„Mir war wichtig, mit dem Album nach vorne zu schauen.“ – SOPHIE HASSFURTHER im mica-Interview

Mit ihrem Oktett Kaleidoskop lotet die Wiener Saxofonistin und Komponistin Sophie Hassfurther auf dem Album „Empathy“ (Hat Hut Records / VÖ: 16.10.) die Möglichkeiten eines Zusammenspiels aus, das Gegensätze nicht auflösen muss, sondern produktiv nutzt. Die Musik wechselt zwischen filigranen kammermusikalischen Passagen und kraftvollen, dicht geschichteten Klangbildern. Auskomponierte Strukturen treffen auf freie Momente, solistische Beiträge treten in einen Dialog mit dem Gesamtklang. Dabei bewegt sich die Formation zwischen Jazz und zeitgenössischer Komposition, ohne sich auf eine Richtung festzulegen. Im Zentrum steht ein musikalischer Austausch, der vom genauen Aufeinanderhören lebt und unterschiedlichen Stimmen Raum gibt. Im Interview mit Michael Ternai erzählt die Wienerin, aus welcher Idee heraus das Album entstanden ist, welchen Sound sie dabei bereits konkret im Kopf hatte und warum sich dieser über so viele unterschiedliche Stile erstreckt.

Ich finde, der Name Kaleidoskop passt ausgesprochen gut zur Musik auf dem Album, weil er dieses Bunte und Vielschichtige widerspiegelt, das sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen zeigt. War die Idee des Kaleidoskops auch ein Ausgangspunkt für die musikalische Gestaltung, für dieses abwechslungsreiche Spiel mit verschiedenen Einflüssen, Klängen und Stimmungen?

Sophie Hassfurther: Auf eine gewisse Art schon, ja. Die Idee zum Album ist mir 2021 gekommen, also quasi im dritten Pandemiewinter, als dieser Wahnsinn immer noch vorherrschte und alles geschlossen war. Ich habe mir damals gedacht, dass die Probleme, die in dieser Zeit zum Vorschein kamen, eigentlich schon immer da gewesen waren. Sei es der Klimawandel oder die ungerechte Arbeitsaufteilung in unserer Gesellschaft – solche Dinge eben. Ich dachte mir, eigentlich müsste man das alles aufbrechen und neu zusammensetzen. Als Inspiration ist das natürlich nicht wahnsinnig positiv. Aber es gibt ja auch Dinge, die aus kaputten Materialien hergestellt werden, wie etwa Kaleidoskope. Ich hatte als Kind tatsächlich eines, in dem sich Glasreste befanden, die irgendwie in einer Fabrik übriggeblieben waren. Da habe ich mir gedacht, dass das eigentlich eine positive Vorstellung ist: Man schlägt alles kaputt und macht etwas Neues daraus, aus dem dann etwas wirklich Gutes entsteht. So ist der Titel Kaleidoskop entstanden.

Das Album beginnt relativ minimalistisch und ruhig, auf eine eigene Art aber auch sehr sophisticated. Zunächst entwickelt sich eine eher zurückhaltende Atmosphäre, während das nächste Stück geradezu chaotisch einsetzt. Auch stilistisch ist die Musik abwechslungsreich: Manchmal groovt sie ziemlich straight, an anderer Stelle wird sie wiederum sehr komplex. Da kommt musikalisch vieles zusammen. War das von Anfang an Teil des Konzepts?

Sophie Hassfurther: Ich glaube, man hört schon, dass ich stark von der Third-Stream-Musik und der Musik von Gil Evans beeinflusst bin. Das war für mich immer schon ein wichtiger Bezugspunkt, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Konzeptuell war es mir wichtig, Menschen zusammenzubringen, mit denen ich gerne arbeite. Ich bewege mich selbst in unterschiedlichen Genres und Stilistiken, und mir ging es darum, eine gemeinsame Grundlage zu finden, auf der sich alle gut bewegen und musikalisch miteinander kommunizieren können. Deshalb habe ich die Musiker:innen auch entsprechend ausgewählt. Einige kommen aus der freien Improvisationsszene, andere eher aus dem Straight-Ahead-Jazz und wieder andere, im weitesten Sinne, aus dem Bereich der Neuen Musik. Es war mir ein Anliegen, diese vermeintlich unterschiedlichen Richtungen zusammenzuführen und trotzdem einen gemeinsamen Bandsound zu entwickeln. Wichtig war mir außerdem, dass in der Formation verschiedene Generationen aufeinandertreffen. Ich wollte nicht ausschließlich mit Menschen meiner eigenen Generation oder nur mit jüngeren beziehungsweise älteren Musiker:innen arbeiten, sondern bewusst eine Mischung schaffen.

