PUNDA OMAR ist jemand, der Musik hervorbringt. Viel mehr lässt sich mit den ersten Klicks durch das Netz nicht herausfinden. Erst im Juni diesen Jahres hat PUNDA OMAR mit „European Folklore: Central North“, eine weitere EP herausgebracht. Sie erzählt keine Geschichten, schlägt kaum vorhersehbare Richtungen ein, wird von einer zur Unkenntlichkeit verzerrten Stimme geschmückt, erzeugt mannigfaltige Stimmungen, oszilliert zwischen Schwere und Leichtigkeit und umgarnt den Hörenden wie eine dicke Klangwolke. PUNDA OMAR fordert auf, sich mitnehmen zu lassen und zu treiben. Im Interview mit Lucia Laggner lässt er sich über die Schulter schauen, erzählt von seiner eigenen Arbeitsweise, inspirierenden Theorien, klaren Strukturen und seinem Hang zur Absoluten Musik.
Auf Ihrer Bandcamp Seite befinden sich Releases seit Juli 2013. Wann haben Sie begonnen, als Punda Omar Musik zu machen?
Punda Omar: Im Jänner 2013 habe ich meine erste EP ins Netz gestellt. Davor hatte ich immer in Bands gespielt und de facto wollte ich einen Schlussstrich ziehen und mit den tausend Sachen, die sich in einer Schublade befinden, abschließen. Ich habe es als psychohygienischen Schritt empfunden, diese Sachen endlich fertigzustellen. Der Zufall wollte es, dass mich Patrick Pulsinger 2013 zum Popfest eingeladen hat. Zu diesem Zeitpunkt waren nur drei Nummern von mir fertig ausgearbeitet, aber natürlich war mir klar, dass sich eine derartige Chance nicht oft bietet.
Wissen Sie, wie Patrick Pulsinger auf sie gekommen ist?
Punda Omar: Eigentlich nicht. Damals hatte ich meine Tracks an ein paar Blogs verschickt und eben meine Bandcamp-Seite online. Allerdings hat es mich sehr überrascht, dass das so schnell Früchte trägt. Am Popfest 2013 selbst habe ich Patrick Pulsinger auch nicht getroffen, sondern erst im Zuge eines Auftritts mit Over at the Stars am diesjährigen Popfest.
Organisiertes Chaos
Sie haben bereits erwähnt, dass Sie früher in Bands gespielt und sich auch mit Over at the Stars wieder für eine mehrköpfige Formation entschieden haben. Was ist Punda Omar für Sie? In welchem Verhältnis steht dieses Soloprojekt zu Ihren bisherigen und parallelen musikalischen Tätigkeiten?
Punda Omar: Für mich war es das erste Mal, dass ich für alles verantwortlich war. Mit allen Vor- und Nachteilen, die man sich ausmalen kann. Ich merke es bis jetzt an der Vorbereitung jedes neuen Programms. Großartig ist, dass man sich Gedanken zu einem Thema machen und diese dann einfach umsetzen darf. Man spricht mit niemandem darüber, man macht es so, wie man es will. Nachdem die kommerzielle Verwertbarkeit auch kaum zur Diskussion steht, ich mich weder organisatorisch noch terminlich oder gar ästhetisch abstimmen muss, entspricht Punda Omar für mich der totalen Freiheit. Ein entscheidender Nachteil ist, dass man natürlich auch im Zweifeln auf sich allein gestellt ist. Gerade zu Beginn bin ich vom Proberaum nach Hause gefahren und musste erkennen, dass niemand da ist, mit dem ich jetzt noch über den momentanen Stand diskutieren kann. Mit dem Alleine-Arbeiten kann im negativsten Fall Orientierungslosigkeit einher gehen.
Wer oder was beeinflusst Sie im Produzieren? Gibt es Menschen, Produktionen, Orte, die Sie inspirieren oder inspiriert haben?
Punda Omar: Ich habe vor kurzem mit jemandem darüber gesprochen, dass es der Transfer von theoretischen Konzepten vom einen in einen anderen Kontext ist, der mich interessiert. Das ist zuerst immer mit der Angst verbunden, etwas bloß zu kopieren, aber am Ende steht immer mit der Erkenntnis, dass dadurch Neues entsteht. Das finde ich eine interessante Technik. Ein theoretisches Konzept ableiten, es in die eigene Arbeit zu integrieren und zu merken, dass das Ergebnis überraschend anders ist, als gedacht. Und in der Umsetzung bin ich dann oft sehr pragmatisch.
