„UND ES GAB DANN AUCH DIE IDEE, EIN REINES JUGO-PROJEKT DARAUS ZU MACHEN.“ – IMRE LICHTENBERGER BOZOKI, JELENA POPRZAN UND VLADIMIR KOSTADINOVIC IM MICA-INTERVIEW

Regisseur, Theatermusiker und Jazztrompeter IMRE LICHTENBERGER BOZOKI, die Bratschistin, Sängerin, Komponistin und Performerin JELENA POPRZAN sowie einer der gefragtesten Schlagzeuger der europäischen Jazzszene VLADIMIR KOSTADINOVIC treffen sich auf der Bühne, um live „Die Verschissene Zeit“ zu vertonen. Das Theaterstück mit ausschließlich migrantischem Cast basiert auf dem Roman „Die verschissene Zeit“ von Barbi Marković. Dieser Roman wiederum auf einem rund 70-seitigen Pen&Paper-Rollenspiel, denn, wie Barbi Marković darin beschreibt: „Sie dürfen nicht zurückkommen. Wir müssen immer aufpassen, dass die Neunzigerjahre nicht zurückkehren, dass wir die Neunzigerjahre nicht wieder in die Welt rufen. Dass wir die Neunziger in uns und in den anderen Leuten nicht wieder zum Leben erwecken. Dass die Zäsur sich nicht wieder in die Leben von Millionen Menschen einfrisst. Über die Köpfe der Menschen und Tiere brachen damals Armut, Kriege, Krisen, Euro-Dance-Derivate, Drogen und neue Technologien herein und es kam zu einem riesigen psychowirtschaftlichen Desaster.“
Zur Uraufführung gelangt das Stück am 11. Dezember 2025 im Kosmos Theater in einer Koproduktion mit Splitscreen Entertainment, einige Folgeaufführungen stehen bis 10. Jänner 2026 auf dem Programm. Michael Franz Woels hat die drei Live-Musiker:innen im Proberaum im Bears in the Park in Simmering besucht, um den Begriff der Allneunziger zu hinterfragen, der gewaltvollen Poesie des Fluchens nachzuspüren und die Stellung von Musiker:innen im Theaterbetrieb zu thematisieren. 

Wie hat jede:r von euch die Allneunziger in Ex-Jugoslawien erlebt?

Imre Lichtenberger Bozoki: Jedes Jahr hat  in unserem Leben politisch riesige Veränderungen gebracht. 1991 hat der Krieg in Jugoslawien begonnen, 1992 und 1993 gab es eine Hyperinflation im Land.

Vladimir Kostadinović: Dann gab es 1994 die Fußballweltmeisterschaft in Italien …

Imre Lichtenberger Bozoki: 1996 erzielt Oliver Bierhoff das goldene Tor … nein, aber jetzt wieder im Ernst: Dann kam das Ende des Krieges, danach wieder das NATO-Bombardement. Es gab ständig politisch irgendwelche „Watschen“, von links und von rechts …

Jelena Popržan: … und dann unsere Migration als Folge dessen.

Imre Lichtenberger Bozoki: Für mich persönlich war die Kindheit ab zehn Jahren vom Trompetenspiel geprägt, bis 16 Jahre durch die klassische Ausbildung, dann kam auch das Interesse am Jazz, 1999 wurde ich in Graz an der Jazzakademie aufgenommen. Das war für mich der Schlusspunkt der 1990er Jahre. Schon davor war für mich als Teil der Ungarischen Minderheit in Serbien der Serbische Nationalismus, auch mir gegenüber, und allen anderen Minderheiten im Land, sehr unangenehm. Aber anderseits waren die 1990er Jahre mit MTV eine tolle Zeit, dann kam das „Ende der Geschichte“ mit dem Fall der Berliner Mauer. Man dachte, überall auf der Welt ist es gerade super, nur in Serbien gibt es gerade eine Shit-Show …

