Zwischen glitzernden Seifenblasen und düsteren Gitarren liegt eine Welt, in der Verspieltheit und Melancholie Hand in Hand gehen. Während sich große filmische Räume öffnen, verstecken sich kleine, eingängige Popmomente gerade dort, wo die Risse zwischen Punk und Flimmern sichtbar werden. Auf ihrem Debütalbum „Cinematic Bubble Grunge“ (VÖ: 16.10.26) führt LUCY FAIR diese Gegensätze zusammen. Hinter dem Projekt steht die Musikerin, Schauspielerin und Sprecherin VALENTINE ROMANSKI, die nach ihren früheren Erfahrungen ihre musikalische und visuelle Welt heute selbst gestaltet. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählt sie von neu gewonnener Unabhängigkeit, selbst genähten Bühnenoutfits und Musikfilmen, die ihren Songs weitere Ebenen eröffnen und davon, warum sie lieber etwas Bleibendes schaffen möchte, als dem nächsten Trend nachzujagen.
Was war der Ausgangspunkt für dein Album als Lucy Fair? Gab es einen persönlichen Auslöser?
Lucy Fair: Das waren unterschiedliche Sachen, die dazu geführt haben, dass ich Anfang des Jahres beschlossen habe: Ich möchte auf jeden Fall ein Album machen. Einerseits war da die Erkenntnis, dass man in dieser schnelllebigen Zeit, in der Single für Single rausgehauen wird, Künstler:innen kaum noch nachhaltig verfolgen kann. Man kann zumindest nicht darauf hoffen: Geht es danach weiter? Oder ist das jetzt ein One-Song-Ding? Ich habe das selbst bei mir beobachtet: Manchmal fand ich Songs geil, habe ein bisschen recherchiert und gedacht: „Hm, schade, länger nichts veröffentlicht.“ Dann ist man ein bisschen enttäuscht. Ich habe mir geschworen, dass ich meinen Fans eher ein bisschen consistency geben will. Du fängst an, Songs rauszuhauen, und hast etwas, worauf du hinarbeiten kannst. Du kannst sagen: „Ey, Leute, mich wird es auch noch eine Weile geben. Ihr könnt euch ruhig trauen, Fans von mir zu werden. Ich werde alles dafür tun, dass es ein Album und vielleicht auch ein paar Konzerte geben wird.“ Das wird in der jetzigen Zeit immer schwieriger, aber ich hatte den Wunsch, dem etwas entgegenzusetzen. Etwas, das auch analog, anfassbar und physisch ist: Du kannst es in die Hand nehmen, und dann ist es deins. Du kannst es auf ein Regalbrett stellen, anschauen und sagen: „Okay, cool.“ Es ist einfach ein Zeitstempel. Man nimmt es aus der digitalen Welt heraus, kann es irgendwo hinstellen und sagen: „Das ist jetzt wirklich da.“

Natürlich ist es auch eine Art Wertschätzung meiner eigenen Zeit und Arbeit, die ich nach all den Jahren da hineingesteckt habe. Im Oktober 2024 kam die erste Single, aber dem ging schon einiges an Zeit voraus: erst einmal wieder Songs schreiben und merken, dass man doch Bock hat, dabeizubleiben. Dazu kam die Bestätigung aus dem Freundeskreis: „Das muss schon rauskommen. Du kannst nicht einfach Songs schreiben und die dann nicht veröffentlichen. Das ist doch scheiße.“ Diesen Mut wieder zu entwickeln, finde ich für mich selbst schön. Es ist wie ein Tagebucheintrag, den man dann auch hat. Man kann für sich sagen: „Geil, das ist ein bisschen meine Trophäe. Boah, ich bin bis hierhin gekommen. Ich habe jetzt ein Album gemacht!“
Du hast schon vor Lucy Fair Musik veröffentlicht. Was konntest du bei diesem Album ausprobieren, wofür vorher kein Platz war?
