Der Release Radar ist eine monatliche Auswahl an Single Releases aus dem Bereich Pop/Rock/Elektronik made in Austria.
BAIBA – „Black Hole“ (Super Plus Records // VÖ 24.11.’23)
BAIBA schreibt schon lange gute Songs. Seit geraumer Zeit finden sie sich im Kleid einer breitspurige Elektro-Pop Produktion wieder. Große Melodien mit langer Hallfahne geben den emotionalen Zeilen ein episches Sprachrohr.
Um das Kleine mit dem Großen zu Beschreiben, kommen kosmologische Anspielungen und Vergleiche gerade recht. „Black Hole“ heißt die neueste Single, dessen spannungsvolles Arrangement in schwerelosen Strophen Akkorden und Dub Step Drums mit wabernden Bässen abwechselt, um das emotionale Spannungsgefüge in einer anderen Dimension zu veranschaulichen.
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Christl – “Dark Blood” / “Tod” (Doppelsingle) (Ink Music // VÖ 24.11.’23)
„Tod“ erscheint in Form einer Doppelsingle. In einer kabarettistischen Vocal Performance verleiht Christl abwechselnd ihren lebensbejahenden und verneinenden Geistern ihre Stimme. Frech und koboldhaft hört man hier und da eine Nina Hagen durch das Mikrofon blitzen.
Den lyrischen Zeilen bedarf es lediglich einer homöopathischen Musikproduktion, in Form einer geisterhaft arrangierten Klavierbegleitung wie von Eiskaltem Händchen aus der Addams Family inspiriert.
Zum imposanten Finale klinkt sich der Kopf plötzlich aus und Christl schaltet in den Angriffsmodus. Die Selbsterhaltung zerschmettert stimmgewaltig die gesellschaftliche Norm wie auch die wohltemperierte Stimmung des Klaviers.
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Weniger dramaturgisch, dafür aber mit reichlich biblischer Narration kommt „Dark Blood“ daher. Eine soulige Sehnsuchtsballade, in der Holy Jesus Christl nicht mit testamentarischer Symbolik und Sakramenten spar, um sich im dazugehörigen Musikvideo als moderne Allegorie des personifizierten Leidens zu inszenieren.
„I wanna carry your heart, carry your heart, too”, singt die Salvatorin mit engelsgleicher Stimme und lässt uns dem erlösenden Album-Release im nächsten Jahr entgegenfiebern, wie das ungeduldige Kind dem Weihnachtsabend.
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Ben Clean – “Rote Lippen” (bennet // VÖ 23.11.’23)
„Rote Lippen“ ist keine neue Bearbeitung des „Lucky Lips“ Klassikers von Cliff Richard, sondern die neue Single von Ben Clean. Das schwer motivierte Duo um Sänger Benjamin Klien und dem Produzenten Maxi Nagl hat wieder sämtliche Einflüsse in einem Song vereint, um der auserwählten Herzallerliebsten ihre einzigartige Besonderheit auszusprechen. Dabei sind ehrliche Gefühlskundgebungen wie „Sie hat mich in der Hand – Fu*k!“ genauso markant wie die verzerrte Gitarre und der jagende Beat.
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Anda Morts – „Deine Nummer“ (Anda Morts // VÖ 17.11.’23)
Doch immer wieder erstaunlich wie wenig Produktion es um eine ausdrucksstarke Stimme braucht. Anda Morts zeigt bei seiner Live Session (buero butter) auf dem Salonschiff Fräulein Florentine in seiner Heimatstadt Linz, wie gegenwärtig eine klassische Punkrock Besetzung 2023 noch klingen kann. Staubtrocken kratzt die Reibeisen Stimme direkt am Herz. Dort eben, wo Musik ansetzen soll. Das merkt man oft daran, dass man mit einer Nummer resoniert, bevor die erste Verszeile überhaupt ausgesprochen wurde.
Somit sei der kommende Support von Anda Morts für Salò im Flex, nicht nur für alle Freunde des gepflegten punkigen Gitarren Rock ans Herz gelegt.
Anda Morts
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Erwin & Edwin – „Warihedi“ (OMdrom Music // VÖ 17.11.’23)
Erwin & Edwin‘s Erfolgsrezept war bislang die Kombination aus volkstümlichen Bläserarrangements, Après Ski Beats und satirischen “gute Laune” Texten in Mundart. „Warihedi“ ist das aktuelle Intermezzo, und kommt erstmals ohne das Diskoelement aus. Es ist eine phonetische Reflexion über das „was wäre eigentlich, wenn…?“.
Ja, was wäre eigentlich, wenn Erwin & Edwin eine akustische Nummer aufnehmen würden?
Ein ulkiges Gschtanzl, dass sich durch den Konjunktiv Ironie verschafft, und bei den Fans von La Brass Banda oder der Folkshilfe ganz sicher weiterhin Anklang finden wird.
