„Ob Leute nun angewidert oder erfreut rausgehen, ist nicht ausschlaggebend – sondern dass wir etwas in ihnen bewirkt haben.“ – ANNA SUSHON und ALEXANDER KAIMBACHER (NEUE OPER WIEN) im mica-Interview

ANNA SUSHON und ALEXANDER KAIMBACHER haben die Intendanz der NEUEN OPER WIEN nach mehr als 30 Jahren Führung durch Walter Kobéra übernommen. Ein Interview über ihre Pläne, auch im Outreach-Bereich, aber ebenso über ihre Sorgen, was die Finanzierung betrifft.

Er ist Tenor, sie Dirigentin, Studienleiterin und Korrepetitorin – seit langem sind ANNA SUSHON und ALEXANDER KAIMBACHER der NEUEN OPER WIEN eng verbunden und standen in zahlreichen Produktionen auf, hinter und neben der Bühne dieser Freien Gruppe. Nun haben sie gemeinsam – nach mehr als 30 Jahren, in denen Walter Kobéra hier federführend war – die Intendanz übernommen, SUSHON als künstlerische Leiterin, KAIMBACHER als kaufmännischer Leiter. Im Interview mit Theresa Steininger spricht das Duo darüber, wie es neue Publikumsschichten erschließen will – und über das Motto „Schichten“, das zwei Premieren namens „Geschichte“ und „Tree of Codes“ und drei „Hotspots NOW“-Produktionen in diesem Jahr prägen wird.

Wie startet man nach mehr als 30 Jahren Intendanz Walter Kobéra hinein in die Führung der Neuen Oper Wien?

Anna Sushon: Die Neue Oper Wien ist für uns seit vielen Jahren ein Zuhause. Ich bin seit 28 Jahren dabei, Alexander hat in einer zweistelligen Zahl an Produktionen mitgemacht. Uns jetzt tiefer in die Organisation des Ganzen einzugraben, ist – auch wenn uns klar war, dass es eine große Aufgabe ist – ein spannender Prozess, aber nichts ist ganz fremd, da wir nicht von außen kommen. Wir haben das Haus jetzt sozusagen geerbt und versuchen es uns zu eigen zu machen.

Sie haben Innovatives angekündigt. Was wird anders sein als bisher?

Alexander Kaimbacher: Die Neue Oper Wien ist als Institution ein wichtiges, funktionierendes Musiktheater, das aber mehr Publikum vertragen könnte. Auch in den Ausschreibungen steht immer, dass man Kultur mehr zu den Menschen bringen soll. Das ließ in uns die Idee wachsen, das zu kreieren, was wir „Hotspots NOW“ nennen werden. Zusätzlich zu unseren großen Opernproduktionen wollen wir ein Format einführen, bei dem wir in die Randbezirke gehen, in denen zeitgenössisches Musiktheater noch nicht so zu Hause ist.

Anna Sushon: Die Idee dahinter ist, dass wir einem breiten Publikum die potenzielle Angst vor der zeitgenössischen Oper nehmen wollen. Einerseits werden wir das, was die Neue Oper Wien immer schon gemacht hat, weiterführen: Musik in Räume zu bringen, die nicht per se dafür geschaffen sind. Andererseits durch diese Werke, die an der Schnittstelle zwischen Performance, Konzert und Musiktheater verortet sind, Menschen unmittelbar zu berühren versuchen. Durch ihre kammermusikalische Art wirken die „Hotspots“ viel rascher auf das Publikum, man kann die Künstlerinnen und Künstler buchstäblich spüren. Wir lassen daher Programme entwickeln, die absichtlich klein gehalten werden, aber mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts arbeiten und zum Jahresthema passen.

Die kommende NOW Hotspot Produktion "Les Deux", die von 20. bis 23. Mai 2026 an vier verschiedenen Spielorten zu sehen ist
Die kommende NOW Hotspot Produktion “Les Deux”, die von 20. bis 23. Mai 2026 an vier verschiedenen Spielorten zu sehen ist © Alice Müller

„… wir decken also im ersten Schritt zwölf Bezirke ab.“

Wie viele „Hotspots“ sind im ersten Schritt geplant?

