„Mit meiner Musik anderen Menschen Halt geben“ – CARINA im Interview

Ein bisschen Indie, ein bisschen Country, ein bisschen Pop und ganz viel Leidenschaft – die junge Sängerin CARINA aus Wattens ist seit etwa fünf Jahren in der Tiroler Musikszene zugegen. Sie ist der Inbegriff der Vollblutmusikerin, schreibt, spielt und produziert selbst. Im Interview erzählt sie von den besonderen Momenten, ihren musikalischen Anfängen und ihren Inspirationen.

Carina, gratuliere zu deinem neuen Release „save me“. Erzähl uns was zu dem Lied.

Carina: „save me“ bedeutet mir sehr viel. Mit dem Release bin ich das erste Mal mit meiner Erkrankung an die Öffentlichkeit gegangen: Als Teenager wurde mir eine seltene chronische Erkrankung diagnostiziert und ich überlegte lange, ob ich das teilen soll. Doch es macht Sinn, denn ich habe aufgrund dieses Schicksalsschlags mit Musik angefangen. Mit siebzehn war ich deshalb nämlich lange Zeit im Krankenhaus, wo Musiktherapie angeboten wurde. Wir waren dort nur zu dritt, der Lehrer, ein anderes Mädchen und ich, und wir sangen gemeinsam. Das tat so gut. Als ich wieder zu Hause sein durfte, lieh mir meine beste Freundin ihr altes Keyboard und ich brachte mir mit dem Buch „Musiktheorie für Dummies“ das Klavier- und Gitarrenspielen bei. Als es mir besonders schlecht ging, schrieb ich meine Gedanken auf und versuchte, sie mit Musik zu verbinden. Das mache ich bis heute – die Krankheit ist nicht heilbar, man kann sie nur eindämmen, das heißt, es gibt immer wieder mal auch schlechte Phasen. Das verarbeite ich dann in der Musik.

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Wo findest du im Alltag Inspiration?

Carina: Überall. Zum Beispiel in Filmen oder in kurzen Phrasen, die ich irgendwo aufschnappe. Einmal saß ich mit meinem Freund im Auto und wir hörten einen True Crime-Podcast. Es ging um einen schlimmen Fall und der Moderator meinte, er fragt sich, was passieren muss, dass eine Person so kalt wird. Dieser Satz jagte mir Gänsehaut über die Arme und ich schrieb meinen Song „COLD“. Mein erster großer Song „Burn For You“ wiederum war inspiriert von der Serie „Bridgerton“. Das Lied nahm ich damals daheim schnell auf und plötzlich posteten es ein paar der Schauspieler der Serie in ihre Instagram-Storys.

Gibt es bestimmte Künstler*innen, die dich inspirieren?

Carina: Billie Eilish und ihr Bruder Finneas sind bei mir ganz oben. Sie schreiben so ehrlich und offen und machen alles gemeinsam, das Schreiben und auch die Produktion. Ich finde es großartig, wenn man merkt, dass eine Künstlerin ihren eigenen Stil gefunden hat.

Bild der Sängerin Carina
Carina © Pressefoto

Wie Billie und Finneas produzierst du deine Sachen auch selbst, jede Note kommt von dir. Wie beeinflusst das deine Musik?

Carina: Ich bin viel freier geworden und traue mich mehr. Ich war mit meinem ersten Album im Studio und die Zeit dort war toll. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass ich jemals wieder in ein Studio gehe. Die Leute im Studio waren total lieb und unterstützend, doch ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich mit meinen Songs gehen möchte; deshalb haben wir uns einfach mal ausprobiert und das Resultat war ein Singer-Songwriter/ Country-Album. Wenn ich es mir heute anhöre, finde ich es nett und einen guten Anfang, aber es passt nicht mehr zu mir. Ich beschloss, bei mir zuhause ein Studio einzurichten und das war eine der besten Entscheidungen überhaupt. Nun kann ich einfach alles ausprobieren, ohne Zeitdruck und Stress. Das hilft mir, mich und meinen Stil zu finden.

Was sind die Nachteile, wenn man alles selbst macht?

Carina: So cool es auch ist, diese Freiheiten zu haben, muss man doch streng mit sich sein. Einen Song zu schreiben, aufzunehmen und zu mixen ist so viel Arbeit und ich bin kein Profi. Momentan reicht es, aber es gibt definitiv Luft nach oben.

