Porträt: Pop:sch

Fast eineinhalb Jahre ist es her, dass die Wiener Combo Pop:sch ihr Debüt „Top of the Pop:sch“ (Las Vegas Records) veröffentlicht hat. Ein Album, das in Österreich die Wogen hochgehen lies und polarisiert hat. Wer und was sich hinter Pop:sch verbirgt, wird hier nun genauer unter die Lupe genommen.

Pop:sch ist eine vierköpfige Band in einer Girl-Boy Konstellation im Verhältnis 2:2. Pop:sch kommt aus Wien. Pop:sch ist ein Queerpop-Projekt, dass 2007 gegründet wurde und vor allem ist Pop:sch eine der ganz wenigen österreichischen Queer-Formationen, die es gewagt hat aus dem Szene-Milieu auszubrechen und sich einer breiten Öffentlichkeit zu stellen.

In Berlin, London und Paris hat die Bewegung bereits den Weg in die Allgemeinheit gefunden, in der vermeintlichen Weltstadt Wien werden zumindest schon die ersten Barrieren gebrochen, um Queerpop endlich aus dem Untergrund zu holen. So kämpfen Alex, Flo, Martina und Fräulein Potmesil nun an erster Front, und schießen mit einer Trash-Attitüde und rohem Electro-Pop um sich. 10 Songs umfasst das erste Album, alle Lieder sind in einem langjährigen Schaffensprozess entstanden, was den ein oder anderen Rezipienten womöglich zu wundern vermag. Für Einige erscheint das Album wohl zu simpel gestrickt : Ohrwurmgarantie am laufenden Band, Drummachine-Monotomie, Plattitüden und Sound-Recycling aus Achziger-Jahre-Synthiepop, Neunziger-Jahre Eurodance und Nuller-Jahre Electroclash. Doch mit der Hintergrundinformation, dass es sich bei der Formation keineswegs um professionelle Musiker handelt, sondern um Personen, die in ihrem Alltag gewöhnlichen Berufen u.a. als Friseur, Büroangestellte oder Sozialarbeiterin nachgehen, bekommt das Erstlingswerk eine neue Relevanz. Das Musikprojekt wurde im wahrsten Sinne des Wortes, aus einer Schnapsidee geboren. Im Laufe einer langen Nacht wurde an einem Konzept gefeilt, das klare Ideologien verfolgt.

Top of the Pop:sch ist gewissermaßen Mittel zum Ausdruck. Hedonismus versus politischer Anspruch. In charmant direkter Art bekommt jeder einzelne Song eine bipolare Bedeutung. So dreht in der Singleauskoppelung „Shave“ nicht nur um Haarfetisch sondern gleichzeitig auch um genderspezifische Schönheitsaspekte, in „My Life“ wiederum wird auf sehr überzogene wie auch lustige Art und Weise das Thema der sozialen Ungerechtigkeit transportiert. Pop:sch vermitteln queeres Lebensgefühl mit politischer Haltung, und gerade deshalb lohnt es sich, zwischen den Zeilen der einzelnen Songs zu lesen.

Pop:sch – My Life by mica

Die Trashpop-Gruppe zeigt Engagement für Pride-Veranstaltungen. Das Quartett ist unter anderem bei der Regenbogenparade, dem Global 2000 Festival, sowie bei der Berliner Sympathiekundgebungs-Hafenparty „CSD auf der Spree“ aufgetreten. Insbesondere bei letztgenannter Veranstaltung zeigte sich das Publikum vom Wien-Exponat positiv überrascht, zumal die Truppe in der Berliner Queer-Szene schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Bereits im September 2011 zeigten sich die Österreicher bei der Veranstaltung „Queer Noises Festival“ im Rahmen der Berlin Musik Week von ihrer extravagantesten Seite.

Dass sich mittlerweile nicht mehr nur eine gezielte Gruppierung mit Queer-Pop identifizieren kann, sondern bereits eine kulturelle Form der Vergesellschaftung aufgetreten ist, führt darauf zurück, dass der Terminus „Queer“ bereits zu einem repräsentativen Label aufgestiegen ist. Selbst heterosexuelle Menschen zelebrieren den queeren Lebensstil und spiegeln diesen in Mode, Kunst, Musik und Tanz wieder. Die in New York entstandene Ballroom-Szene hat gerade ein Comeback und mit ihr feiert die Ausdrucksform  des „Voguing“ ein großes Revival. Was mit Madonnas Zitat: „Strike the Pose.“ Anfang der Neunziger in den Mainstream eingeleitet wurde, wird aktuell mit Performances von Lady Gaga und Co. weitergeführt.

Pop:sch hat mit massentauglicher Queerpop-Attitüde natürlich nichts Neues erfunden, aber dennoch kann man die Band hier in Österreich als Vorreiter eines Trends bezeichnen.

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Da Pop:sch gerade an neuem Material arbeitet, bekommt man die schräge Truppe derzeit leider viel zu selten zu Gesicht. Einziger Wermutstropfen nach der langen Bühnen-Abstinenz in Österreich ist der, dass Pop:sch am 21.12. 2012  in der ArgeKultur Salzburg gemeinsam mit dem Wiener Indiepop-Duo “My name is music” spielen werden. Dieses vorweihnachtliche Popzuckerl sollte man sich keineswegs entgehen lassen.

Und wer schon mal das Youtube-Video gesehen hat, auf dem die Formation als Background-Tanzgruppe der großartigen Amanda Palmer in Erscheinung tritt, der weiß, was es im Dezember zu verpassen gibt. In diesem Sinne warten wir ganz gespannt auf die kommende Live-Show des schrill-verschrobenen Quartetts aus Wien und hoffen auf ein baldiges Album-Release. (bw)

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