Playlist zum Glück: Ein Buch über die Kraft von Pop-Songs

Jeder Musik-Fan kennt das: Es gibt Lieder, die passen einfach zu einem bestimmten Lebensabschnitt, weil sie ein schwer in Worte zu fassendes Gefühl musikalisch wie textlich genau auf den Punkt bringen. Man kann sie deshalb unzählige Male hören, und jedes Mal, wenn man sie hört, beschwören sie diese Zeit, dieses Gefühl herauf und machen einen einfach glücklich. Ob man es will oder nicht, die Lieder werden zu Lebensbegleitern.

Buchcover Playlist zum Glück
Buchcover “Playlist zum Glück”

Über solche Songs, 99 1/2 an der Zahl, hat Michael Behrendt nun ein so launiges wie lehrreiches Buch geschrieben. “Playlist zum Glück” heißt es, und der Frankfurter Autor und Journalist, der zuvor schon ein Buch über verunglückte Songtexte geschrieben hat (“Mein Herz hat Sonnenbrand”), zeigt nicht nur, wie man in einem Dylan-Song Orientierung finden und mit Kenny Rogers gelassen bleiben kann, auch wenn das Blatt denkbar schlecht ist, das man im übertrageben Sinne in Händen hält, es bringt auch Werke so unterschiedlicher Interpreten wie Taylor Swift und Nina Simone oder Ariane Grand und Peter Gabriel in einen Zusammenhang. Manche dieser Lieder sind zentnerschwer, andere federleicht. Alle aber bedeuten sie dem Autor etwas, aus sehr unterschiedlichen Gründen: So beleuchtet Behrendt Songs für den Frustabbau und die innere Einkehr, Songs, die einen ermuntern, den Partner ernst zu nehmen und über sich selbst zu lachen.

Er kramt Vergessene Perlen wie “Dust in the Wind” von Kansas hervor – ein Lied, das uns die eigene Vergänglichkeit vor Augen führt, und zeigt anhand eines Welthits wie “Ironic” von Alanis Morissette, dass auch ein Lied, das man schon hunderte Male mitgesungen hat, bei genauerem Hinhören ungeahnte textliche Tiefe offenbaren kann. So erzählt “Ironic”, wenn man sich auf das Lied wirklich einlässt, sehr schlau von der Macht des Zufalls. Manche Botschaften sind leichter zu entschlüsseln wie etwa “Gonna make you sweat” oder “Free your mind”, andere sind versteckter wie die in Bruce Springsteens “Dancing in the dark”, einem Song, der weniger vom genussvollen Tanzen im Dunkel als vielmehr vom rastlosen, verzweifelten Suchen erzählt.

Behrendts Buch beweist, dass man durchaus von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie John Lennon und Eminem lernen kann und dass ein bisschen Pragmatismus nicht schaden kann, wenn man durchs Leben geht, weil man halt nicht immer das kriegt, was man will, sondern “nur” das, was man braucht (Rolling Stones, You can´t always get, what you want”). Ganz nebenbei bekommt man beim Lesen jede Menge pophistorisches Wissen vermittelt: Man erfährt, warum die Doobie Brothers Doobie Brothers heißen und dass das für den Western Butch “Cassidy and the Sundance Kid” von Burt Bacharach geschriebene “Raindrops keep falling on my head” zunächst für zu wenig western-like gehalten wurde, um dann wider Erwarten aufgrund seiner unwiderstehlichen Melodie doch zum Hit zu werden. Oder dass Ashford & Simpson, die sich in den 1960er Jahren in einer Kirche in Harlem kennengelernt hatten, tatsächlich mehr als vierzig Jahre miteinander verheiratet waren, und demnach genau wussten, wovon sie in ihrem 1980er-Jahre Hit “Solid as a Rock” sangen.

Erfreulich ist, dass mit Udo Jürgens und Ariel Oehl auch zwei Österreicher:innen eigene Kapitel gewidmet sind. Und am Ende jedes Abschnitts laden Hör-Tipps dazu ein, sich weiter in das jeweilige Thema zu vertiefen und das zu tun, was im Zeitalter von Youtube und Spotify ein wenig abhandengekommen ist: Genaues Hinhören nämlich. Das Erfassen von Songs nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern als das, was sie sind: Kleine Gesamtkunstwerke.

Lässt sich der tägliche Wahnsinn mit Musik besser bewältigen? Kein Zweifel, ja! Haben Musikfans ein besseres leben? Es gibt Studien, die bejahen diese Frage, weil sie nachweisen, dass die Lieblingsmusik das Schmerzempfinden unterdrücken kann. Doch ganz egal, wie kritisch man dem gegenübersteht, eines ist sicher: Leute, die früher Mixtapes erstellt haben und heute Playlists erstellen, haben etwas, auf das sie zugreifen können, wenn sie sich schlecht fühlen. Etwas, zu dem sie im Takt heimlich mitwippen oder lauthals mitsingen können, und dass man sich danach besser fühlt, ist wohl unbestritten.

Markus Deisenberger

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Michael Behrendt
Playlist zum Glück. 99 ½ Songs für ein erfülltes Leben
Über die inspirierende, tröstende, therapeutische Kraft der Musik – Mit umfangreicher Playlist zum Buch
Reclam Verlag

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Michael Behrendt
Literatur Wildner