Von 2. bis 7. September 2025 verwandelt sich Wien wieder in ein Spielfeld für experimentelle Sounds, theoretische Funken und kollektive Zukunftsentwürfe: Mit seiner 11. Ausgabe lädt Unsafe+Sounds unter dem Motto „Time Dream Rhythm Machine“ dazu ein, Zeit neu zu denken – jenseits linearer Taktung, kapitalistischer Beschleunigung und eingefrorener Gegenwarten. Zwischen Quantenzeit und Planetenzeit, zwischen Clubnächten, Diskurs und Kunst verschränkt das Festival globale Strömungen mit der lokalen Szene. Über Chronopolitiken, Hoffnungsschleifen und das politische Potenzial von Klang erzählt Festivalgründerin und Kuratorin SHILLA STRELKA im Interview mit Ania Gleich.
Das diesjährige Motto lautet „Time Dream Rhythm Machine“ – Wie kam es zu dieser thematischen Setzung und was bedeutet sie für dich und das Festival?
Shilla Strelka: Ich mag es, wie die Worte miteinander resonieren. Und dass es Leerstellen gibt, die assoziative Freiräume lassen. Aber vielleicht soviel: „Time Dream Rhythm Machine“ ist ein Hack, um auszubrechen aus vorgefertigten Timelines. Es ist eine Weiterführung des letztjährigen Themas „Of Many Worlds“, wo wir bereits versucht haben, eine Multiperspektivität zu befördern, die ein eurozentrisches, westlich-geprägtes Denken aufbrechen und erweitern weil, um die Polyphonie unterschiedlicher Wissenssysteme.
In jeder Festivalausgabe geht es mir zentral um das Durchbrechen festgefahrener Wahrnehmungsformen und das Öffnen hin zu einer komplexen, vielschichtigen Wirklichkeit. Und der Zeit kommt darin natürlich eine ganz zentrale Rolle zu. Es ist unser westliches, am Kapitalismus ausgerichtetes Denken, ein technologisch-industrielles Modell, das die Zeit als lineares Phänomen annimmt und das als natürlich gegeben postuliert. Hier wird die Zukunft mit Fortschritt gleichgesetzt, und dieser vollzieht sich am besten immer schneller. Akkumulation und Akzeleration sind die Grundpfeiler dieses linear-teleologischen, kapitalistischen Modells. Auf der anderen Seite manifestiert sich im Westen ein apokalyptisches Denken, in dem aber gerade die Zukunft abgeschrieben wird. „The slow cancellation of the future”, von der schon Mark Fisher spricht, hat sich vollzogen. Wir stecken in der „eingefrorenen, permanenten Gegenwart“ unserer Screens fest. „Endcore“, wie der Kunstkritiker Shumon Basar es auf den Punkt bringt. In dieser zukunftslosen Gegenwart managen wir nur mehr die Katastrophe, wie der italienische Philosoph Bifo Berardi bereits vor zehn Jahren ausgeführt hat.
Das Festival setzt dem linearen Zeitmodell nun also alternative Modelle entgegen: indigene, Black, queere, anti-kapitalistische Temporalitäten. Quantenzeitmodelle. Tiefenzeit. Planetenzeit. Auch, um Hoffnung zu schenken.
Wir wissen mittlerweile, dass die Zeit nicht linear vergeht. Sie kann sich zyklisch verhalten, in Schleifen laufen, rückwärts, vorwärts, beschleunigt, entschleunigt, parallel, auf unterschiedlichen Ebenen, in Spiralen. Sie kann glitchen, durchbrochen werden, aus-dem-Rahmen-fallen. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit fallen ineinander und driften auseinander. Es sind Sphären, die miteinander verwoben und in unsere Körper eingelassen sind und sich mit diesen bewegen.
„AUCH MUSIK HÄLT DER GESELLSCHAFT DEN SPIEGEL VOR”
In deinem Curatorial Statement sprichst du von „Chronopolitiken“ und davon, dass Zeit politisch ist. Wie lässt sich das in künstlerische Formate übersetzen?
Shilla Strelka: Ich glaube, es ist umgekehrt: künstlerische Formate beinhalten jeweils schon bestimmte Temporalitäten. Sie sind diesen eingeschrieben.
Nehmen wir die von Peter Kutin und Patrik Lechner entwickelte AV-Arbeit ROTOЯ – Sonic Body, in dessen Zentrum eine kinetische Soundskulptur steht. Es ist eine der zentralen Arbeiten in Bezug zum diesjährigen Thema. Dabei geht es sehr stark um die in unserer digitalen Umgebung beschleunigten Geschwindigkeiten und um Wahrnehmungsverschiebungen. Zudem hat die Anordnung etwas von einer Zeitmaschine.