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Du hast mit Peter Herbert und Kenji Herbert auch eine Onkel-Neffe-Konstellation in der Band. Aber auch darüber hinaus ist die Besetzung sehr eindrucksvoll.

Sophie Hassfurther: Ja, es ist wirklich eine sehr gute Mischung. Ich freue mich riesig, dass es gelungen ist, einen gemeinsamen Aufnahmetermin zu finden. Bei acht Leuten ist das alles andere als einfach und war schon eine Herausforderung.

Du hattest also eine bestimmte Klangvorstellung. Mit acht Musiker:innen einen gemeinsamen Sound zu finden, der dieser Vorstellung entspricht, stelle ich mir trotzdem nicht einfach vor. Wie bist du dabei vorgegangen?

Sophie Hassfurther: Eine Vorstellung vom Sound hatte ich schon, weil ich bis auf ein Stück alle Kompositionen für diese Besetzung geschrieben habe. Ich wusste also im Grunde, wie ich mir das klanglich vorstelle. Zuerst habe ich Kenji, Peter und Valentin gefragt, also die Rhythmusgruppe. Danach habe ich überlegt, welche Klangfarben ich noch dazuhaben möchte und wer dafür infrage kommt. Als die Besetzung schließlich feststand, hatte ich abgesehen von diesem einen Stück, das ich schon vorher geschrieben und anschließend orchestriert hatte, noch kein weiteres Material. Ich habe dann begonnen, gezielt für genau diese Formation zu komponieren. Ursprünglich war das Ganze als Suite konzipiert.

Ich hatte sehr viele Ideen und habe zahlreiche Stücke geschrieben, an denen ich dann doch nicht weitergearbeitet habe, weil ich das Gefühl hatte, dass sie nicht richtig ins Gesamtkonzept passen. Auch von den Kompositionen, die ich eigens für diese Besetzung geschrieben habe, ist nicht alles auf dem Album gelandet. Es war also ein längerer Aussiebprozess, der sich über die zwei Jahre erstreckt hat, in denen das Album entstanden ist.

Die freien Passagen waren ursprünglich ebenfalls als Teil dieser Suite vorgesehen. Für das Album wollte ich sie dann aber doch nicht in dieser Form übernehmen, weil ich mir gedacht habe: Wenn man zwei 30-minütige Stücke auf einer Platte hat, hört sich das kein Mensch an. Ich finde, das wäre einfach zu überladen. Live funktioniert das, aber auf einem Album nicht unbedingt. Außer vielleicht bei Miles Davis oder so – da kann man das machen.

Und selbst Miles Davis hat seine Stücke zusammengeschnitten. Ich habe dann die auskomponierten Teile aufgenommen und dazwischen Improvisationen platziert, die wir zusätzlich mit der Band eingespielt haben. Das war im Wesentlichen die Vorgehensweise.

Du hast erzählt, dass die Idee zu dem Album gegen Ende der Corona-Zeit entstanden ist, als sich auch gesellschaftlich in Österreich einiges bewegt hat. Du bist generell jemand, der solche Entwicklungen aufmerksam verfolgt und jemand bist …

Sophie Hassfurther: … der nicht unbedingt die Pappen hält.

Und diese Ereignisse, Entwicklungen und Themen hast du auch in der Musik verarbeitet – und zwar ohne Worte.

