„PLÖTZLICH HÖREN MENSCHEN DIESE SONGS UND SEHEN MICH DAMIT“ – FILIAH IM MICA-INTERVIEW

Zwischen Überforderung und Loslassen, zwischen Wut, Verletzlichkeit und Selbstbeobachtung bewegt sich FILIAH auf ihrem neuen Album „A Deep Breath Out“ (VÖ: 5.6.). Hinter dem Projekt der Wiener Musikerin, die eigentlich NINA SCHWARZOTT heißt, steckt längst nicht mehr nur klassischer Singer-Songwriter-Folk, sondern ein Sound, der Intimität mit Bewegung verbindet und dabei bewusst Raum für Widersprüche offenlässt. Viele der Songs begleiten FILIAH bereits seit Jahren, andere sind erst kurz vor Fertigstellung des Albums entstanden – gemeinsam formen sie ein persönliches Zeitdokument ihrer Zwanziger und ein bewusstes Ausatmen nach einer langen Phase der Unsicherheit. Im Interview mit Ania Gleich spricht FILIAH unter anderem über das Bedürfnis, Dinge loszulassen, über ADHS und Masking, die Angst vor Sichtbarkeit und darüber, wie sich Songs mit der Zeit immer wieder verändern können.

Seit deinem letzten Interview im September ist extrem viel passiert – im Oktober kam erst deine letzte EP und jetzt erscheint am 5. Juni bereits dein Album „A Deep Breath Out“ . Wie fühlt sich dieses Tempo gerade für dich an?

Filiah: Ja, es ist gerade ein bisschen intensiv. Drei Songs von der EP sind auch am Album, aber insgesamt ist wahnsinnig viel entstanden. Der 5. Juni ist auch mein Geburtstag und fällt dieses Jahr auf einen Freitag, also auf einen klassischen Release-Tag. Außerdem begleitet mich die Zahl 27 schon lange. Ich bin jetzt 27, habe einen Song auf meinem ersten Album, der „27“ heißt, und referenziere die Zahl auch in anderen Songs. Dieses Jahr fühlt sich für mich einfach so an, als würde ich all die Musik, die lange herumgelegen ist, endlich abschließen. Nach dem Motto: Bevor ich 28 werde, muss das noch raus.

Das passt eigentlich perfekt zu meiner ersten Frage. Dein Album trägt dieses starke Atemmotiv in sich – was genau atmest du mit dem Album aus?

Filiah: Vor allem vieles von dem, womit ich mich in den letzten Jahren beschäftigt habe. Ich habe mich intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt und mit gewissen Mustern in meinem Verhalten. Zeitweise ging es mir auch nicht besonders gut. Ich habe viel mit Depressionen und Angst zu kämpfen gehabt. Darüber sind sehr viele Songs entstanden. Das Album fühlt sich für mich deshalb an wie dieser Moment nach einem wirklich guten Gespräch, in dem plötzlich alles gesagt ist. Dieses tiefe Ausatmen. Ich lasse vieles los, das lange auf mir gelegen ist, und auch viel Wut. Deshalb bedeutet mir das Album so viel. Es hat über die Jahre unglaublich viele Formen angenommen, mehrere Konzepte gehabt, Songs sind dazugekommen und wieder verschwunden. Obwohl es jetzt relativ kurz nach der EP erscheint, ist es eigentlich seit sechs oder sieben Jahren in Arbeit. Der älteste Song ist entstanden, als ich ungefähr 20 war, der neueste erst im Dezember. Dadurch ist das Album für mich auch ein schönes Zeitdokument meiner Zwanziger geworden.

Bild der Musikerin Filiah
Filiah © Sophie Löw

Das klingt fast so, als wäre das Album nicht nur ein Zeitdokument deiner Zwanziger, sondern auch eine Art Abschluss davon – ein Versuch, gewisse Dinge loszulassen oder zumindest anders mit ihnen umzugehen?

