„Oh, eine neue SMS, und sie ist von mir“ – DER NINO AUS WIEN im mica-Interview

DER NINO AUS WIEN schreibt gern am Meer. Oder vor dem Einschlafen. Sein neuer Film-Soundtrack „Zirkus“ – gemeinsam mit ERNST MOLDEN – entstand anders. Der Wiener Liedermacher im Interview mit Stefan Niederwieser.

Gehst du noch in deine alten Stammlokale, ins Dezentral und ins Zweistern?

Der Nino aus Wien: Ich habe acht Jahre neben dem Dezentral gewohnt. Ich wohne jetzt im Zehnten und habe in dem Sinn kein Stammlokal mehr. Wie ich noch in Hirschstetten war, hat man sich in Kagran getroffen, wenn man was erleben wollte. Kagraner Platz, Cafe Falk. Im Zehnten gibt es überhaupt keine Szene, aber eine Jogginghosen-Stimmung. Am Reumannplatz sind immer irrsinnig viele Leute. Du kannst nicht so fortgehen auf Cool, sondern gehst eher zu syrischen Restaurants und natürlich zum Tichy.

Bist du im Beisl und im Literaturhaus daheim?

Der Nino aus Wien: Ich komm aus einem Keller in Hirschstetten. Da habe ich mir Liederschreiben beigebracht. Dann bin ich rausgekommen. Ich geh mittlerweile eher ins Kaffeehaus. Als das ging. Ich habe viel im Hawelka geschrieben. Es hat halt viel Geschichte. Mit 19 habe ich dort so getan, als würde ich schreiben. Es ist ein schönes Cafe. Und man stellt sich schon vor, wie es damals gewesen ist, als Heller und Qualtinger dort waren. Orte sind mir anscheinend wichtig. Es ist ein Vorwand, um zu reisen und an schöne Orte zu kommen. Ich war in Almería im selben Hotel, in dem John Lennon „Strawberry Fields Forever“ geschrieben hat. Die zwei Lieder sind noch nicht veröffentlicht. Sie sind nicht auf „Ockermond“. Das Album war eher ein Kurzschluss, ziemlich spontan, alles was in dieser Nacht passiert ohne Nachbearbeitung, was mir am Herzen liegt. In einer anderen Nacht wären es andere Lieder geworden.

Wie schwer fällt dir das Schreiben? 

Der Nino aus Wien: Ein guter Song ist schon eine Arbeit. Die besten Lieder sind oft die, die relativ einfach gehen. Man muss ziemlich in den Gedanken dabei sein, damit es dann leicht geht. Die Inhalte und die Melodien arbeiten fast unbewusst die ganze Zeit. Und dann gibt es die bewusste Arbeit. Dann muss man das aus seinem Innersten heraus wiedergeben können. Man muss wohl sehr bei sich sein auch. Und dann gibt es Feintuning. Es geht um jedes Wort, darf man nie vergessen.

Wie bist du beim Songwriting geblieben?

Der Nino aus Wien: Mit 15 hat mich die Beatles „Anthology“ sehr geprägt. Ich wollte eine Band haben. Bei Poetry Slams hat mir was gefehlt. Mit der Gitarre kann man relativ einfach etwas anstellen. Manfred Scheer wollte nach meinem ersten Auftritt ein Album aufnehmen. Wir haben zwei Jahre herumgetan, immer neue Lieder, dann wieder gestrichen. Stefan Redelsteiner hat mir ein paar Leute vorgestellt, Sir Tralala, David Wukitsevits. Wir haben uns darappelt. Spätestens mit PauT und Raphael Sas hats funktioniert. „Du Oasch” war das erste bekannte Lied. Das war schön, wenn die Leute nicht nur aus Höflichkeit klatschen. Die Band hat gemeint, das müssen wir aufnehmen. Ich habe das Lied nie geschrieben. Es war ein Freestyle. Ich habe damals oft Freestyle einfach aufgenommen. Ich fand die Geschichte halt lustig. Weil es ohne zu überlegen aus mir gekommen ist. Ich habs der Band vorgespielt. Sie fands urlustig.

Wärs nicht ein Option auch mal im Dialekt zu singen, oder magst du in gepflegtem Hochdeutsch untergehen?

Der Nino aus Wien: Voll, der Pauti hat mich interviewt mich nach dem Amadeus. Dialekt habe ich immer spasshalber hingefetzt. Das waren die lustigen Lieder. Es ist nicht meine Hauptsprache. Vielleicht zehn Prozent sind im Dialekt höchstens. Aber diese Lieder haben eine eigene Wirkung auf die Leute.