Jelena Popržan: Die Allneunziger finde ich als Begriff interessant, und im Buch hören sie nie auf. Weil sie uns eben so geprägt haben, haben sie sich auch im wirklichen Leben in uns versteckt oder wir haben sie verdrängt. Da wir in dieser Zeit aufgewachsen sind, hat sie uns natürlich sehr stark geprägt. In dieser Krise, wie dem Krieg in Jugoslawien, den ich persönlich nicht erlebt habe, hat es ein Fehlen-an-Allem gegeben, ein Leben an der Hungersgrenze. Wir haben gelernt zu Improvisieren und ohne Strom auszukommen. Ich konnte mit Watte und Alkohol schnell einen Kaffee kochen. Oder aus Kürbis ein Ananaskompott, oder aus Mehl eine Nutella, aus Brennnesseln Spinat. Wenn man so eine Krise erlebt, bleibt sie irgendwie sehr lange an einem hängen, als ob ein Krieg, wenn er einmal ausgebrochen ist, eigentlich nie aufhören würde. Und ich habe auch das Gefühl, dass diese 1990er Jahre immer noch andauern und dass es vor zehn Jahren in Serbien noch ruhiger war. Jetzt kocht dieser Nationalismus erneut auf. Ich bin 1981 geboren und ich habe das Gefühl, dass 30 Jahre nach dem Jugoslawienkrieg die Zeitspanne nun groß genug ist, um aus meiner Perspektive die Erfahrungen und das Wissen aus dieser Zeit ein bisschen zu kapieren.

Vladimir Kostadinović: Es gab da so viele Faktoren … aber was waren die Gründe für den Krieg, wer hatte daran ein politisches Interesse? Viele Menschen reden nicht über den Hauptpunkt, und zwar dass es auch Faktoren und Interessen im Ausland gab, weil die Ex-Jugoslawischen Länder wie Kroatien, Bosnien, Mazedonien und Serbien ein Kreuzungspunkt zwischen Westen und Osten waren. Ich habe nicht sehr viel Konkretes über die Gründe des Krieges gelesen, es gab die Schuldzuweisungen von allen Seiten.

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Jelena Popržan: Es sind einfach sehr viele Faktoren, die in einem einzigen Moment die Möglichkeit haben, sich zu verwirklichen.

Vladimir Kostadinović: Aus meiner Sicht waren wir naiv. Die Tschechoslowaken haben ihre Probleme innerhalb des Landes mit einem Handschlag beendet, jede:r geht auf die eigene Seite. Bei uns war es auch aufgrund der verschiedenen religiösen Glaubensgemeinschaften wie Orthodoxe, Katholiken und Muslime nicht einfach. Ich war damals zehn Jahre alt und habe viel Schlagzeug gespielt.

Jelena Popržan: Das ist auch das Schöne an dem Buch „Die verschissene Zeit“, denn es verdeutlicht, dass die Zeit zwar Scheiße war, das einen Jugendlichen in diesem Moment aber nicht interessiert, denn sie haben andere Interessen. Die Eltern haben die Überlebensprobleme, die Jugendlichen kennen nichts anderes und machen einfach mit. Die eigene Sozialisation ist wichtig und durch Musik, die gerade in den Charts läuft – Volksmusik, Pop oder Rockmusik, die uns der Markt anbietet –, suchen wir uns aus diesen Marktprodukten etwas aus, um uns zu distinguieren. Auch dieses Parallelgeschehen wird im Buch schön beschrieben.

„ICH BIN AUF JEDEN FALL IMMER NOCH FRUSTRIERT UND VERSUCHE MIT MEINER MUSIK, DIE KRIEGSZEIT UND ALLES, WAS DAMALS PASSIERT IST, SO GUT ES GEHT ZU VERGESSEN.“

Dieses Buch stellt für Barbi Marković auch eine Form der Erinnerungsarbeit dar. Sie versuchte sich dieser Zeit in Form eines Pen-and-Paper-Rollenspiels anzunähern und hat daraus dann einen Roman rund um drei Jugendliche entwickelt. Es fällt die gewaltvolle Poesie des Fluchens auf, die in einigen Dialogen ganze Absätze dominiert.

Jelena Popržan: Das Fluchen ist das gängigste Klischee, das Menschen mit dem Balkan verbinden – neben dem Schnaps und der Musik von Goran Bregović. Und es stimmt auch, es wird sehr viel geflucht. Aber in dem Buch wird es als stilistisches Mittel übertrieben dargestellt. Es könnte theoretisch schon sein, dass so fantasievoll geflucht wird, aber ich kenne das so in dieser Art nicht. Barbi Marković treibt dieses Fluchen in’s Absurde, führt es quasi ad absurdum um die Sichtweise darauf zu transformieren.