Filiah:  Für mich ist dieses Album wirklich ein Loslassen bestimmter Dinge. Das heißt natürlich nicht, dass man einen Song schreibt und danach plötzlich über alles hinweg ist. So funktioniert das nicht. Aber das waren Songs, die ich schreiben musste: in Momenten, in denen es gar nicht anders ging, als diese Gefühle irgendwie in Musik zu verwandeln.

Es ist spannend, dass jetzt Songs auf dem Album sind, die sogar älter sind als dein Debüt von 2022. Wie hast du entschieden, welche Songs letztendlich reinkommen?

Filiah: Es musste sich einfach richtig anfühlen. Die Songs mussten thematisch zusammenpassen, aber auch musikalisch miteinander funktionieren. Das erste Album war noch sehr folkig und komplett in meinem Wohnzimmer aufgenommen. Ich habe damals alles alleine gemacht. Diesmal steckt unglaublich viel Liebe von anderen Menschen darin – vor allem von meinen besten Freund:innen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mit Leuten zu arbeiten, bei denen ich wirklich aufgehoben bin. Menschen, bei denen ich mich nicht verstecken oder ständig beweisen muss. Gerade als Frau, die produziert und generell in der Musikwelt aktiv ist, hat man oft das Gefühl, viermal so gut sein zu müssen, um überhaupt ernst genommen zu werden. Und diesmal war es zum ersten Mal anders. Ich hatte das Gefühl, einfach ich selbst sein zu können.

ES IST SCHÖN, WENN MAN MANCHMAL GAR NICHTS ERKLÄREN MUSS UND DER ANDERE TROTZDEM GENAU VERSTEHT, WAS GEMEINT IST“ 

Du hast deine Leute im letzten Interview sogar als Chosen Family beschrieben.

Filiah: Ja, das stimmt immer noch total. Es ist wichtig, sich so einen Safe Haven aufzubauen – mit Menschen, die ehrliches und gutes Feedback geben. Zum Beispiel mit Thomas Böck, mit dem ich gemeinsam produziere. Ich nenne ihn gerne die Hälfte meiner letzten Gehirnzelle. Es ist schön, wenn man manchmal gar nichts mehr erklären muss und der andere trotzdem genau versteht, was gemeint ist. Diese musikalische Kommunikation fühlt sich sehr selbstverständlich an. Eigentlich wollte ich schon viel früher mit ihm arbeiten, habe mich aber lange nicht getraut zu fragen. Vor ungefähr drei Jahren haben wir dann begonnen, gemeinsam Songs von mir neu zu produzieren. Einige ältere Stücke haben es letztendlich auch auf das Album geschafft.

Was steckt jetzt auf dem Album, das auf der EP vielleicht erst angeteasert wurde? Und wie fühlt sich das Album im Vergleich zur EP an?

Filiah: Für mich war die EP vor allem ein Neuanfang. Ich bin eigentlich ein totaler Album-Mensch – ich höre wahnsinnig gerne Alben und habe meistens das Gefühl, viel zu viel sagen zu wollen, um das in einer EP unterzubringen. Gleichzeitig ist ein Album machen zu können natürlich auch ein riesiges Privileg. Ohne den Musikfonds hätte ich mir das gar nicht leisten können. Die EP war deshalb erst einmal ein vorsichtiger erster Schritt. Gerade nach der längeren Pause war es gut, wieder langsam hineinzufinden und zu schauen, wie es sich anfühlt, überhaupt wieder etwas zu veröffentlichen.

So ein erster Schritt zurück in die Öffentlichkeit?

