Eben hat JAN ROHRWEG sein Debüt-Album „AM SAND“ veröffentlicht, für das er sich Gäste wie den Schlagzeuger Alex Kerbl und Sigrid Horn ins Studio geholt hat. Im Interview mit Jürgen Plank thematisiert Rohrweg auch Übermüdung, die er als Vater von zwei Kinder immer wieder erlebt und die auf sein Musikmachen einwirkt. Außerdem erzählt er, warum sein Leben wie in einem französischen Film ist und welchen Einfluss Franz Schubert auf sein Songwriting hat. Präsentiert wird das Album am 12. November 2024 im TAG (Theater an der Gumpendorferstraße) in Wien. Eingangs berichtet Rohrweg von seinem künstlerischen Werdegang, der ihn von der Musikschule bis an die Universität für Musik und darstellende Kunst zum Klavierstudium geführt hat.
Wie wurdest du als Kind musikalisch geprägt?
Jan Rohrweg: Ich hatte eine sehr coole Klavierlehrerin in der Musikschule, sie war klassisch geprägt, hat aber das Komponieren gefördert. Sie hat ziemlich früh gemerkt, dass ich ein absolutes Gehör habe und hat mich in alle Richtungen losgelassen. Im Sommer war ich als Kind oft in Griechenland, in der Türkei, am Balkan. Ich habe daher eine Affinität zu ungeraden Takten, zu allem, was sozusagen schief gesungen ist. Ich liebe einfach Glissandi und Instrumente von Albanien bis Indien – und gleichzeitig mag ich Jazz. Bigband-Sachen und Bebop waren aber nicht so mein Ding und so habe ich mit meinen besten Freunden eine Folk-Band gegründet. Ich habe dann für diese Band Folk-Rock komponiert und diese Hinwendung zum Songwriting hat mir gutgetan und einfach Spaß gemacht. In den letzten Jahren habe ich zunehmend deutschsprachige Texte geschrieben, ich wollte mich nicht mehr hinter der englischen Sprache verstecken, damit es gut klingt.
Dein Album trägt den Titel „Am Sand“, das bedeutet: man ist verloren, zerstört, jedenfalls in irgendeiner Form unten durch. Warum hast du diese Überschrift für die 12 Songs des Albums gewählt?
Jan Rohrweg: Ich beschäftige mich sehr viel mit psychologischen Fragen und Themen und mich interessiert einfach der Gedanke, erschöpft zu sein. Vor rund 7 Jahren hatte ich schon ein Album im Kopf fertig, das hätte ich gemeinsam mit Sigrid Horn aufgenommen. Das habe ich aber verworfen, weil ich dann Vater geworden bin. Ich wollte genügend Vaterzeit haben und das Aufwachsen der Kinder miterleben. Die sind jetzt 4 und 7 Jahren alt und vor 2 Jahren hat Sigrid Horn zu mir gesagt: du kommst jetzt einfach zu uns ins Studio zum Aufnehmen. Ich hatte damals vor 7 Jahren schon rund dreißig Lieder zur Auswahl, in deutscher Sprache.
Hat diese Erschöpfung mit deiner Vaterschaft zu tun?
Jan Rohrweg: Früher habe ich jeden Abend zwei Stunden Musik gemacht und geschaut, was kommt. Ich setze mich nämlich nicht hin und schreibe, als Vater schreibe ich inzwischen 2 bis 3 Lieder pro Jahr. Was neu dazu gekommen ist, ist für mich diese Erfahrung der Erschöpfung. Vor allem in den ersten 2 Lebensjahren des Sohnes, weil er wenig geschlafen hat und ich nächtelang alle 30 Minuten aufgestanden bin.
Wie spiegelt sich all das auf deinem Album wider?
Jan Rohrweg: Ich hoffe, dass es ein Album ist, das Menschen in Bezug auf Fragen des Lebens sehr universell abholt. Weil es viel ums Leben und ums Überleben geht. Vor allem diese Erschöpfung, dieses Gefühl körperlich und emotional am Sand und oft ratlos zu sein, habe ich rückwirkend als sehr angenehm empfunden, weil es mich zwangsweise von meinem Perfektionismus getrennt hat. Früher hätte ich das Album wahrscheinlich noch immer nicht herausgebracht und da spielt diese Grenzerfahrung hinein. Lustigerweise, das ist ein Nebengedanke: Wir wohnen in einem Gemeindebau, der heißt Am Sandberg und dort ist auch das Foto-Shooting zum Album passiert.
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Ein Thema, das sich für mich durchzieht, ist eine gewisse Brüchigkeit der Welt, in der der einzelne Mensch seine eigene Position sucht. Eine Frage, die mir dazu eingefallen ist, lautet: Worauf kann man sich noch verlassen? Du sagst in einer Textzeile: Das, worauf wir bauen, ist bloß Sand.