Lucy Fair: Meine ersten Schritte waren mit einem Major-Label, da war alles ein bisschen anders gesteuert. Es gab ein riesiges Marketingteam und viele Leute, die hinter den Kulissen sehr genau wussten, wie eine Künstlerin aufzubauen ist, wie sie auszusehen und wie das zu klingen hat. Der klassische Fall: Du bist erst einmal fremdbestimmt und als sehr junge Künstlerin natürlich auch zu unsicher. Meine Stimme, um meine Vision zu verteidigen, war noch zu leise. Ich würde sagen, dass ich das mit Lucy Fair deutlich gedreht habe und insgesamt lauter, selbstbewusster und eigenständiger geworden bin. Ich habe meine ganzen Interessen und das Filmische immer mehr in die Musik gezogen. Ich liebe Streicher, deswegen war zum Beispiel der erste Song eigentlich eine kleine Hommage an das filmische Orchester. Es gibt immer wieder kleine Momente, die einen zeitlosen Cinematic-Vibe haben, und das liebe ich total. Gleichzeitig bin ich totaler Anime- und Ghibli-Fan und finde es toll, ein bisschen in so eine Welt einzutauchen. Das heißt auch, mit den Looks herumzuprobieren und aufzudrehen. Das habe ich mich früher überhaupt nicht getraut. Da war es eher: Jeans und T-Shirt auf der Bühne. Was ich auch cool finde – ich feiere Artists, wenn sie genauso, wie sie sind, auf die Bühne gehen. Aber auf der Bühne eine Identität anzunehmen und damit zu spielen, das habe ich vorher nicht so gemacht. Es war schon sichtbar, aber durch andere fremdbestimmt. Nun konnte ich das selbst leiten und initiieren. Das Outfit auf dem Albumcover habe ich zum Beispiel komplett selbst genäht. Davon habe ich geträumt, auch von der ganzen Inszenierung, auf dieser Seifenblase zu sitzen. Schon Monate vorher war klar, wie ich das haben will. Wie eine Bekloppte habe ich mich da hineingearbeitet und mir eine Nähmaschine gekauft, weil ich gesagt habe: „Ich will das selber machen.“
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Ich poste die Tage noch ein paar Fotos vom Entstehungsprozess des Outfits. Da sieht man auch, dass die Nähte ein bisschen schief sind, aber am Ende ist es das geworden, was ich wollte. Genauso ist es mit der Musik: Ich produziere alles selbst vor und ballere mir mit meinem Halbwissen meine Sounds so hin, wie ich Bock habe. Dann habe ich meinen Producer in Berlin und in Innsbruck, mit denen ich arbeite und meine Songs vollende. Allein das ist schon ein Riesenunterschied: Ich bin von Anfang an unabhängiger in der Realisierung meiner Vision, sowohl visuell als auch musikalisch. Dann kommt noch das Umsetzen der Videos dazu. Ich kann nicht für jeden Song ein fettes Musikvideo drehen. Für „Broken Hearted“ haben wir einen riesigen Musikfilm gedreht. Das war ein extrem großes Projekt, auf das ich ganz stolz bin, weil wir dafür die ganze Innsbrucker Filmszene mobilisieren konnten – die Besten der Besten. Es war spannend, das zu produzieren und das ganze Ding aufzustellen. Im Nachhinein ist es genauso geworden, wie ich es haben wollte. Es ist toll, bei diesem ganzen kreativen Prozess erst einmal zu schauen: Worauf habe ich eigentlich Bock? Und das dann so weit zu pushen, wie es geht. Ganz am Ende denke ich erst darüber nach: Könnte das überhaupt jemandem gefallen? Da steckt nicht so viel Kalkül dahinter. Das finde ich viel schöner als das frühere Arbeiten an Musik. Da ging es immer sofort darum: „Der Song ist schön, aber der wird nicht im Radio laufen.“ Das hat mich als junge Künstlerin sehr demotiviert und natürlich verunsichert. Solche Sachen lasse ich gar nicht mehr an mich heran.