Jelena Popržan (c) Georg Cizek
Jelena Popržan (c) Georg Cizek

Imre Lichtenberger Bozoki: Dieses Fluchen ist vor allem bei einer Person präsent, die es als Romnija in diesen schon sehr schwierigen Zeiten mit noch mehr Diskriminierung als die anderen zu tun hat. Es ist ihre Art, um sich in gewissen Situationen zu wehren. Die anderen Charaktere fluchen nicht so oft.

Jelena Popržan: Dieses Fluchen stellt eine Form der Selbstermächtigung und des Machterwerbs dar.

Imre Lichtenberger Bozoki: Die wortwörtliche Übersetzung von Schimpfwörtern, die am Balkan verwendet werden, führt meiner Meinung nach im Deutschen nur zur Verwirrung, weil es meist nicht so gemeint ist. Beste, pure Freunde konnten über das Fluchen einfach „Hallo“ sagen. Es stellt in diesem Sinn keine gewaltvolle Kommunikation dar.

Jelena Popržan: Wobei diese Wörter und Redewendungen aus einer zutiefst patriarchalen Welt kommen. Diese häufige Verwendung des Wortes „Ficken“ weist erstens auf ein Problem mit der eigenen Sexualität hin, und versucht zweitens auch, einen anderen Menschen in diesem Erniedrigungsakt zu bezwingen. Und wenn wir bewusst darüber nachdenken, ist es schon krank, wie viel dieses Fluchen immer noch praktiziert wird. Auf der anderen Seite kann das Fluchen auch etwas Liebevolles bedeuten, oder einfach im Kontext einer Freundschaft: „Ich habe dich so lange nicht gesehen. Es freut mich, dich zu sehen“ zum Ausdruck bringen [lacht].

Vladimir Kostadinović: Das ist nicht so einfach zu verstehen [lacht]. Aber kurz zurück zu meiner Kindheit: Mein älterer Bruder hatte viele Schallplatten, ich habe mit meinen Freunden den ganzen Tag in der Garage Musik gemacht und in der eigenen Bubble gelebt. Ich bin auf jeden Fall immer noch frustriert und versuche mit meiner Musik, die Kriegszeit, alles, was damals passiert ist, so gut es geht zu vergessen. Ich versuche, im Moment zu leben. Das ist mein Ziel.

Vladimir Kostadinovic am Schlagzeug
Vladimir Kostadinovic © Jazz-Rhone-Alpes.com

„ICH KANN MIR DIESE PROFESSIONELLE MUSIK HANDWERKLICH ANSEHEN, ABER TROTZDEM KANN ICH DIESER MUSIK NICHT VERZEIHEN, WAS SIE IST UND WAR. DIE ÄSTHETIK DIESER MUSIK WURDE SEHR BEWUSST ZUR KRIEGSPROGAGANDA GENUTZT, UND ZWAR AUF ALLEN DREI SEITEN.“

Kommen wir nun zu einem jugoslawischen Musikphänomen, das als Turbofolk bezeichnet wird und vielleicht auch als ein in Liedform gepresster Turbokapitalismus bezeichnet werden könnte …

Jelena Popržan: Turbofolk ist eine Art Popmusik, die oft orientalisch eingefärbt ist. Als Musikform ist er weder besser oder schlechter als jede andere Form von Popmusik dieser Welt. Das Problematische an dieser Musik ist die Repräsentation der herrschenden, nationalistischen und kriegstreibenden Schicht. Dieser Popmusikmarkt hat sehr eng auch mit anderen „Geschäften“ in diesem Land zusammengearbeitet. Diese Milieus waren sehr eng verwoben. Eine andere Problematik ist die Modellwirkung der Sänger und Sängerinnen. Sie waren sehr einförmige, misogyne und patriarchale Rolemodels für die Jugendlichen. Und diese Musik war aggressiv präsent, man konnte ihr nicht ausweichen. Auch wenn man sie abgelehnt hat, hat man sie hören müssen und auch die Songs gelernt, auch weil sie ständig in den Medien präsent waren. Diese Musik war für uns als Jugendliche ein No-Go und wir haben damals Rockmusik gehört und gedacht, dass wir damit Widerstand leisten. Eine Art der kleinen Selbstermächtigung, und ich glaube, in ganz Ex-Jugoslawien hat man Rockmusik als Widerstand wahrgenommen. Es hat nur leider im Endeffekt nichts gebracht. Was ich extrem interessant finde, ist, dass Jugendliche, die nach mir geboren wurden – schon ab 1985 geborene, wie zum Beispiel unsere Dramaturgin Olga Dimitrijević – diese Musik anders sehen.