Filiah: Genau. Das Album war damals noch nicht in dieser Form geplant. Aber ab dem Moment, in dem ich erfahren habe, dass ich die Förderung bekomme, war ich sofort: Okay, jetzt geht’s los. Die EP war für mich trotzdem extrem angsteinflößend. Ich hatte wahnsinnig Angst davor, wieder Musik zu releasen. Gleichzeitig war sie aber ein guter Weg, um mit diesem Gefühl umzugehen. Beim Album ist das jetzt ganz anders. Ich freue mich einfach unglaublich darauf. Ich bin extrem stolz darauf und liebe die Musik, die da entstanden ist. Und ich habe gerade gar nicht mehr das Gefühl, Angst davor zu haben, all das zu zeigen. Sobald die Songs draußen sind, gehören sie irgendwie nicht mehr nur mir. Das fühlt sich total angenehm an. Im Moment freue ich mich einfach nur darauf, dass sie endlich erscheinen. Fast so, als wäre ich nur das Mittel gewesen, damit sie ihren Weg nach draußen finden.

Eigentlich schön – als wäre die EP das Einatmen gewesen und das Album jetzt das Ausatmen.

Filiah: Voll. Wobei die EP eher eine Kurzatmigkeit war. Es war schon intensiv, wieder Musik zu veröffentlichen. Ich habe völlig unterschätzt, was das emotional mit mir machen würde. Plötzlich hören Menschen diese Songs und sehen mich damit: das war schön, aber gleichzeitig auch extrem überwältigend.

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Im letzten Interview hast du erzählt, dass sich die Bedeutung deiner Songs oft erst im Nachhinein entfaltet. Gibt es auf dem Album auch Tracks, die du heute ganz anders verstehst als beim Schreiben?

Filiah: Ja, total viele sogar. Gerade die älteren Songs. Es gibt einen Song, der „If I Leave It All Behind“ heißt. Der erscheint allerdings nicht direkt mit dem Album, sondern später auf einem Extra-Release – wahrscheinlich im Herbst. Der Song hat im Lauf der Zeit ganz unterschiedliche Bedeutungen bekommen. Zuerst ging es darin für mich darum, Musik hinter mir zu lassen. Dann war er plötzlich über eine bestimmte Person. Und irgendwann wurde er fast wie ein Brief an mich selbst. Das entwickelt sich ständig weiter. Das Lustige daran ist auch, dass das der einzige Song auf dem Album ist, den ich komplett alleine produziert habe. Alles andere ist gemeinsam mit Thomas entstanden. Der älteste Song am Album ist „Hurricane“. Und ein anderer sehr alter Song heißt „People Just Change“. Der Titel erklärt sich eh fast von selbst. Inhaltlich bleibt der für mich eigentlich immer ähnlich, aber ich fühle ihn trotzdem noch genauso stark wie damals.

Ich glaube, das ist wahrscheinlich etwas, das man sein Leben lang fühlen wird. 

Filiah: Ja, genau. Und gleichzeitig verändern sich die Songs auch jedes Mal, wenn ich sie live spiele. Die Songs von der EP habe ich anfangs noch total nervös gespielt. Man sagt zwar immer, dass niemand so genau auf die Texte hört, aber für mich steckt da einfach sehr viel drinnen und war anfangs schwierig, diese Dinge laut auszusprechen und so viel von mir preiszugeben. Mittlerweile macht es mir einfach wahnsinnig Spaß, die Songs live zu spielen. Sie entwickeln sich mit der Band ständig weiter. Ich merke auch, wie viel gefestigter ich inzwischen in dieser Musik bin. Selbst wenn es dieselben Songs sind, steckt heute viel weniger Scham darin.

Du hast vorher schon diese Wut angesprochen, die im Album steckt. Wie hört man diese emotionale Bandbreite deiner Meinung nach in den Songs heraus?

Filiah: Das ist eine schwierige Frage, weil es für mich selbst ziemlich offensichtlich ist. Aber es gibt auf jeden Fall Songs, die sich ganz direkt damit auseinandersetzen – zum Beispiel „This Is Not Fun“ oder „Method Acting“. Und man hört es, glaube ich, auch musikalisch. Viele Songs treiben stärker nach vorne, sind energischer und wütender. Insgesamt bewegt sich das Album einfach mehr.

