mica-Interview Theo Sand, Bruno Pisek

Vor einigen Wochen wurde mit dem Projekt fAbia ein Album veröffentlicht, das die Geschichte einer Bahnfahrt von Sopot (PL) nach Wien erzählt. Über dieses außergewöhnliche Konzept spricht der dahinter stehende Musiker Theo Sand. Ebenfalls zum Interview eingefunden hat sich fAbia-Produzent Bruno Pisek, der anschließend Auskunft über sein neuestes Radioprogramm gibt, das am 29.3., um 23:05 Uhr, im Kunstradio auf Ö1 Premiere feiert. Das Interview führte Michael Masen.  
Kannst du ein wenig über das hinter dem Projekt “fAbia” stehende Konzept erzählen?

Theo Sand: Begonnen hat das alles mit dem “Atlas der Globalisierung”. Darin gibt es ein paar schöne Seiten über Migrationsbewegungen in Europa. Dieses Thema hat mich schon seit längerem beschäftigt und das war dann auch der Beginn, dieses Nachdenken auch in musikalischer Form zu versuchen. Die Frage war, “kann ich bzw. können wir in musikalischer Form nachdenken über Migrationen in Europa und Mehrsprachigkeit” und das führt uns auch schon zum Projekt “fAbia”.

Ein Ausgangspunkt für fAbia ist die Situation hier in Wien. Die Stadt mit all ihren Migrantinnen und Migranten, ihrer Tradition als Vielvölkerstaat aus der Monarchiezeit, ihrem Anspruch als Verbindungsglied zu Osteuropa in der Zeit des Kalten Krieges und ihrer völlig neuen Situation seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Das, was nun das reale Straßenbild ausmacht und das, was wir hier in öffentlichen Verkehrsmitteln vorfinden, war ein wesentlicher Anlass für fAbia, sich mit dem Hier und Jetzt in dieser Stadt auseinander zu setzen. Daraus entstanden die Themen “Mehrsprachigkeit”, “Migration” und “Mobilität”. Und in weiterer Folge wiederum die Fäden, die fAbia schließlich auf dem ersten Album zu einer Zugreise von Polen nach Wien führte.

Hat das Projekt auch einen politischen Hintergrund?

Theo Sand: fAbia hat sicher keinen parteipolitischen Hintergrund, aber sicher einen soziopolitischen. Es gibt durchaus eine Beschäftigung mit der Realität, mit der wir hier, vor allem in Wien, seit der Öffnung der Grenzen zum Osten hin leben.

Nachdem die Idee, dieses Projekt umsetzen zu wollen, aufgekommen ist, wie bist du an die Arbeit heran gegangen; war das Konzept schon fix und fertig ausgearbeitet oder kann man sich das eher als “work in progress” vorstellen, wo viele Ideen erst während des Arbeitens entstanden sind?

Theo Sand: Ich hatte das große Glück, auf Magdalena Vetter zu treffen – in einem ganz anderen Zusammenhang, bei Proben für den Feral Choir von Phil Minton in Nickelsdorf. Hierfür haben wir beide einiges mit Stimme getan und so haben wir uns kennen gelernt. Es war wirklich eine glückliche Fügung, auf eine polnische Sängerin zu treffen, die so wunderbar singt, als Muttersprache eben Polnisch hat und darüber hinaus auch noch russisch spricht. Diese Gelegenheit habe ich genutzt, um als erstes Projekt von fAbia eine Zugreise in die Heimatstadt von Magdalena Vetter zu machen – nach Sopot in Polen. Das ist ein wunderschöner Badeort in der Danziger Bucht. Die Zugreise dort hinauf und wieder zurück war die Grundlage für die Entstehung des fAbia-Albums.

Das Konzept, die Grundideen, waren von Anfang an da, also, dass es um die Migration in Europa gehen würde, um die Mehrsprachigkeit, mit der wir hier – recht und schlecht – leben und auch um das öffentliche Transportwesen. Es fahren nicht so viele Menschen aus den ehemaligen Oststaaten Europas mit dem Auto hierher, sondern viele auch öffentlich. Das war maßgebend dafür, dass wir das ganze konzentriert für die Zugreise gestaltet haben und die restlichen Dinge sind dann so nach und nach entstanden, während des Arbeitens.

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?

Theo Sand: Die Entstehung und Entwicklung des Albums, von den ersten Ideen bis hin zum fertigen Album, haben zehn Monate Arbeit in Anspruch genommen, aber natürlich nicht durchgehend. Es gab dazwischen auch Nachdenkpausen und andere Tätigkeiten, aber insgesamt hat das so zehn Monate gedauert.

Hattest du zwischendurch mal das Gefühl, dass die Idee nicht realisierbar wäre oder sonstige Zweifel das Projekt betreffend? Zehn Monate sind ja doch eine relativ lange Zeit.

