Alte Brauerweisheit: Pritschelt der Bierbrunnen, ist MARCO POGO nicht weit. Der Ex-Bierparteichef und Eh-schon-immer-Lederjanker von Turbobier thront in seinem Empire im elften Bezirk. Hinter ihm hängt ein Schild: „King of Simmering”. Drüben schweben die Gasometer im Nebel. Wir setzen uns an einen Konferenztisch, der Start-up sagt und ergonomische Stühle meint. „Wir machen hier alles selbst”, sagt POGO und dreht sich einmal um. Er weiß, dass das die ehrlichste Punklüge der Musikgeschichte ist. Über das kommende Album „Das Leben is ein Oaschloch” (VÖ: 1. Mai 2026, Pogos Empire) hat MARCO POGO mit Christoph Benkeser gesprochen.
Der Standard hat angeblich „kein interview mit Wlazny” bekommen. Der Berserker bekommt den Pogo ganz einfach. Wo ist der Haken?
Marco Pogo: Sie wollten ein politisches Interview. Das habe ich mit dem Standard circa 50 Mal gemacht. Jetzt halt nicht. Gestern habe ich übrigens gehört: Der Kern [Christian Kern, ehemaliger SPÖ-Bundeskanzler] wollte auch keines geben. Na ja. Wir reden ja jetzt über Kunst und Kultur …
Schauen wir mal. „Das Leben is ein Oaschloch” heißt das kommende Album. Ist das eine Entschuldigung für alles Kommende oder einfach nur der einzige Satz, der nach all den Jahren Turbobier noch übrig geblieben ist?
Marco Pogo: Es ist eigentlich lebensbejahend. Das Leben kann ein Oaschloch sein und meistens ist es das auch. Deswegen halte ich es für wichtig, dass man jeden Tag, den man hat, bestmöglich nutzt. Die Message ist also positiv, wobei ich es pessimistisch verpackt habe.
„DER HEDONISTISCHE ANSATZ IN MEINEM DASEIN HÖRT MIT ZUNEHMENDEM ALTER AUF.”
Mit anarchistischen Kalendersprüchen hättest du auch einfach in der Politik bleiben können, nein?
Marco Pogo: Ich sehe in der Politik wenig Anarchismus und Humor und noch weniger Bewegung. Aber es stimmt schon: Das hat was Anarchistisches, wobei … Vielleicht ist es eher realistisch? Man wird nicht jünger. Selbst für eine Band wie Turbobier ist die Larifari-Zeit irgendwann vorbei. Obwohl … nicht vorbei – ich versuch’ mir das zu erhalten –, aber natürlich bist du mit Ende 30 anders dabei als mit 25. Damals hätte ich so einen Titel nicht gewählt.
Nein?
Marco Pogo: Die Titel waren viel sauflastiger. Der hedonistische Ansatz in meinem Dasein hört mit zunehmendem Alter aber auf.
Hört sich nach Katerstimmung an.
Marco Pogo: Vielleicht wachen Turbobier ja gerade aus einem zehn Jahre dauernden Kater auf? Na, natürlich sind auch große Saufhymnen auf dem neuen Album drauf. Es darf nicht zu verkopft sein und muss lustig bleiben. Deswegen hören uns die Leute. Hin und wieder eine nachdenklichere Seite zu zeigen, schadet trotzdem niemandem.
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Vielleicht ist tatsächlich alles gschissener als vor zehn Jahren?
Marco Pogo: Das ist es eh. Schau dir die Weltpolitik an. Das ist wie eine WhatsApp-Gruppe, wo nur die Wahnsinnigen Administratorrechte haben und niemand die Benachrichtigungen stumm schalten kann.
Eine Familiengruppe, eigentlich …
Marco Pogo: Die klassische Familiengruppe, ja! Jedenfalls verstehe ich, dass viele gerade grübeln. Ich habe gerade gelesen: Viele Menschen in der EU sehen die Zukunft pessimistisch. Positiv ist nur: Die Menschen in Österreich stehen der EU ein bisschen positiver gegenüber als zuvor. Eventuell braucht es also Zäsuren, damit wir draufkommen, dass es gut ist, wenn wir uns mit unseren Nachbarn verstehen. Gerade wenn – jetzt kommt wieder ein Kalenderspruch – die Gräben zwischen uns immer größer werden.
