
Aufreger und Skandale, auch Neues, gab es in Salzburg immer wieder. Immerhin war Salzburg 1981 Schauplatz einer Cerha-Uraufführung („Baal“). Die Tabori-Inszenierung „Das Buch mit sieben Siegeln“ von 1987 wurde wegen angeblich obszöner Szenen wieder abgesetzt. Den Abschluss der Chronologie der Jubiläumsausstellung und den Brückenschlag zu den diesjährigen Festspielen bilden original Manuskriptseiten von Wolfgang Rihms Oper „Dionysos“. Wohl „das erste Mal, dass eine Oper bereits vor ihrer Uraufführung im Museum ausgestellt wird“, sagte Ausstellungs-Kuratorin Margarethe Lasinger bei der Präsentation. Abseits der Aufreger dokumentieren zahllose Originalfotos, -kostüme und -requisiten sowie Video- und Audioinstallationen lebhaft die Geschichte des Festivals.
Markus Hinterhäuser „punktete mit seinen Programmen beim Publikum und der internationalen Presse mehr und einhelliger als jeder andere Programmgestalter der Festspiele seit Karajan.“ Das schreiben am 16. Juli immerhin die Salzburger Nachrichten und die APA. „Trotzdem sind Hinterhäusers Sommer bei den Festspielen gezählt. Für 2010 hat er – wie die Jahre davor – die Konzerte geplant und organisiert, 2011 ist er Intendant für ein Übergangsjahr. Zwischen Jürgen Flimm und Alexander Pereira wird Hinterhäuser im nächsten Jahr also für die Gesamtfestspiele verantwortlich sein.“

Im Umfeld der umfangreichen Rihm-Werkschau steht moderne und Musik des 20. Jahrhunderts von Darius Milhaud, Klaus Huber; Webern und Stockhausen, Jörg Widmann und Morton Feldman (jeweils mit dem Klangforum Wien), ein Liederabend (u. a. Rihms Wölfli-Liederbuch) mit Georg Nigl. Spannend wird es auch am 10. und 11. August auf der Perner-Insel Hallein bei „Jagden und Formen – Zustand 2008“ als musikalisch-choreographisches Projekt von Wien Modern und Sasha Waltz & Guests.
Aber auch bei den „BrahmsSzenen“ und den Kammerkonzerten geht es Hinterhäuser, wie er in einem SN-Interview sagt, „um eine Konzertserie, die nicht den üblichen Mustern folgt. In diesen Konzerten vermischen sich die Genres. Chormusik steht neben Streich-Quartetten, intime Lieder stehen neben großen Orchesterwerken und vor allem Kammermusik. Ich verstehe mein Konzept als eine Huldigung an die Kammermusik, die es immer schwerer hat. Diese Gattung, im weitesten Sinn die Schule des Hörens, braucht mittlerweile einen besonderen Schutz. Deswegen habe ich die Kammermusik – neben den vielen anderen Kammerkonzerten – so zentral in der Reihe Brahms-Szenen positioniert.“
Einmal taucht sein Name auch auf der Besetzungsliste auf, Hinterhäuser wird mit Damrau, Nagy, Afanassiev, Hengelbrock, dem Neumann-Chor und Zehetmair das Brahms-Requiem in der Fassung für Soli, Chor und Klavier zu vier Händen machen. [SN: „Sie haben sich also selbst engagiert. – Hinterhäuser: Naja, es war Afanassievs Idee, dass ich mitspiele und nicht meine. Aber warum ja auch nicht, ich bin halt auch Pianist.“]

Die Salzburger Festspiele im Vorbericht: „Friedrich Nietzsches später Gedichtzyklus Dionysos-Dithyramben ist Inspiration und Ausgangspunkt für Wolfgang Rihms neuestes Musiktheaterwerk, das bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wird. Wie der Gott des Rausches sich in den Texten des bereits vom Wahnsinn gezeichneten Philosophen niederschlägt, wie sich seine erotischen, traumatisierten, platonischen oder auch gestörten Beziehungen zu den wichtigsten Frauen seines Lebens in Musik, Bewegung und Bild fassen lassen, wie der trotz Krankheit dennoch extrem sensibilisierte Autor selbst zu einem theatralisch-rauschhaften Ereignis wird, das zeigt der in der Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern erfahrene Regisseur Pierre Audi.
Erstmals versichert er sich hierbei der bildlichen Inspiration des Multitalents Jonathan Meese, der sich in seinen Arbeiten schon mehrfach mit Nietzsche auseinandergesetzt hat. Seine opulenten, manchmal auch streng strukturierten Assoziationen zu Nietzsche prädestinieren ihn für dieses Werk. Der Komponist entwickelt, ohne einer linearen Erzählstruktur folgen zu wollen, eine Handlung, die – nahezu dionysisch – ein Kaleidoskop an Lebensbildern vorstellt.“

Dirigent Ingo Metzmacher (auch er Pianist, er studierte am Mozarteum Salzburg und hat mit Matthias Goerne eine vor kurzem herausgebrachte Lieder-CD aufgenommen), sagte noch im Vorjahr, er habe sich gerne auf ‚Dionysos’ eingelassen, ohne die Partitur überhaupt noch zu kennen und viel über die Oper zu wissen: „Das Schöne ist doch, dass man spürt, dass so ein Komponist einfach nur so ein paar Hinweise gibt, weil er wahnsinnig Angst hat davor, dass er zuviel darüber redet. Das fand ich schon sehr interessant. Der Rihm ist ja keiner, der sich so einen Masterplan macht und dann einfach ausfüllt, es ist eher das Entstehen der Musik beim Schreiben.“ Es wird also spannend (hr).
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