Du nennst deinen Sound „Cinematic Bubble Grunge“. Wie hast du diese Soundwelt entwickelt, und welche Songs stehen dafür?

Lucy Fair: Ich würde sagen, dass drei Songs auf dem Album als Säulen dafür fungieren. Das ist ja quasi mein eigenes Genre, das ich da erfunden habe. „Burning“ ist auf jeden Fall durch und durch cinematic. Es gibt auch andere Songs auf dem Album, die in diese Schublade kommen, zum Beispiel „Hellfire“ oder „It’s Not You“. Die sind sehr filmisch und könnten super in einem Abspann laufen. Sie haben eine eigene Ästhetik, die sich unter eine Szene legen könnte. Bubble ist für mich auf jeden Fall „Something in the Water“. Auch, weil da zum ersten Mal eine etwas aufgedrehtere Klamotte eine Rolle gespielt hat. Das klingt banal, aber es macht so viel mit einem, wenn du die Entscheidung triffst, auch visuell an deinem Körper etwas darzustellen, das die Musik widerspiegelt. Ich stehe eben auf Glitzer und Rüschen. Ich mag es, wenn etwas ein bisschen Kitsch hat – davon gerne auch manchmal zu viel. Da kommt dann wieder Grunge ins Spiel: Das wird gebrochen und mit einer punkigen Attitüde aus der Kitschecke herausgeholt und zugänglicher gemacht. Grunge darf man natürlich nicht überbewerten, denn am Ende ist es trotzdem ein Popalbum, ein Indie-Pop-Album.
Welche Rolle spielt denn Grunge dann in dieser Mischung?
Lucy Fair: Es gibt Gitarren, und „See You in Hell“ wird am 16. Oktober der Song sein, der das Album am Releasetag auf Spotify und Co. repräsentiert. Man muss dafür ja immer einen Song auswählen. Der hat auf jeden Fall sehr derbe, tiefe und düstere Elemente, mit heftigeren Gitarren. Damit ist die Reise auch ein bisschen abgeschlossen: vom zarten Cinematic-Vibe über die bubbly, quirky Welt hin zu einer etwas düsteren, härteren Sichtweise. Diese drei Säulen stecken auch in meinem Charakter. So bin ich privat: Ich bin eine kleine Cineastin, liebe Filme und bin nebenbei auch Schauspielerin. Das Verspielte, das ewige Kindbleiben, ist auch ganz klassisch Vali. Wenn Leute mich beschreiben müssten, wäre das wahrscheinlich ein Teil davon. Und diese Melancholie in eine gewisse Härte zu packen, ist für mich der Rahmen, der sich darum legt. Deswegen habe ich dieses Genre erfunden und lange überlegt, wie ich das Album nennen könnte. Dann habe ich einfach „Cinematic Bubble Grunge“ als Albumtitel genommen, weil ich dachte: Besser kann man es eigentlich nicht zusammenfassen. Der Weg dahin hat sich allerdings nicht von Anfang an gezeigt. Cinematic war schon immer da, und so wollte ich starten. Mit den ersten Songs kam dann mehr Selbstbewusstsein, weil das Feedback wuchs und wuchs. Leute haben gesagt: „Hey, im Vergleich zu früher klingt das noch deeper, noch mehr nach dir und noch krasser.“ Also bin ich noch mehr nach außen gegangen und habe mich mehr getraut, Dinge auszuprobieren. Den Titel und das Genre habe ich tatsächlich Ende letzten Jahres, Anfang dieses Jahres erfunden. Da war für mich klar: So will ich das nennen. Seitdem reite ich ein bisschen auf dieser Cinematic-Bubble-Grunge-Welle und fühle es total.
Welche Rolle spielt Lucy Fair beim Schreiben? Ist sie eine Figur, durch die du Geschichten erzählst, oder kannst du durch sie unmittelbarer von dir selbst sprechen?
