Ohne einen Satz sind VIOLETTA PARISINIS Lieder bisher immer ausgekommen – „I love you“ hatte noch nie seinen allzu abgetrampelten Weg in ihre feingewobenen Liedtexte gefunden. Bis jetzt – und das natürlich auf gänzlich klischeefreie Art. Am neuen Album „I used to have nothing to lose but now I have you“ (VÖ 25.4.2025) spricht die österreichische Liedermacherin Machtworte für die Mutterschaft und prangert dabei auf poetisch-pointierte Weise das Patriarchat an. Im mica-Interview mit Florentina Finder erzählt sie von ihrem Weg zur (musikalischen) Selbstbestimmung, warum eine Ö3-Rotation nicht ihr höchstes Ziel ist und warum es wichtig ist, einfach auch mal nichts zu wollen.
Du hast auf diesem Album erstmals alles selbst in deinem eigenen Studio produziert – warum hast du dich für diesen Produktionsprozess entschieden und wie hast du das erlebt?
Violetta Parisini: Es war so ein schleichender Prozess – hättest du mir vor drei Jahren gesagt, dass ich mein nächstes Album selbst produzieren würde, hätte ich gesagt: fix nicht, kann ich nicht. Ich hatte da null Selbstbewusstsein. Ich habe aber schon eine große Liebe zum alleine Arbeiten.
Wir wohnen halt zu viert – ich wohne mit meinem Partner und zwei Kindern –, mein Leben ist also ziemlich bevölkert. Zwischendurch allein sein ist daher einfach sehr, sehr schön für mich (lacht). Dann war es eigentlich ein No-Brainer, mal zu schauen, wie ich das alleine aufnehmen kann.
Ich habe immer sehr viel Selbstbewusstsein, was meine Texte betrifft und meine Zwischenansagen und das große Gedankengerüst drüber und drunter. Aber wenn es darum geht, ein Lied zu arrangieren, bin ich so: Kann ich das überhaupt? Es war ein schöner Prozess, zu realisieren, dass ich das kann.
Im letzten Schritt habe ich dann aber schon gemerkt, jetzt fehlt es noch an so Dingen wie zum Beispiel Sounddesign, damit es spannender wird. Bei einem Album gibt es ja manchmal so Punkte, wo sich dann nochmal was dreht und sich eine kleine Welt aufmacht. Dafür habe ich mich mit dem Sixtus Preiss zusammengesetzt, den ich an meiner Seite habe.
Es war generell aber total stimmig, dass ich bei diesem Album neunzig Prozent der Verantwortung alleine getragen habe. Langwierig, aber super (lacht).
„Es war eher so ein langsames Waten ins kalte Wasser.“
Ist das für dich als Künstlerin schon ein Anspruch, dass du dich immer wieder aus der Komfortzone bewegst? Dass du dich selbst dabei herausforderst?
Violetta Parisini: Ich mache das nicht bewusst. Es ist nicht so, dass ich sage: Ich muss immer meine Grenzen testen. Ich glaube, es ist eher alles ein organischer Teil eines Prozesses hin zu mehr Selbstständigkeit auf allen Ebenen. Weil Selbstständigkeit hat auch was mit Wahrhaftigkeit zu tun. Dadurch, dass ich es alleine mache, ist es dann auch so wahrhaftig, weil ich mich nicht darauf ausreden kann, dass ich sage, naja, das habe ich halt nicht gekonnt, da hat dann halt der XY Schlagzeug gespielt, weil ich wusste ja nicht, wie das geht. Sondern ich bin dazu aufgefordert, mir genau durchzudenken, dem XY zu sagen, wie er Schlagzeug spielen soll. Das war für mich ein großer Sprung ins kalte Wasser, oder vielleicht eher so ein langsames Waten ins kalte Wasser. Und gleichzeitig auch ein totaler Befreiungsschlag, weil ich eben, wie gesagt, zum ersten Mal realisiert habe, dass ich es kann. Dass es „könnbar“ ist.
Hat das Album dadurch jetzt schon eine besondere Bedeutung für dich?
Violetta Parisini: Jedes Album hat eine besondere Bedeutung. Das erste ist das erste, das zweite ist der Versuch einer Weiterentwicklung. Das dritte, in meinem Fall, war halt ganz besonders, weil es plötzlich auf Deutsch war und eine Kehrtwende.
