Manche Gefühle verschwinden nicht einfach, sie verändern nur ihre Form. Sie tauchen wieder auf, leise und unerwartet, in Erinnerungen, in Begegnungen und in den kleinen Abschieden des Alltags. Genau in diesen Zwischenräumen bewegt sich die Musik von ANJA OM. Gemeinsam mit ihrer Band veröffentlicht ANJA OM, aka ANJA OBERMAYER, ihr neues Album „Tiny Little Boat“ (VÖ: 26.03.26), eine vielstimmige Auseinandersetzung mit Nähe, Verlust und den ambivalenten Emotionen, die dazwischen liegen. Gefeiert wird die Veröffentlichung mit einem Release-Konzert am 15.03. im Wiener Konzerthaus. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählt die Künstlerin, wie aus persönlichen Erfahrungen ein kollektives Album wurde und warum Loslassen manchmal der ehrlichste Anfang ist.
Als ich dein Album heute beim Spazierengehen gehört habe, hatte ich den Gedanken, dass die Mehrstimmigkeit in deiner Musik auch verschiedene Stimmen oder Gefühle innerhalb einer Person widerspiegelt. Kannst du mit diesem Gedanken etwas anfangen?
Anja Om: Definitiv. Ich bin total davon überzeugt, dass man in gewissen Situationen – vor allem emotional – mehrere Dinge gleichzeitig empfinden kann. Mit Stimmen lässt sich das sehr gut herausarbeiten. Es ist ja selten so, dass man zu einer Person nur positive oder nur negative Gefühle hat. Oft existieren diese Dinge nebeneinander. Gefühle können koexistieren, auch wenn man sich das manchmal nicht eingestehen möchte. Mit den mehreren Sängerinnen in meiner Band ist das natürlich auch besonders spannend, weil sie live ihre eigenen Geschichten und Emotionen mitbringen. Dadurch wird das Ganze noch einmal intensiver und bekommt mehrere Ebenen.

Mir ist beim zweiten Hören aufgefallen, dass die Musik eine ganz andere Wirkung entfaltet, wenn man wirklich eintaucht. Man hört die unterschiedlichen Perspektiven heraus. Planst du das bewusst beim Schreiben?
Anja Om: Beim zweiten Album auf jeden Fall. Das war das erste Album, das ich direkt für meine Band geschrieben habe. Beim ersten Album habe ich alle Stimmen selbst eingesungen. Beim jetzigen war von Anfang an klar: Ich gehe mit meiner Band ins Studio. Dadurch habe ich auch anders arrangiert und geschrieben – mit dem Wissen, welche Stimme zu welcher Sängerin passt. Dabei spielt auch die emotionale Komponente eine Rolle: Wer bringt welche Stimmung oder welche Stimmfarbe mit, und was passt am besten zu einem Song? Eine Sängerin wird etwas immer anders interpretieren als die andere, und genau diese Unterschiede verleihen der Musik mehr Ausdruck.
Den roten Faden der Texte behältst aber du in der Hand?
Anja Om: Ja. Die ganze Musik und alle Arrangements schreibe ich, und auch die Texte sind von mir. Wir haben im Studio zwar vieles ausprobiert und auch improvisiert, aber die Gerüste der Songs – ich würde sagen etwa 80 bis 90 Prozent – entstehen schon vorher, bevor wir ins Studio gehen.
Ein schöner Aspekt an Musik ist ja, dass andere Menschen ihre eigene Geschichte hineinlegen können. Dass ein Song am Ende nicht mehr nur deine Geschichte ist, sondern viele verschiedene.
Anja Om: Genau das ist für mich das Tolle! Sobald ein Album fertig ist, gehört es nicht mehr nur mir. Ich kann sowieso nicht beeinflussen, was andere Menschen darin hören oder wie sie es interpretieren. Das Spannende ist, dass ich den Menschen ermögliche, sich eigene Gedanken zu machen über ein Thema, das mich beschäftigt – ohne dass ich ganz genau preisgebe, worum es eigentlich geht. Ich versuche, meine Gedanken ehrlich auszudrücken, sodass man etwas spürt und vielleicht selbst darüber nachdenkt. Ich gebe meine Gedanken relativ freizügig preis, mit dem Wissen, dass jede Person damit machen kann, was sie möchte. Das gibt mir als Künstlerin viel Freiheit. Gleichzeitig ist es manchmal auch einschüchternd, weil man weiß: Man gibt etwas von sich preis, und die Menschen können darüber denken, was sie wollen. Aber genau darin liegt auch etwas Befreiendes.