Lucy Fair: Eigentlich ist der Künstlername Lucy Fair ein kleiner Unfall. Früher habe ich, wenn ich für andere Künstler:innen geschrieben habe, hin und wieder Lucy Fair als Pseudonym genommen. Bei Kollaborationen, bei denen ich dachte: „Das ist zwar cool, aber ich will nicht, dass es bei meinem Valentine-Zeug mit drin ist.“ Als es 2024 darum ging, Songs zu veröffentlichen, habe ich mit meinem Producer darüber gesprochen: Ich will das neu machen, ich will einen Fresh Cut. Ich will nicht unter Valentine weiter veröffentlichen, sondern für viele wirklich wie ein Newbie sein. Dann habe ich einfach Lucy Fair genommen, weil es den Namen schon gab. Ich fand das Wortspiel schon damals funny, als ich es mir vor etwa zehn Jahren ausgedacht habe. Die meisten checken es erst auf den dritten Blick. Es provoziert auch ein bisschen. Der eine oder andere fühlt sich davon getriggert.
Ich habe das Wortspiel tatsächlich erst jetzt gecheckt.
Lucy Fair: Wenn man es nicht checkt, was überhaupt nicht schlimm ist, ist es einfach ein Name, der vom Klang her trotzdem super passt, finde ich. Und natürlich hilft es auch total, weil es eine kleine andere Identität ist. Es ist eben nicht Valentine.
„ES IST EIN EIGENER CHARAKTER, DEN ICH MIR AUSGEDACHT HABE UND DER GERADE IMMER WEITER WÄCHST”
Kann diese Figur auch eine andere Unmittelbarkeit ermöglichen als ein Auftritt in Jeans und T-Shirt?
Lucy Fair: Ja, genau. Man macht sich auch ein bisschen weniger angreifbar. Das hilft total, um Sachen auszuprobieren und über diesen Weg zu merken: Es funktioniert richtig gut. Dann kann man das wieder in die Verletzlichkeit tragen, weil man sich fragt: Warum hatte ich eigentlich so viel Angst davor? Es passt zu mir, und ich kann es sehr authentisch verkörpern. Aber man vergleicht sich doch zu sehr und ist davon getrieben, irgendwo hineinzupassen. Wenn man über so einen Identitätsumweg merkt, dass es überhaupt nicht gefährlich ist und einem nichts passiert – im Gegenteil, man gewinnt etwas dazu –, dann ist das ein sehr praktisches Tool. Deswegen kommt es voll hin: Es ist ein eigener Charakter, den ich mir ausgedacht habe und der gerade immer weiter wächst.
Deine Musikvideos wirken wie ein wichtiges Sprachrohr für dich. Welche zusätzliche Ebene eröffnen sie für deine Songs?
Lucy Fair: Ich habe das Gefühl, dass zurzeit die Mehrheit, vor allem kleinere Indie-Artists, eher sagt: „Musikvideos sind tot, die braucht kein Mensch mehr. Du brauchst einfach Reels und tausendmal dasselbe, quasi schlecht gefilmt.“ Auch da möchte ich, genau wie mit der Vinyl, aktiv dagegenhalten und etwas kreieren, das nicht 30 Sekunden lang ist, sondern sechs Minuten und 47 Sekunden. Wow, das ist ja schon ein Langspielfilm! Das ist viel verlangt, aber es erzählt eine Geschichte und eröffnet einem eine ganz andere Ebene zum Song. Gerade bei „Broken Hearted“ war mir das wichtig. Der Musikfilm ist sehr lang – deswegen sage ich auch immer Musikfilm, weil es eben nicht einfach nur ein Musikvideo ist. Ich liebe den Song sehr, aber er ist gleichzeitig sehr poppig und eingängig und nicht ganz mein Standard, sage ich mal. Meine Songs sind meistens ein bisschen verkopfter und etwas komplizierter. Es gibt immer einen überraschenden Moment oder so. „Broken Hearted“ ist dagegen von Anfang bis Ende fast ein Easy-Listening-Radiosong geworden. Gerade deshalb wollte ich etwas machen, das mehr Tiefe hineinbringt und durch das man den Song mit anderen Augen sieht. Da steckt so viel drin, das jede:r nachvollziehen kann, beim ersten Hören aber vielleicht noch nicht wahrnimmt. Film bietet eine schöne Möglichkeit, die Musik zu erweitern und zu verlängern.