Auch dieses Jahr sind wieder Artists vertreten, die sich mit indigenen Futurismen auseinandersetzen. Eine davon ist Nkisi, die sich an archaischen kongolesischen Rhythmen orientiert, um diese mit Strategien aus dem Techno zu kombinieren. Hier treffen unterschiedliche Zeitebenen aufeinander. Es kommt zu einem Kurzschluss, einem Zusammenfallen der gegenwärtigen Clubmusik und einem ancestral knowledge. In dieser Konfrontation wird der Blick auf Zukünftiges freigemacht.
Andersherum gibt es Acts wie Gajek, die sich der Vergangenheit zuwenden, Archive aufarbeiten und Sphären der Erinnerung öffnen, um diese in Sounds zu aktualisieren. Und das auf sehr eigene Art. Matti Gajek setzt sich mit Sounds aus der ehemaligen DDR auseinander und überträgt diese in hauntologische – d.h. von Geistern heimgesuchte – Klanggedichte, in denen Melancholie und Nostalgie Platz haben. Es sind Vergangenheitsschleifen, wie Mark Fisher es genannt hat, in denen wir uns hier bewegen.
Unsafe+Sounds steht immer auch für einen starken theoretischen Unterbau. Wie wichtig ist dir diese Verbindung von Musik, Kunst und Diskurs?
Shilla Strelka: Mir ist es in meiner kuratorischen Arbeit stets wichtig gewesen, zu unterstreichen, dass die Auseinandersetzung mit Sounds künstlerisch und dass Musik eine künstlerische Disziplin ist. Wenn wir die bildende Kunst hernehmen, dann stellt sich die Frage nach der Theorie dahinter, dem theoretischen Unterbau gar nicht mehr. Es wird vorausgesetzt, dass du als Künstler:in ein Konzept hast. Ich war selbst Studierende an der Kunstakademie und schon da war es immer total wichtig, dass du dich im Diskurs einordnen kannst und weißt, was du wie und warum machst. In der Musik ist das sehr oft genauso der Fall. Zudem sind Künstler:innen und dazu zähle ich Musiker:innen eben auch, ja meistens auch sehr kritische Personen, die das, was sie um sich herum wahrnehmen, verarbeiten. Auch Musik hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Gesellschaftliche Entwicklungen kristallisieren sich an ihr. Sie bringt das, was uns umgibt, zum Ausdruck über Klang. Das Diskursprogramm bettet die zu erlebende Musik dann in einen aktuellen Kunstdiskurs ein. Denn natürlich schlagt sich dieser auch in der Musikwelt nieder, umso mehr, als zahlreiche der involvierten Musiker:innen auch als bildende oder performative Künstler:innen aktiv sind, oder aus einem akademischen Umfeld kommen.
Ein Beispiel wäre Zosia Hołubowskas Arbeit „Lover/Lichens“, in der sich Hołubowska künstlerisch mit Flechten auseinandersetzt und mithilfe von AI generierten Modellen diese Lebensform in Klang übersetzt. Zosia greift damit einen aktuellen Diskurs auf, in dem es um more-than-human Lebensformen geht, um künstliche Intelligenz, um Autorenschaft.

Wenn wir auf das Programm blicken: Welche künstlerischen Positionen oder Projekte verkörpern für dich heuer besonders stark die Idee von Zeit als „spirals, glitches, ruptures, temporal slips“?
Shilla Strelka: Felix Kubin und Hubert Zemler betreiben Retrofuturismus, wenn sie sich als CEL ähnlich performativ wie schon Kraftwerk vor ihnen und durchzogen von Sci-Fi-Referenzen ihre Sounds mit dem Zukünftigen in Beziehung setzen, das aber auf eine verquere Vergangenheit-referenzierende Art. Das Wettbüro tut das ebenso, wenn sie der Krautrock-Gründergeneration und den 70s huldigen. Ähnlich wie Gajek, der bereits erwähnt wurde, katapultieren uns dann das in NYC stationierte Duo HxH oder die in Wien lebende Künstlerin rogine mit ihren evokativ-melancholischen Tracks, direkt in Sphären der persönlichen Erinnerung.
Der angolanische Producer und DJ Vanyfox auf der anderen Seite bringt mit seiner synkopierten Batida-Rhythmik eine Sprache auf den Dancefloor, die die Dominanz des 4/4 Tempos aufbricht, ebenso tun dies lokale DJs wie মm., call me daddy, oder zey. Die aus Zimbabwe stammende Musikerin und Dichterin MA.MOYO z.B. dockt an den Afrofuturismus einer Alice Coltrane an. Es sind oftmals diasporische Konditionen, die uns ein Ausbrechen aus unserer gewohnten Zeitlichkeit ermöglichen. Aber auch das Werk der Schriftstellerin Sophia Eisenhut glitcht auf den Zeitebenen – es ist ein eklektisches Sammelsurium unterschiedlicher Temporalitäten. Hier reiben sich Gedankenfiguren aus der christlichen Mythologie und damit einhergehend eine altertümliche Sprache am hyperrealen Text unserer digitalen Welt auf. Sehr spannend.
