Das 38. Osterfestival Tirol beginnt mit seinem Vorprogramm – 40 Orte und OrgelSPIEL – bereits am Aschermittwoch (18. Februar).
In seiner fast 40-jährigen Geschichte widmet sich das Festival mit zeitgenössischer Kunst Themen, die unsere Gesellschaft bewegen. Das diesjährige Motto – un_endlich – stellt u.a. das Spiel mit vermeintlich unüberwindbaren Gegensätzen und die heutige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ins Zentrum. Zum Kern des Geschehens führt die Eröffnung: Stete Wiederholung, das Zyklische mit kleinsten Veränderungen zeichnet den Minimalismus, vertreten durch Steve REICH, Gavin BRYARS und Philip GLASS, aus (Sa, 21. März).
Die Beziehung zum Anderen ist eine Beziehung zur Unendlichkeit. Der Andere entzieht sich jedem Versuch, ihn vollständig zu begreifen oder zu besitzen. Seine bloße Gegenwart verpflichtet mich.
Emmanuel Levinas
Wie sehr es sich lohnt auf diese Beziehung zu bauen zeigen Performance, Theater und Musik. So geht Unfolding an Archive (Mi, 1. April) der jungen Choreographin und Tänzerin Zoë Demoustier u.a. der Inszenierung von Bildern des menschlichen Leides nach. Das autobiographische Stück Between the River and the Sea (Mo, 30. März) macht komplexes Zusammensein erfahrbar und lädt zum intensiven Überdenken vorgeformter Ansichten ein. Im Gesamtkunstwerk Insulae (Di, 31. März)bricht der französische Ausnahmekünstler Pierre Jodlowski nicht nur Genregrenzen auf, sondern führt in dystopische Szenarien mit Video, Musik und Elektronik. Die Spielenden werden als Hologramme in einer endlosen Schleife unsterblich.
Auch im Spannungsfeld von Alt und Neu – zwischen Uraufführungen, Renaissance- und Barockmusik – begegnen wir dem Anderen. The Present (Fr, 27. März) setzen mit Auftragswerken von Catherine Lamb, Günther Zechberger und Hannes Kerschbaumer ein Zeichen für die Passion im 21. Jahrhundert ein. Cantando Admont beschreibt das Leiden durch Krenek und Ockeghem (Karfreitag, 3. April). Wie sehr die theatrale Emotionalität von Bachs Zeitgenossen Caldara und Zelenka heute noch berührt, ist am Palmsonntag (29. März) herauszufinden.

Körper, Bewegung und vor allem Tanz kann verbinden: Die algerisch-französische Choreographin Nacera Belaza spürt in La Nuée (Sa, 28. März) einer Ursprache des Körperlichen nach und lässt das Publikum Teil von tranceartigen Zuständen werden. Doris Uhlich beschreibt mit der Grande Dame Susanne Kirnbauer in Come Back Again die Kraft der Endlichkeit (Di, 24. März). Die Einheit von Mensch und Natur feiert das Festival zum Abschluss des Festivals mit Guy Nader und Maria Campos am Ostersonntag (5. April).
Das gegenseitige Begreifen, das Verständnis für den anderen steht im Zentrum von Gesprächen. Im Dialog setzen sich u.a. Marlene Streeruwitz, Ilija Trojanow und Franz Eder (Di, 24. März) mit den rückwärtsgewandten Tendenzen und Machtstrukturen der letzten Jahre auseinander. Sie zeigen – gemeinsam mit allen anderen Beiträgen – die Wichtigkeit des (Mit)denkens auf.
Denken ist nicht gleichbedeutend mit Erkennen oder Wissen. Denken zielt nicht auf Ergebnisse ab, die sich ansammeln ließen, und es hinterlässt keine sicheren Wahrheiten. […]die Abwesenheit des Denkens – das gedankenlose Sich-Einlassen auf Regeln, Befehle und gängige Meinungen – [ist] eine der Bedingungen der Möglichkeit des Bösen. Nicht weil Denken automatisch gut machte oder vor falschem Handeln schützte, sondern weil das Denken den Menschen zwingt, bei sich selbst zu bleiben, sich Rechenschaft zu geben und mit sich selbst im Gespräch zu sein. Wo dieses Gespräch verstummt, dort wird alles möglich.
Hannah Arendt
Link:
Osterfestival Tirol