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Somersby – „No more Tears feat. Lana Lam” (VÖ 17.11.’23)
Eine pathetische Ballade à la „The Rose“ von Bette Midler liefert die Salzburger Band Somersby mit ihrer aktuellen Veröffentlichung „No more Tears“.
Musikalisch hätte es absolut das Zeug in eine „Wedding Song Classics“ Playlist mitaufgenommen zur werden. Es empfiehlt sich jedoch bis zum Chorus zu warten, um die Ironie des pointierenden Arrangements zu verstehen. Dort nämlich entlarvt sich der Song als sarkastische Abrechnung mit vergangener Liebschaft, der man ganz bestimmt keine Träne hinterher weinen wird. Zugegeben, nicht selten finden sich auch Songs wie „I still haven’t found what i’m looking for“ (U2) auf den Wunschlisten für die Trauung, der für einander Bestimmten. Und auch Leonard Cohen’s „Hallelujah“ zeigt sich in den Versen nicht ganz so heilig, wie es so manches weiße Brautkleid zu suggerieren vermag. So gesehen ein universal einsetzbarer Song, für alle, die nicht so genau auf den Text hören.
Somersby (Instagram)
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Shiano23 – „Sun Ally” (Anaves // VÖ 11.11.’23)
Shiano23 ist ein junger Rapper aus Linz, der mit seiner Debütsingle „Sun Ally“ zu einer neuen Generation von Rappern gehört, die sich – einem neuen Männlichkeitsideal entsprechend – auch emotional verletzlich zeigen können.
Jay-Z hätte eigentlich auch Mitleid mit Shiano23 gehabt, aber der musste sich bekanntlich um 99 anderen Probleme kümmern, so dass ressourcentechnisch keine Kapazitäten für Liebeskummer vorhanden waren.
Wie schön, dass in unseren Breitengraden anscheinend alle körperlichen Grundbedürfnisse gedeckt sind und endlich Zeit für geistige Aufräumarbeiten ist.
Nun sind seit „99 Problems“ von Jay-Z mittlerweile schon 20 Jahre vergangen, in denen sich die Geschlechter Stereotypen diversifiziert haben, und folglich autogetunete Textzeilen wie „Komm zurück, mir is so kalt ohne dir“ ausschließlich also positiv zu bewerten sind.
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Endless wellness – „Danke für alles“ (Ink Music // 17.11.’23)
Eine Band, die das Sudern nicht nur als willkommene Strategie zur Steigerung ihrer Aufmerksamkeit praktiziert, sondern ihren kritischen Blickwinkel in gereifte Phrasen packt, sind Endless Wellness. Denn sudern kann ja jeder. Hoffnung schimmert bei „Danke für alles“ in Form von subversiver Energie aus jedem Ton, und so trotzen sie unserem Allgemeinzustand, ohne sich von diesem geschlagen zu zeigen, oder ihn gar zu ignorieren.
Sarkastische Anspielungen à la „Ich möchte kein Eisbär sein, ich möchte eine Zukunft“ solidarisieren sich mit einer vorangegangenen Generation kritischer Songwriter und adaptieren dieses Lebensgefühl unter Hinzunahme nur eines einzigen Buchstabens in das absolute Hier und Jetzt.
„Was für ein Glück“, dass das Debütalbum von Endless Wellness bereits ab 26.01.2024 die österreichische Musiklandschaft um einen Klassiker bereichern wird.
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Oh alien – „Grow“ (Assim Records // VÖ 17.11.’23)
„Grow” ist die nächste Single aus dem für 2024 geplanten Debütalbum der Band Oh alien. Inhaltlich geht es um einen Zustand, in dem das Gehirn scheinbar gezwungen ist, alle Weichen der Synapsenbahnen in Richtung einer einzigen Person zu stellen. Im Positiven wie im Negativen. „I only think of you, nothing i can do, nothing i can do” ist in seiner repetitiven Stilistik geradezu lautmalerisch für die inhaltliche Symptomatik. Keine Chance, einen anderen Gedanken zu fassen. Genau das wird durch das schlichte, aber gerade deshalb so effektvolle Arrangement mit der 16tel-Sequenz im Chorus nochmal fett unterstrichen.
Oh Alien
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AYMZ – „Allerletzter Tag“ (Break Them Records // 10.11.’23)
Auch wenn man es nicht wahrhaben möchte und sich das Schöne vergangener Tage zurückwünscht, gibt es manchmal einfach kein Zurück mehr. AYMZ sehnt sich in ihrem neuen Song, der zugleich Vorbote der Anfang Dezember erscheinenden EP ist, nach den schönen Momenten einer zu Ende gegangenen Beziehung, mit dem Wissen, dass diese unwiederbringlich sind. Daher auch der eher melancholische Grundton des Songs, der zwar ruhig und verhalten startet, sich aber spätestens mit dem Refrain zu einer mitreißenden Tanznummer entwickelt. Ein echter Ohrwurm, der sowohl in Bewegung versetzt als auch berührend ist. Man darf wirklich gespannt sein auf die EP.