Fällt es dir leicht, das dann loszulassen? Oder bleibt eine gewisse Unsicherheit?
Anja Om: Wenn ich hinter dem stehen kann, was ich gemacht habe, fällt es mir eigentlich leicht. Sobald ich selbst überzeugt bin von dem, was ich mache, kann ich es auch gut freigeben. Natürlich weiß ich, dass es Menschen gefallen kann oder auch nicht. Manche finden es vielleicht zu seicht, andere zu emotional. Das weiß man nie. Diese Gedanken kann man sich im Vorfeld schon machen, aber letztlich hat man es ohnehin nicht unter Kontrolle, was andere darüber denken. Und genau das ist gleichzeitig auch das Schöne daran.
„MIT JEDEM MAL SINGEN WERDEN DIE THEMEN EIN BISSCHEN LEICHTER”
War für dich von Anfang an klar, dass dieses Album ein zusammenhängendes Thema haben würde? Oder haben sich einzelne Songs erst später zu einem Ganzen gefügt?
Anja Om: Nach dem ersten Album war mir klar, dass es noch ein Thema gibt, das ich nicht bearbeitet hatte. Ich glaube, ich bin in einer Therapiesession darauf gekommen. Danach dachte ich: Verdammt, da muss ich hinschauen. Sehr schnell habe ich gemerkt, dass ich genug Material für ein ganzes Album habe. Einerseits dachte ich: Das ist irgendwie cool. Andererseits auch: Mist, ich muss mich jetzt wirklich damit beschäftigen. Aber ich habe beim ersten Album schon gemerkt, wie therapeutisch Musik sein kann. Mit jedem Mal Singen werden die Themen ein bisschen leichter. Deshalb wusste ich: Ich gehe dieses Thema jetzt auch so an.
Worum geht es dabei für dich?
Anja Om: Man kann das Album natürlich als eine Art Heartbreak-Album lesen, vielleicht auch im Kontext einer Beziehung. Aber für mich muss es nicht unbedingt nur darum gehen. Im Leben erlebt man viele Trennungen – nicht nur romantische. Auch Freundschaften verändern sich, familiäre Beziehungen können sich verschieben. Manchmal merkt man, dass man im Leben einer Person nicht mehr so viel Platz hat, wie man es gerne hätte. Das kann genauso schmerzhaft sein, aber darüber spricht man oft viel weniger. Wenn eine Liebesbeziehung endet, ruft man wahrscheinlich seine beste Freundin an und redet darüber. Dafür gibt es gesellschaftlich einen Raum. Aber für andere Arten von Verlust oder Trennung gibt es oft weniger Worte. Und dann habe ich während dem Albumprozess ja auch ein Kind bekommen!
Hat das den Blick auf diese Themen verändert?
Anja Om: Ja, auf jeden Fall. Ich bin seit sehr langer Zeit in einer Beziehung und habe im letzten Jahr ein Baby bekommen – während ich an dem Album gearbeitet habe und schwanger war. Das hat dem Prozess sehr gutgetan. Es hat dem Thema auch eine gewisse Leichtigkeit gegeben. Dadurch ist die Musik teilweise gar nicht so schwer geworden, wie man es vielleicht erwarten würde, wenn man über solche Themen spricht.
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Bei „Tiny Little Boat“ klingt es so, als ob die Songs bewusst in einem Zusammenhang stehen. War das von Anfang an als Konzeptalbum gedacht?
Anja Om: Ja, es war schon eine Konzeptidee. Ich habe versucht, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Songs zu adressieren. Zur Zukunft bin ich allerdings noch gar nicht so richtig gekommen. Da hätte ich wahrscheinlich noch zwei oder drei Songs mehr schreiben können. Vielleicht passiert das irgendwann noch – vielleicht als eine kleine EP. Ich finde das Thema jedenfalls weiterhin spannend, weil man unglaublich viel darüber schreiben kann. Dieses Gefühl hat eine starke Präsenz. Selbst wenn man glaubt, mit einer Person oder einem Thema abgeschlossen zu haben, gibt es immer wieder Momente, in denen man plötzlich wieder komplett hineingezogen wird. Dann denkt man wieder darüber nach, ob man noch etwas tun könnte, ob man etwas falsch gemacht hat oder ob man den Kontakt wieder aufnehmen sollte. Ironischerweise hört das meistens genau dann auf, wenn man wirklich loslässt. Wenn man akzeptiert, dass es so ist. Oft sind es nämlich die eigenen Unsicherheiten, Sehnsüchte oder Hoffnungen, die einen nicht loslassen haben lassen.