MAN KANN DAZU TANZEN, WEINEN ODER BEIDES GLEICHZEITIG FÜHLEN

Das Album wirkt viel treibender und offener, als man vielleicht erwarten würde. War es eine bewusste Entscheidung, diese emotionalen Themen nicht nur über klassische traurige Singer-Songwriter-Songs zu transportieren?

Filiah: Ja, voll. Coole Frage. Ich tanze einfach wahnsinnig gerne und finde, dass das auch ein extrem gutes Ventil sein kann. Tanzen kann ein total schöner Release sein – selbst wenn darunter eigentlich ein sehr trauriger Song liegt. Man kann dazu tanzen, weinen oder beides gleichzeitig fühlen. Genau diese Bandbreite mag ich. Früher war ich, glaube ich, sehr verschlossen. Mittlerweile denke ich aber viel stärker auch live. Ich finde es schön, wenn Leute tanzen, aber gleichzeitig trotzdem diese Momente haben, in denen sie kurz innehalten können. Oder wenn sie einfach einmal laut schreien können. Das mache ich live eh oft, dass wir gemeinsam einmal richtig laut werden. Ich mag diesen Kontrast. Dass vielleicht mehr hinter einem Song steckt, als man beim ersten Hören sofort versteht. Gerade merke ich das auch bei den Reaktionen auf die Musik. Leute kommen zu mir und sagen: „Cool, dass du jetzt solche Musik machst.“ Mein Dad meinte zum Beispiel irgendwann: „Super, dass du endlich schnelle Musik machst.“ Das fand ich extrem süß. Aber ich mag vor allem die Vorstellung, dass jemand einen Song zuerst einfach cool findet und irgendwann später vielleicht doch den Text genauer liest und merkt: Oh shit, da steckt eigentlich viel mehr drin. Vielleicht erkennt man sich dann plötzlich selbst darin wieder.

Tanzt du etwas Spezifisches?

Filiah: Nein, eigentlich gar nicht. Einfach intuitiv. Meistens alleine in meinem Badezimmer oder irgendwo in der Wohnung. Ich würde gerne mehr machen, aber gerade habe ich überhaupt keine Zeit für Hobbys. Aber ich finde Bewegung generell etwas total Schönes – auch bei Konzerten. Wenn Menschen sich sicher genug fühlen, sich wirklich zu bewegen, ist das etwas sehr Besonderes. Im Moment erlebe ich das bei den Liveshows zum ersten Mal richtig. Früher dachte ich immer, bei meinen Konzerten würden wahrscheinlich alle eher still dastehen und zuhören. Aber mittlerweile ist es total schön zu sehen, dass bei Filiah-Shows tatsächlich getanzt wird. Das hätte ich mir vor eineinhalb Jahren niemals gedacht. Früher konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, irgendwann mit einer Band auf der Bühne zu stehen. Einfach auch, weil alles so teuer ist. Dass das jetzt möglich ist, funktioniert eigentlich nur, weil das meine besten Freund:innen sind und wir gemeinsam versuchen, das irgendwie auf die Beine zu stellen. Deshalb fühlt es sich gerade extrem schön an zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt hat – auch wenn alles noch immer relativ klein ist.

Bild der Musikerin Filiah
Filiah © Sophie Löw

Du hast vorher erzählt, dass viele Songs sehr intuitiv entstanden sind und einfach geschrieben werden mussten. Gab es aber auch Songs, gegen die du dich richtig gesträubt hast?

Filiah: Ja, definitiv. „This Is Not Fun“ war zum Beispiel ein echter Kampf. Ich glaube, ich war noch nie so grantig darüber, einen Song fertig schreiben zu müssen. Thomas tut mir im Nachhinein fast leid, weil ich dabei wirklich anstrengend war. Ich bin einfach extrem stur, wenn ich etwas ganz genau vor mir höre oder fühle. Manche Dinge brauchen Zeit, bis sie richtig werden, aber ich wollte mir diese Zeit damals überhaupt nicht geben.

