„Wir segeln hart am Wind“: SONUS BRASS im Porträt

„Die Zeit, in der sich Musiker hinter Notenständern versteckt haben, ist vorbei“, davon sind Stefan Dünser, Attila Buri, Andreas Schuchter, Wolfgang Bilgeri und Harald Schele vom SONUS BRASS Ensemble überzeugt. Sie leben dieses Motto und haben damit seit 20 Jahren Erfolg. Inzwischen ist das Blechbläserquintett längst zu einer fixen Größe im internationalen Konzertbetrieb geworden. Die renommiertesten Festivals und Konzerthäuser, wie das Lucerne Festival, das Schleswig Holstein Festival, der MDR Sommer, das Wiener Konzerthaus oder die Philharmonie Köln zählen zu den Wirkungsstätten des Ensembles.

Neues zum Fest

Ihr zwanzigjähriges Bestehen feiern die umtriebigen Musiker mit einem Brassspektakel in Bregenz, bereits das fünfte Fest dieser Art. Das dreitätige Festival bietet auch dieses Mal Gelegenheit, neue Konzertformate zu präsentieren, erfolgreiche Produktionen auch dem heimischen Publikum zu zeigen, mit Komponisten zusammen zu treffen, viele Musikanten zum Mitwirken einzuladen und zu feiern. Die neue, in Luzern erfolgreich uraufgeführte Kammeroper „Robin Hood“ wird erstmals in Vorarlberg zu sehen sein. Überdies präsentiert SONUS BRASS ihr neues Konzertformat unter dem Motto „mezzotragisch“. „Open spaces“ von Mike Swoboda wird in einer groß angelegten Performance in der Bregenzer Innenstadt mit über hundert Musikanten zu erleben sein.

Zeitgenossen

Für die zeitgenössische Musik hatten und haben die Musiker stets ein offenes Ohr. „Es gibt kein einziges Konzert, bei dem wir nicht Musik auch von heimischen Komponisten spielen. Mittlerweile vergeben wir aber auch regelmäßig Aufträge außerhalb, weil uns diese anderen Komponisten interessieren – sie führen uns in eine ganz andere neue Welt, bringen neuen Input“, so Stefan Dünser. „Robin Hood“ und „open spaces“ komponierte Mike Swoboda. Im Rahmen des Brasspektakels werden zwei neue Werke von Johannes Berauer und Christoph Dienz uraufgeführt. Im November präsentieren SONUS BRASS und das Symphonieorchester Vorarlberg ein Werk von Georg Breinschmid, das er den Musikern auf den Leib geschrieben hat.

Musizierende Schauspieler

Außergewöhnliche Programme kreieren die SONUS BRASS-Mitglieder gerne, denn seit ihren Anfängen haben sie darum gerungen, nicht wie ein gewöhnliches Blechbläserensemble aufzutreten. Ein besonderes Talent für die Schauspielerei zeichnet alle Ensemblemitglieder aus. Diese Lust am darstellenden Spiel half ihnen – selbstverständlich neben der hohen musikalischen Qualifikation – bei ihrer steilen Karriere. „Wir machen keine gesonderte Ausbildung, es ist wichtig, den Regisseuren das Gefühl zu geben, dass wir für alles zu haben sind und uns vor nichts scheuen“, erklärt Wolfgang Bilgeri. „Wir proben auch genau diese Schauspielszenen in unseren Proben, wir sind uns gegenseitig die besten Lehrer“.

Der Weg über die Grenze

Nachdem das Sonus Brass Ensemble im Jahr 2004 mit dem Musiktheater „Die Blecharbeiter“ den internationalen „find it“-Wettbewerb und 2008 sogar den YEAH! EARopean Award für „Rocky Roccoco“ gewonnen hat, waren die Weichen für eine internationale Karriere gestellt. Christoph Thoma war vor allem während dieser Zeit ein wichtiger und bedeutender Koordinator auf dem Weg über die Landes- und Staatsgrenzen hinaus. „Vor allem seine Netzwerke waren und sind für uns große Hilfen, um immer wieder neue Komponisten und auch Regisseure kennenzulernen. Er hatte auch die Idee, das 5. Brassspektakel in Bregenz zu veranstalten. Er ist Mann der Taten im Kulturbereich“, so Wolfgang Bilgeri.

Eine Marktnische

Mit den Musiktheaterprojekten sowie den Familienkonzerten hat das SONUS BRASS-Ensemble eine Marktnische entdeckt, die es höchst professionell und mit großem Vergnügen ausfüllt. Dem voran gegangen sind viele Überlegungen über Bühnenpräsenz und Präsentationsformen, über Musikvermittlung und darüber, was die Gefühle von Kindern und Jugendlichen unmittelbar anspricht, ohne belehrend zu wirken. Ein Musterbeispiel dafür gelang mit „Rocky Roccoco“.