Theo Sand: Nein, es gab nie wirkliche Zweifel daran. Es gab immer wieder ein Austesten, in welche Richtung das Ganze klanglich gehen wird, ob noch mehr Richtung “Songs” tendiert werden sollte, oder doch eher in Richtung “Hörstück, Hörlandschaft, Klanglandschaft”. Oder, ob wir alles noch mehr in Richtung “Literatur” entwickeln sollten, es also eine literarische Produktion sein sollte. Es gab da viel Nachdenken und Ausprobieren – das Konzept war anfangs nicht sehr starr. Aus diesem Grund gab es auch keine Zweifel, sondern ein ziemlich freudiges Ausprobieren von verschiedenen Sachen und Möglichkeiten.

Ihr habt zu zweit an dem Album gearbeitet; war Magdalena Vetter “bloß” ausführender Part, oder war sie auch an der Erarbeitung des Konzepts beteiligt?

Theo Sand: Magdalena und ich haben das Ganze gemeinsam gemacht. Letztendlich hatte ich wohl einen größeren Anteil, weil ich auch die ganze tontechnische Seite zusätzlich bestritten habe. Aber von der Entwicklung der Klangideen und dem Draufkommen, in welche Richtung alles gehen soll, bis dann zum Schluss alles gestimmt hat, waren wir beide gleichermaßen beteiligt.

Textlich war es so, dass viele Texte von meiner Seite aus entstanden sind, diese dann jedoch, damit sie besser passen, von Magdalena auf ihre Art adaptiert worden sind – das war ein Punkt. Der zweite war, dass sie alle Übersetzungen ins Polnische und Russische gemacht hat. Da konnte ich nur bewundernd zuschauen. Mein Teil war dann der eine Song auf Englisch und die deutschen Texte, die ich später zum Teil noch geändert habe, damit sie noch musikalischer und singbarer werden.

 
Habt ihr immer gemeinsam im selben Raum gearbeitet oder auch die Vorzüge moderner Technik genutzt und Teile alleine bearbeitet und dann dem jeweils anderen auf elektronischem Weg zukommen lassen?

Theo Sand: Die Zusammenarbeit war fast immer physisch, real, im selben Raum. Nur, was die Texte betroffen hat, haben wir die immer hin und her geschickt und gelegentlich noch wegen organisatorischer Angelegenheiten telefoniert. Die musikalische Arbeit generell, haben wir immer gemeinsam gemacht, was auch kein allzu großes Problem war, da wir ja ohnehin in derselben Stadt leben.

fAbia ist ja ein nicht ganz alltägliches Projekt; hast du dafür eine bestimmte “Zielgruppe” im Kopf? In welchem Kontext stellst du dir vor, dass das Album genossen werden wird?

Theo Sand: Ich hatte beim Entstehen dieses Albums immer wieder die Vorstellung, dass auch andere Leute im Zug sitzen, so wie wir das getan haben, und sich Teile des Albums über ihre Ohrstöpsel anhören, während sie aus dem Fenster schauen. Marktwirtschaftlich gesehen ist das natürlich keine Zielgruppe, aber diese Idee hat sich bei mir immer wieder eingeschlichen und gefällt mir sehr gut.

Einige Wochen lang ist die CD ja schon zu haben. Wie ist so generell bisher die Resonanz darauf?

Theo Sand: Die Leute, die sich das Album angehört haben, haben aus ganz unterschiedlichen Gründen Begeisterung darüber geäußert, was uns sehr gefreut hat. Ebenfalls froh war ich darüber, dass das Radio auf mich zugekommen ist und die Leute gemeint haben, sie würden aus diesem Album gerne eine Sendung machen – aber nicht bloß die Titel einfach runter laufen lassen, sondern eine ganze Geschichte daraus machen. Das war eine Resonanz, die uns schon sehr gefallen hat. Dieses Stück ist sehr schön geworden und am 4. Jänner im Kunstradio gelaufen.

Wird es dazu auch eine Wiederholung geben?

Theo Sand: Das Kunstradio ist eine sehr moderne Redaktion, wo alle Stücke nach der Ausstrahlung online gestellt werden, inklusive der zugehörigen Informationen und Texte. Dadurch erübrigen sich auch Wiederholungen. Das Archiv des Kunstradios ist so reichhaltig, dass man dort jederzeit recherchieren und auch die Songs anhören kann – zwar nicht vollständig, aber einen repräsentativen Ausschnitt, der sehr aussagekräftig ist.

Du hast vorher auch angesprochen, dass diese CD jetzt die erste Zusammenarbeit des Projekts fAbia gewesen ist. Kann man daraus schließen, dass noch zumindest eine weitere folgen wird?

Theo Sand: Dieses Album ist ein Anfang gewesen. Das nächste wird noch 2009 erscheinen, also in diesem Jahr. Bezüglich Lineup wird es eine Erweiterung geben – fAbia existiert jetzt nicht mehr als Duo, sondern als Quintett. Hinzu kommen nun Agnes Kutas aus Budapest, eine Geigerin und Sängerin, Martin Janicek aus Prag, ein Klangskulpturist und Percussionist und Gloria Damijan aus Wien, die Toy Piano spielt. Der Grund für diese künftige Änderung ist der, dass das Album jetzt zwar sehr schön geworden ist, es jedoch live zu präsentieren, hat uns an unsere technischen Grenzen geführt. Ohne zu viel vom Computer als Playback einzusetzen, war es einfach zu schwer, umzusetzen.