Das Album erscheint am 1. Mai. Am Tag der Arbeit ein Album zu veröffentlichen, ist fast schon bürgerlicher Sadismus.
Marco Pogo: Wahrscheinlich ist es eines der lustigsten Dinge, die ich in meinem Leben je machen werde. Man darf es also als Gegenbewegung begreifen. Ich bin auch weiterhin unbequem und unkonventionell.
Willst du den Leuten zeigen, dass du auch als Musiker fleißiger bist als das Proletariat?
Marco Pogo: Vielleicht hat nicht immer alles eine tiefere Message. Vielleicht ist manches auch einfach nur lustig. Vielleicht hacke’l ich zum ersten Mal am 1. Mai und spiel’ eine Release-Show. Wer weiß?
Passt gut in unsere Zeit der permanenten Selbstoptimierung. Ist Turbobier nicht die letzte Bastion des kontrollierten Verfalls?
Marco Pogo: Vielleicht sind andere Zeiten angebrochen? Na, im Ernst: Wenn es eine Release-Party gibt, mach’ ich sie am 30. April, damit ich am 1. Mai – wie immer – nichts tun kann.
„WÜRDE ICH MIT JEMANDEM IM EKH DARÜBER DISKUTIEREN, WÜRDE DER DAS WAHRSCHEINLICH ANDERS SEHEN.”
Das kommende Album wird das fünfte sein. Ab wann ist Punk eigentlich nur noch ein sehr gut laufendes mittelständisches Unternehmen mit einer tollen Steuerberatung?
Marco Pogo: Punk ist, weiterhin das zu machen, worauf man Bock hat. Einen kritischen Blick auf die Dinge zu haben, ist sicher auch …
Das wird jetzt die ZIB2-Antwort.
Marco Pogo: Na ja, gut. Würde ich mit jemandem im EKH darüber diskutieren, würde der das wahrscheinlich anders sehen.
Was würde der dir sagen?
Marco Pogo: Für wos brauchst a Büro?
Und?
Marco Pogo: Weil ich meine Mitarbeiter irgendwo reinsetzen muss, damit sie hackeln, um ihre Rechnungen zahlen zu können. Jedenfalls sehe ich uns weiterhin als Punk-Band. Wie sehr jeder einzelne von uns Punk geblieben ist, keine Ahnung! Die Punker-Polizei hätte wahrscheinlich ein paar Kritikpunkte. Aber die Diskussion darüber ist eh das unpunkigste, oder?
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Jedenfalls hast du gemerkt, dass du Menschen bewegen kannst – zur Urne und zum Merch-Stand. Erschreckt dich das manchmal, wie einfach es ist, die Leute mit ein bisschen Schmäh zu dirigieren?
Marco Pogo: Der Schmäh ist ein schönes Transportvehikel für wichtige Themen. Und: Ich habe auch in meiner Zeit als Präsidentschaftskandidat immer probiert, wichtige Dinge anzusprechen. Dinge, die ein herkömmlicher Politiker so nicht gesagt hätte. Ich habe zum Beispiel auf Plakate geschrieben, was ich scheisse finde: 350.000 sich in Armut befindende Kinder in Österreich …
Die meisten Leute werden sich eher an den Bierbrunnen erinnern.
Marco Pogo: Das ist das einzige Wahlversprechen, das ich jemals abgegeben habe – und ich habe es gehalten. Ich habe also eine hundertprozentige Erfolgsquote. Trotzdem: Wichtige Themen mit Schmäh-Mascherl zu verpacken, funktioniert ganz nach Nestroy: Man muss die Leute nur zum Lachen bringen, dann kann man ihnen alles reinschieben.
