als „Kej-es“ aus, weil es eine Anspielung auf „Chaos“ ist! Was ich dabei gelernt habe, ist, dass manche Dinge einfach Sinn machen, wenn man lange genug wartet. Das war beim Bandnamen so, mit dem Namen der EP und mit dem Cover.

CAYES EP COVER

Was für ein Foto ist auf dem Cover?

Ronald Dangl: Dass die EP „love life death“ heißen soll, war uns schon recht früh klar. Und dann wollten wir etwas finden, was einen persönlichen Bezug dazu hat. Wir wollten, dass sich der Kreis schließt. Wir sind durch Zufall auf dieses Foto von meinem Urgroßvater und meiner Oma gestoßen, womit sich der Kreis wirklich perfekt schließt. Love: die Liebe zum Kind. Life: die Lebensspanne von jung zu alt. Und Death, weil beide tot sind. Es mag zwar plakativ klingen, aber für uns hat es einfach gepasst. Ab dem Moment haben wir auch gar nicht mehr viel darüber nachgedacht.

Julia Schwarzer: Für uns ist auch jeder Song ein eigenes Thema. Wir haben die drei Songs immer als Einheit gesehen, die zusammengehört.

„Die Schwere und Dunkelheit dieser drei Songs sind das Gift, das zum Vorschein kam, nachdem wir uns mit den finstersten Ecken konfrontierten.”

In Ihrem Pressefolder steht, dass es bei Ihnen keine „Pophymnen zum Mitsingen“ gibt. Kann es dennoch sein, dass Sie die Inspiration im Laufe der Zeit in fröhlichere Gefilde treibt?

Ronald Dangl: Ein gewisser gemeinsamer Nenner war von Beginn an vorhanden, unklar war eher die Art und Weise der Umsetzung. Es war von der ersten Sekunde an klar, dass wir keinen happy sound machen werden. Das liegt einfach nicht in unserer Natur. Gerade zu Beginn haben wir versucht, uns so gut wie jeder Idee anzunehmen, um zu sehen, wo sie uns hinführt. Glücklich hat uns diese Herangehensweise nicht gemacht, im Gegenteil: Es fühlte sich sehr zerstreut und zerrissen an. Leider mussten erst gewisse private und familiäre Rückschläge passieren, um bei uns den nötigen Schalter umzulegen. Ab dem Moment, an dem für uns klar war, das dieses Projekt bzw. diese EP unser Ventil sein muss, um besagte Geschehnisse zu verarbeiten, ergab sich das große Ganze völlig von selbst. Die Schwere und Dunkelheit dieser drei Songs sind das Gift, das zum Vorschein kam, nachdem wir uns mit den finstersten Ecken konfrontierten. Die größte Herausforderung hierbei war aber, das Ganze in einen gewissen Kontrast zu setzen, um das Licht am Ende des Tunnels heller scheinen zu lassen.

Julia Schwarzer: Unsere Songs sind sicher keine leichte Kost. Unsere Musik wird man sich vermutlich nicht unbedingt beim Partymachen anhören, sondern eher in Momenten, wenn man allein auf der Couch liegt und über den Wahnsinn, den wir Leben nennen, philosophiert.

In Ihrem Facebook-Posting, in dem Sie allen danken, die Ihnen bei der EP geholfen haben, hat man ein wenig das Gefühl, dass die Produktion eine große Hürde war. Stimmt das so?

Ronald Dangl: Ja, das stimmt. Für uns war einfach so wenig klar und fix. Wir haben einfach angefangen und uns an jeden Schritt langsam angenähert. Und da wir ein Paar sind, war das Ganze noch ein bisschen schwerer. Denn wenn du in einer normalen Bandsituation bist und etwas nicht so ganz rundläuft, dann gehst du nach der Probe nach Hause und hörst eine Zeit lang nichts von den anderen. Wenn ihr euch das nächste Mal im Proberaum trefft, dann passt wieder alles. In dem Fall war es die Reibereien besprechen mussten, wenn es welche gegeben hat.

Julia Schwarzer: Andererseits war es auch so, dass sich durch diese Beziehung auch eine ganz andere Musik ergab.

Ronald Dangl: Wir sind an diesem Projekt sehr gewachsen. Es war ein sehr, sehr, sehr großer Brocken, der da von uns gerollt ist. Wir sind an unsere physischen Grenzen gestoßen. Zum Glück haben wir aber sehr viele Freundinnen und Freunde, Bekannte und Kolleginnen und Kollegen, die uns immer geholfen haben, wenn wir Hilfe gebraucht haben, die uns zum Beispiel Proberäume zur Verfügung gestellt oder Equipment geborgt haben. Und das kann man vielleicht wieder auf die Community in Wiener Neustadt zurückführen.

„Ich wünsche mir, dass unsere Musik ein wenig Hoffnung gibt.”

Was soll die Musik von CAYES bei den Hörerinnen und Hörern bezwecken, schließlich ist es ja ein „Soundtrack für dunkle Zeiten, wenn alles verloren scheint“? Ist sie wie eine Therapie, nach der man sich besser fühlt? Oder soll man sich schließlich doch darin bestätigt fühlen, dass alles verloren ist?

