"Mir wäre es zu limitiert, nur Musik zu machen" – GREGOR LADENHAUF im mica-Interview

GREGOR LADENHAUF ist ein Freund der Abwechslung. In der Kunst, im Klang, im täglichen Leben. Er schätzt, was er tut und erfreut sich an Momenten, in denen er durch die Musik abschalten und das bewusste Reflektieren hinter sich lassen kann. Nachdem er 2012 sein Soloalbum auf den Markt gebracht, wie immer intensiv an Releases für Ogris Debris gefeilt und gerade mit seinem Kollegen Leonhard Lass als Depart eine Installation für Soundcloud fertiggestellt hat, war es gerade Recht, ihn über Herkunft und Inhalt seiner Projekte zu befragen und mehr über den Lustgewinn durch seine unterschiedlichen Tätigkeiten zu erfahren. Mit Lucia Laggner sprach er außerdem über die Freiheit,  sich dem künstlerischen Schaffen widmen zu können, den Energiehaushalt und ideale Orte für seine Musik.

Wer ich bin und was ich tu

Folgende Überlegung: Gregor Ladenhauf ist auf einer Hochzeit eines entfernten Bekannten eingeladen und ihm wird – der Sitzordnung wegen – der Platz neben einem Unbekannten zugewiesen. Auf die höfliche Frage, was er beruflich tue, antwortet er:

Gregor Ladenhauf:
Früher habe ich immer gesagt, dass ich Sounddesigner bin und manchmal auch Musikproduzent. Wenn ich dann darüber nachgedacht habe, bin ich darauf gekommen, dass es zwar teilweise zutreffend, der Begriff des Produzenten aber nicht ganz richtig ist. Der Produzent ist ja, zumindest nach traditionellem Verständnis, eigentlich jemand, der etwas als herausgebenswürdig erkennt, einer Band im Studio finanziell und/oder musikalisch bzw. eben produktionstechnisch unter die Arme greift. Mittlerweile bezeichne ich mich meistens als Künstler und Musiker, weil die beiden Begriffe meine Tätigkeiten am besten vereinen. Als Künstler sehe ich mich und Musiker sage ich, damit es für den Gesprächspartner eine verständlichere Richtung bekommt.


 

Du hast an der FH in der Salzburg “Multimedia Arts” studiert und dich im Rahmen deiner Diplomarbeit mit dem Thema “Algorithmische Komposition” auseinander gesetzt. Was bedeutet das für den Laien und wie spiegelt sich diese Auseinandersetzung und deine Ausbildung in deinem Zugang zu Musik, deinem Sound und deinen Projekten wider?

Gregor Ladenhauf: Es ist eigentlich eine relativ trockene Angelegenheit. Streng genommen wäre im Prinzip fast jede Form von Musik, die man am Computer herstellt, eine Art von algorithmischer Komposition, weil Musik am Computer immer mithilfe von Algorithmen erzeugt wird. Ich habe mich damit auseinander gesetzt, ein Patch zu programmieren, das viele Parameter des Klanges parallel in Echtzeit berechnet. So können beispielsweise die Länge, die Tonhöhe und die Lautstärke und viele Aspekte der Klangfarbe anhand einer von mir vorgegebenen Struktur parallel verändert werden. Am Ende kommt dann ein Stück Musik heraus. Das entspricht ein wenig einer mathematischen Herangehensweise an Musik, wobei man ja auch sagen könnte, dass sich Musik ohnehin in ihren physikalischen Grundzügen immer mathematisch beschreiben lässt. Es gibt eine Definition, die soviel sagt wie, Musik sei verzeitlichte, hörbar gemachte Mathematik. Musik wird ja meist erst durch die Rezipienten und den Aufführungsort wirklich soziologisch aufgeladen, wenn sie etwa in einem Club gespielt wird.
Durch unterschiedliche musikalische Einflüsse habe ich mich schon früh mit Programmen wie Reaktor oder Max/MSP, in welchen man selbst als Programmierer eingreifen kann, interessiert. Dabei ist es mir auch darum gegangen, nahezu live elektronische Musik zu erzeugen. Die Frage, wie viele Aspekte elektronischer Musik wirklich von einer Person live bzw. in Echtzeit erstellt werden können, vor allem bei Tracks mit Songstruktur, ist ja nicht unwesentlich. Das Programm, das ich damals in meiner Diplomarbeit entwickelt habe, hat für eine gewisse Zeit auch für meine künstlerische Arbeit eine Ästhetik definiert und bedient. Heute verwende ich es auch aus logistischen Gründen nicht mehr wirklich. Schon alleine, da der Rechner auf dem ich es geschrieben habe, veraltet ist und ich kein Update mehr herunterladen könnte, ohne das System neu schreiben zu müssen.

 

Glyph from depart on Vimeo.

 

Wie man in drei erfolgreiche Projekte hineinstolpert
Die drei bekanntesten Projekte, die von deiner Person, deinen Fähigkeiten leben, nennen sich Zanshin, Ogris Debris und Depart. Was bedeuten sie für dich persönlich und wie äußert sich deine Persönlichkeit in diesen unterschiedlichen Welten?