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Rahel – „bitte nicht in blicken/Zum Tag des Barsches“ Doppelsingles (Ink Musik // VÖ 10.11.’23)
„Ich küsste dich im Affekt, [denn] niemand ist perfekt.“ – Nein, Rahels neue Single ist keine verspätete antifeministische Positionierung in Luis Rubiales Bussi-Gate. Vielmehr ist es eine emanzipierte Geste, einem sexistischen Klischee die kalte Schulter zu zeigen. Dass sich dies bei Rahel nicht in einer plumpen Kampfansage an das Mannsein per se ausdrückt, war durch die durchgängige Stilsicherheit ihrer bisherigen Veröffentlichungen vorhersehbar.
Statt Männlichkeit zu verteufeln, verkörpert sie eine dem Klischee nach damit konnotierte Eigenschaft durch emanzipierter Selbstsicherheit.
Dies geschieht in einer Fülle von doppelbödigen wie pikanten Anspielungen, die deutlich machen, dass es nicht immer nur die Männer sind, die das Eine wollen, und die Frauen, die alles verkomplizieren.
„Halt mein Haar – aber nicht meine Hand – Es fliegt höher, wer nicht nach dem Griff verlangt“ ist so eine Zeile, die vermutlich niemand, der nach dem Weltkrieg geboren ist, inhaltlich als provokant bezeichnen würde, aber es ist doch immer wieder schön, wenn jemand dafür schöne Worte findet. Sind wir doch alle glücklicherweise viel mehr als entweder Mann oder Frau.
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Und weil keiner immer nur über allen Dingen stehen kann, erscheint als zweiter Teil der Doppelsingle ein Lied des verletzlichen Lyrische Ichs. In „Am Tag des Barsches“ beschreibt es sich als geknackter Panzer. Ein überfordertes Ich, in einer Zeit des Umbruchs, in der „keiner sagen [kann], ob er fällt oder fliegt”.
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Alicia Edelweiss – „Rest“ (AGGRESSIVE ANIMAL RECORDS // 10.11.’23)
Wann nehmen uns die Maschinen endlich die Arbeit ab?!
Denn dann hätten wir vielleicht mehr Zeit für die wirklich herausfordernden Themen unserer Zeit und müssten nicht sehenden Auges mit dauergestresster Überforderung in eine unheilvolle Zukunft blicken.
Augen zu und unsichtbar, sollte jedem Menschen, der dem Kleinkindalter entwachsen ist, als keine Möglichkeit der Problembewältigung dienen. Doch der überreizte Alltag scheint uns kollektiv zu dieser Fehlwahrnehmung zu verführen.
In der aktuellen Single „Rest“ menetekelt Alicia Edelweiss lautmalerisch.
Der Synthesizer ersetzt diesmal das zum Markenzeichen gewordene Akkordeon und sorgt in Kombination mit den geisterhaften Chören und dem dämonischen Glockenspiel für eine unverkennbare Soundästhetik zwischen Danny Elfmann und Soap&Skin.
Passender kann man das aktuelle „Nightmare before Christmas“ kaum vertonen.
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5K HD – „Off And On“ (Ink Music // 08.11.’23)
Studioproduktion oder klassischer Bandsound? Diese Frage stellt sich oft, bevor eine Band ins Studio geht. Mit der ersten Variante lässt sich durch das Hinzufügen von beliebig vielen Tonspuren und Bearbeitungsmöglichkeiten ein distinguiertes Bild erzeugen. Bei der Live-Umsetzung ist dann meist das virtuelle Bandmitglied namens Laptop unverzichtbar, wenn der Song auf der Bühne der Studioproduktion entsprechen soll.
Oder man macht es wie die Wiener Formation 5K HD und experimentiert im Vorfeld mit traditionellen Instrumenten und Effektgeräten, um ihnen wirklich einzigartige neue Sounds zu entlocken.
Die zarte Stimme von Mira Lu Kovacs und der mal gestrichene, mal gezupfte Kontrabass von Manu Mayr verschmelzen mit dem Synthesizer Arpeggio und progressiven Drums zu einem einzigartigen Song, in dem alle Stimmen gleichberechtigt zu sein scheinen. Abgerundet wird das Sounddesign durch die effektierte Trompete von Martin Eberle.
So reiht sich „On & Off“ in die bisherigen Veröffentlichungen gekonnt und stilsicher ein, und hebt sich parallel dazu von einem Großteil der Masse ab.
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