Alexander Kaimbacher: Drei pro Jahr, wobei wir jedes Werk vier Mal an verschiedenen Orten spielen, wir decken also im ersten Schritt zwölf Bezirke ab. Zwei davon sind mit erwachsenen Künstlerinnen und Künstlern konzipiert, die dritte Produktion zeigt, wie wir mit einer Schule zusammenarbeiten, die angelehnt an unsere erste Premiere, „Geschichte“, ein eigenes Werk präsentiert. Die „Hotspots“ sind so gestaltet, dass sie einfach an neue Räume adaptiert und zu solchen hin transportiert werden können. Eine Herausforderung dabei war durchaus, herauszufinden, wo man in den Bezirken überhaupt leistbar spielen kann. Denn einige Spielorte, so gut sie uns gefallen, können wir uns einfach nicht leisten.

Wie gehen Sie generell mit der Knappheit des Budgets um?

Anna Sushon: Es macht uns die doppelte Arbeit, weil wir erst schauen müssen, was wir uns leisten können – und dann aus dem das Beste herauszuholen versuchen. Wenn wir sehen, dass die „Hotspots“ beim Publikum gut ankommen, wollen wir sie gerne ausbauen. Aber falls unser Budget nochmals gekürzt wird, werden sie das Einzige sein, das wir uns leisten können.

„Wir haben ja auch eine fantastische Probebühne, aber es ist unklar, ob wir uns diese in Zukunft noch leisten können.“

Was bedeutet das für die großen Produktionen?

Anna Sushon: Die heurigen sind gesichert, aber für 2027 wissen wir es noch nicht. Wir haben ja auch eine fantastische Probebühne, aber es ist unklar, ob wir uns diese in Zukunft noch leisten können. Und das wäre nicht nur für uns ein großer Verlust, sondern auch für einige andere Freie Gruppen, an die wir sie derzeit vermieten – aktuell beispielsweise an die Festspiele Reichenau. Wenn die Subventionen kleiner werden, ist die Frage, ob man sie noch halten kann.

Alexander Kaimbacher: Kann man nicht … sage ich als kaufmännischer Leiter.

Anna Sushon: Wir brauchen mehr Stabilität und Planungssicherheit, zumindest für mehrere Jahre, denn wir haben noch viele Ideen.

Das Motto für Ihrer ersten Arbeiten ist „Schichten“ – wie haben Sie dieses gewählt?

Alexander Kaimbacher: Wir wollten ein Thema finden, hinter dem wir stehen. Eine der Grundfragen, die uns im Leben umtreiben, ist jene, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind. In der Oper „Tree of Codes“ von Liza Lim, die sie auf Basis des Buchs von Jonathan Safran Foer geschaffen hat, wollen wir Fragen dazu anstoßen, wie alles im Leben zusammenhängt und inwiefern es beispielsweise Raum gibt, wenn es keine Zeit gibt, und umgekehrt.

Anna Sushon: Jonathan Safran Foer hat dieses Buch aus einem anderen Buch ausgeschnitten und Durchblicke auf die nächsten Seiten ermöglicht. Dadurch ergeben sich unglaublich poetische, tiefgründige und philosophische Lesarten. Und auch die Oper ist sehr poetisch. Sie nutzt ein 18-köpfiges Musikensemble, das ebenfalls Schichten und unterschiedliche kammermusikalische Konstellationen auftauchen lässt. Liza Lim war es wichtig, eine Art Ursuppe zu schaffen, in der sich Generationen und Zeit auflösen. Und unser anderes Stück, „Geschichte“ von Oscar Strasnoy, ist auch eines, in der Zeitschichten verschwimmen. Bei beiden Produktionen bringen wir etwas, das in der Neuen Oper Wien noch nicht der Fall war: Beide sind fast interaktiv und binden das Publikum stark ein. Und auch die Orte sind quasi neu: Im Reaktor haben wir nur einmal während der Corona-Zeit ohne Publikum gespielt, im MAK [Museum für Angewandte Kunst, Anm.] noch gar nicht. Dort wurde überhaupt noch nie Oper gemacht, soviel ich weiß. Ein Museum ist natürlich ideal für „Geschichte“. Und eine A-Cappella-Oper, wie Strasnoy hier eben eine geschaffen hat, ist generell selten.