Vladimir Kostadinović: Mittlerweile ist sie Mainstream geworden. 

Jelena Popržan: Rein klangästhetisch ist diese Musik nicht schlechter als, sagen wir, die Musik von Rihanna; wenn man analysiert, wie die Musik arrangiert und produziert ist, dann ist sie so gesehen gut gemacht. Aber die politischen und gesellschaftlichen Konnotationen sind so stark, und deshalb kann ich diese Musik nicht akzeptieren. Mit einem Abstand von rund dreißig Jahren versuche ich, ob ich nun mit dieser Musik anders umgehen kann. Und es funktioniert einfach nicht. Ich kann mir diese professionelle Musik handwerklich ansehen, aber trotzdem kann ich dieser Musik nicht verzeihen, was sie ist oder war. Die Ästhetik dieser Musik wurde sehr bewusst zur Kriegspropaganda genutzt, und zwar auf allen drei Seiten. 

Vladimir Kostadinović: Und wir leben leider immer noch in dieser turbokapitalistischen Zeit. Der Begriff Turbofolk stammt von einem Künstler aus Montenegro, der jetzt in Belgrad lebt. Er heißt Rambo Amadeus und hat mit diesem Begriff Turbofolk nicht nur ein Genre oder einen Musikstil gemeint, sondern einen gesamten Lebensstil. Menschen sind in dieser Szene quasi über Nacht mit dieser Musik reich geworden.

Jelena Popržan: Er hat diesen Begriff erfunden und angewendet und in einem Lied hat er es, kurz gesagt, etwa so ausgedrückt: „Alles, was dem Volk hilft, schneller zu verbrennen, ist Turbofolk.“

Vladimir Kostadinović: Und es gibt diese Symptome auch anderswo, auch Lady Gaga und Andreas Gabalier sind für mich Turbofolk. Aber natürlich sind auch die Medien für diese sehr materialistischen Ausrichtungen der jungen Generation verantwortlich.

Imre Lichtenberger Bozoki
Imre Lichtenberger Bozoki © monteluce

Wie kam es zu der Entscheidung, als Live-Musiker:innen bei dieser Theateraufführung in Erscheinung zu treten?

Imre Lichtenberger Bozoki: Meine Gedanken über Theater beinhalten automatisch Live-Musik. Warum hat sich dieses Denken überhaupt durchgesetzt, das Theater ohne Live-Musik funktionieren soll? Es ist natürlich ökonomischer, mit Einspielungen zu arbeiten, aber ich empfinde das als eine Notlösung. Denn ich finde, Live-Musik gehört zum Theater wie Licht, Kostüm, Requisiten und Schauspiel. Diese Real-Time-Stimmung von Instrumentalist:innen auf der Bühne gehört, gleich wie das Sprechen und Singen der Schauspieler:innen, einfach dazu. Leider habe ich schon Gespräche von Intendant:innen mitbekommen, bei denen schon im dritten Satz etwas gesagt wurde, wie: „Aber bitte keine Live-Musik.“ Die Bühne darf ruhig etwas kosten, aber die Musik spielt ihr …

Vladimir Kostadinović: … vom CD-Player ab.

Imre Lichtenberger Bozoki: Hauptsache, sie kostet nichts.

Wir haben das schon zu Beginn angesprochen, und du Jelena, hast das in einer Stellungnahme zum Stück „Die verschissene Zeit“, so formuliert: „Die vielfältigen Traumata des Krieges sind noch nicht aufgearbeitet.“

Jelena Popržan: Wir haben in Serbien alle möglichen Schwierigkeiten, Unsicherheiten, Ängste miterlebt. Es ist sehr tragisch und es schmerzt, dass der Nationalismus, vor allem in Kroatien, wieder so stark aufflammt. Die Spannungen zwischen dem Kosovo und Serbien werden sofort eingesetzt, sobald es eine interne Krise im Land gibt. Die Krise zwischen den Ländern wird aufgeflammt, um die eigentliche Krise zu vertuschen. Immerhin ist es schön, auch den Widerstand der Student:innen in Serbien, der jetzt schon ein Jahr lang andauert, zu sehen. Dieser Widerstand wird nicht kleiner, und das ist herzerwärmend. Obwohl man darüber natürlich auch sehr viel diskutieren könnte. Aber es gibt irgendwie eine kleine Hoffnung.