Gregor Ladenhauf: Alle Projekte haben sich zufällig ergeben, ohne dass ich danach gesucht hätte. Aber sowohl mit Leo (Lass, Depart) als auch Daniel (Kohlmeigner, Ogris Debris) habe ich mich sofort sehr gut verstanden. Leo kommt aus dem visuellen Bereich und es ist sehr erfüllend mit ihm zu arbeiten. Er besitzt ein ähnliches ästhetisches Empfinden, sodass wir uns oft auf nonverbale Einigkeit verlassen können. Im Hinblick auf meine Persönlichkeit bedient dieses Projekt die Vielseitigkeit. Ich fotografiere und zeichne auch gerne und habe das Bedürfnis, auch in diese Richtung zu arbeiten. Daher ist die Zusammenarbeit mit Leo, der ein sehr hohes Level an Inspiration mitbringt, sehr spannend. Mir wäre es zu limitiert nur Musik zu machen.
Mein Soloprojekt, Zanshin, war das erste dieser drei “Standbeine“. Früher habe ich in Bands gespielt, aber als ich vor meinem ersten Synthesizer gestanden bin, war es um mich geschehen und auf einmal viel lustiger alleine zu experimentieren. Mit Zanshin kann ich mich ausleben. Da gibt es keine Kompromisse.
Mit Daniel Kohlmeigner bzw. dem Selected Headz Kollektiv habe ich im Roxy den MOTOR-Club veranstaltet. Dort haben wir mit den eingeladenen Musikern viel experimentiert und Minikonstellationen zusammengestellt, die gemeinsam live gejamt haben. Aus dem Spiel mit zwei Computern ist Ogris Debris hervorgegangen. In den ersten zwei, drei Jahren war das ein reines “Liveding” und irgendwann ist dem Daniel dann wohl fad gewesen (lacht) und wir haben gemeinsam begonnen, runde, abgeschlossene Tracks zu produzieren. Für mich bietet dieses dritte Standbein auch die Möglichkeit, Hooklines, die mein Gehirn manchmal im Alltag oder Studio so ausspuckt, zu verarbeiten und auf der Bühne meine extrovertierte Seite auszuleben. Der Arbeitsprozess mit Daniel ist sehr fruchtbar und ich mache die Erfahrung, dass im gemeinsamen Produzieren Dinge oft schneller auf den Punkt gebracht werden können. Alleine verliert man sich gerne mal im Detail.

 

Der Zug als Studio

Das mica setzt sich 2014 mit der Annahme auseinander, dass Musik Raum braucht. Welchen Raum brauchst du, um Musik machen zu können und wie muss Raum für deine Musik beschaffen sein?

Gregor Ladenhauf: Ich habe bisher sowohl zu Hause als auch in unterschiedlich strukturierten und organisierten Studios gearbeitet. Ich glaube der reale Raum kann zwar förderlich sein, aber der eigentliche Raum, den ich brauche, der ist in meinem Kopf und in der Energie, die ich mitbringe. Grafiker haben den Vorteil, dass sie während der Arbeit Musik hören können. Als Musiker kann man nicht die ganze Zeit auf ein Bild starren oder einen Film ansehen. Daher komponiere ich auch irrsinnig gerne im Zug. Da kann ich, wenn ich gerade nur zuhöre, die vorbeiziehende Landschaft beobachten. Eigentlich brauche ich nicht viel. Oft reichen Laptop und Kopfhörer.
Der ideale Raum für meine Musik ist da schon problematischer. Die kleineren Clubs für etwa 300 Personen fehlen in Wien. Problematisch ist, dass sich meist nur die großen, kommerziellen Lokale eine gute Anlage leisten können und die kleinen auf Mäßiges zurückgreifen. Damit meine Musik funktioniert, benötige ich auf der Bühne ein gutes Monitoring und der Raum darf meine Musik nicht verfälschen. Dazu gehört eine gut dimensionierte Anlage. Wenn Menschen tanzen wollen, dann sollte die Musik laut genug sein ohne dabei in den Ohren weh zu tun. Akustik ist eine komplexe Wissenschaft, weil sich Schallwellen sehr divers verhalten und gerade deshalb darf man den Klang in einem Club nicht stiefmütterlich behandeln. Eigentlich ist die Frage also sehr einfach zu beantworten – Was für einen Raum braucht Musik? Einen Raum, der gut klingt und die Musik für den jeweiligen Zweck gut rezipieren lässt.

 

Auf was freust du dich in den nächsten Monaten? Gibt es Dinge, von denen du schon konkret weißt, dass du sie erarbeiten oder an ihnen arbeiten willst?

Gregor Ladenhauf: Da ich gerade viel Zeit in die Arbeit am Ogris Debris Album und auf der anderen Seite Soundcloud gesteckt habe, freue ich mich darauf, mich auch wieder mehr Zanshin widmen zu können. Einige Entwürfe liegen brach und ich will sie schon längst abschließen. Tatsächlich ist das eine schwierige Frage für mich. Ich plane eigentlich sehr wenig und freue mich einfach, so gut es geht, über das, was ich gerade anpacke.

Text: Lucia Laggner

Fotocredits: Katarina Balgavy, Andreas Waldschütz

 

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