Und jetzt ist es super besonders. Weil ich das auch schon so lange mache und eine gewisse Stabilität erreicht habe im Sinne von: Ich weiß, dass ich das weitermachen werde. Ich weiß, dass das nicht mein letztes Album gewesen sein wird.
Deswegen ist es zwar besonders für mich, aber es ist auch einfach nur ein weiterer Schritt. Das nimmt auch ein bisschen den Druck raus, dass es jetzt allen gefallen muss. Das hat man nämlich bei jedem Album, dass man denkt: Das ist jetzt die absolute Erleuchtung, alle werden es lieben. Aber das passiert halt nie. Oder immer anders, als man denkt.
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Das heißt, du hast nicht immer nur das nächste Album oder die nächste Single im Blick, sondern du schaust, dass du deinen Horizont weithältst?
Violetta Parisini: Total. Also ich will auch wenn ich sechzig bin noch coole Alben machen. Oder siebzig oder achtzig, keine Ahnung, wie lange meine Stimme hält. Ich habe das Gefühl, es wird immer mehr „ich“, je älter ich werde.
Kurz war ich verlockt, zu sagen, es wird immer besser. Aber das stimmt gar nicht. Es wird nicht besser. Es wird einfach nur immer wahrhaftiger.Auch weil ich mich immer besser kennenlerne und immer mehr weiß, was mir wichtig ist. Dem werde ich dann auch immer mehr gerecht.
Mutterschaft ist ja ein sehr großes Thema, das am Album durchwirkt. Allein im Titelsong „I used to have nothing to lose but now I have you“ und in den Songs „bad mother“ und „m/others“ wird das evident. Warum hast du dich gerade auf dem Album dazu entschieden, dieses Thema so intensiv zu bearbeiten?
Violetta Parisini: Ja, und auch so plakativ, oder? Das Album ist so entstanden, dass ich vor drei Jahren ein paar Gigs hatte, wo ich wusste, dass viel englischsprachiges Publikum sein wird. Da dachte ich mir, ach, ich schau mal, was ich da in der Schublade habe. Als meine Kinder ganz klein waren, hatte ich ein paar englische Lieder geschrieben, die habe ich dann rausgeholt.
Die wurden in der Zeit zwischen der Schwangerschaft zu meiner ersten Tochter und der Geburt meiner zweiten Tochter geschrieben. In diese Zeit habe ich mich dann nochmal reingefühlt. Und das war natürlich für mich eine intensive Zeit, wie, ich glaube, für viele Menschen, die Eltern werden, insbesondere Mütter, weil es dann auch noch diese körperliche Komponente gibt. Weil sich ja plötzlich deine ganze Identität um 180 Grad dreht und das ist einfach total schockierend und arg.
„Mutterschaft ist etwas sehr Politisches.“
Das ist ja auch ein bisschen mein Lebensthema, weil meine eigene Mutter ganz früh gestorben ist und deswegen ist es auch etwas, was mich immer wieder eingeholt und erwischt hat. Wenn du dann selber Kinder kriegst, dann ist so ein früher Tod natürlich auch plötzlich total da. Da checkst du, wie groß das eigentlich ist in deinem Leben. Das kann man lange gut verdrängen, aber wenn man selber Mutter wird, kann man das nicht mehr. Ich habe also gemerkt, dass das ein Thema ist, das stark resoniert und unglaublich wichtig ist. In den letzten Jahren habe ich dann auch noch ein paar Bücher zu dem Thema gelesen und bin draufgekommen, dass Mutterschaft einfach etwas sehr Politisches ist. Und dass man das nicht trennen kann und auch nicht trennen darf.

Wenn ich Lieder schreibe, denke ich mir immer, wem bringt das was? Was habe ich zu erzählen, ist das überhaupt für irgendwen interessant? Da habe ich realisiert: Ja, das ist voll interessant. Weil es uns alle betrifft, wir alle haben Mütter. Oder halt auch nicht mehr, dann umso mehr. Oder werden selbst Mütter – und es macht voll viel mit uns und prägt unser ganzes Leben.
Aber Mutterschaft ist halt so unsexy. Ist es natürlich nicht – es ist hochinteressant – aber es wird so dargestellt. Es wird so geframed wie etwas, das dich betrifft, wenn du älter geworden bist und sich im Pop-Business niemand mehr für dich interessiert. Und dann habe ich mir gedacht, okay nein, ich mache das jetzt ganz explizit, weil es ist wichtig, dass ich die Klappe aufmache. Und das war voll gut.