Familienopermusiktheaterkonzertperformance

Die jüngste Produktion dieser Art ist die Kammeroper „Robin Hood“ von Mike Swoboda, die im Auftrag des Lucerne Festivals im vergangenen Jahr entstanden und uraufgeführt worden ist. „Ein faszinierendes Werk, das uns gar alles abverlangt, was ein Musiker leisten kann: Das sind äußerst schwierige Parts: spielen, Handpuppen bedienen, tanzen und das alles gleichzeitig! Und ja, „Robin Hood“ bedient viele Bedürfnisse des Publikums. Es erzählt die Geschichte auf eine ganz andere humorvolle Art und Weise und träufelt einem so fast nebenbei unterhaltsam zeitgenössische und alte Musik ins Ohr“, schwärmt Stefan Dünser. „Unser Ensemble ergänzt sich mit einer Sopranistin, die in der Hauptrolle, Lady Marien, spielt und singt. Dadurch wird natürlich von uns eine andere klangliche, musikalische Anpassung verlangt“, erklärt Attila Krako und Andreas Schuchter bringt die Werkbeschreibung auf den Punkt, wenn er meint: „Eine Bezeichnung ist deshalb so schwierig, weil es so etwas eigentlich nicht gibt. Fünf Blechmusiker fungieren als Opernfiguren und arrangieren sich akustisch und optisch mit vielen Spezialeffekten auf der Bühne zusätzlich mit einer Sängerin, das ist eine Familienopermusiktheaterkonzertperformance.“

„mezzotragisch“ für die Großen

Bei den Familienkonzerten von und mit SONUS BRASS amüsieren und unterhalten sich nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen im Publikum. Diese Beobachtung motivierte die Musiker, ein inszeniertes Konzertformat für Erwachsene zu entwickeln. „Die Musikvermittlung funktioniert bei Erwachsenen genau gleich gut. Stücke, die bei Erwachsenen durchfallen, fallen auch bei Kindern durch, allerdings haben die Kinder einen viel besseren Zugang zur zeitgenössischen Musik“, weiß Stefan Dünser aus seiner jahrelangen Erfahrung.

Den Einwand, dass sie damit einem allgemeinen Trend folgen, der besagt, dass Musik allein auf der Bühne nicht mehr ausreicht, sondern ein zusätzliches Spektakel den Eventcharakter unterstreichen sollte, um auf Resonanz zu stoßen, lassen die SONUS BRASS-Musiker nicht gelten. „Das Stellen von Musik oder auch das Tanzen verdeutlicht die Musik – aber nur wenn dies sehr sensibel und einfühlsam geschieht. Darin liegt das Problem: Viele Ensembles versuchen nur zu unterhalten, anstatt eine optische Vertiefung zu liefern. Und ja, die Zeiten ändern sich – das Auge hört mit. Ich persönlich finde nichts langweiliger als einen Musiker der zwei Stunden lang sowohl mit den Augen als auch mit seiner Körpersprache nicht präsent ist“, entgegnet Stefan Dünser und Andreas Schuchter unterstreicht: „Der Trend ist, Leute zu ‚bespaßen’ und dann etwas Musik dazu zu spielen, wir versuchen genau gegen diesen Trend zu wirken.“

Gemeinsam mit Vorarlberger Musikkapellen

Um möglichst viele am Jubiläumsfest teilhaben zu lassen, hat SONUS BRASS in Zusammenarbeit mit dem Vorarlberger Blasmusikverband ein groß angelegtes Projekt gestartet. Alle Musikanten des Landes wurden eingeladen, bei „open spaces“ von Mike Swoboda mitzuwirken. „Es wird eine sehr interessante Aufführung werden, bei der die Musiker eine spezielle Rolle haben und das Publikum sich durch eine Klangwelt bewegen wird“, kündigt Wolfgang Bilgeri an. Nicht viele Blasmusikanten haben Berührungspunkte zur Bläserkammermusik, bedauern die „Sonusbrässler“. Doch mit „open spaces“ sollen Verbindungen geknüpft werden.

Viele Konzertverpflichtungen verlangen nach einer effizienten Zeitplanung, denn alle fünf SONUS BRASS-Mitglieder sind auch an unterschiedlichen Vorarlberger Musikschulen tätig. Den Lehrberuf will jedoch keiner gegen eine reine Musikerkarriere eintauschen. Denn sie sind sich einig: „Wenn wir den engen Kontakt zu jungen Menschen verlieren, nabeln wir uns vom Leben ab. Das wird uns allen nicht passieren.“

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Oktoberausgabe der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft erschienen.

Termine:

DAS BRASS SPEKTAKEL 2014 – 20 Jahre Sonus Brass

Freitag | 03.10.2014 | 19.30 Uhr | Bregenz, Theater Cosmos
Premiere von “mezzotragisch”

Samstag | 04.10.2014 | 11.00 Uhr | Bregenz, Open air, Fußgängerzone
“Music for open spaces” von Mike Svoboda
90 Jahre Vorarlberger Blasmusikverband und 20 Jahr Sonus Brass

Samstag | 04.10.2014 | 20.30 Uhr | Bregenz, Vlbg. Landesmuseum
“2xhören” – Airlines

Sonntag | 05.10.2014 | 15.00 Uhr | Bregenz, Vlbg. Landestheater | A
Montag | 06.10.2014 | 10.00 Uhr | Bregenz, Vlbg. Landestheater | A
“ROBIN HOOD – zu gut um wahr zu sein” Anne-May Krüger, Mezzosopran
Auftragswerk von Lucerne Festival

Donnerstag, 20. November 2014, 19.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz, 19:30 Uhr
Sonntag, 23. November 2014, 19.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz, 19:30 Uhr
Montag 24.November 2014 20.00 Uhr Musikverein Wien
Georg Breinschmid, Werk für Bläserquintett & Orchester (UA)
Georg Breinschmid, Kontrabass; Sonus Brass Ensemble, Symphonieorchester Vorarlberg, Dirigent: Gerard Korsten

http://www.sonusbrassensemble.at/