Musik als Kommunikation – IVÁN ERÖD im mica-Porträt

Ein edleres Geschenk zum 80. Geburtstag gibt es kaum, auch wenn es in diesem Fall eher dem Zufall geschuldet ist: Am 10. Jänner 2016 bringt das Klarinettentrio Ottensamer mit den Wiener Philharmonikern das Tripelkonzert von Iván Eröd zur Uraufführung. Christian Heindl porträtiert den ungarisch-österreichischen Komponisten.

Als Flüchtling in Österreich willkommen

Der Spätsommer 2015 brachte nicht zum ersten Mal eine Welle ausländischer Flüchtlinge nach Mittel- und Westeuropa. Schon mehrfach stellte sich Österreich auch früher dieser Herausforderung und war ihr noch jedes Mal hervorragend, ohne Animositäten und Polemik gewachsen. So auch 1956, als nach der Niederschlagung des Volksaufstands gegen das diktatorische kommunistische System mehr als 200.000 Ungarn ihre Heimat zurückließen, um in einem demokratischen Land Zuflucht zu finden. Unter ihnen: der damals 20-jährige Iván Eröd, in dessen noch jungem Leben dies bereits die zweite politisch verursachte Zäsur darstellte. Am 2. Jänner 1936 als Kaufmannssohn in Budapest geboren, erlebte er noch als Kind nicht nur die seine Heimatstadt anfänglich nur am Rande berührenden Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit, sondern insbesondere ab dem Frühjahr 1944 die Besetzung des Landes durch deutsche Truppen und im Zuge dessen das Grauen der Judenverfolgung – mehrere Mitglieder seiner Familie, darunter seine Großeltern und sein Bruder Endre, wurden Opfer des Holocaust.

Studien bei den Besten

1951 begann Eröd eine Ausbildung an der Budapester Musikhochschule, wo u. a. Pál Kadosa (Klavier), Ferenc Szabó (Komposition) und Zoltan Kodály (Vorlesung „Ungarische Volksmusik“) seine Lehrer waren. Seine eigenen Kompositionen dieser frühen Jahre weisen insbesondere eine Prägung durch das für die jungen Ungarn damals Maßstäbe setzende Schaffen Béla Bartóks auf. Noch unmittelbar vor Abschluss seiner Studien sah Eröd sich infolge der politisch hoffnungslosen Situation nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands wie viele seiner Landsleute und Kollegen im Dezember 1956 zur Flucht nach Österreich veranlasst, wo er sich in Wien niederließ und einen völligen Neubeginn vollzog. Mit einem Studium an der Wiener Musikakademie bei Richard Hauser (Klavier) und Karl Schiske (Komposition) wurden nun für ihn die Entwicklungen der Zweiten Wiener Schule zum Ausgangspunkt seiner Arbeiten.

Musik als Mittel zur Kommunikation

Er beschäftigte sich mit der Dodekaphonie und seriellen Techniken, wovon u. a. Kammermusik und die Buffo-Kurzoper nach Federico Garcia Lorca „La Doncella, el marinero y el estudiante“ op. 9 (1960) zeugen. Die abendfüllende Oper „Die Seidenraupen“ op. 10 nach einem Libretto von Richard Bletschacher (1964/68) markierte schließlich einen stilistischen Wendepunkt: Von freier Dodekaphonie ausgehend, griff Eröd darin nicht zuletzt auf seine in Hinblick auf die Rezeption neuer Musik als reproduzierender Künstler gewonnenen Erfahrungen zurück und bediente sich auch wieder tonaler Mittel. Anlässlich der kontrovers aufgenommenen Uraufführung der Oper im Rahmen der Wiener Festwochen 1968 definierte Eröd sein kompositorisches Credo, wie es seine Musik bis heute prägt: „Kunst ist Kommunikation. Wenn ich Musik schreibe, so mit der Absicht, daß sie auch angehört und begriffen wird. Ich muß mich also einer Sprache bedienen, die geeignet ist, wenigstens von einer größeren Anzahl von Menschen verstanden zu werden… Ich nehme weitgehend auf die Ausführenden Rücksicht. Aus zwei Gründen: erstens will ich nicht, daß die Anstrengung, der Kampf mit der Materie, ihnen die Lust an der Darstellung nimmt. Zweitens will ich, daß meine Musik so erklingt, wie sie gemeint ist, daß man sie ihrer Schwierigkeiten wegen nicht über Bord wirft und Theater mit obligatem – und vom Komponisten gar nicht so gemeinten – Lärm spielt. Letzteres habe ich besonders häufig erlebt. Es graut mir davor und ich will es unbedingt vermeiden. Ich bekenne mich zur Melodie, zur Form und zum Effekt, drei Grundbedingungen, um Kommunikation mit Qualität zu gewährleisten… Ich bin kein Purist, was die stilistischen Mittel anbelangt. Wir haben einige Jahrtausende musikalischer Vergangenheit hinter uns, ich sehe keinen Grund, mich vor ihr abzuschließen. Unbedingte Originalität der Sprache ist der Feind der Kommunikation. Sprache ist Übereinkommen. Musikalische Sprache auch.

