Stromaufwärts zu den Klangquellen

Die Schallwende Feldkirch präsentiert von 18. bis 20. September 2026 ein dreiteiliges Festivalprogramm.

Jedes Jahr erfindet sich das Schallwende Festival in Feldkirch aufs Neue. Das Team rund um die Initiatoren Dietmar Kirchner und Wolfgang Lindner verstärkt seit 2025 die aus Vorarlberg stammende Komponistin Anna Maly. Im Zentrum ihres Interesses steht die Mehrdeutigkeit, die die Schnittstellen zwischen Elektronik und akustischen Instrumenten bieten. Damit erweitert sie den künstlerischen Ausdrucksrahmen des Festivals maßgeblich.

Für die achte Saison wurde der Wiener Concert-Verein zur Zusammenarbeit eingeladen. Mira Weihs, die Intendantin und Vorständin des Orchesters, konzipierte eigens für Feldkirch ein dreiteiliges Programm, das unterschiedliche musikalische Genres miteinander verbindet. Den Auftakt bildet eine „klassisch-zeitgenössische“ Werkauswahl, der zweite Abend widmet sich elektroakustisch-elektronischen Kompositionen und zum Abschluss werden am Sonntagvormittag Lyrik, Musik und Film zueinander in Beziehung gesetzt.

frutz ≈ Ill ≈ frödisch

Der Wiener Concert-Verein, der alljährlich im Sommer auch das vorarlberg museum mit zwei „Zeitklang im Museum“-Konzerten bespielt, legt Augenmerk auf die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponierenden. „Wir möchten uns an die Menschen, die hier zu Hause sind, musikalisch annähern. Wir möchten lernen, begreifen und in den Austausch gehen“, betont Mira Weihs und kreierte das originelle Festivalmotto „stromaufwärts ≈ frutz ≈ Ill ≈ frödisch“.

Stromaufwärts wollen sich die Künstler:innen bewegen, und in Gegenrichtung zum Gewohnten bewegen. Zugleich verweise „stromaufwärts“ auch auf „die Quelle: auf das Wesentliche, das Reduzierte, das noch nicht Verfestigte“, erklärt Mira Weihs.

Turbulenz und Flusslandschaft mit Inseln

Im Auftrag der Schallwende haben mehrere Komponist:innen des Landes neue Werke komponiert. Eröffnet wird das Festival unter anderem mit dem neuesten Werk „Turbulenz“ von der in Bregenz wohnhaften Komponistin Juta Pranulytė. Im Zuge der Ideenfindung für das neue Werk fiel ihr die besondere vokale Qualität des Horns in den tiefen und mittleren Registern auf. So entschied sie sich, „eine Parallele zur männlichen Stimme, insbesondere zum Bass-Bariton, einzuführen, da die spektralen Qualitäten sehr ähnlich sind. Das Werk ist in sieben Szenen gegliedert. „Ausschnitte aus Gedichten von Baudelaire, Rilke und Eichendorff zeichnen Bilder von Natur und Nacht, von Zuständen des Aufsteigens, Fließens oder Verschwindens“, gibt die Komponistin einen Einblick.

„Flusslandschaft mit Inseln“ nennt Michael Amann sein neuestes Werk für zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass. Das zugrundeliegende Festivalthema habe Erinnerungen an seine Jugend wachgerufen, „als ich mich manchmal alleine oder mit Freunden an der Frutz aufgehalten habe, erinnert sich der Komponist, der seinen Lebensmittelpunkt in Wien hat. „Bei normalem Wasserstand entstanden unterhalb der Wasserfälle kleine Tümpel, die zum Baden einluden. Besonders bei Niedrigwasser wurden in der Mitte des Flusses immer wieder kleine Schotterinseln sichtbar. Diese Bilder habe ich in Musik umzusetzen versucht.“

In die Klänge hineinblicken

Der zweite Abend ist der Elektronik in der Musik gewidmet und zeigt, wie elektronische Musik und die Zusammenführung mit traditionellem Instrumentarium den künstlerischen Aktionsradius erweitern.
Anna Maly verfasste das Stück „Atmend – …in den Klang hineinkriechen“. Sie wolle eine Musik schreiben, „bei der die Instrumente und Elektronik ineinandergreifen und als Eins wahrgenommen werden. Ich habe mich gefragt: Was kann das Klavier, was die Violine nicht kann, und was kann die Violine, was das Klavier nicht kann? Und wie kann die Elektronik zwischen diesen Unterschieden verbinden?“, gibt die Komponistin einen Einblick.