Ich weiß nicht, ob du das kennst: Mein Beispiel ist immer „Paradise“ von Coldplay. Als ich den Song damals gehört habe, dachte ich: „Oh Gott, Paradise, Paradise …“ Ich fand ihn nicht so krass. Dann habe ich das Video gesehen und fand es so cute, dass ich den Song plötzlich geliebt habe. Im Video wurde etwas ganz anderes dargestellt, als der Song mir eigentlich sagen wollte. Dadurch hat sich in meinem Kopf – das klingt jetzt so pseudophilosophisch – eine Metaebene aufgemacht, und ich habe verstanden, was er mit dem Song meinen könnte. Das finde ich so schön: dass das Video auch dagegengehen kann.
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Bei „Boxes“ hatte ich eigentlich noch viel mehr vor. Aus dem Nähkästchen geplaudert: Das ist nicht ganz so gelaufen wie gedacht. Wir wollten vor einer riesigen LED-Wand richtig abgefahrene Universum-Sachen drehen. Davon ist jetzt nur ein kleiner Teil im Film zu sehen. Aber ich hatte von Anfang an die Vision, dass das Ganze ein bisschen outerspace-mäßig sein muss. Die Essenz des Songs ist, in Schubladen gesteckt zu werden: Du bist limitiert, kannst nicht ausbrechen und nicht frei sein. Das mit dem Universum aufzubrechen, fast schon zu zerstören – irgendwo ganz weit weg zu sein, wo alles unendlich ist –, fand ich schön. Genau dieses Bauen einer neuen Ebene liebe ich am Filmemachen, wenn es um Musikvideos geht.
Musikvideos können dafür sorgen, dass Songs länger in Erinnerung bleiben. Denkst du beim Arbeiten darüber nach, wie du Menschen länger in deiner Welt halten kannst?
Lucy Fair: Nein, nicht wirklich. Das wäre dann schon eher Marketing. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich das so konservieren kann, dass möglichst viele Menschen lange dranbleiben, bin ich automatisch in einem anderen Modus. Ich würde lügen, wenn ich den nicht hin und wieder auch hätte, gerade wenn ein Release ansteht. Aber das macht mir am wenigsten Spaß. Etwas zu drehen, zu konzipieren und Leute dafür zu gewinnen, ist dagegen voll mein Ding. Ich sage immer: Musikmachen wirft momentan echt keine Kohle ab. Es ist auf eine Art ein sehr teures Hobby. Aber es macht mich glücklich, weil ich machen kann, worauf ich Bock habe, und die Freiheit dazu habe. Sobald es heißt: „Du musst abliefern, du musst Zahlen generieren“, wird es anstrengend und gerät ein bisschen ins Straucheln. Dann merke ich, wie diese Scheißegal-Haltung – ich mache einfach, worauf ich Bock habe – kippt. Man wird wieder unsicherer in der Darstellung nach außen, und das Vergleichen geht los. Das ist ein sehr kritischer Punkt. Ich versuche, ihn so lange wie möglich hinauszuzögern, damit ich während des Arbeitens und Kreativseins davon überhaupt nicht beeinflusst bin. Das heißt natürlich gleichzeitig, dass man keine besonders gute Geschäftsfrau ist, wenn es darum geht, sich zu verkaufen. Aber ich lerne dazu und hole mir immer mehr Hilfe von außen. Jetzt habe ich zum Beispiel eine Promoterin, die mich dabei unterstützt. Das war früher nicht der Fall. Sie findet Leute wie dich, die mit mir über meine Musik reden wollen. Da merke ich: Okay, cool, das ist genau das, was ich brauche.