Wenn wir auf deine Anfänge zurückblicken, wie sehr hast du dich verändert?

Carina: Damals wusste ich im Studio nicht mal, welches Genre ich machen möchte! Ich denke auch, dass ich im Songwriting besser geworden bin. Früher dachte ich, Songwriting ist eine Magie, die sich nur einmal einfangen lässt. Ich glaubte nicht daran, nochmal genug Songs für ein Album schreiben zu können, doch es gibt Phasen, da sprudelt es einfach raus. Zudem bin ich entspannter geworden. Als „Burn For You“ veröffentlicht wurde, konnte ich vorher wochenlang nicht schlafen. Jetzt bin ich vor einem Release schon noch aufgeregt, aber ich flippe nicht mehr aus.

Du hast gesagt, du wusstest früher nicht, welches Genre du machen möchtest. Jetzt schon?

Carina: Das ist so schwer zu beantworten. Ich glaube nicht, dass ich jemals sagen kann: jetzt habe ich mein Genre gefunden, hier bleibe ich für immer. Ich mag es, Dinge auszuprobieren, mich immer wieder neu zu finden.

Hat Indie-Pop Platz in der Tiroler Musikszene?

Carina: Die Tiroler Musikszene ist sehr kreativ und offen; sie besteht aus mehr als nur Lederhosen und Zierharmonika. Ich kenne vor allem viele Frauen, die in der Szene durchstarten, und sehr vielfältig sind, daher glaube ich durchaus, dass es Platz dafür gibt.

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Wie haben sich die Live-Auftritte verändert für dich?

Carina: Ich mache viele unterschiedliche Sachen, von Hochzeiten zu Support-Tour, und bin in den letzten Jahren auf jeden Fall lockerer geworden. Ich bin schon noch nervös, aber auf eine gute Art. Und sobald ich auf der Bühne stehe und den ersten Ton spiele, verfliegt auch diese Nervosität. Dann denke ich mir nur noch: Ja, das ist das, was ich will.

Inzwischen veröffentlichst du schon seit fünf Jahren deine eigene Musik. Wie kam es dazu?

Carina: Zu Covid-Zeiten habe ich meine Musik das erste Mal online gestellt. Ich wollte es ausnutzen, dass alle daheim sind; ich dachte mir, wenn das nicht gut ankommt und nur peinlich ist, sitzt eh jeder daheim und ich muss niemandem auf der Straße begegnen. Dann stellte ich das erste Mal einen Song auf YouTube, der über Nacht tausend Aufrufe bekam und ich war richtig positiv überrascht. Nach Covid stauten sich dann wahnsinnig viele Hochzeiten und die Leute suchten verzweifelt nach Musikerinnen. Ich hatte einen Sommer, da spielte ich jedes Wochenende auf einer Hochzeit. Im Winter nahm ich dann auch ein Weihnachtslied auf, woraufhin ich im Fernsehen zu sehen war. Ich glaube, ich hatte einfach Glück, weil zu dieser Zeit alle daheim waren und sich viele nach Entertainment sehnten.

Wenn du auf die letzten fünf Jahre zurückblickst, welche Highlights sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Carina: Als erstes fällt mir die Lesung mit Sky du Mont ein, bei der ich spielen durfte. Vor einigen Monaten gab ich mein erstes Solo-Konzert, daran denke ich auch sehr gerne zurück. Im März war ich zum Weltfrauentag zur Superheldinnengala in der Steiermark eingeladen, gemeinsam mit 24 weiteren Künstlerinnen aus ganz Österreich, das war sehr besonders. Es sind diese Begegnungen, die Menschen, die man kennenlernt. Vor allem finde ich es so schön zu sehen, dass meine Musik andere berührt. Unter dem Video meines Songs „Love Myself“ haben so viele Menschen kommentiert und ihre Geschichten geteilt. Dadurch habe ich gemerkt, dass ich anderen Halt geben kann, wenn ich meine Sorgen, Gefühle und Gedanken in der Musik laut ausspreche.

Was können wir in der Zukunft von dir erwarten? Hast du größere Projekte geplant?

Carina: Ich habe tatsächlich einen Song für den ESC eingereicht, schauen wir mal, was daraus wird. Ich dachte mir, wenn man die Chance hat, sollte man es einfach probieren! Abgesehen davon plane ich auch ein Konzert für das neue Jahr und ich würde es gerne mit einer kleinen Band machen.

Melanie Falkensteiner

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Carina (Instagram)