Zwölf Jahre Lederjacken-Widerstand muss wahnsinnig anstrengend sein.
Marco Pogo: Man begibt sich damit auch in den öffentlichen Diskurs – nicht immer ein Faserschmeichelkurs. Politik ist ein irre umkämpftes, oft mit niederen Mitteln ausgefochtenes Spiel, in dem man doch etwas bewirken kann. Wegen Letzterem habe ich es auch gemacht. Und ich mache auch weiterhin etwas, zum Beispiel gerade viel für das Rote Kreuz. Ich sehe dadurch, wie viele sich in Österreich ehrenamtlich engagieren. Ohne sie wäre die Bude schon längst zusammengekracht.
Trotzdem: Wäre es nicht eine totale Befreiung, einfach mal ein Album über die Schönheit einer, sagen wir, privaten Pensionsversicherung zu machen?
Marco Pogo: Na ja, die Musik fällt mir leichter als die Politik, aber natürlich: Ein Ritt in die Politik formt einen Menschen, sie hat mich bestimmte Lehren ziehen lassen, die mich jetzt als Musiker begleiten.
Muss man zuerst in die Politik gehen, um ein Album wie „Das Leben is ein Oaschloch” zu machen?
Marco Pogo: Ich empfehle niemandem, in die Politik zu gehen. Andererseits habe ich auch das lang genug gemacht, um daraus etwas mitnehmen zu können. Ich war in der Pressestunde und habe darauf aufmerksam gemacht, dass ich der längstdienendste Parteichef von allen bin, von daher … Wer weiß, was mir in fünf Jahren einfällt.
„ICH HABE DAS ALKOHOLFREIE BIER FÜR MICH ENTDECKT.”
Gibt es gar keinen Impuls, einfach mal eine Saftkur zu machen?
Marco Pogo: Die mach’ ich eh.
Ah ja?
Marco Pogo: Na, dort drüben stehen die Paletten.
Ich meine eher eine … Traubensaftdiät.
Marco Pogo: Gut, du hast recht. Auch da wird das Alter schlagend. Ich kann nicht mehr jeden Abend Bier trinken. Wobei, können schon. Aber sollen … Vielleicht habe ich deshalb in jüngerer Vergangenheit das alkoholfreie Bier für mich entdeckt.
Was empfiehlt Marco Pogo?
Marco Pogo: Wahrscheinlich verliere ich jetzt zehn Fans, aber: Das alkoholfreie Brew Age und das Punk IPA von Brew Dog trinke ich schon gern.
Muss man heute ein Bier machen, das wie ein Mangobaum schmeckt, um die Leute abzuholen?
Marco Pogo: Na ja, ich sehe das zum Beispiel auch bei meinen Freunden: Wenn du vor zehn Jahren mit alkoholfreiem Bier um die Ecke gekommen wärst, hätten sie dich damit beworfen. Inzwischen trinken sie es alle. Wahrscheinlich eine Alterserscheinung.
„Unterm Strich kommt man am Ende des Lebens drauf, dass mehr traurig als fröhlich ist, mehr schlecht als gut”, schreibst du in der Albumankündigung. Du wirst dieses Jahr 40 …
Marco Pogo: Alle, die schon 40 sind, sagen mir: Es ist halb so wild. Aber klar, 40 ist nicht 21. Ich mache viel Sport, bin sogar zwei Marathons gelaufen. Ich versuche also alles, um noch 20 Jahre Turbobier machen zu können. Gleichzeitig sage ich: Manchmal über die Stränge zu schlagen, darf auch sein.
Muss auch sein?
Marco Pogo: Es ist ein Abwägen zwischen dem, was der Körper noch aushält, und dem, was die Seele gerade braucht. So sitzt man halt einmal zusammen und trinkt acht Bier und dann passt es wieder.
Zum Abschluss, was ist eigentlich schlimmer: Mit Armin Wolf übers Kiffen zu reden oder die Aftershowparty beim Amadeus?
Marco Pogo: Es sind beides Events, die ich gerne auslasse.
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