Imre Lichtenberger Bozoki: Es gibt ja so gut wie kein Land auf der Welt, in dem es keine Kriegstraumata zu bearbeiten gibt. Der Balkan ist da nicht anders als viele andere Länder, vielleicht mit der Ausnahme von Schweden … 

Vladimir Kostadinović: … und der Schweiz.

Jelena Popržan: Wir fühlen uns ein bisschen stigmatisiert, weil wir ständig darauf angesprochen werden.

Imre Lichtenberger Bozoki: Gerade die Österreicher:innen sollten aufpassen, wenn sie immer auf andere verweisen, und sich ihrer eigenen Geschichte bewusst werden, bevor sie Steine im Glashaus werfen.

Kommen wir zur Umsetzung des Stückes bzw. wie es zur Idee kam, den Roman „Die verschissene Zeit“ von Barbi Marković – den sie in einem Gespräch als einen der wichtigsten für sie bezeichnet hat – als Bühnenstück zu entwerfen … 

Imre Lichtenberger Bozoki: Ich habe den Roman gelesen, der auf einem Rollenspiel basiert. Sie hat diese ausführlichen Erklärungen für das Rollenspiel gebraucht, weil es sehr schwer war, den Leuten zu erklären, wie diese Charaktere, die in einem Serbien der 1990er Jahre spielen, funktionieren sollen. Ich kenne Barbi Marković schon sehr lange, wir haben schon öfter in verschiedenen Formen zusammengearbeitet. Sie hat Songtexte für Vorstellungen von mir gemacht, in denen ich die Musik komponiert habe. Sie hat Texte für Vorstellungen geschrieben, in denen ich als Musiker dabei war. Und wir sind immer in Kontakt geblieben. Als ich diesen Roman gelesen habe, habe ich mir gedacht, dass man daraus unbedingt ein Theaterstück machen muss. Ich habe mich lange Zeit nicht getraut, sie zu fragen und musste zuerst auch recherchieren, um zu sehen, ob das noch niemand davor gemacht hat. 

Barbi Markovic: Die verschissene Zeit
Barbi Markovic: Die verschissene Zeit © Imre Lichtenberger Bozoki

Ich glaube, dass der Stoff für nichtjugoslawische Regisseur:innen ein bisschen abschreckend sein kann, weil er sehr speziell und offensiv eine gewisse Zeit abbildet. Als ich dann meinen Mut zusammengenommen habe und ihr eine sehr vorsichtige SMS geschrieben habe, mit einem ungefähren Wortlaut wie: „Könntest du dir eventuell vorstellen, du musst gar nicht antworten, vergiss es, wenn es für dich nicht passt, aber lass uns bitte Freunde bleiben …“ Aber Barbi, so wie sie nun einmal ist, hat zurückgeschrieben: „Passt, kannst du machen.“

Barbi hat nun gemeinsam mit Anna Lanner und Olja Alvir den Roman für die Bühne dramatisiert. Und es gab dann auch die Idee, ein reines Jugo-Projekt daraus zu machen. Nicht dieses klassische Ding, im Sinne von: Alle können alles spielen. Sondern lass uns eine Crew aus Leuten suchen, denen dieses Thema nahe steht und die diese Zeit auch dort erlebt haben. Deshalb war es auch sehr wichtig, dass Jelena zugesagt hat – und es war auch schwer, sie zu diesem Projekt zu überreden, weil sie sehr skeptisch war, ob sie sich auf diese Reise begeben möchte. 

Jelena Popržan: Bis jetzt macht es eigentlich Spass, es ist nicht retraumatisierend.

Imre Lichtenberger Bozoki: Es ist emotional ein sehr interessanter Prozess. Es spielen Menschen in ihren Vierzigern – da sie die Zeit der 1990er Jahre dort erlebt haben – auf der Bühne nun Teenager.

Und heute ist die erste Probe mit dir, Vladimir. Wie geht es dir mit dem Stück?

Vladimir Kostadinović: Ich freue mich sehr über dieses Projekt. Ich kenne Imre schon mehr als 25 Jahre, wir haben 2000 in Graz gemeinsam studiert und nach ein paar Monaten, als wir uns kannten, hat er mich schon angerufen und mich gefragt, ob ich Zeit und Lust hätte, im Schauspielhaus Graz mit Sandy Lopicic eine Vorstellung namens „Lulu“ gemeinsam zu machen. Seit dieser Zeit haben wir nun schon so viel gemeinsam Musik gemacht, auch im Volkstheater bestimmt über zehn Stücke. Ich fühle mich privilegiert und es ist herrlich, nun mit Jelena zu musizieren und experimentieren.

