„MIT DER MUSIK WILL ICH EINEN RAUM SCHAFFEN, WO ALLES SEIN DARF – SANNA FRANKIE IM MICA-INTERVIEW”

Mit ihrer Musik schafft Sanna Frankie einen Raum zum Durchatmen – einen, der sich sanft am Morgen öffnet und sich über den Tag hinweg bis in eine gewisse Zeitlosigkeit erstreckt. Für ihr Debütalbum „cerberus“  (VÖ: 27. Februar) wählt die Künstlerin eine mythologische Figur als Wächterin dieses inneren Raums: den dreiköpfigen Hund aus der griechischen Unterwelt. Im Gespräch mit Ania Gleich spricht Sanna Frankie dabei über psychische Ausnahmezustände, über Derealisation, das Aufwachsen mit Social Media und darüber, wie Musik zum Anker werden kann.

Für welche Tageszeit würdest du dein Album selbst einordnen?

Sanna Frankie: Boah, gute Frage. Ich glaube, es kommt voll drauf an, wie man Musik hört. Hört man mehr auf die Melodie oder eher auf die Texte? Ich bin zum Beispiel jemand, der sich meistens auf Lyrics konzentriert. Aber wenn es um Melodie geht, dann sehe ich mein Album total am Morgen. Es fängt langsam an, wird dann etwas schneller und flacht zum Schluss wieder ab. Also so von der Stimmung her passt es echt gut in die Früh. Aber wenn man gerade nicht so gut drauf ist, ist es vielleicht zu früh dafür. Dann eher Nachmittag: wenn man schon ein bisschen was erlebt hat, müde ist und Lust hat, in Gedanken abzutauchen. Kurz vorm Schlafengehen vielleicht eher nicht, weil manche Sachen schon ein bisschen tief reingehen.

Wie bist du generell denn an das Schreiben für dein Album herangegangen? Gab es ein übergeordnetes Thema oder war es eher eine Sammlung von Songs, die sich über Zeit ergeben haben?

Sanna Frankie: Eher Letzteres. Es war nicht so, dass ich ein klares Konzept hatte. Mein Kopf ist ziemlich chaotisch und mein Leben irgendwie auch. Ich bewundere Leute, die so ein durchdachtes Konzept-Album machen. Vielleicht kommt das bei mir irgendwann auch mal, aber im Moment ist das Chaos vorherrschend. Das war auch irgendwie das „Konzept“: dieses Chaos in den Zwanzigern. Diese Strukturlosigkeit wollte ich mit dem Album einfangen. Jeder Song steht für eine Emotion oder Erfahrung, die sich in den letzten Jahren aufgebaut hat. Und das alles ist dann zusammen geflossen.

Album-Protagonistin: die Zwanziger.

Sanna Frankie: Genau. Nächstes Album sind dann die Dreißiger!

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Ich glaube wirklich, dass sich da was verändert. Ich bin fast 30 und merke, je näher ich dem komme, desto mehr sortiert sich dieses Aufbrausende. 

Sanna Frankie: Das freut mich zu hören. Ich glaube, man lernt einfach mit der Zeit besser mit allem umzugehen. Ich bin 25, also noch mittendrin, aber ich merke schon, wie sich Dinge verändern. Man entwickelt Coping-Mechanismen, versteht sich besser. Aber ich freue mich voll auf die Dreißiger.

Aber wie hast du dich dann für Cerberus als Gestalt für dein Album entschieden? 

Sanna Frankie: Also grundsätzlich: Ich habe echt lange nach einem Namen für das Album gesucht. Und weil ich Archäologie studiert habe, bin ich auch ein großer Fan von griechischer Mythologie. Ich wollte das irgendwie einfließen lassen, gerade weil es mein Debüt ist, mein erstes musikalisches Baby. Als ich dann auf „Cerberus“ gekommen bin, hat sich das total stimmig angefühlt. Im Kern geht es im Album um meine Derealisation. Das ist ein Schutzmechanismus, der einsetzt, wenn man – so wie ich – manchmal große Gefühle oder Erfahrungen nicht gut verarbeiten kann. Der Körper fährt dann alles ein bisschen runter, dämpft das Erleben.

Derealisation, darf ich kurz nachhaken, was das für dich ist?