„bad mother“ ist das allerletzte Lied, das ich noch geschrieben habe und da wollte ich eigentlich nochmal total klar sagen: Hey, meine Probleme, von denen ich glaube, dass ich persönlich daran scheitere, haben einfach zu, ich weiß nicht, 75 Prozent damit zu tun, dass wir im Patriarchat leben. Das ist so klar, wenn man es einmal behirnt, so offensichtlich, aber es ist so schwer, das zu vermitteln.
Ja, natürlich trage ich auch Verantwortung, aber es ist sehr viel strukturell bedingt. Das ist ja auch etwas, was der Kapitalismus wahnsinnig gut kann, die Verantwortung auslagern. Wenn große Strukturen sich retten wollen, dann verlagern sie die Verantwortung auf das Individuum, und das Individuum kann diese Verantwortung einfach nicht tragen.
Mir gehört halt nur 25 Prozent von der großen Verantwortung. Die übrigen 75 Prozent sind das System, in dem ich lebe. Manchmal sind es sogar 90 Prozent und ich habe das Gefühl, ich scheitere und passe nicht rein und mache es falsch.
„Ich bin eh in der Nische, und fühle mich total wohl in der Nische.“
Dass dieses Thema in Musik deutlich und explizit aufgegriffen wird, ist gar nicht so häufig. Wahrscheinlich wegen der vermeintlichen „Unsexiness“, it doesn’t sell, oder so…
Violetta Parisini: Ja, ich meine, I don’t sell so much anyway (lacht). Ich bin eh in der Nische, und fühle mich total wohl in der Nische. Natürlich freue ich mich immer über jedes Radioplay, aber ich habe nicht den Anspruch, da jetzt irgendeinen Ö3-gerechten Song zu machen. Das ist mir einfach wurscht. Es klappt ja nur, wenn man das auch spürt. Und das spüre ich halt nicht.
War das jemals dein Ziel?

Violetta Parisini: Als ich bei Universal war, war es schon das Ziel von den Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Es ist halt auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, dass du gehört wirst. Ö3 ist einfach wahnsinnig praktisch, weil von einer Ö3-Rotation kannst du halt leben, von allen anderen nicht.
Aber dem will ich gar nicht zu viel Wert beimessen. Es ist zwar super, so eine Breitenwirkung zu haben – ich gönne es auch allen, die das haben – aber ich habe das Gefühl, dass dieses Format so verflacht ist, dass ich da nie im Leben gut reinpassen könnte, so wie ich bin und auch in meiner Authentizität.
Und das ist auch niemandes schuld, sondern da passt man halt nicht so gut zusammen. Inzwischen will ich auch nicht mehr irgendwo hinpassen, wo ich nicht hinpasse. Es freut mich natürlich immer, wenn mich Leute spielen – also Ö3, spiel mich gerne, kein Problem (lacht) – aber ich kann meine Musik halt nicht biegen.
Noch einmal zurück zum Thema Mutterschaft: Der Begriff „bad mother“ in dem Song ist ja das sexistische Attribut, was man Müttern oft umhängt, um sie in die (patriarchalen) Schranken zu weisen. Du deklarierst aber ganz selbstbewusst „I am a bad mother“. Was ist da deine Intention dahinter?
Violetta Parisini: Ich habe das Gefühl, in den Augen des Patriarchats bin ich eine schlechte Mutter. Weil man gar keine gute Mutter sein kann in den Augen des Patriarchats, außer vielleicht, wenn man nichts anderes macht.
Ich lebe in einer Bubble, wo schon viel anders ist und wo auch die Väter, oder die Elternpartner:innen, voll in die Pflicht genommen werden. Aber ich kenne das schon, dass man als Mutter zuerst angerufen wird, bevor der Vater angerufen wird. Und ich glaube, dieser Begriff der guten Mutter wurde einfach sehr, sehr lange verwendet, um uns eben, wie du sagst, in unsere Schranken zu weisen. Und vielleicht ist es auch ein Kontrollinstrument, dieses „gute Mutter sein“.