„ES GEHT IM PRINZIP DARUM, DASS THEATERMUSIKER:INNEN ANGEMESSEN FÜR DIE ARBEIT, DIE SIE LEISTEN, BEZAHLT WERDEN WOLLEN UND SIE DIE NÖTIGE ANERKENNUNG ERHALTEN.“

Es gibt noch ein theaterproduktionskritisches Thema, das wir ansprechen sollten … 

Jelena Popržan: Es geht um die Stellung der Musiker:innen im Theater – um die Rolle der Musik im Theater. Diese ist in den letzten zehn Jahren stärker geworden, sie hat sich der Bedeutung von Regiearbeit oder der Bühnenbildung angenähert. Sie wird aber, vor allem finanziell, immer als letztes behandelt und als letztes bezahlt. Nun gibt es einen Rundbrief an alle Theatermacher:innen, in dem appelliert wird, sich das neu zu überlegen … 

Imre Lichtenberger Bozoki: Es geht im Prinzip darum, dass Theatermusiker:innen angemessen für die Arbeit, die sie leisten, bezahlt werden wollen und die nötige Anerkennung erhalten – denn im Endprodukt einer Theaterproduktion ist die Rolle der Musik sehr groß, aber in der Budgetierung kommen wir ganz oft als letzter Posten vor. Auch in den Kritiken werden wir oft nicht erwähnt, und auch bei den Theaterpreisen gibt es keine Kategorie für Musik, zum Beispiel beim Nestroy-Preis. Diese Symptome haben dazu geführt, dass wir das Gefühl hatten, dass wir da justieren müssen und das neu denken müssen. Wir müssen darüber in Kommunikation mit den Theaterhäusern kommen.

Jelena Popržan: Wird da auch an die Verwertungsgesellschaften bezüglich Musikeinlagen appelliert? Ich habe bis jetzt nur ein bisschen etwas an Tantiemen für meine Musik im Theater bekommen. Ich weiß auch gar nicht genau, wie ich das anmelden muss.

Imre Lichtenberger Bozoki: Das Problem mit Theatertantiemen ist, dass es erst interessant wird, wenn die Tickets sehr teuer sind und sehr viele Besucher:innen kommen; und wenn das Musikstück sehr lange ist. Sonst bekommst du nur „Peanuts“.

Vladimir Kostadinović: Meine Erfahrungen in diesem Bereich: Imre und ich haben zehn Jahre lang im Volkstheater gespielt, das war ein Honorarjob, wir waren also nicht angestellt. Businesswise und wie die Finanzierungen hinter der Bühne funktionieren, habe ich keine Ahnung, wie das so funktioniert. Es geht mir vor allem um den Spaß und die Freundschaft mit Imre. Wenn es ein interessantes Stück gibt, dann mache ich das gerne. Aber nicht mehr so oft wie früher. Meine Frau sagte früher immer, wenn ich ein Stück gelernt habe: „Kannst du auch den Text, kannst du das Stück auch singen?“ Und ich darauf: „Nein, leider kenne ich nur die Melodie.“ Aber das ist ein Handicap, weil man auch etwas über die Geschichte wissen sollte. Ich glaube, es wäre auch gut, mehr über die Geschichten zu wissen, dann würde ich vom Stück noch ein besser Bild im Kopf bekommen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Franz Woels

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Termine:

DIE VERSCHISSENE ZEIT
von Barbi Marković | bearbeitet für die Bühne von Barbi Marković und Anna Laner
Uraufführung | Koproduktion Kosmos Theater mit Splitscreen Entertainment

Konzept & Regie: Imre Lichtenberger Bozoki
Komposition & Musikalische Leitung: Jelena Popržan
Live-Musik:Vladimir Kostadinovic, Imre Lichtenberger Bozoki, Jelena Popržan

Kosmos Theater
Siebensterngasse 42
1070 Wien/Vienna

Premiere: Do., 11. Dez. 2025 | 20:00

Weitere Termine: 13./16./17.*/18.**/19./20. Dez. & 8./9./10. Jän | 20:00
* Einführungsgespräch um 19:00 | ** Publikumsgespräch im Anschluss

Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung
Do, 18. Dez. |  
Mit Autorin Barbi Marković und dem Team der Produktion

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Links:
Jelena Popržan
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Imre Lichtenberger Bozoki