Sanna Frankie: Ja, klar. Also Derealisation ist dieser Zustand, in dem sich alles um dich herum irgendwie irreal anfühlt – wie ein Traum, ein Videospiel, als wär man nicht ganz da. Das passiert bei vielen Menschen mal, aber wenn es über längere Zeit bleibt, wird es zu einem Problem. Bei mir ist das jetzt seit vier Jahren so. Trotzdem fühle ich viel. Es ist nicht, dass da nichts mehr ist. Aber es ist wie eine Art Schutzpanzer, der alles filtert. Und genau das wollte ich im Album thematisieren. Cerberus steht da für mich als Metapher: Er ist diese Figur, die mich beschützen will. Und gleichzeitig muss ich ihn auch loslassen können, weil ich auf mich selbst aufpassen kann. Und es gibt ja auch einen Song auf dem Album, der „cerberus“ heißt. Da verarbeite ich genau das.

GERADE BEI DISSOZIATIVEN STÖRUNGEN ODER GENERELL PSYCHISCHEN PROBLEEN SCHWINGT OFT SO EINE TIEFE EINSAMKEIT MIT”

Ich kenne Dissoziation gut, aber mir war gar nicht so klar, dass Derealisation nochmal etwas anderes ist – vor allem, weil sie eben konstant da sein kann. 

Sanna Frankie: Ja, es ist echt schwer zu erklären. Ich habe dazu auch viel dazu gelesen und war dann fast erleichtert, als ich gemerkt habe: Ah, okay, das ist es. Das bin nicht nur ich. Und genau deshalb wollte ich dieses Thema mit dem Album nach außen tragen. Weil ich mir so sehr gewünscht hätte, früher zu verstehen, was mit mir los ist. Warum sich alles so falsch und fremd anfühlt. Jetzt ist das auch ein bisschen neu für mich. Ich habe küzrzlich zum ersten Mal dazu etwas auf Social Media gepostet. Es fühlt sich gut an, offener damit zu sein. Und ich merke: Je mehr ich darüber spreche, desto leichter fällt es mir auch. Mir geht es – um das Thema abzuschließen – vor allem darum, dass sich Menschen das Album anhören und sich denken: „Oh mein Gott – safe. Ich versteh das.“ Oder: „Jetzt hab ich was Greifbares.“ Denn gerade bei dissoziativen Störungen oder generell psychischen Problemen schwingt oft so eine tiefe Einsamkeit mit. Ich habe das Gefühl, unsere ganze Generation kennt das. Jeder ist irgendwie getrennt: Gruppen gegeneinander, Social Media, alles fragmentiert. Dann kommt noch das Gefühl dazu, dass man von der Realität abgeschnitten ist und natürlich entwickeln sich da psychische Probleme. Für mich war es dann wichtig, mit dem Album wenigstens einen kleinen Raum zu schaffen, in dem man ankommen, durchatmen und weitermachen kann.

Glaubst du, dass Musik – gerade in einer Welt, die durch Internet und Social Media so fragmentiert ist – noch bewusst gehört wird? Oder wie gehst du als Musikerin mit diesem veränderten Hören um?

Sanna Frankie: Ich glaube, es geht darum, so einen ruhigen Raum zu kreieren: das trifft es für manche Songs auf jeden Fall. Aber eher geht es mir darum, Raum für Emotionen zu schaffen. Ich denke, wir tun uns gerade alle schwer damit, überhaupt zu wissen, was wir fühlen oder was wir überhaupt fühlen dürfen. Und mit der Musik will ich so einen Raum schaffen, wo alles da sein darf. Alle Gefühle, ohne Bewertung. Aber was das bewusste Hören betrifft – puh, ich weiß nicht, wie viele Musiker:innen das überhaupt beeinflussen können. Ich fühl mich da selbst gerade eher orientierungslos. Vor allem, was Social Media betrifft. Es ist so ein ständiges Hoffen, dass die Musik doch noch Menschen erreicht, dass sie rausbricht aus diesem „Nebenbei hören“-Modus.

Du meinst sowohl auf Streaming-Plattformen als auch auf Social Media?

Sanna Frankie: Genau. Wir benutzen ja alle diese Plattformen. Ich versuche zwar weniger Social Media zu schauen als früher und es catcht mich nicht mehr so leicht. Aber wenn was gut gemacht ist, kann es einen schon erreichen. Aber meine Strategie ist im Moment trotzdem: mit diesen Tools arbeiten. Ich entzieh mich dem nicht komplett. 