Das Festival zeigt seit Jahren internationale Acts, gibt aber auch vielen lokalen Künstler:innen eine Plattform. Wie verstehst du das Zusammenspiel von Wiener Szene und globalen Strömungen?
Shilla Strelka: Alles und alle sind miteinander connected. Die Musiker:innen, die in Wien stationiert sind, sind natürlich mit der Welt da draußen verbunden. Insofern finden sich aktuelle Strömungen auch in der lokalen Szene. Du musst als Kuratorin einfach neugierig bleiben und ich nehme mich sehr stark als Vermittlerin wahr. Ich versuche mittlerweile schon seit über 10 Jahren, die lokale Musikszene zu highlighten und in Austausch zu bringen mit ihren internationalen Kolleg:innen. Daraus haben sich sehr oft Dinge ergeben. Auch Karrieren haben so begonnen. Das macht mich sehr glücklich, zu sehen.
„MUSIK UND KLÄNGE HABEN DIE FÄHIGKEIT ZU AFFIZIEREN. KÖRPERLICH. EMOTIONAL. INTELLEKTUELL.“
In deinem Statement heißt es: „We dream reality into being.“ Wie kann ein Festival konkret dazu beitragen, gesellschaftliche Utopien oder alternative Zukunftsperspektiven zu öffnen?
Shilla Strelka: Ich nehme das Festival als einen Ort wahr, an dem Kommunikation passiert und sich eine Verschworenheit zwischen Besucher:innen und Künstler:innen einstellt, die starke transformative Energien freisetzen kann.
Die aktuelle Ausgabe findet in einer Zeit multipler Krisen statt. Wie kann Kunst in diesem Kontext Widerstand formulieren, ohne im rein Symbolischen zu bleiben?
Shilla Strelka: Ich würde an der Stelle vielleicht statt nach Kunst im Allgemeinen, nach dem Potenzial von Musik im Speziellen fragen. Denn Musik und Klänge haben die Fähigkeit zu affizieren. Körperlich, emotional, intellektuell. Und aufgrund dieses Potenzials des Affizierens, der Berührung, sind Sounds per se politisch.
Dann wiederum sind gewisse Ästhetiken quasi von Natur aus dissident. Denken wir an Noise, in dem die Widerständigkeit wesenhaft begründet liegt. Am Festival haben wir diesmal z.B. die Punk-Band Autor dabei, was mich sehr freut, denn ich glaube, dass es dringend Ventile benötigt in unserer Gesellschaft.
Prinzipiell ist Musik etwas, das man teilt und das sich für normal in Gemeinschaft vollzieht – wenn ich jetzt mal von nicht-reproduzierter Musik ausgehe. Und die Gemeinschaft, die Community ist das, was ein politisches Moment triggert, weil die Gemeinschaft die Basis des Politischen per se bildet. Im Zusammenkommen lässt sich viel Energie freisetzen, Austausch wird ermöglicht. Das ist ganz klar politisch und nicht symbolisch. Natürlich wird keine Parteipolitik betrieben auf einem solchen Festival, aber wir begegnen unserer Wirklichkeit kritisch. Unsere Haltung ist eine politische und das überträgt sich aufs Programm. Am Ende ist das Feeling, gemeinsam durch ein mehrtägiges Festival gegangen zu sein, durch nichts zu ersetzen. Dieses Erleben in Gemeinschaft, ein geteiltes Erleben.
Unsafe+Sounds ist stark von Clubkultur beeinflusst, zugleich aber ein Diskurs- und Kunstfestival. Wie balancierst du Körperlichkeit, Tanzbarkeit und intellektuellen Anspruch?
Shilla Strelka: Ja, es ist mir wichtig, diese Sphären gemeinsam zu denken und zueinander in Beziehung zu setzen. Es muss auch kein Widerspruch sein, oder sich ausschließen, eher sehe ich ein Festival als Möglichkeit, Besucher:innen ganzheitlich zu stimulieren. Something for your mind, your body and your soul. Und auch Clubmusik kann intellektuell, bzw. analytisch rezipiert werden und ist teilweise von sich aus stark konzeptualisiert, wenn wir uns z.B. Artists ansehen, die Clubmusik-Tropen dekonstruieren oder auf welche Art sich das Bedürfnis nach Selbstermächtigung ästhetisch niederschlägt. Da sind oftmals starke Konzepte und Poetiken dahinter, die sich in Kontext zum aktuellen Kunstdiskurs setzen lassen. Es gibt auf der anderen Seite Rhythmen, die mich zerebral stimulieren, mehr noch als körperlich, die mein analytisches Hören aktivieren. Unsafe+Sounds möchte all das anbieten.
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Ania Gleich
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