„Austropop ist den Leuten in Österreich halt sehr wichtig.”

Du hast einen Knall eingeleitet. Und Ernst Molden … 

Der Nino aus Wien: Das Trojanische Pferd darf man nie vergessen. Sie haben mich mit „Wien brennt“ inspiriert. Ja, Panik auch. Mit dem Molden bin ich ins Covern gekommen. Das hab ich vorher selten gemacht. Der Ernst hat mich überredet, Austropoplieder zu singen, die wir mögen. Ja, können wir eh aufnehmen. Dann ist es ziemlich beliebt geworden. Austropop ist den Leuten in Österreich halt sehr wichtig. Das ist mir schon aufgefallen.

Und der Albumtitel „Unser Österreich”?

Der Nino aus Wien: Es ist vielleicht ein provokanter Titel. Ich habe mir wenig gedacht. Wir haben 140 Konzerte mit dem Programm gespielt. Das macht Spass. Wir haben die Lieder genommen, als hätten wir sie geschrieben.

Du verstehst dich gut mit dem Molden.

Der Nino aus Wien: Mit Ernst Molden habe ich zum ersten Mal was zusammengeschrieben. Wir haben einen Soundtrack für einen Kinofilm über Roncalli Zirkus geschrieben. Oder über Zirkus. Man kann nicht mit jedem gleich einen Song schreiben. Ich hatte für „Zirkusmusik“ einen Anfang, Ernst Molden hat die Bridge aus dem Nichts gespielt. So könnt das laufen. Bei „Warat i ein Clown“ war es umgekehrt. Den Film haben wir erst hinterher gesehen und mehr instinktiv geschrieben.

Das Album klingt nach einer Idee von Zirkus?

Der Nino aus Wien: „Café der Artisten” ist direkt inspiriert vom Zirkuskaffeehaus. Da trifft sich das Team, trinkt Spritzer und bekommt die beste Bolognese zu Essen. Molden hat auch noch „Mia gengan d Viecher o“ geschrieben. Es gibt keine Tiere mehr im Roncalli. Vieles war auch eher eine Vorstellung vom Zirkus.

Du hast wieder „I See A Darkness“ gecovert.

Cover Zirkus
Cover “Zirkus”

Der Nino aus Wien: Die Regie hat gemeint, es braucht ein Lied über Freundschaft. Fällt uns da was ein. Die Übersetzung „I Siech was Finstas” gab es schon vom Ernst Molden. Es hat besser gepasst. Wir haben auch Danzer-Ambros-Geschichten aufgenommen, die wir gelassen haben. „Es geht immer ums Vollenden” kam noch im letzten Moment dazu. Sie wollten ein Abspannlied. Das haben wir auch im Duett gesungen. Fürs Coverfoto haben wir uns anmalen lassen. Aber das erste Lied sagt eh, dass wir keine Clowns sind. Ich seh auch keine Zukunft als Clowns für uns.

Was braucht es, damit du mit Leuten spielen kannst?

Der Nino aus Wien: Es muss eine Basis da sein. Voodoo und ich verstehen uns gut. Wir jammen manchmal. Ich hasse jammen grundsätzlich. Außer es ist mit Leuten, die jammen genauso hassen wie ich. Mit der Natalie Ofenböck kann ichs gut. Es ist schon was Intimes.

Ambros, Dylan und Nick Drake gelten oft als deine Inspiration? Welche Frauen magst du?

Der Nino aus Wien: Ich liebe Alexandra, eine deutsche Sängerin aus den 1960ern, die mit 27 in einem mysteriösen Autounfall gestorben ist. Ihr größter Hit war „Mein Freund der Baum ist tot”. Sehr geheimnisvolle Musik. Ich liebe Soap&Skin immer schon. Und Nico solo und Velvet Underground.

Wie sehr liebst du das Meer?

Der Nino aus Wien: Schon sehr ja. Ich liebe das Meer wirklich sehr. Ich weiss nicht, woher es kommt, vielleicht weil mein Großvater ein Mann des Meeres war. Ein Hochseefischer und Abenteurer, der auch in Australien gelebt hat. Und ich war früh in Australien. Auch in Griechenland und Italien als Kind. Ich habe eine besondere Verbindung zum adriatischen Meer, zum nächsten Meer zu Wien, die ich kaum beschreiben kann. Sobald ich an der Adria bin, löst das etwas in mir aus. Ich lieb das Meer immer schon sehr. Zu jeder Jahreszeit und eigentlich überall. Ich sehne mich nach dem Meer. Ich vermiss es auf die Dauer. Ich glaub, ich würde ein noch schöneres Leben haben, wenn ich am Meer leben würde.