Hattest du beim Album auch Songs, die am Ende doch nicht darauf gelandet sind?
Anja Om: Ja, tatsächlich. Ich hatte ursprünglich die Idee, einen älteren Song von mir noch auf das Album zu nehmen. Wir haben ihn sogar im Studio fertig aufgenommen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass er emotional einfach nicht mehr zu diesem Album passt. Er hätte vielleicht eher eine Zukunftsperspektive des Themas darstellen können, aber am Ende habe ich entschieden, dass er nicht dazugehört. Der Song ist aber fertig – vielleicht veröffentlichen wir ihn ja irgendwann noch.
Wie entscheidest du so etwas? Hörst du dabei eher auf ein Gefühl oder gehst du strategisch vor?
Anja Om: Meistens schreibe ich zuerst den Text und dann die Musik – in etwa 85 Prozent der Fälle. Danach überlege ich eher, wie ich den Text musikalisch unterstützen kann. In welchem musikalischen Gewand der Song am besten funktioniert. Deshalb geht es später meistens eher um Arrangementfragen, während der Kern dessen, was ich sagen möchte, bestehen bleibt. Es gab im Studio zum Beispiel keinen Moment, in dem ich gesagt hätte, dass ein ganzer Part weg muss.
Und wenn doch eine Entscheidung ansteht?
Anja Om: Ehrlich gesagt: Ich bin extrem schlecht darin, Entscheidungen zu treffen. Dafür bin ich meiner Band und meinem Produzenten David Furrer sehr dankbar. Sie haben mir oft entweder die Zeit gegeben zu sagen: „Okay, ich entscheide mich morgen.“ Oder sie haben mir eine klare Empfehlung gegeben, zum Beispiel: „Wenn wir es so machen, funktioniert es besser.“Dann habe ich häufig gesagt: „Wenn du das so siehst, vertraue ich dir, dann machen wir das so.“ Manchmal sind es auf einem Album auch Kleinigkeiten, die sich in dem Moment unglaublich wichtig anfühlen, obwohl sie im Nachhinein vielleicht gar nicht so entscheidend sind. Gerade deshalb fällt es mir manchmal schwer, sofort eine Entscheidung zu treffen – aus Angst, dass es die falsche sein könnte.
„ICH FINDE ES EIGENTLICH ZIEMLICH COOL, DASS WIR ÄLTER WERDEN”
Beim Thema Abschied denke ich oft auch an etwas anderes: an die Trauer über frühere Versionen von uns selbst. Darüber wird kaum gesprochen.
Anja Om: Das stimmt total. Man spricht selten darüber, dass man auch um frühere Versionen von sich selbst trauern kann. Vielleicht schämt man sich manchmal auch dafür, wie man früher war. Dabei ist das ein sehr ambivalentes Gefühl. Man blickt zurück und denkt zum Beispiel an eine gewisse Leichtigkeit oder Angstlosigkeit, die man einmal hatte. Das kenne ich auch sehr gut. Vor allem jetzt, wo ich Mutter bin und gleichzeitig Musikerin, merke ich das besonders. Wenn ich zurückblicke, erscheinen manche Dinge, die mich früher sehr beschäftigt haben, plötzlich ganz leicht. Heute fühlen sich manche Entscheidungen viel schwerer an. Gleichzeitig vermisse ich manchmal diese frühere Leichtigkeit – dieses Gefühl, einfach in den Tag hineinzuleben. Aber insgesamt muss ich sagen: Seit ich 30 bin, geht es mit mir selbst eigentlich nur bergauf.
Ich werde bald 30. Alle sagen immer, dass es ab da besser wird.
