Neue Releases von Tiroler Acts aus dem Pop-, Jazz- und Global-Bereich zusammengefasst von Michael Ternai.
no string quartet – „The Listening Season“
Das no string quartet, 2024 gegründet und bestehend aus Sophie Trobos (Violine), Viktoria Hofmarcher (Klarinette), Antonia Kapelari (Es-Althorn) und Anna Reisigl (Kontrabass), präsentiert auf seiner neuen EP „The Listening Season“ ein Klangbild, das stilistische Begrenzungen bewusst hinter sich lässt. Die vier Musikerinnen verweben ihre unterschiedlichen Instrumente zu einem Ensembleklang, der zugleich mutig und feinfühlig agiert – ein charakteristisches Merkmal, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte EP zieht.
Die Stücke entfalten eine farbige, lebendige Mischung aus Kammermusik, klassischer Tradition, Jazz, alpiner Volksmusik, weltmusikalischen Einflüssen und improvisatorischen Momenten. Diese Vielfalt erscheint nie additiv, sondern fließt in spielerischen, oft überraschenden Wendungen ineinander. Mit Leichtigkeit bewegen sich die Musikerinnen zwischen atmosphärischer Ruhe und kraftvollen, beschwingten Ausbrüchen, wodurch jeder Track einen eigenen Charakter, eine eigene innere Temperatur entwickelt.
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Besonders hervorzuheben ist der hochgradig stimmungsvolle Gesamtausdruck der EP. Die Arrangements wirken klar konturiert und zugleich offen genug, um spontane musikalische Dialoge zuzulassen. Die Instrumente begegnen einander wie gleichberechtigte Stimmen, deren Verschmelzung einen ganz eigenen fesselnden musikalischen Charakter entwickelt. Sanfte, berührende Passagen stehen neben verspielten, energiereichen Episoden – stets geprägt von einer Eleganz, die nie prätentiös wirkt, sondern aus dem gemeinsamen Atem und der Neugier der vier Musikerinnen erwächst. Eine EP, die nicht nur Vielfalt zelebriert, sondern sie sinnlich erfahrbar macht.
no string quartet
no string quartet (Facebook)
Klebstoff – „Komplex“
Mit ihrem Debütalbum „Komplex“ (Stanze Fredde) legt das Tiroler Duo Klebstoff – bestehend aus Maximilian Hofer und Laurin Martinek – eine Arbeit vor, die sich wie eine akustische Rückblende in die frühen Achtziger entfaltet und dennoch spürbar in der Gegenwart verankert bleibt. Die beiden bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen New Wave, Neue Deutsche Welle, Dark- und Synthwave, Postpunk und Pop, das sie mit großer Präzision und einem ausgeprägten Gefühl für Atmosphäre ausloten.
Der Sound von Klebstoff ist bewusst reduziert, geprägt von analogen Synthesizern, Drumcomputern, repetitiven Sequenzen und einer klaren, kühlen Klangsprache. Die Stücke kreisen um schwebende Flächen, prägnante Bassläufe, melodische Hooklines und den stetigen Puls einer geradlinigen Drummachine. Trotz aller Zurückgenommenheit entwickelt die Musik eine unerwartet tanzbare Qualität, getragen von einer melancholischen, manchmal fast entrückten Stimmung. Vocals, die zwischen sanft, ätherisch und unterkühlt changieren, verleihen dem Sound eine zusätzliche, romantisch anmutende Tiefe.
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Beim Hören stellt sich rasch das Gefühl einer Zeitreise ein: Die Tracks wirken, als seien sie aus den Jahren 1980 bis 1983 direkt in die Gegenwart gespült worden, ohne dabei museal oder nostalgisch verklärt zu klingen. Vielmehr präsentieren Hofer und Martinek eine eigene, durchaus aufregende Interpretation jener Ära – roh und analog im Kern, zugleich sorgfältig geformt und subtil modernisiert.
Mit „Komplex“ gelingt Klebstoff ein Debüt, das gleichermaßen auf der Tanzfläche wie im introspektiven Rückzug funktioniert. Ein Album, das seine Wurzeln offenlegt, sich aber nicht in Rückgriffe verliert – und damit einen unverwechselbaren Platz im aktuellen Synth-Pop-Kosmos einnimmt.