Aber wahrscheinlich gehört genau dieser Widerstand dann auch irgendwie zum Prozess dazu, oder?

Filiah: Voll. Entweder ich bin wahnsinnig stur oder ich gebe sofort auf. Gerade dieser Song war extrem anstrengend. Gleichzeitig ist es lustig, weil manche Songs sehr schnell entstehen und ich sie danach plötzlich überhaupt nicht mehr mag. Ich bin generell sehr kritisch mit mir selbst, auch wenn das mittlerweile besser geworden ist. Es gab oft Momente, in denen wir einen Song fertig hatten und ich sofort dachte: Das ist furchtbar. Und eine Woche später habe ich plötzlich gemerkt: Okay, das ist vielleicht das Beste, was ich je gemacht habe. Vor allem wenn etwas extrem persönlich wird, entsteht in mir oft zuerst Widerstand – wahrscheinlich auch, weil ich weiß, dass ich das irgendwann veröffentlichen werde. Aber gerade beim Album fühlt sich vieles inzwischen einfach okay an. Es ist ein längst überfälliger Schritt, dass diese Songs jetzt endlich rauskommen.

In deinem Album geht es viel um Masken – also darüber, wie sie gleichzeitig Schutz sein können, aber auch etwas, worin man sich verliert. Wie ist dieses Thema in deine Musik eingeflossen?

Filiah: Das ist eine sehr intensive Frage. Ich bin vor drei Jahren relativ spät mit ADHS diagnostiziert worden. Für mich war das Thema Masking deshalb extrem präsent. Ich hatte irgendwann das Gefühl, die ganze Zeit so zu sein, wie ich dachte, sein zu müssen. Genau darum geht es in „This Is Not Fun“ auch sehr stark. Man entwickelt so viele Mechanismen, um irgendwie richtig zu funktionieren. Und irgendwann verliert man völlig den Zugang dazu, wer man eigentlich wirklich ist. Man glaubt ständig, man macht Dinge falsch oder ist grundsätzlich falsch. Ich habe darüber lange nur indirekt gesprochen, obwohl das Thema eigentlich fast in meiner gesamten Musik steckt. Aber ich habe mich sehr lange nicht getraut, das wirklich auszusprechen. Ich wusste im Grunde schon seit ungefähr zwei Jahren, dass ich ADHS habe, aber ich habe mich nicht getraut, es anzusprechen, bis meine Therapeutin es irgendwann selbst gesagt hat. Davor war ich immer in diesem Gedankenmuster von: Wahrscheinlich bilde ich mir das alles nur ein. Wahrscheinlich stelle ich mich einfach nur dumm an. Ich war wahnsinnig hart zu mir selbst. Die Wut darüber hat sich lange komplett gegen mich gerichtet. Erst in den letzten Jahren lerne ich langsam, das abzulegen – auch, weil ich mittlerweile ein Umfeld habe, in dem ich mich sicher fühle und wirklich ich selbst sein kann.

ICH DACHTE WAHNSINNIG LANGE, ICH MÜSSTE EINFACH ALLES AUSHALTEN

Gerade bei Frauen bleibt ADHS oft lange unsichtbar, weil vieles über Kompensation und Masking aufgefangen wird. Gleichzeitig wird das Thema heute oft so inflationär diskutiert, dass viele Angst haben, nicht ernst genommen zu werden.

Filiah: Ja, total. Dieses ständige Kompensieren und Anpassen. Man sagt ja oft auch, dass die Hyperaktivität bei vielen Frauen eher im Kopf stattfindet und das kann ich zu drei Milliarden Prozent bestätigen. Es ist nicht immer diese sichtbare Hyperaktivität nach außen. Natürlich ist das wahrscheinlich auch ein Grund, warum ich Kunst mache. Aber gleichzeitig ist es auch extrem anstrengend und einschränkend. Ich dachte wahnsinnig lange, ich müsste einfach alles aushalten. Dass ich mich nur mehr zusammenreißen müsste. Ich war komplett in diesem klassischen Muster gefangen von: Du bist einfach faul. Du bist anstrengend. Du kannst nicht gut mit Menschen umgehen.