Sie sprechen von einer pragmatischen, also handlungsbezogenen Arbeitsweise. Wie entstehen Ihre Tracks? Würden Sie den Umgang mit ihren Tracks also eher als systematisch bezeichnen oder tauchen auch intuitiv Abläufe oder Aktionen auf?
Punda Omar: Ich würde diesen ganzen Ablauf unter den Begriff des organisierten Chaos stellen. Ich sammle Material, das mir unterkommt und wenn ich das Gefühl habe, genug beisammen zu haben, dann strukturiere ich den Haufen.
Der Wert des Wertverlustes
Wir haben vor kurzem ein Interview mit Lichtriss geführt und mit ihm über den Wert von Musik gesprochen. Auch Sie stellen ihre Musik auf Bandcamp zum freien Download zur Verfügung. Was ist ihr Beweggrund, Musik von finanzieller Konnotation zu befreien?
Punda Omar: In einem Punkt stimme ich mit Lichtriss absolut überein. Es ist Faktum, dass Musik frei zugänglich ist. Man kann sich lange überlegen, ob das gut ist oder nicht. Wesentlich ist es, damit umgehen zu können. Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Wenn man von einer Demokratisierung der gesamten Musikproduktionsbedingungen spricht und davon ausgeht, dass jede/r, der/die es möchte, mit geringen finanziellen Mitteln eine Platte machen und diese weltweit vertreiben kann, dann ist das eine noch nie da gewesene Situation. In diesem Kontext ist es naiv zu glauben, dass bei steigendem Angebot an Musik, weil ja quasi jeder/jede produzieren kann, der Preis nicht fällt. Wenn ich mich dafür entscheiden kann, dass nicht mehr wie früher nur die Musik Weniger ihren Weg in die Öffentlichkeit findet, sondern Musik von jeder/jedem, dann mache ich das ganz klar. Auch mit dem Abstrich, dass für den/die Einzelne/n weniger Geld übrig bleibt
Sehen Sie sich selbst als Künstler und gibt es für Sie einen Auftrag, etwa einen kulturellen oder gesellschaftlichen, den sie durch ihre Tätigkeit erfüllen wollen?
Punda Omar: Ich sehe das eher im Stile des 19. Jahrhunderts. Es ist ein Auftrag an mich selbst. Das Bedürfnis, gewisse Dinge zu fassen, zu dokumentieren und auch zu konservieren. Diesen Auftrag kann man auch als Antrieb sehen.
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Musik, um der Musik Willen
Der einzige Tag, den ich auf Ihrer Bandcamp-Seite finden konnte, lautet “electronic Vienna”. Ist Wien Zentrum Ihres musikalischen Schaffens? Würden sie sich als umtriebigen Geist in der Wiener Electronic-Szene bezeichnen?
Punda Omar: Szenen spielen eine Rolle, da man ja Sachen macht und sie herzeigt. Je mehr Leute, die wiederum andere Leute im Idealfall meinungsbildende Leute kennen, desto mehr Menschen erreicht man am Ende auch. Ich bin allerdings überhaupt kein Netzwerker. Am Weg habe ich schon Leute kennen gelernt und mit der Zeit kennt man auch die vermeintlich relevanten Punkte und Gruppen, aber zugehörig fühle ich mich keiner dieser Szenen.
Ist Sound Mittelpunkt Ihrer Auseinandersetzung mit Kunst? Könnten Sie Ihre Musik auch zeichnen?
Punda Omar: Ich mache Musik, weil sie mir die Möglichkeit bietet, sehr vage zu bleiben. Würde ich zeichnen, dann wäre das Ergebnis wohl ebenfalls abstrakt. Am wenigsten nahe liegt es mir, mich durch Sprache auszudrücken. In der Musikwissenschaft gibt es den Begriff der absoluten Musik, die nur sich selbst zum Inhalt hat. Genau das finde ich interessant. Es gibt diesen relativ verbrauchten Spruch, der für mich zutrifft: “Wenn man es als Text hinschreiben könnte, dann hätte man es ja auch als Text hingeschrieben”. Mich interessiert das Vage. Unabhängig davon, in welcher Kunst man denkt.
Text: Lucia Laggner
Fotocredits: katharinadiegrosze
Cover: christianpitschlforallafine.com
http://pundaomar.bandcamp.com