„e luz e paz e graça“ (und Licht und Friede und Huld) nennt Martin Gut sein neuestes Werk für Violine, Klavier und Elektronik. Der Titel sei mehr als ein „Maskottchen, aber weniger als ein konkretes Programm“, beschreibt er seine kontemplative Betrachtung musikalischer Motive, deren Instrumentalklänge mit der Elektronik verschmelzen.

Alisa Kobzar beschäftigte sich in ihrer 2026 abgeschlossenen Masterarbeit, mit der Frage, inwiefern Computermusik-Tools ihre Kompositionen beeinflussen, und kommt zum Schluss: „Insgesamt zeigt die Arbeit, dass Software die Komposition nicht nur erleichtert, sondern aktiv mitgestaltet, ästhetische Ergebnisse beeinflusst und zur Bildung einer kompositorischen Identität beiträgt.“ Im Gespräch mit Mira Weihs erörtert Alisa Kobzar den Einfluss von Computermusik-Tools auf das kompositorische Denken.

Musik und Lyrik im Film

Zum Abschluss richtet die Schallwende im Rahmen einer Matinee den Blick auf das Zusammenspiel von Film, Musik und Lyrik. Neben Filmen und Musik von Ilia Osikin und Florian Hecher sowie Werken von Shiqi Geng und Johannes Berauer steht die in Wien lebende slowenische Autorin und Bratschistin Tamara Štajner im Mittelpunkt. Im August schaffte es ihr neuestes, bei Zsolnay erschienenes Buch „Luft nach unten“, auf die ORF-Bestenliste. Viel beachtet wird zudem die Lyrik der Autorin und Bratschistin, die überdies in den Bereichen Performance, Video und Film arbeitet. So instrumentierte und visualisierte sie drei Gedichte aus ihrem Lyrikband „Schlupflöcher“. Die Inhalte kreisen um die slowenische Herkunft von Tamara Štajner. „Krško“, zum Beispiel, ist ihr in Südostslowenien befindlicher Heimatort. Und „Küstenkind“ leuchtet Augenblicke aus dem Leben ihres Großvaters aus, der auf der Insel Lošinj eine Ferienanlage gegründet hatte, nachdem er sieben Jahre lang auf der nahegelegenen Insel Goli Otok als politischer Gefangener festgehalten wurde.

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im September 2026 erschienen.

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Termine

Freitag, 18. September 2026, 19:30 Uhr
Theater am Saumarkt
Werke von Juta Pranulytė, Christian Ofenbauer; Alexander Wagendristel; Michael Amann; M. Petrik und J. Beranek;
Harald H. Hein (Gesang), Johannes Beranek (Horn), Hyewon Lim und Franz Michael Fischer (Violine), Katharina Plankensteiner (Viola), Ilia Osokin (Violoncello), Carmen Rodriquez (Kontrabass).

Samstag, 19. September 2026, 19:30 Uhr
Theater am Saumarkt
Werke von Anna Maly; Alisa Kobzar; Martin Gut; Benedikt Alphart; G. Erruz und L. Tuchel
Alisa Kobzar (Klavier und Electronics), Hyewon Lim und Franz Michael Fischer (Violine), Anna Maly (Electronics), Mira Weihs und Alisa Kobzar im Gespräch.

Sonntag, 20. September 2026, 10:30 Uhr
Theater am Saumarkt
Filme von Ilia Osokin, Tamara Štajner, Susanne Schönthaler und Florian Hecher;
Ilia Osokin (Violoncello), Florian Hecher (Klavier), Katharina Plankensteiner (Viola)

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Link:
Schallwende