Welche Vorstellungen aus deiner frühen Zeit im Musikbusiness wolltest du mit Lucy Fair hinter dir lassen? Und was hast du daraus für deine heutigen Entscheidungen gelernt?
Lucy Fair: Wie ich schon kurz angerissen habe, wurde meine Stimme damals oft nicht gehört. Niemand hat mir zugetraut, in so jungen Jahren schon zu wissen, was ich will – und das auch über einen längeren Zeitraum hinweg. Dann wurde natürlich mit jahrelanger Erfahrung im Business argumentiert. Die steht im krassen Gegensatz zu einer 16-Jährigen, die ein Album herausbringen will. Ich habe das auch geglaubt und schnell eingesehen: „Okay, stimmt eigentlich. Was weiß ich schon?“ Heute merke ich bei jungen Artists immer mehr, dass die Industrie daraus gelernt hat, weil sie viel mehr gehört werden. Sie sind ja im Game drin, hören andere Künstler:innen und lassen sich von ihnen inspirieren. Sie wissen, was gerade geht und cool ist. Wenn man ein Projekt wirtschaftlich aufbauen und groß machen will, ist es ziemlich hilfreich zu wissen, was sie gerade hören. Aber da bin ich längst herausgewachsen, weil ich da gar nicht hineinpasse. Ich will auch nicht für etwas stehen, das gerade ein Trendbewusstsein befriedigt, und in drei Monaten ist das nächste Projekt da, das das wieder kann. Deswegen habe ich aus den Erfahrungen all dieser Jahre eine wichtige Sache gelernt: Mir liegt am meisten daran, so zeitlos wie möglich zu denken oder zumindest eine möglichst zeitlose musikalische Welt zu kreieren.
„ALLE WOLLEN MÖGLICHST BEI DEN COOLEN PROJEKTEN MITMISCHEN, DIE GERADE ZAHLEN ABWERFEN”
Du lebst zwischen Berlin und Innsbruck und möchtest deinen Lebensmittelpunkt nach Innsbruck verlegen. Wie beeinflusst das deine Arbeit als Künstlerin?
Lucy Fair: Sehr, auf jeden Fall. Berlin ist natürlich Berlin. Ich bin dort aufgewachsen, ich bin eine Berliner Göre und kenne die Stadt. In meiner linken Brusttasche ist einfach immer Berlin. Wenn es ums Musikmachen geht, habe ich mich allerdings schon immer lieber in andere Städte geflüchtet, weil es mir dort oft zu oberflächlich war und zu viel mit Ellbogen gearbeitet wurde. Ich war zum Beispiel viel in Hamburg oder Köln, teilweise auch in München in der Musikszene unterwegs. Da gab es mehr dieses Zusammenhalten, sich gegenseitig bei Projekten unterstützen und eine kleine Community bilden. Ich will nicht sagen, dass es das in Berlin nicht gibt. Aber alles ist ein bisschen schnelllebiger und oberflächlicher. Alle wollen möglichst bei den coolen Projekten mitmischen, die gerade Zahlen abwerfen. Sowohl in der Film- als auch in der Musikwelt gibt es wenige, die sagen: „Ich habe dieses Jahr diese und jene Jobs gemacht, jetzt habe ich ein bisschen Zeit und Bock auf etwas anderes. Vielleicht wirft es kein Geld ab, aber ich kann mich darin verwirklichen.“ Dieses Sich-verwirklichen-Wollen ist ein bisschen in den Hintergrund geraten. Alle pushen sich so sehr ans Limit, um nach außen zu performen und der Welt zu zeigen: „Ich bin voll am Start, ich habe dieses Projekt und dieses Projekt, ich bin die ganze Zeit am Hustlen.