Virtuose Leichtigkeit à la Mendelssohn

Den in „Die Seidenraupen“ erfolgten Stilwandel vollzog Eröd auf dem Gebiet der Instrumentalmusik mit der ersten Violinsonate op. 14 (1969/70). Fast alle seine Werke der 1970er- und des Beginns der 1980er-Jahre (Ausnahmen sind das 2. Streichquartett op. 26 und vor allem das 2. Klaviertrio op. 42) weisen eine vorzugsweise heiter-unterhaltende Note auf, was als direkte Reaktion auf die von Eröd postulierte Entkrampfung der zeitgenössischen Musik, hin zu einer unmittelbar erfassbaren Tonsprache in gelöster Stimmung aufzufassen ist. Charakteristisch ist für ihn in dieser Phase auch die weitgehend konsequente Anwendung klassischer Formmuster, die bis zur Hinwendung zu freierer Anlage ab der „Konzertanten Fantasie“ op. 35 (1980/81) in seinen Werken dominieren. Und schließlich findet man im finalen Rondo der ersten Sonate auch jene „virtuose Leichtigkeit, etwa im Sinne Mendelssohns“ (Eröd), wie sie nach der Einschätzung des Komponisten in der Musik seiner Zeitgenossen damals kaum zu finden war und der modernen Musik schlicht abging. Für ihn ist sie bis heute eine Eigenschaft vieler seiner Scherzo-Sätze. Dass Eröd die während seiner Wiener Studien erlernten Techniken keineswegs ad acta legte, sie sich aber seiner eigenen Ästhetik untertan machte, zeigen beispielsweise die „Drei Stücke“ für Violine op. 27 (1978/79), in denen er in satirischer Antwort der Tonalität auf die Dodekaphonie eine Siebentonreihe streng nach den Regeln der Reihentechnik behandelt.

Biographisches als Anregung und Schlüssel

Fern der Idee der Programmmusik enthalten viele von Eröds Werken Bezüge zu unmittelbar biographisch Erlebtem oder zeithistorischen Ereignissen, worin denn auch einer der Schlüssel zu ihrem Verständnis liegt: Sowohl das Violinkonzert op. 15 (1973), die „Krokodilslieder“ op. 28 (1979/80), das Violakonzert op. 30 (1979/80) oder das 2. Streichsextett op. 68 (1996) weisen auf die innige Nähe zu seiner Frau und seinen Kindern hin. Der Liederzyklus „Über der Asche zu singen“ op. 65 (1994) greift das Erlebnis der rassischen Verfolgung seiner Familie während der Kindheit auf. Als seltener Fall der gleichzeitigen Arbeit an zwei Werken spiegelt die parallel zu den Gesängen entstandene „Bukolika“ für Kammerensemble op. 64 (1994) in gelöster Stimmung die Beschaulichkeit des kurz zuvor neugewonnenen Idylls in seinem ungarischen Landhaus. Das Konzert für Violoncello und Orchester op. 80 (2005) ist dem im Konzentrationslager Buchenwald ermordeten Bruder – einem ausgebildeten Cellisten – gewidmet.

Vergoldete Uraufführung

Ganz ohne solche Bezüge kommt das neue Werk aus, das nur acht Tage nach Eröds 80. Geburtstag erstmals erklingen wird: Am 10. Jänner 2016 heben Ernst, Daniel und Andreas Ottensamer sowie die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Andris Nelsons das Tripelkonzert für drei Klarinetten und Orchester op. 92 aus der Taufe; stilgerecht, dem Jubiläum angemessen im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Dass es sich dabei um einen kalendarischen (Beinahe-)Zufall handelt – die schon länger vorgesehene Auftragserteilung verzögerte sich –, sollte die schöne Optik nicht wirklich trüben. Und eines kann man sich in Hinblick auf diese Premiere sicher sein: Von belehrender Spätwerkerkenntnis wird man darin sicher keine Spur finden.

Christian Heindl

Foto: Marie-Luce Eröd

http://www.ivan-eroed.at