Um wieder ein bisschen den Bogen zurückzuschlagen: Die EP war für dich dieser Wiedereinstieg. Was erwartest du dir jetzt vom Publikum beim Album? Mehr Nähe? Mehr Konfrontation?

Filiah: Ehrlich gesagt, erwarte ich mir gar nichts. Ich freue mich einfach extrem, wenn Leute die Musik hören und wenn sie irgendwie resoniert. Das hat sich eigentlich nicht verändert. Ich versuche meine Erwartungen generell eher niedrig zu halten. Natürlich wünsche ich mir, dass Menschen das Album hören. Gleichzeitig ist gerade einfach wahnsinnig viel los und ich bin auch nicht unbedingt die Person, die jeden Tag komplett selbstverständlich Social Media bespielt. Und natürlich habe ich Angst, dass niemand zur Releaseshow kommt. Aber gleichzeitig freue ich mich auf dieses Konzert mehr als auf fast alles davor. Am schönsten ist es für mich, wenn Dinge passieren, die ich mir zwar wünsche, aber nicht erwarte. Wenn jemand schreibt, dass ein Song etwas mit der Person gemacht hat. Dass er jemanden durch eine schwierige Phase begleitet hat – oder auch durch eine schöne. Oder wenn irgendwo ein kleines Mädchen sitzt, das sich ähnlich fühlt wie ich damals mit zwanzig, und sich in der Musik wiederfindet. Wenn das resoniert, dann bedeutet mir das wahnsinnig viel. Ich mache die Musik in erster Linie trotzdem für mich selbst. Um mich besser auszuhalten oder besser zu verstehen. Und ich versuche wirklich, den Gedanken festzuhalten, dass die Songs, sobald ich sie veröffentliche, nicht mehr nur mir gehören. Dann dürfen sie ihr eigenes Leben bekommen.

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass du dir Sorgen um die Releaseshow machen musst. Aber selbst wenn nur wenige Leute kommen würden – solche kleinen Shows können oft die schönsten sein?

Filiah: Voll. Wir waren im März auf Tour und hatten teilweise wirklich kleine Shows. Bei der am schlechtesten besuchten waren vielleicht zehn Leute da und wir sind selbst schon sechs Leute in der Band. Für mich ist das emotional manchmal schwierig, weil es mir extrem wichtig ist, dass alle fair bezahlt werden. Ich kenne die Bedingungen als Musikerin einfach gut genug, weil ich selbst auch in anderen Bands spiele und weiß, wie hart das oft ist. Aber gleichzeitig liebe ich diese kleinen Shows total. Wenn man den finanziellen Stress kurz ausblenden kann, sind das oft die intimsten und schönsten Konzerte. Fast wie Musikmachen unter Freund:innen. Das Schöne bei Filiah ist auch, dass ich flexibel sein kann. Ich kann solo spielen, im Duo, Trio oder mit kompletter Band. Man muss einfach immer schauen, was sich für welche Show sinnvoll umsetzen lässt.

Und wahrscheinlich entstehen genau in diesen kleinen, unerwarteten Situationen oft die besonders schönen Konzertmomente.

Filiah: Voll. Genau das meine ich. Wenn man es schafft, für einen Moment den Druck auszublenden, dann entsteht dort oft etwas total Besonderes. Trotz allem ist das für mich immer noch der schönste Job der Welt, weil ich einfach nichts so sehr liebe wie Musik zu machen.

Das sind eigentlich perfekte Schlussworte. Danke dir für deine Zeit.

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Die Release-Show zu „A Deep Breath Out“ findet am 5. Juni im Porgy & Bess in Wien statt.

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Ania Gleich 

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