In Hirschstetten gibt es einen Teich.

Der Nino aus Wien: Vom Hirschstettner Badeteich komme ich. Das war mein Kindheitsmeer.

Deine Lieder sind kürzer geworden. 

Der Nino aus Wien: Ich bin von diesen Strophenliedern etwas hinweggekommen. Weil es mich nicht so unter der Zunge brennt, weil ich das schon oft gemacht habe. Ich suche den Refrain. Aber ich bin halt mehr der Strophentyp. Das gesteh ich mir ein.

Wo schreibst du Texte?

Der Nino aus Wien: Ich hab über die Jahre unglaublich viele Notizhefte vollgeschrieben. Das sind Phasen. Derzeit schreibe ich mir Ideen als SMS. Die meisten SMS, die ich bekomm, sind von mir selber. Mit Abstand. Mit die besten Ideen habe ich kurz vorm Einschlafen. Da habe ich das Handy neben mir liegen. Am nächsten Tag hab ich es oft vergessen. Dann schaue ich aufs Handy, oh, eine neue SMS, und sie ist von mir. Ich bin schon ein Ideensammler. Viele Ideen habe ich auch unter der Dusche. Das ist schwer, es sich zu merken, bis man abgetrocknet ist, huh. Ich schreibe relativ viel über den Tag. Im Gehen passiert auch einiges. Das Lied „Taxi Driver“ habe ich fast nur im Spazieren geschrieben. Auf der ersten Zeile basierend. Das war ein sehr konzentriertes Spazierengehen durch den Zehnten. Das mag ich gern. Dass man die Welt um sich vergisst und nur mehr im Schreiben ist. Das ist selten, aber wenn, dann sind das sehr schöne Momente, die mit Euphorie zu tun haben.

„Ich will nichts singen, was ich bereuen könnt.”

Du setzt gern Kontraste wie „eine schwarze, bunte Fantasie” ein, aber auch ganz eindeutige Bilder, etwas „tickt wie die Uhr”, jemand ist „kalt wie ein Eiskasten“, „die Schwäne sind in ihrem Element“.

Der Nino aus Wien: Im selben Lied kommt auch vor, es tickt wie die Bombe. Ich denk schon auch drüber nach. Ich will nichts singen, was ich bereuen könnt. Huh. Aber ja. In dem Moment finde ich, das ist eine gute Zeile. Widersprüchlich, ich weiss eh, das Gehirn, es funktioniert, wie es funktioniert. Jeder hat ein anderes.

Wann ist ein Text zu lustig?

Der Nino aus Wien: Ich hab noch nie probiert, einen lustigen Text zu schreiben. Manchmal überkommt es einen halt. Ich hab auch keinen Deal mit irgendwem und mit mir selber auch nicht, dass ich was zu Lustiges oder zu Trauriges oder zu Langweiliges schreiben darf.

Wie wählst du dann aus?

Der Nino aus Wien: Man muss schon mitdenken. Ich bin der letzte Kabarettist. Das könnte ich mir nicht vorstellen, Leute zum Lachen bringen zu müssen. Ich finds ganz vielleicht interessant. So zwischen Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit und auch ein bisschen Humor hin und her zu wanken. Manche Lieder müssen todtraurig sein, damit sie gut sind. Selbst die könnten was Lustiges vielleicht vertragen. Meine Wahrnehmung ist anders als die von anderen Leuten. Ich glaub, einige Witze in Liedern versteh nur ich. (Lacht)

Ist der Nino noch ewiger Zweiter?

Der Nino aus Wien: Einen Amadeus haben wir gewonnen. Eh super. Es ist nicht so, dass man denkt, man braucht noch einen und noch einen. Er steht bei meinen Eltern in Hirschstetten. Sie freuen sich und pflegen ihn. (lacht) Eine Jury hat mich für den Nestroy nominiert. Dabei habe ich im Werk X ein bisschen mitgespielt und eher Musik gemacht. Dann war ich mit Leuten wie Otto Schenk und Tobias Moretti in einer Kategorie nominiert. Das habe ich nicht verstanden. Aber Amadeus hat mich immer alle 17. Mal gefreut. Es gibt in Österreich ja nicht so viel zu gewinnen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Stefan Niederwieser

 

„Zirkus” von Der Nino aus Wien ist soeben via BaderMoldenRecordings erschienen.

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