Bild der Musikerin Sanna Frankie
Sanna Frankie © Ina Höller

Da gibt es ja sehr polarisierende Meinungen. Viele Künstler:innen überlegen, komplett raus zu gehen.

Sanna Frankie: Ja, voll. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Es ist halt einfach Teil unserer Welt geworden. Aber ich finde auch, es braucht Veränderung. Man merkt ja, dass sich da gerade was tut: viele Communities positionieren sich inzwischen auch kritisch gegenüber Spotify. Aber ja, es sollte wieder mehr Respekt für Musiker:innen geben, die viel Zeit und Geld investieren. Man muss da neue Wege finden und das gemeinsam.Und genau das hat mein Fokus bei dem Album auch nochmal geschärft. Ich will einen Raum haben, in dem man runterkommen kann und wo man sich gesehen fühlt.

Wie ist das eigentlich für dich im kreativen Prozess? Wie bringst du dich dazu, einen Song zu schreiben? 

Sanna Frankie: Musikmachen ist für mich wie Trance aber eine gute. Wenn wir nochmal kurz zu der Derealisation zurückkommen: Es gibt für mich gutes und schlechtes Dissoziieren. Gutes ist, wenn mein Körper merkt, er braucht das gerade. Musik ist dann wie ein Magnet, der mir hilft, Gefühle zu verarbeiten und wieder in einen Normalzustand zurückzukehren. Es bringt mich nicht weg, es bringt mich zurück. Ich setze mich auch nie unter Druck, zu schreiben. Ich lasse es einfach kommen. 

Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen? War das etwas, das schon immer in deinem Leben war?

Sanna Frankie: Schon, ja. Ich habe drei Schwestern, die alle sehr musikaffin sind. Sie haben immer gerne gesungen. Ich bin dabei die Jüngste, und bei uns war immer Musik im Haus. Für mich hat sich das dann einfach immer weiterentwickelt, ich konnte gar nicht mehr aufhören. That’s why I’m here.

Und haben deine Schwestern auch beruflich was mit Musik gemacht?

Sanna Frankie: Nein, gar nicht. Sie singen alle voll gerne und wunderschön, aber eher hobbymäßig. Einer meiner Schwestern ist Lehrerin und macht jetzt auch wieder ein bisschen mehr Musik als früher, was ich sehr schön finde. Ich hab das alles irgendwie wie ein Schwamm aufgesogen.

Was war dein erstes Instrument? Klavier?

Sanna Frankie: Ja genau, mit zwölf habe ich ein kleines Keyboard bekommen. Und dann hab ich einfach drauflos geklimpert.

ES FÄLLT MIR GERADE SCHWER, MICH AUF EINE SCHIENE FESTZULEGEN”

Und heute komponierst du auch hauptsächlich am Klavier?

Sanna Frankie: Ja, voll. In den letzten zwei Jahren habe ich auch ein bisschen Gitarre gelernt. Also nicht professionell, aber genug, um ein paar Songs zu schreiben. Aber mein Hauptinstrument bleibt das Klavier. Und dann gehe ich ins Studio: da passiert dann die Magie.

Du hast ja jetzt schon einige Support-Touren gemacht. Trittst du da alleine auf oder mit der Band?

Sanna Frankie: Im Moment bin ich allein unterwegs, also keine feste Band. Aber beim Release am 6. März spiele ich zum ersten Mal mit Band, und darauf freue ich mich richtig. Das wird sicher cool und auch ein bisschen aufregend.

Und arbeitest du eigentlich schon an neuem Material oder bist du noch voll im Fokus auf das jetzige Album?

Sanna Frankie: Der Hauptfokus liegt gerade noch auf dem Album, aber ich schreibe eigentlich ständig neue Songs. Ich habe sogar schon einen Titel für die nächste EP im Kopf, aber es ist noch nichts Konkretes geplant. Mein Gehirn würde das gerade eh nicht packen.

Viele erzählen, dass sie beim Release innerlich eigentlich schon weiter sind, aber gleichzeitig wäre es schade, wenn man das Gefühl hätte, nach dem Album ist es vorbei.

Sanna Frankie: Ja, voll. Das soll ja kein Endpunkt sein. Hoffentlich nicht.

