„Sich selbst und anderen das Innere zu zeigen, erfordert Mut“ – Die Jazzsängerin Filippa Gojo

Die Jazzsängerin Filippa Gojo beeindruckt mit ihrer großen Bühnenpräsenz und ihrer authentischen Ausstrahlung. Mit ihrem Quartett hat die in Köln lebende Künstlerin 2015 den „Neuen deutschen Jazzpreis“ gewonnen und noch dazu konnte sie den Solistenpreis entgegen nehmen. Nach ihren Alben „Nahaufnahme“ und „vertraum“ legte Filippa Gojo nun ihre zweite CD „Seesucht“ vor und hat damit in Fachkreisen große Zustimmung gefunden.

In allen ihren Kompositionen zeigt die gebürtige Bregenzerin den individuellen Umgang mit der Sprache und mit Vokalklängen, denen sie ein inspirierendes Eigenleben verleiht. Filippa Gojo ist musikalisch sehr vielseitig, stilistische Grenzen kennt sie keine, doch ihre ureigenen musikalischen Brennpunkte sind der Jazzgesang und die Improvisation. Seit vergangenem Jahr ist Filippa Gojo Dozentin für Jazz- und Popgesang an der Hochschule für Musik in Freiburg. Über ihre Wurzeln, Studien und ihre musikalische Selbstsicht erzählt die Sängerin im Gespräch mit Silvia Thurner.

War es für dich schon immer klar, dass dein musikalisches Metier der Jazzgesang und nicht etwa Rock oder Klassik sein wird?

Filippa Gojo: Als Kind wollte ich tatsächlich immer Opernsängerin werden. Das lag aber eher daran, dass ich immer schon einen Beruf haben wollte, in dem ich den ganzen Tag singen kann, als an der Stilistik. So ungefähr mit zwölf oder dreizehn Jahren habe ich gemerkt, dass im Jazz eben die Improvisation eine wichtige Rolle spielt und ab dem Zeitpunkt war ziemlich klar, dass das die Richtung sein wird, in die es mich zieht.

Tonfärbungen

Es ist ein ziemlicher Unterschied, ob eine Melodielinie mit Vokalisen, also mit einer eher instrumental geführten Stimmte entfaltet wird, oder eine Textgrundlage besteht. Wie beeinflusst dich dieser Unterschied beim Komponieren?

Filippa Gojo: Für mich haben Vokalisen auch einen Text. In dem Sinne, dass es auch Silben mit Klang und Rhythmus sind. Zwar ergeben sie keinen „Sinn“, wenn man versucht, sie als Sprache zu verstehen. Aber wenn man sich ins Bewusstsein ruft, dass ein bestimmter Ton in Verbindung mit verschiedenen Vokalen völlig anders klingt, wird klar, dass einem dadurch möglich wird, auf zwei Ebenen gleichzeitig Musik zu machen. Es gibt so gesehen immer zwei Klänge und immer zwei Melodien, die ich erzeugen kann: Den Klang und die Melodie des Gesungenen und den Klang und die Melodie des Gesprochenen. Das beeinflusst mich sowohl als Komponistin als auch als Improvisatorin.

Lautmalerei und Klangforschung

Inwiefern kommt dir unser ausgeprägter Dialekt zugute, um damit den Liedtexten – für Nichtvorarlberger – eine „exotische“ Note zu geben?

Filippa Gojo: Ich merke schon, dass der Vorarlberger Dialekt außerhalb des Ländle tatsächlich als etwas sehr Besonderes wahrgenommen wird – vor allem die für viele Deutsche selten gehörte Mischung aus „Österreichisch“, Schweizerdeutsch und Allgäuerisch. Aber das war für mich nie der Ausgangspunkt einige meiner Stücke im Dialekt zu schreiben, sondern vielmehr der Spaß an den Klängen in unserem Dialekt.

Spielst du dich bewusst mit den ganz eigentümlichen Vokalfärbungen?