“ Das mag ich gerade an Berlin nicht. In Innsbruck erlebe ich das komplette Gegenteil. In der Musikszene gibt es viel mehr Verbindung untereinander. Da wird geschaut: Wie können wir alle zusammenkommen? Networking ist ein großes Thema, und alle sind willkommen. Auch für Film ist Innsbruck ein total unterschätzter Ort. Da sind krasse Talente unterwegs, die entweder von dort kommen oder sich dort angesiedelt haben, weil es so wunderschön ist. Es gibt so viele gute Leute, und die Stadt weiß selbst gar nicht, was da eigentlich abgeht. Wenn man dort für eine Sache brennt und nicht komplett auf den Kopf gefallen ist, findet man einen tollen Zusammenhalt und kann krasse Projekte auf die Beine stellen. Am Donnerstag beginnt in Innsbruck ein Kurzfilmdreh, bei dem ich die Hauptrolle spiele. Das wird ein mega krasses Ding, eine ganz tolle Geschichte. Wir drehen auf Film und betreiben einen riesigen Aufwand. „See Me Out“ heißt der Kurzfilm, geschrieben von Verena Sparer. Da sind nur tolle Leute dabei, die Bock haben, das zu unterstützen, ohne ihre übliche Tagesgage zu bekommen, weil sie offen für besondere Projekte sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine echt schöne Sache wird.
Wie erlebst du den Wechsel zwischen den beiden Städten?
Lucy Fair: Ich empfinde das Leben in Innsbruck gerade als etwas sehr Gutes. Mir kommt eigentlich die ganze Zeit nur Gutes entgegen. Ich treffe jeden Tag neue Menschen, und alle sind toll. Ich bin auf jeden Fall ein großer Fan!
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Welche Songs oder Videos würdest du jemandem empfehlen, der Lucy Fair noch nicht kennt und warum?
Lucy Fair: Ich würde auf jeden Fall sagen: Hör dir „Something in the Water“ an. Das ist auch der erste Song auf dem Album und für mich der perfekte Einstieg. Es ist die leichtfüßige Version, die alles ein bisschen miteinander vereint. Es gibt auch diesen Cinematic-Teil, in dem ich ein Voice-over einspreche. Das Video ist auch cool geworden. Dafür habe ich in meiner Badewanne in Berlin eine Unterwasserwelt gebaut. Der Regisseur meinte damals: „Das geht niemals, das wird scheiße aussehen.“ Und ich dachte: „Das lasse ich mir nicht sagen.“ Dann habe ich das Setdesign in meinem eigenen Bad gemacht, und er fand es geil. Also haben wir es umgesetzt.
Das wäre der Song, den ich als Erstes empfehlen würde. Danach auf jeden Fall „Burning“. Und jetzt kann ich mich fast nicht entscheiden: Weil „Burn Yourself“ letzte Woche frisch herausgekommen ist, würde ich den wahrscheinlich ein kleines bisschen gegenüber „Broken Hearted“ bevorzugen. Aber wenn es um den Musikfilm geht, dann „Broken Hearted“. Ich bin gerade im Urlaub und habe es leider nicht geschafft, ein Video zu „Burn Yourself“ zu drehen. Ich hätte das so gerne gemacht, und wir hatten auch schon Ideen, aber es ging sich zeitlich einfach nicht aus. Sonst hätte ich „Burn Yourself“ wahrscheinlich auch noch einmal als dritte Säule angegeben.
Gibt es noch etwas zu dir oder zum Album, das wir nicht besprochen haben und dir wichtig ist?
Lucy Fair: Ich glaube, das weiß ich gerade gar nicht. Meine Freund:innen nennen mich auch immer „Prinzessin Monologe“, weil ich schnell ins Monologisieren gerate.
Ich hatte das Gefühl, es war ein schöner Dialog – vielen Dank!
Lucy Fair: Ich danke dir auch, es hat viel Spaß gemacht!
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Ania Gleich
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