Ich habe das Gefühl, dass ich für meine Kinder eine voll gute Mutter bin, ich habe da total viel Selbstbewusstsein in meiner Mutterrolle, weil ich auch, glaube ich, eine sehr bewusste Mutter bin und einfach gut mit ihnen in Kontakt bin. Im Endeffekt geht es ja darum, gut in Kontakt zu sein. Und deswegen habe ich das Gefühl, kann ich total selbstbewusst sagen „I’m a bad mother“, weil ich meine damit: in den Augen einer Welt, an die ich mich nicht mehr bereit bin, anzupassen.
Zuletzt waren deine Alben auf Deutsch gehalten – warum jetzt wieder der Schwenk auf englische Lyrics?
Violetta Parisini: Ich hatte ein paar Jahre, wo ich noch auf Englisch und auch auf Deutsch geschrieben habe, aber das Deutsche war noch nicht ausgereift. Bis ich den ersten deutschen Song so weit hatte, dass ich den veröffentlichen konnte, hat das Jahre gebraucht, weil die deutsche Sprache einfach hart zum Songtexten ist. Es wird so schnell unangenehm und klischeehaft. Da habe ich einfach lange gebraucht, um meine Sprache zu finden und parallel dazu auch öfter englische Lieder geschrieben.
Ich habe total viel Freude am englischen Texten gehabt, weil es ein ganz anderer Zugang ist. Auf Deutsch habe ich einen hohen Anspruch, Dinge sehr genau zu formulieren und auf Englisch ist es textlich ein bisschen atmosphärischer. Und ich bin ein bisschen weniger streng mit mir. Daher haben die deutschen Texte schon eine bestimmte Qualität, die ich, glaube ich, auf Englisch gar nicht erreichen kann.
„Du musst nicht die ganze Zeit etwas wollen.“
In „No need“ singst du „I don’t need to do anything, I don’t need to be anything“ – da geht’s darum, sich Auszeiten zu nehmen und wirklich mal nichts zu tun – auch in „I Just“ singst du übers Ausruhen. Welche Bedeutung, oder sogar gesellschaftliche Funktion, hat das für dich und warum ist es dir wichtig, das anzusprechen?
Violetta Parisini: Also erstens Widerstand gegen die kapitalistische Welt, in der wir leben, weil, wenn wir uns ausruhen, sind wir viel weniger geneigt, irgendeinen Scheiß zu kaufen, um unsere Gefühle zuzupappen, damit wir uns nicht damit auseinandersetzen müssen, dass wir eigentlich einfach nur ein bisschen chillen müssen (lacht).
Ich finde: Will mal nix. Du musst nicht die ganze Zeit was wollen. Du musst nicht die ganze Zeit was produzieren, was tun, was leisten. Du bist einfach wertvoll, weil du einfach du bist und weil du atmest und weil du lebst und weil du Lebendigkeit spürst und weil du liebst. Und alles andere macht dich nicht wertvoll. Es ist nur das, deine Lebendigkeit und deine Liebe und Punkt. Und das spüren wir doch im Ausruhen, glaube ich, eher als in unseren Daily Struggles, den Anforderungen dieser Welt zu genügen.
Natürlich weiß ich auch, dass das ein Luxus ist, also eine alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern wird mich auslachen, wenn ich sage, ruhe dich mal aus. Dafür habe ich vollstes Verständnis, weil manchmal geht es einfach nicht. Aber ich glaube, dass die meisten von uns schon Zeitfenster haben, in denen sie sich ausruhen könnten, aber halt ihr Handy nehmen und auf Instagram scrollen, anstatt sich mal nicht zuzupumpen mit schnellen Informationen.
Welche Stimmungen würdest du gerne bei den Hörer:innen deines Albums hervorrufen?
Violetta Parisini: Gerade mit den zwei Liedern, wo es um Ruhe und zur Ruhe kommen geht, wäre es natürlich total schön, wenn ich die Menschen dazu ermutige, die Beine hochzulegen und auf alles zu scheißen. Das wäre toll. Ich glaube, „bad mother“ hat schon ein bisschen einen Kampfgeist – das ist normalerweise nicht so präsent in meinen Liedern, obwohl ich selber sehr viel Kampfgeist in mir drin habe (lacht). Ich glaube, ich freue mich, wenn es für die Leute was ist, wo sie sich selbst wiederfinden. Und wenn sie es hören und in ihre eigenen Gefühle dadurch besser reinkommen. Das ist es, was ich eigentlich will.
Herzlichen Dank für das Interview!
Florentine Finder
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