Kannst du dir eigentlich vorstellen, deinen Sound weiterzuentwickeln? Also vielleicht in eine größere, pompösere Richtung? Oder glaubst du, du bleibst eher bei diesem intimen, cozy Vibe?

Sanna Frankie: Ich glaube, da passiert noch viel. Es fällt mir generell schwer, mich auf eine Schiene festzulegen. Ich will mir da alle Freiheiten lassen. Ich finde immer mehr zu einem Sound, der sich gerade gut anfühlt – mit Synth-Sounds, spannenden Drums… das entwickelt sich. Aber wenn ich irgendwann Lust habe, eine rein akustische EP zu machen, dann mache ich das auch. Ich will mich nicht einschränken. Das entwickelt sich wie man selbst als Person.

Vor allem, wenn man gerade erst anfängt, ist da ja noch viel Luft nach oben.

Sanna Frankie: Absolut. Und ich bin in einer echt glücklichen Position: mein Team lässt mich einfach machen. Auch im Studio arbeiten wir inzwischen sehr eng zusammen, das ist richtig schön.

Was waren denn bisher so deine prägendsten Live-Erfahrungen? Du hast ja schon ein paar Supports gespielt, auch beim Waves Festival.

Sanna Frankie: Ja, das Waves war meine erste richtige Solo-Festival-Show. Und generell: Live zu spielen ist einfach eines meiner absoluten Lieblingsdinge. Ich lerne da jedes Mal mehr dazu, fühle mich immer wohler. Deshalb freue ich mich auch so aufs Spielen mit Band. Das ist wieder eine ganz neue Erfahrung. Ich liebe es, mit der Musik neue Dinge auszuprobieren. Ich bin auch gern allein am Piano, gar keine Frage. Aber mit Band ist es nochmal was anderes. Natürlich werde ich trotzdem auch weiter Solo spielen – schon allein aus finanziellen Gründen.

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Ist Musik eigentlich dein Hauptding? Oder hast du gerade noch etwas anderes nebenher, weil du ja am Anfang erwähnt hast, dass du Archäologie studiert hast?

Sanna Frankie: Gerade ist Musik auf jeden Fall mein Fokus. Ohne Nebenjob würde das aber nicht gehen. Also ich arbeite nebenbei, sonst könnte ich mir das alles gar nicht leisten. Ich bin ursprünglich aus Oberösterreich, aus einem kleinen Dorf. Als ich nach Wien gezogen bin, war das erstmal so: Wow, Stadt! Für mich war Musik immer ein Wunsch, aber es war so weit weg. Ich wollte erst etwas Sicheres machen – habe Archäologie und auch kurz Biologie studiert. Aber ganz ehrlich, ich habe ein Talent dafür, mir genau die Dinge auszusuchen, mit denen man kein Geld verdient. Und trotzdem ist es immer wieder zur Musik zurückgekommen. Immer. Als ich das dann irgendwann akzeptiert hab und mir gesagt hab: Okay, ich mach einen Nebenjob, der mir nicht wehtut, 15 Stunden, passt – dann ist es plötzlich gegangen. Solange es irgendwie möglich ist, will ich das weitermachen. Und selbst wenn es irgendwann nicht mehr geht, wird Musik immer ein Teil von meinem Leben bleiben. Da gibt es keinen Zweifel.

Wenn du jetzt an dich in zehn Jahren denkst – so wirklich Traumvorstellung, ganz ohne Realismusfilter – wie sähe das aus?

Sanna Frankie: Hm… Ich glaube, ich hätte trotzdem noch einen kleinen Nebenjob. Einfach, weil ich gern verschiedene Dinge mache. Das bringt Ausgleich. Aber mein Traum wäre, dass ich von der Musik leben kann. Dass ich touren kann, wenn ich will. Songs rausbringen, Leute fair bezahlen, im Studio arbeiten. Und parallel vielleicht fünf bis zehn Stunden pro Woche in einer NGO – für irgendwas mit Tierschutz oder Menschenrechte oder so. Das wäre es für mich. Ich finde es auch wichtig, sich nicht nur auf eine Sache zu fixieren – sonst wird man von einer Szene so verschluckt. Ich brauche einfach Verschiedenes im Leben. Das gibt mir Boden.

Absolut. Danke dir auf jeden Fall für das Gespräch – das war echt schön. 

Sanna Frankie: Ja, voll. Danke dir auch!

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Ania Gleich 

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