Filippa Gojo: Definitiv. Lautmalerei und Klang-„Forschung“ fand ich immer schon sehr spannend.

Das Geschriebene im Wandel

Welchen Anteil hat die Improvisation bei deinem Gesang?

Filippa Gojo: Manchmal habe ich das Gefühl, ständig zu improvisieren. Weil auch das Geschriebene immer im Wandel ist und beispielsweise mit einem anderen Vokal, einer anderen Dynamik und einer anderen Phrasierung auch direkt völlig anders wirkt. Hier stellt sich natürlich die Frage, bis wann etwas Improvisation und ab wann es Interpretation ist. Wahrscheinlich mache ich die ganze Zeit beides.

Mit Megaphon verfremdete und verzerrte Sounds sind ein wesentliches Merkmal deiner Musik. Hast du auch schon mit elektronischen Mitteln gearbeitet, mit Loops und Samples, Liveelectronics oder dergleichen?

Filippa Gojo: Mit Loopstation und Kaoss-Pad hab ich schon bisschen herumgebastelt, was total viel Spaß macht. Allerdings lenken mich elektronische Geräte meistens eher vom Musikmachen ab. Ich bin, so glaube ich – zumindest momentan – eher eine akustische Musikerin und versuche, möglichst viele Klangvarianten aus meiner Stimme selbst herauszulocken.

Ich habe den Eindruck, dass deine Musik von der skandinavischen Musik inspiriert ist. Gibt es dorthin ein Naheverhältnis?

Filippa Gojo: Vor acht Jahren habe ich an der Kölner Musikhochschule einen Workshop mit der norwegischen Sängerin Sidsel Endresen gemacht, die mich seither wie kaum eine andere Künstlerin geprägt hat. Nicht nur musikalisch, sondern auch mit vielen klugen Gedanken über den Beruf als Musikerin. Einige Jahre später bin ich dann noch mal extra nach Oslo geflogen, um bei ihr Unterricht zu nehmen.

An Voraussetzungen arbeiten

Meiner Wahrnehmung nach liegt genau in der Authentizität, die du ausstrahlst, eine große Kraft. Inwieweit hast du dir das angeeignet oder ist das dein Naturtalent?

Filippa Gojo: Ob Authentizität erlernbar ist, ist eine interessante Frage. Auf den allerersten Blick ist es ja ein Widerspruch in sich, Ursprünglichkeit erlernen zu wollen. Ich denke aber, dass man durchaus an den Voraussetzungen arbeiten kann, die es einem ermöglichen, authentisch zu sein. Unser Kern kann ja nichts anderes sein als natürlich, als ganz genau wir selbst. Aber abgesehen davon, dass es uns schon schwer fällt zu erkennen, was dieser Kern überhaupt ist, wie und auch wer wir wirklich sind, erfordert es oft ziemlich viel Mut dieses Innere uns selbst und anderen zu zeigen. Ein wahnsinnig spannendes Thema.

Brennen für Musik

Hast du eine Beziehung zur Vorarlberger Volksmusik, zum Beispiel zum Juchzen oder Jodeln?

Filippa Gojo: Leider hab ich nie jodeln gelernt, vielleicht mach ich das ja noch. Mehr als die Vorarlberger Volksmusik haben mich Vorarlberger Mundartdichter wie Kaspar Hagen und Lieder von Ulrich Gabriel geprägt.

Du hast viele Musikerfreunde, unter anderem musizierst du auch mit David Helbock zusammen. Im vergangenen Jahr hast du bei Uraufführung seiner „Menschrechtssuite“ mitgewirkt und im Juni habt ihr einen Auftritt in Eschen. Was verbindet euch musikalisch?

Filippa Gojo: Ich denke, wenn man es auf das Wesentliche herunter bricht, verbinden David und mich das Brennen für Musik, die Neugier auf alle möglichen Klänge, Rhythmen, Harmonien, Melodien und der Spaß genau das mit anderen zu teilen.

Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Mai 2017 erschienen.

Webseite: www.filippagojo.de