Anja Om: Freu dich darauf. Ich habe wirklich das Gefühl, dass jedes Jahr besser wird. Gerade auch im Zusammenhang mit dem Thema des Albums merke ich, dass ich früher oft versucht habe, in Beziehungen zu gefallen. Ich habe mich dabei teilweise verstellt. Wahrscheinlich war das sogar ein Grund dafür, dass manche Beziehungen irgendwann zerbrochen sind, weil ich gar nicht wirklich ich selbst sein konnte. Man erfindet dann vielleicht Dinge über sich oder verhält sich so, wie man glaubt, dass es besser ankommt – auch wenn das eigentlich gar nicht der Wahrheit entspricht. Heute denke ich manchmal: Wenn ich mit diesen Menschen jetzt wieder zu tun hätte, wäre es vielleicht ganz anders. Aber grundsätzlich finde ich: Mitte dreißig zu sein ist großartig. Ich habe das Gefühl, jedes Jahr auf dieser Welt ist ein gutes Jahr. Ich finde es eigentlich ziemlich cool, dass wir älter werden. Ich habe mittlerweile auch öfter Momente, in denen ich auf früher zurückblicke und mir denke: Was habe ich damals eigentlich gemacht oder gesagt? Aber ich bereue eigentlich nichts davon. Es gehört einfach dazu. Das Leben entwickelt sich weiter, und das ist auch gut so.
Ich habe bei vielen Menschen in meinem Umfeld beobachtet, dass sie rund um die Dreißig richtig aufblühen. Man sagt ja auch oft, dass die Persönlichkeitsentwicklung erst in den späten Zwanzigern so richtig abgeschlossen ist.

Anja Om: Da ist schon etwas dran. Mein erstes Album ist auch erst erschienen, als ich schon über dreißig war. Ich glaube, das hat eine große Rolle gespielt. Ein paar Jahre früher wäre ich wahrscheinlich noch gar nicht bereit gewesen, diesen Teil von mir so nach außen zu zeigen. Jetzt ist es eher so: Ich mache einfach das, worauf ich Lust habe. Ich schreibe Musik zuerst für mich selbst und gebe sie dann nach außen.
Fühlt sich ein Album für dich dann auch ein bisschen wie eine Zeitkapsel an?
Anja Om: Ja, total. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, merke ich, dass vieles von dem, was mich musikalisch begleitet hat, in dieses Album eingeflossen ist. Ein Album ist eigentlich wie ein kleines Tagebuch dieser Zeit.
Wenn du heute auf dein erstes Album zurückblickst – was fällt dir am meisten auf?
Anja Om: Das ist eine gute Frage. Was ich sehr schön finde, ist, dass ich mir das Album heute anhören kann und immer noch denke: Ja, ich finde es gut.Es gab sicher eine Phase, in der ich dachte: Oh Gott, das hätte ich vielleicht anders machen sollen. Aber inzwischen schaue ich darauf und denke mir: Ich bin dankbar, dass ich diesen Weg gegangen bin und dass ich mit diesem Album Themen bearbeiten konnte, die heute gar keine Themen mehr für mich sind. Manchmal kommt es mir fast so vor, als würde ich Musik in erster Linie für mich selbst machen. Aber genau das ist wahrscheinlich der Ausgangspunkt. Und umso schöner ist es dann, wenn die Musik auch andere Menschen berührt.
Ich habe oft das Gefühl, dass sehr junge Musikerinnen und Musiker schnell verheizt und ihre Gefühlte kommodizifiert werden.
Anja Om: Da bin ich sehr froh, dass ich nie bei einem großen Label war und nie das Gefühl hatte, etwas für jemanden liefern zu müssen. Als unabhängige Künstlerin ist es zwar manchmal schwierig, weil man vieles selbst organisieren muss. Aber gleichzeitig habe ich auch keinerlei Verpflichtungen. Ob ich in zwei Jahren ein neues Album veröffentliche oder erst in fünf – das ist völlig offen. Mir ist bewusst, dass wahrscheinlich niemand darauf wartet, aber das finde ich eigentlich sehr befreiend. Dann kommt irgendwann etwas Neues, und das ist schön.
Die Geschwindigkeit in der Musikbranche ist ja auch enorm geworden.
Anja Om: Genau. Ich persönlich habe das Gefühl, dass ich zwischen zwei Alben auch leben muss. Ich brauche Zeit, um Erfahrungen zu machen und Dinge zu erleben, die ich dann wieder in Musik verwandeln kann. Ich kann mir gar nicht vorstellen, ständig neue Songs herauszuhauen. Ich bewundere Menschen, die das können, aber ich merke nach einem Album oft: Jetzt bin ich erst einmal leer. Dann brauche ich wieder Zeit, um zu schauen, was als Nächstes entsteht. Und so brennt man auch nicht so leicht aus.