Jan Rohrweg: Ich finde, das Prinzip Hoffnung ist sehr wichtig. Ich fühle mich sehr erkannt, wenn du das sagst. Mir geht es sehr viel um diese Kant-Fragen: Wer bin ich überhaupt? Was darf ich hoffen? Und was ist der Mensch? Wo steuert die Welt jetzt hin, gerade auch mit social media? Raus aus den Köpfen anderer, hat eine Freundin von mir mal in ihrem Whatsapp-Status gehabt. Das war eine Inspiration für den Track „Sand“, weil ich mich selbst dabei ertappe, dass ich viel zu viel nachdenke. Auch: Was denken die anderen über mich? Dass ich mich gedanklich oft in dieser Außenperspektive befinde: wie wirke ich? Ist meine Musik okay und kann ich damit landen, ohne mich verbiegen zu wollen? Denn ich habe meinen Stil, den ich nicht hergeben will.
Seit ich Vater bin, habe ich solche Gedanken weniger. „Sand“ ist auch eine Abrechnung mit dieser Fake-Welt von social media. Mit der ständigen Frage: Wie wirkt das posting? Und eigentlich macht das Posten eh keinem Spaß. Alle machen mit, weil sich niemand getraut auszusteigen oder traut, eine Regel zu verletzen. Aber eigentlich gehen alle an gewissen systemischen Vorgaben zugrunde.
„MEIN LEBEN IST WIE IN EINEM FRANZÖSISCHEN FILM. AUCH IN BEZUG AUF DAS DRAMA“
So wie du das sagst und wie ich deine Lieder gehört habe, könnte ich mir vorstellen, dass in Zukunft ein dezidiert politisches Protestlied von dir veröffentlicht wird.
Jan Rohrweg: Ich finde, dass die meisten meiner Songs bis zu einem gewissen Grad Protestlieder sind, wenn sie keine Liebeslieder sind. Aber vielleicht ist das meine Art, zu protestieren. Ich mag die Faust im Gesicht nicht, weder in Bezug auf Gewalt noch auf sprachliche Bilder. Ich liebe das Bildhafte und das Verspielte der Sprache, das Poetische. Ich denke sehr assoziativ und setze mich nie zum Komponieren hin, sondern schreibe die Lieder dann, wenn sie da sind. Text und Musik sind eigentlich immer zugleich da, das ist meist ein Prozess von einer halben Stunde. Danach bastle ich noch an ein paar Worten und erst danach stülpe ich erst eine Analyse darüber und schaue: Was habe ich da harmonisch gemacht? Und: Warum ist da wie im Lied „Reiner Wein“ plötzlich ein Dreiviertel-Takt eingeschoben? Das war keine bewusste Entscheidung.
Wie kommst du in diesen Flow, so würde ich den Zustand nennen, in dem die Lieder entstehen?

Jan Rohrweg: Ich bin ein gefühlsstarker Mensch und nehme alles wie mit einem Filter wahr, ich sage immer: Mein Leben ist wie in einem französischen Film. Auch in Bezug auf das Drama. Wenn es schön ist, ist es total kitschig. Wenn ich mir Sorgen mache oder mal Angst habe, ist es auch wie in einem Film, einfach furchtbar. Ich brauche diese Emotionen: eine extreme Dankbarkeit oder eine ganz arge Angst oder eine totale Übermüdung. Zum Beispiel habe ich den Album-Opener „Existenz“ nach einer Papa-Nacht komponiert, in der ich fast nicht geschlafen habe. Nach dieser Nacht habe ich mir gedacht: Ich bin kaputt, ich will nicht mehr. Was tue ich jetzt? Eigentlich bin ich wieder aufgewacht und das ist ein ziemlicher Erfolg und den versuche ich zu feiern. Dann habe ich mir gedacht, dass ich dankbar sein kann, dass es uns alle vier als Familie noch gibt und dass wir existieren. Was ist eigentlich gut an der Existenz und was wünsche ich mir? Meine Großmutter ist im letzten Jahr im Alter von 98 Jahren gestorben, ich habe rund eine Woche lang mit mir gerungen und plötzlich war dann ein Lied da. „Genier dich nicht“ ist ein Protestlied, das möchte ich heuer unter Umständen beim Protestsongcontest einschicken.
Auf „Genier dich nicht“ wollte ich ohnehin noch zu sprechen kommen. Textlich und gesanglich habe ich dabei an Konstantin Wecker denken müssen. Was sagst du zu dieser Assoziation?
Jan Rohrweg: Ja, das habe ich schon oft gehört. „Genier dich nicht“ ist eine Klaviernummer, die in den letzten Jahren dazu gekommen ist. Die Assoziation zu Konstantin Wecker ist natürlich da, Udo Jürgens habe ich auch schon gehört. Ich bin kein Fan der beiden, aber ich schätze beide für ihr Lebenswerk und für die Tiefsinnigkeit der Texte. Im Zusammenhang mit meinen Gitarren-Tracks habe ich oft die Assoziation Reinhard Meygehört, ich mag ihn wegen seiner sozial-kritischen Lieder, wegen seines Humors und weil er immer versöhnlich bleibt und nie übergriffig ist. Das ist mir auch wichtig: dass die Musik kritisieren darf, aber nicht übergriffig und schon gar nicht anderen Menschen gegenüber verletzend ist. Wenn, dann kann man über sich selbst lachen und nicht über andere, das ist mein Zugang.