Wie kann man die Musik der beiden Werke beschreiben?

Alexander Kaimbacher: Sie ist von hoher Qualität. Ich singe schon lange viel zeitgenössische Oper und da gibt es gute und schlechte. Ich rede nicht von sangbar, denn Qualität hängt für mich nicht davon ab, ob eine schöne Gesangslinie dabei ist. Wenn etwas unmöglich zu singen erscheint, ist es meinem Verständnis nach doch einfach eine Herausforderung an den Interpreten, etwas daraus zu machen. Aber entscheidend ist, ob ein Werk das Publikum berührt oder nicht. Ob Leute nun angewidert oder erfreut rausgehen, ist nicht ausschlaggebend – sondern dass wir etwas in ihnen bewirkt haben.

Anna Sushon: Liza Lims Werk ist sehr avantgardistisch und verwendet auch Live-Elektronik, die die Klänge eines Kometen aufgezeichnet hat. „Geschichte“ auf der anderen Seite ist sehr humorvoll und nutzt Elemente von Jazz und Pop und viele Loops.

„… wir wollen das Publikum mit tollem, lebendigem, zeitgenössischem Musiktheater konfrontieren.“

Sie weisen also mit hochmodernen Stücken auf die Vergangenheit zurück …

Anna Sushon: Uns ist bewusst, dass sich die Gedanken, die wir zu den Stücken und zur Programmierung haben, nicht eins zu eins erzählen lassen. Aber wir wollen das Publikum mit tollem, lebendigem, zeitgenössischem Musiktheater konfrontieren. Und wenn die Besucherinnen und Besucher den Überbau dann auch noch spüren, haben wir den „Oscar“ gewonnen.

Alexander Kaimbacher: Bei den „Hotspots“ wollen wir außerdem genau zu diesem Zweck Einführungen quasi in das Stück integrieren, damit nicht nur jene, die gezielt für solche eine Stunde vorher zu einem Vortrag kommen, sondern wirklich alle informiert werden – und dazu aufgerufen sind, sich darüber auszutauschen und sich mitnehmen zu lassen.

Sie sagten zuletzt, Sie möchten gerne langfristigere Kooperationen und auch Wiederaufnahmen aufbauen. Inwiefern?

Anna Sushon: Wir sind in Gesprächen, „Geschichte“ bei der Musikbiennale Zagreb wieder aufzunehmen, aber solange wir nicht wissen, ob wir 2027 Budget dafür haben, können wir es nicht fixieren.

Alexander Kaimbacher: Man muss den Verantwortlichen vor Augen halten: Wien wäre nicht Wien, wenn es die Musik nicht hätte. Und das breite Spektrum, das hier angeboten wird, ist einzigartig auf der Welt. Dabei ist wichtig, dass zeitgenössische Oper ein Teil davon ist.

Anna Sushon: Derzeit bauen alle Universitäten ihre Lehrgänge für zeitgenössische Musik aus. Wo sollen denn all diese Musikerinnen und Musiker ihre Kenntnisse dazu ausüben, wenn die Möglichkeiten, sich in dem Bereich auszuprobieren, immer weiter schrumpfen würden?

Welche Wünsche haben Sie für Ihre Intendanz bei der Neuen Oper Wien?

Alexander Kaimbacher: Dass wir sie nicht zu Grabe tragen müssen, sondern dass es mit ihr lebendig weitergeht. Derzeit planen wir für das nächste Jahr, als hätten wir Geld.

Anna Sushon: Wir bleiben zuversichtlich!

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