Trotzdem spielst du dein Release-Konzert im Wiener Konzerthaus – also hast du deinen Weg auch ohne großes Label gefunden.
Anja Om: Ja, das stimmt. Natürlich sind da viele Dinge glücklich zusammengekommen. Ich habe aktiv nie nach einem Label gesucht, aber ich hätte mich wahrscheinlich auch nicht dagegen gewehrt, wenn jemand gesagt hätte: „Komm zu uns.“ Es ist einfach nie passiert. Und während der Pandemie hatten ohnehin viele das Gefühl, gerade auf Labels angewiesen zu sein. Ich habe mir damals gedacht: Ich frage einfach nicht danach.
„DABEI NIMMT MAN SICH VIEL ZU SELTEN EINEN MOMENT, UM STOLZ DARAUF ZU SEIN, WAS MAN EIGENTLICH SCHAFFT”
Bist du grundsätzlich eher jemand, der Chancen ergreift und Ja sagt – oder bist du eher vorsichtig?
Anja Om: Ich bin sehr schlecht darin, Nein zu sagen. Das kann ich auf jeden Fall bestätigen. Das führt manchmal dazu, dass ich Dinge mache, bei denen ich mich vielleicht in ein paar Jahren frage, wofür das eigentlich gut war. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass vieles, was ich bisher gemacht habe, schon irgendwie gepasst hat. Ich sage also schon gerne Ja zu Dingen – besonders wenn sich ein Projekt gut anfühlt und die Menschen, die daran beteiligt sind, stimmen. Ich glaube ja auch ein bisschen ans Manifestieren! Auch wenn ich nicht aktiv daran arbeite. Aber manchmal passieren Dinge, bei denen ich mir denke: Das hat sich irgendwie gefügt. Gleichzeitig bin ich oft sehr schlecht darin, solche Momente überhaupt als etwas Positives wahrzunehmen. Zum Glück erinnert mich mein Partner immer wieder daran. Er sagt dann: „Schau dir mal an, was in diesem Jahr schon alles passiert ist.“ Ich neige nämlich dazu zu denken: Es geht nichts weiter, es müsste noch viel mehr passieren. Dann sagt er: „Schau dir an, was allein in den letzten Wochen passiert ist.“ Und ich denke mir: Stimmt eigentlich. Aber oft bin ich trotzdem noch so: „Ach, das ist doch nichts.“ Und dann sagt er: „Moment einmal – das ist mehr als genug.“
Diese Gedanken sind ja oft auch das Ergebnis patriarchaler Mechanismen, die besonders auf Frauen wirken. Gerade wenn man gleichzeitig so viele Rollen erfüllt – Musikerin, Mutter, arbeitende Person. Und trotzdem das Gefühl hat, zu wenig zu machen.
Anja Om: Genau. Ich habe mich zum Beispiel ganz bewusst dafür entschieden, mein Album jetzt zu veröffentlichen, meinen Unterrichtsjob wieder aufzunehmen und relativ früh wieder zu arbeiten. Und trotzdem sitze ich dann manchmal zu Hause und denke: Es passiert gerade nichts, ich mache zu wenig. Dabei erscheint das Album nächste Woche, und parallel passiert unglaublich viel. Aber mein Kopf sagt dann: Du bist zu wenig auf Instagram aktiv, du müsstest noch dieses und jenes machen, du tust zu wenig für den Release. Und gleichzeitig ist man eigentlich längst am Limit. Trotzdem kommt dann dieser Gedanke: Du hast noch gar nicht alles gegeben. Das ist für mich gerade ein Prozess.
Eigentlich wäre das schon Material für ein nächstes Album.
Anja Om: Ja, absolut. Wir leben einfach in einer unglaublich schnellen Zeit, in der man ständig das Gefühl hat, alles gleichzeitig machen zu müssen. Dabei nimmt man sich viel zu selten einen Moment, um stolz darauf zu sein, was man eigentlich schafft. Und egal, wie viel das ist – es würde ja auch reichen, wenn man morgens aufsteht, arbeitet, am Nachmittag nach Hause geht und vielleicht noch zwei Stunden spazieren geht.
Ich kenne das auch: Tage, an denen ich nur E-Mails beantworte, fühlen sich an, als hätte ich nichts gemacht.