Sophie Hassfurther: Ich bin selbst einfach nicht so gut mit Texten, aber ich lese viel. Zu dieser Zeit habe ich unter anderem Bücher von Harriet Lerner und Brené Brown gelesen. Daraus habe ich mir Textstellen herausgesucht, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie die Dinge richtig auf den Punkt bringen. Das Absurde ist, dass diese Bücher alle aus den 2000er-Jahren stammen, also schon mehr als 20 Jahre alt sind, und trotzdem nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Manche erzählen ja, dass sie sich hinsetzen und versuchen, ein bestimmtes Gefühl musikalisch auszudrücken. Bei mir läuft das eigentlich genau umgekehrt. Zunächst habe ich selbst ein sehr unkonkretes Gefühl, dann fange ich an zu schreiben und merke irgendwann: Aha, das passt eigentlich gut zu dem, was ich sagen möchte. Danach wähle ich aus, was sich für mich richtig anfühlt.
Es ist also nicht so, dass ich mich hinsetze, einen Text lese und dann ein Stück dazu schreibe. Die Texte waren bereits da, und ich habe angefangen, dazu zu komponieren. In diesem Prozess sind dann die Stücke entstanden. Man muss aber auch sagen, dass ich im Theaterkontext durchaus mit Texten arbeite und natürlich auch Lieder schreibe, wenn beispielsweise Gesang gefragt ist. Das finde ich ebenfalls spannend. Mir ging es diesmal aber darum, etwas Instrumentales zu machen und diesen Augenblick ein Stück weit festzuhalten. Gleichzeitig war mir wichtig, dass das Album nicht bloß eine Erinnerung an die Pandemie bleibt, sondern Gedanken zum Ausdruck bringt, die auch darüber hinaus Gültigkeit haben.

Woher beziehst du deine musikalischen Einflüsse eigentlich? Du bist zwar Jazzmusikerin, aber in deiner Musik lassen sich auch viele andere Einflüsse erkennen, etwa aus der klassischen Musik.

Bild Sophie Hassfurther & Kaleidoscope
Sophie Hassfurther & Kaleidoscope © Astrid Knie

Sophie Hassfurther: Gil Evans, den ich bereits erwähnt habe, ist sicher einer meiner großen Einflüsse. Er hat sich ebenfalls viel zwischen verschiedenen Stilistiken und Genres bewegt. Dazu kommt natürlich die Spätromantik. Ich fand es immer spannend, dass die Komponisten der Tin Pan Alley stark von der Romantik beeinflusst waren. Die Entwicklungen haben sich zeitlich überschnitten, und durch die massive Welle des Antisemitismus sind zahlreiche Künstler nach New York emigriert. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich dort eine Community von musikalisch äußerst gebildeten Menschen gebildet. Mir fallen gerade die Namen nicht ein, aber es gab eine ganze Reihe von Lehrpersonen, die dann die nächste Generation von Komponisten ausgebildet haben. Diese Verbindung finde ich sehr interessant. Ich denke, dass man solche Einflüsse auch im Straight-Ahead-Jazz deutlich hört. Da steckt viel von Debussy, Brahms, Chopin, Ravel und vielen anderen drin.

Ein weiterer wichtiger Einfluss ist die Musik, mit der ich zu Hause aufgewachsen bin. Da gab es die ganzen Klassiker und Romantiker, aber mein Papa war und ist auch ein großer Americana-Fan. Das reicht von traditionell aufgenommenem Folk bis hin zu Bob Dylan.

Ich war also immer von sehr viel unterschiedlicher Musik umgeben, und ich denke, dass man das beim eigenen Komponieren weiterträgt. Meine Stücke bewegen sich auch in diesem Zwischenbereich. Ich finde es außerdem befreiend, mich nicht in eine bestimmte Schublade stecken zu müssen oder mich selbst darin einzusortieren.

Um das noch auf eine philosophische Ebene zu bringen: Es gibt ja auch Forschung dazu, dass die größte Biodiversität in Zonen entsteht, in denen mehrere Klimazonen aufeinandertreffen. Ich finde, das ist eine schöne Analogie zur Musik. Dort, wo unterschiedliche Genres aufeinandertreffen, kann vielleicht auch mehr kreative Freiheit entstehen, als wenn man sich auf eine einzige Richtung festlegt.

Wichtig ist mir dabei aber trotzdem, einen roten Faden beizubehalten und einen eigenen Bandsound zu finden beziehungsweise zu entwickeln.

Obwohl das Album von einem nachdenklichen Grundthema ausgeht, entfaltet die Musik ein breites Spektrum an Stimmungen. Neben den reflektierten Momenten gibt es auch Passagen, die aufbrechen und den Blick nach vorne richten.

Sophie Hassfurther: Mir war wichtig, mit dem Album nach vorne zu schauen. Es sollte nicht daran festhalten, was nicht funktioniert hat, sondern den Fokus auf die Möglichkeiten und Handlungsspielräume legen, die wir haben. Aus einer übergeordneten Perspektive geht es mir auch darum, wie wir als solidarische Gesellschaft etwas bewegen können und wie politisch unser Alltag eigentlich ist. Das war mir wichtiger, als mich musikalisch mit all dem zu beschäftigen, was zu diesem Zeitpunkt nicht funktioniert hat. Vielleicht ist die Musik deshalb auch nicht durchgehend so nachdenklich, sondern bricht an manchen Stellen regelrecht auf.