Ich höre weder Udo Jürgens, noch Reinhard Mey oder Konstantin Wecker sehr viel. Mey habe ich in der Kindheit gehört. Die anderen habe ich begonnen zu hören, weil die Leute gesagt haben: du klingst wie der. Auf Max Raabe bin ich erst gekommen, weil vor vielen Jahren jemand nach einem Konzert zu mir gesagt hat: mit deinen Trompeten-Soli und wenn du in die Kopfstimme gehst, klingst du wie Max Raabe. Ich höre viel Nischenmusik, habe aber Max Raabe nicht gekannt. Was ich mache, ist ein Konglomerat. Ich höre viel Chanson-Musik aus Frankreich, von Edith Piaf bis Charles Trenetund Georges Brassens. Ich mag Zwischenkriegschansons aus den 1920er-Jahren aus Berlin, diese Chansons waren zum Teil unglaublich progressiv.
Inwiefern siehst du die Gefahr, dass es angesichts all dieser Inspirationsquellen und Einflüsse schwierig ist, deinen eigenen Stil zu entwickeln?

Jan Rohrweg: Ich glaube, dass ich meinen eigenen Stil habe. So empfinde ich es zumindest. Franz Schubert ist ein großer Einfluss für mich. Schubert und Schumann habe ich mir aus der Klassik mitgenommen. In meiner Musik steckt alles drinnen, was ich gerne mag. Ich könnte mir vorstellen, dass es die Gefahr gibt beim Publikum zwischen den Stühlen hängen zu bleiben, aber die Frage will ich mir nicht stellen. Mittlerweile weiß ich, was ich mache und wer ich bin. Und ich möchte mich musikalisch immer weiterentwickeln. Ich höre von indischer Tabla-Musik über Rock aus den 1970er-Jahre bis zu Native American sehr viel Folk. Ich liebe zum Beispiel Andrew Bird, das ist ein irrer Geiger, ein wahnsinniger Typ, der macht coole Crossover-Folk-Sachen. Ich schaue einfach, was kommt und was mich inspiriert. Zumindest selbst habe ich nicht das Gefühl, dass ich Stile nachbastle. Aber viele Assoziationen sind da, es besteht eher die Gefahr, dass ein Udo Jürgens-Fan sagt: deine Texte sind mir aber zu steil. Und ein Schubert-Fan sagt: naja, ganz klassisch ist deine Musik auch nicht.
„ICH BIN BEI MEINEN LIEDERN DRAUF GEKOMMEN, DASS ES OFT UM SPRACHMELODIEN GEHT“
Was hebt deine Musik von den Genannten noch ab?
Jan Rohrweg: Sie ist vielleicht sperrig, aber ich kann mir die Musik nicht ohne Text vorstellen. Das ist wahrscheinlich eine Herausforderung. Weil ich eben diesen literarischen Zugang habe und mich schon als Textschreiber und Liedermacher empfinde. Ich habe das Gefühl, dass Musik zurzeit in eine Richtung geht, bei der Texte unwichtiger werden.
Du hast Schubert als Referenzpunkt genannt. Was macht sein Werk für dich aus? Natürlich gibt es die Schubert-Lieder und die Interpretationen von berühmten Sängern, etwa von Dietrich Fischer-Dieskau.
Jan Rohrweg: Die Interpretationen waren nicht wichtig für mich. Aber ich mag Marino Formenti total gern, der Film „Schubert und ich“ hat mich sehr berührt und ein bisschen dazu beigetragen, dass ich mich getraut habe, dieses CD-Projekt zu machen. Mein Zugang ist, Schubert gehört nicht unbedingt auf klassisches Gesangsfach gesungen. Schubert bedeutet eigentlich Lied und wurde damals auch in kleinen Runden gespielt. Was Schubert für mich ausmacht, ist sehr stark dieser Weltschmerz. Auch diese extremste, fast irrationale Emotionalität. Er hat zwar nicht selbst geschrieben, aber auch diese Liebe zur Poesie macht Schubert für mich aus. Ich glaube, er hätte auch die Dadaist:innen oder assoziatives Schreiben gemocht, wenn er in einer anderen Zeit gelebt hätte.
Ich bin bei meinen Liedern draufgekommen, dass es oft um Sprachmelodien geht. Wir haben auch im Sprechen unglaublich viele Melodien. Es macht meine Lieder aus, dass ich von der Wortmelodie in die Komposition gehe und das ist bei Schubert ganz extrem so.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Live:
12.11.2024: TAG, Gumpendorfer Str. 67, 1060 Wien, 20h
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