Anja Om: Genau das Gleiche habe ich heute auch gesagt. Ich habe gerade ein Projekt, das ich eigentlich bis Juli abschließen muss und für das ich komponieren sollte. Aber momentan ist dafür einfach keine Zeit, weil ich nur organisatorische Dinge erledige. Dann sitze ich den ganzen Tag am Computer und beantworte E-Mails und am Abend denkt mein Kopf: Du hast heute nichts gemacht. Du hast nicht geprobt, keinen Termin gehabt, nichts „Richtiges“ gearbeitet. Dabei war man den ganzen Tag beschäftigt.
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Gerade wenn man selbstständig arbeitet und keinen festen Arbeitsplatz hat, ist das Gefühl noch stärker.
Anja Om: Ja, total. Und ich vergleiche das manchmal mit meinem Leben vor dem Kind. Damals hatte ich oft vier oder fünf Termine am Tag, war morgens irgendwo, abends noch bei einem Konzert, zwischendurch vielleicht fünf Stunden im Zug unterwegs und fand das völlig normal. Heute habe ich vielleicht gar nicht so viele Termine und verbringe viel Zeit zu Hause mit meinem Kind. Und trotzdem denke ich manchmal: Ich mache ja „nur“ das. Dabei ist genau das eigentlich unglaublich viel Arbeit.
Auch das ist wieder ein gesellschaftliches Problem – weil Care-Arbeit nicht als Arbeit anerkannt wird.
Anja Om: Genau. Und dazu kommt, dass ich mir manchmal sogar ein schlechtes Gewissen mache, weil ich mich entschieden habe, relativ früh wieder zu arbeiten. Dann sitze ich da, bin gestresst und denke: Ich hätte auch einfach ein Jahr zu Hause bleiben können und mich nur um mein Kind kümmern. Dann wäre alles leichter. Und gleichzeitig weiß ich genau: Wenn ich das wirklich gemacht hätte, würde es mir wahrscheinlich gar nicht so gut gehen. Es ist ein ständiger innerer Dialog.
Gleichzeitig kann ein Kind auch entschleunigen.
Anja Om: Absolut. Ein Kind holt einen sehr in den Moment zurück. Man merkt plötzlich: Ich kann gerade nicht fünf Dinge gleichzeitig tun. Ich glaube sowieso, dass Multitasking eigentlich unmöglich ist – auch wenn ich es immer wieder versuche. Mit einem Kind wird einem das noch deutlicher. Man kann einfach nur diese eine Sache machen, und das kann für den Kopf manchmal richtig gut sein.
Zum Abschluss würde ich gerne noch über deine Band sprechen. Obwohl du als Solokünstlerin auftrittst, wirkt das Album sehr kollektiv.
Anja Om: Absolut. Ich kann gar nicht oft genug betonen, wie sehr ich momentan auf meine Band bauen kann. Gerade bei den Musikvideos zum Beispiel: Das Styling haben Ricarda Maria Jr. und Veronika Sterrer übernommen, sie entwickeln auch gemeinsam die Konzepte für die Videos. Alle machen das neben ihren eigenen Projekten und Jobs und stecken unglaublich viel Zeit und Energie in dieses gemeinsame Projekt. Obwohl ich die Musik schreibe, wäre dieses Album ohne meine fünf Mitmusikerinnen überhaupt nicht das, was es ist. Sie sind alle fantastische Sängerinnen und haben selbst spannende Projekte. Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere, und genau das bringt so viele verschiedene Perspektiven in die Musik. Ich glaube, das spürt man auch.
Das klingt wirklich nach einem Kollektiv.
Anja Om: Ja, total. Ich bin unglaublich froh, dass ich diese fünf gefunden habe und dass sie dieses Projekt so unterstützen. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass Menschen so viel Zeit und Liebe investieren. Mein Wunsch ist, dass wir das in den nächsten Jahren so weiterentwickeln können, dass die Band wirklich nachhaltig bestehen kann.
Und dafür müssen die Leute zu den Konzerten kommen.
Anja Om: Genau. Für uns als Band ist das Live-Spielen das Wichtigste. Unsere größte Stärke ist es, zu sechst auf der Bühne zu stehen und diese Songs gemeinsam zu performen. So schön es ist, ein Album zu veröffentlichen – noch schöner ist es, diese Musik live auf die Bühne zu bringen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Anja Om: Danke dir!
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Anja Om Live am 15.03. Im Wiener Konzerthaus: Hier geht es zu den Tickets.
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Ania Gleich
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