Du bist ja schon sehr lange Teil der österreichischen Musikszene. Ich kann mich erinnern, dass ich bereits 2010 einmal über dich geschrieben habe. Schon damals bist du mir als Musikerin aufgefallen, die sich in ganz unterschiedlichen musikalischen Kontexten bewegt und Einflüsse aus verschiedensten Richtungen aufnimmt. Inwieweit fließt in dieses Album all das ein, was du im Laufe der Jahre aus anderen Projekten mitgenommen hast?

Sophie Hassfurther: Ich denke schon, dass das einen Einfluss hat. Mir war zum Beispiel wichtig, dass alle Stücke eine eigene Dramaturgie haben, was ja etwas sehr Theatralisches ist. Insgesamt sehe ich das Album als eine künstlerische Weiterentwicklung von Dingen, die ich eigentlich schon die ganze Zeit gemacht habe. Ich bin allerdings niemand, der die eigene Arbeit besonders akribisch dokumentiert. Außerdem habe ich zwischenzeitlich zwei Kinder bekommen, was natürlich auch kreative Energie gebunden hat. In dieser Zeit habe ich vermehrt als Sidewoman in Bands gespielt, weil mir das angenehmer war: Ich musste einfach hingehen, meinen Part spielen und konnte danach wieder nach Hause gehen. Um die Organisation und die kreativen Entscheidungen, die über meinen eigenen Part hinausgingen, musste ich mich nicht kümmern – also nicht um das große Ganze. Mittlerweile sind die Kinder aber schon größer, und ich denke, dass jetzt einfach wieder eine andere Phase beginnt, in der ich mich verstärkt meinen eigenen Projekten widmen möchte. So sehe ich das jedenfalls.

Wenn du deine eigenen Projekte als Maßstab nimmst: Inwiefern ist dieses Vorhaben etwas Besonderes, auch im Vergleich zu dem, was du bisher gemacht hast? Es ist ja nicht nur aufgrund der Namen, die hier zusammenkommen, ein außergewöhnliches Projekt, sondern auch musikalisch sehr groß gedacht.

Sophie Hassfurther: Ja, ich habe auch zwei Jahre daran gearbeitet. (lacht) Ohne die Kompositionsförderung der Stadt Wien wäre das allerdings gar nicht möglich gewesen. Aber mal schauen, was die Zukunft bringt. Ich möchte auf jeden Fall mit der Band weiterspielen und sicher auch noch etwas aufnehmen. Davor gab es immer wieder andere Projekte. 2010 war das Projekt mit Wolfgang Reisinger. 2019 habe ich „mind like water“ mit Oguz Büyükberber veröffentlicht, und dazwischen habe ich auch Trio-Platten mit Hannes Enzelberger und Mario Vavti aufgenommen.

Andere Projekte habe ich allerdings nicht wirklich dokumentiert oder konnte sie nicht entsprechend dokumentieren. Einerseits kam natürlich die Pandemie dazwischen, in der vieles zum Stillstand gekommen ist. Andererseits gab es einfach viele Dinge, die eher nebenhergelaufen sind. Eine Zeit lang habe ich mich auch mehr oder weniger aus den sozialen Medien zurückgezogen, weil sie mir zunehmend auf die Nerven gegangen sind. Mir haben schlicht die Ressourcen gefehlt, um etwas ernsthaft zu veröffentlichen, und ich hatte auch nicht die Energie, meine Arbeit so aufzubereiten, dass sie zumindest auf meiner Website oder in den sozialen Medien nachvollziehbar gewesen wäre.

Ich habe einfach meine Sachen gemacht, Konzerte gespielt und war in den üblichen Jazz-Tschocherln unterwegs. Meine eigenen Projekte sind also durchaus weitergelaufen. Man hat das nur nicht unbedingt mitbekommen. Ich gehe davon aus, dass sie in den nächsten Jahren wieder sichtbarer werden, weil ich jetzt einfach auch die Zeit dafür habe.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Sophie Hassfurther & Kaleidoskop live
26.11.2026 – Jazzit, Salzburg
26.04.2027 – Porgy & Bess, Wien

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Link:
Sophie Hassfurther
Sophie Hassfurther (Instagram)