Julia Schwarzer: Ich denke, unsere Musik bezweckt das, was sie für diejenige bzw. denjenigen gerade bezwecken soll. Ein guter Freund, Thomas Kodnar, hat einmal etwas über unsere Musik geschrieben und ein Satz ist da besonders hängen geblieben: „Music that embraces the chaos within.“ Jede und jeder von uns hat ihr bzw. sein eigenes Chaos, manche mehr, manche weniger und ich glaube, es ist wichtig, dass man seine dunklen Seiten auch akzeptiert und sich bewusst ist, dass man sich nicht dafür schämen muss, sondern dass uns gerade dieses Chaos so einzigartig macht. Ich wünsche mir, dass unsere Musik ein wenig Hoffnung gibt. Dass manche sich vielleicht darin wiedererkennen, sich verstanden oder ein bisschen weniger allein fühlen.

Ronald Dangl: Was die Soundästhetik betrifft, war uns wichtig das es sich von aktuelleren Produktionen zwar etwas unterscheidet, aber trotzdem ein schlüssiges Bild ergibt. Wir haben lange daran gearbeitet, für jeden Song eine zur Thematik passende Soundkulisse zu finden, welche im Hintergrund passiert. Bei dem Song „angst“ wäre das zum Beispiel diese donnerartige Atmosphäre, die etwas an ein Gewitter erinnert, das gerade in weiter Ferne stattfindet, oder bei „hollow“ die hysterischen Gitarrenschreie, welche die Verzweiflung der Lyrics untermalen sollen. Zusätzlich haben wir viele Signale einzeln über eine Box in den alten Erdkeller meines Hauses geschickt und dann nochmals aufgenommen. Es sind viele Details, die man beim ersten Hören vielleicht nicht gleich wahrnimmt, aber man spürt sie, denke ich, auf eine gewisse Art und Weise.

Cayes (c) Klubkultur

Jetzt würde ich gerne näher auf Ihre drei Songs eingehen: Auf ihrem Song „angst“ thematisieren Sie Angstzustände und behandeln damit ein aktuell sehr populäres Thema. Wie versuchen Sie, in diesem breit bespielten Themenbereich Ihre eigene Stimme zu finden?

Julia Schwarzer: Musik dient für uns als eine Art Ventil, um gewisse Emotionen, Sorgen, Gedanken freizulassen, sich davon ein wenig loszulösen. Ich musste da nicht meine eigene Stimme finden, sondern ganz im Gegenteil waren das Lyrics, die sich eher von selbst ergaben – also eigene Erfahrungen widerspiegeln.

Ronald Dangl: Dass diese Thematik gerade ziemlich gut zum Zeitgeist passt, war ehrlich gesagt mehr Zufall als Absicht. Jede Generation hatte ihre eigenen Ängste, der Unterschied zu heute ist, dass diese nicht mehr hinter verschlossenen Türen bleiben müssen – niemand soll sich damit allein gelassen fühlen.

Der Song „shades awake“ behandelt das Abschiednehmen von einer Person, eventuell von einem Gefühl. Im dazugehörigen Video sind Schwarz-Weiß-Aufnahmen eines kleinen Mädchens zu sehen. Nehmen Sie damit gewissermaßen Abschied von der Unbekümmertheit der Kindheit, die nie mehr zurückkommen wird? Oder was genau wollen Sie mit dem Video ausdrücken?

Julia Schwarzer: „shades awake“ handelt von der Vergänglichkeit ganz allgemein. Von der Tatsache, dass alles irgendwann einmal enden wird. Wir werden alle sterben, das ist unausweichlich, und ich glaube, viele Menschen verdrängen diesen Gedanken und bereuen dann aber vielleicht am Ende manche Entscheidungen in ihrem Leben – etwas nicht gesehen, getan, gefühlt zu haben. Das Video soll hier einen Kontrast herstellen und eben, ja genau, die Unbekümmertheit der Kindheit zeigen.

Ronald Dangl: Unsere Videos sind an sich jetzt keine klassischen Musikvideos, sondern waren als visuelle Ergänzung zur Musik gedacht.

„I am waiting for you to feel, I am pretending my love isn’t real“: Steht diese Zeile für die „moderne“ Herangehensweise an Liebe? Denn zwischen Tinder und schnellem Dating hat man häufig das Gefühl, dass das sich das Festlegen auf jemanden eine Rarität geworden ist.

Julia Schwarzer: Ja, genau. Ich habe auch das Gefühl, dass viele Menschen sich nicht mehr so schnell auf eine Beziehung, einen anderen Menschen einlassen wollen und deshalb auch Gefühle zurückhalten, nicht zulassen. Der Song „hollow“ beschreibt eine Geschichte, die sicher schon viele auf die eine oder andere Art erlebt haben. Eine Leere, die einen erfüllt, weil man in einer Beziehung oder Nichtbeziehung feststeckt, die einen nicht glücklich macht.

Wie schaut es mit einem Album von CAYES aus?

Ronald Dangl: Wir haben vor Kurzem diesbezüglich auch ein sehr tolles Gespräch mit Zebo Adam, dem Bilderbuch-Produzenten, und Ashley Dayour, dem Mastermind hinter The Devil & the Universe, gehabt. Die sind an einer Zusammenarbeit interessiert. Aber nicht für ein Album, weil da auch einfach noch nicht genug Songs da sind. Wir wollen eine zweite EP rausbringen mit noch mal drei oder vier Songs. Es soll eine Art „Part 2“ von „love life death“ werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Anne-Marie Darok

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