Deshalb waren wir uns dann auch im Klaren, dass wir Zuwachs brauchen von Leuten, die das wirklich auf der Bühne spielen können. Es hat sich jetzt so entwickelt, dass sich für das kommende Album ein Dreieck aufgestellt hat, zwischen Budapest, Prag und Wien. Dadurch wird sich auch die Sprachlichkeit verändern – es wird beim nächsten Album wohl kein Russisch mehr vorkommen, dafür aber Tschechisch und Ungarisch.

 
Wird dieses “Reisekonzept” des ersten Albums hier wieder eine Rolle spielen?

Theo Sand: Die Grundthemen für das Album werden dieselben bleiben, nur wird es durch die geänderte Zusammensetzung natürlich anders klingen. Wie schon beim ersten Album bleibt der Zug ein Hauptaufnahmeraum. Wir werden sehr viele Dinge im Zug aufnehmen, wodurch auch das Instrumentarium bestimmt wird. Wir können nur die Instrumente verwenden, die wir auch in den Zug mitnehmen und dort auch spielen können. Das alles wird den Klang von fAbia schon entscheidend bestimmen und durch die neuen Mitspieler auch ein wenig verändern.

Die Grundsounds werden aber dieselben bleiben: Field Recordings an der Zugstrecke, an den Bahnhöfen, beim Bahn fahren, verschiedene Sprachfetzen, der Einsatz von Stimmen und verschiedenen Sprachen und der Einsatz von Sprechgesang und normalem Gesang. Die klangliche Veränderung ergibt sich rein aus dem veränderten Instrumentarium.

Kompositorisch wird es wieder Songs geben und es wird auch wieder diese Art von Hörbildern vorkommen, mit vielen Geräuschtönen, vielen ruhigen Passagen und erzählten Texten von mehreren sprechenden Stimmen.

Das wichtigste Anliegen von fAbia ist es, die Geschichten zu erzählen, die auf diesen Reisen entstehen. Das Geschichtenerzählen ist eine wunderbare Tätigkeit und ein herrliches Erlebnis, sowohl für die Leute, die erzählen, als auch für diejenigen, die zuhören.

Könnte man sagen, das was ihr macht, ist eine neue Art von Hörbuch?

Theo Sand: Wenn man will, kann man natürlich “Hörbuch” dazu sagen, man könnte es aber genau so gut als eine bestimmte Art von Songs bezeichnen. Songs sind ja auch nichts anderes, als Geschichten zu erzählen. Es soll auf jeden Fall keine abstrakte Musik sein, keine absolute Musik, nichts, was sich von diesen Geschichten entfernt, so dass der Zuhörer sich die Geschichte selbst dazu ausdenken müsste. Zuhören soll Freude machen und eine Bereicherung darstellen, nicht bloß eine Arbeit.

Was eben den Klang bei fAbia ausmacht ist, dass fAbia nicht nur Field Recordings verwendet, die während des Reisens entstehen, sondern auch gerne akustische Zitate. Ganz im Besonderen sind das Sprachkurse in verschiedenen Sprachen, die zur Reise passen, vor allem auf Schallplatte, die bei fAbia zur Verwendung kommen, aber auch Zitate von Reisebeschreibungen oder literarischen Werken, die eben irgendwie dazu passen und auch in der Sprache des jeweiligen Landes sind. Das alles zusammen, diese Bruchstücke, Field Recordings und Zuggeräusche, macht wahrscheinlich den eigenen Klang von fAbia aus und das wird auch beim nächsten Album so sein.

Bei einem Quintett gestaltet sich die Koordination und Organisation ja um einiges schwieriger als bei einem Duo. Bist du hier bestrebt, das Steuer mehr in der Hand zu behalten, als das noch beim ersten Album jetzt der Fall war?

Theo Sand: fAbia war immer als eine offene Gruppenstruktur gedacht – es kann nur einfließen, was kommt. Und wir schauen einmal, wo wir damit landen und entscheiden dann weiter. Es wird von jedem sowohl energische als auch lockere Anteile geben und dann werden wir sehen, wie diese sich mischen lassen. Es ist nicht so, dass einer oder eine alleine das Ruder in der Hand hält und die anderen spielen bloß mit.

Gibt es schon einen ungefähren Zeitplan, wann die neue CD erscheinen soll?

Theo Sand: Das mit der Zeitplanung ist immer ein sehr spannendes Thema. Wir wünschen uns, dass wir im Juli aufnehmen können und bis zum Spätherbst alles fertig haben und zu dieser Zeit dann mit dem Album auch auftreten werden können und das natürlich in allen Sprachräumen.

Habt ihr dafür auch außergewöhnliche Locations, abseits von Konzertbühnen, im Kopf? Ein Auftritt in einem Zug würde sich ja beispielsweise anbieten. Gibt es Überlegungen in diese Richtung?

Theo Sand: Die Überlegung, dass fAbia in anderen Locations als in Konzertsälen spielt, gibt es natürlich. Wer die Strukturen der ÖBB kennt, weiß natürlich, dass in einem Zug zu spielen, ein äußerst schwieriges Unterfangen darstellt. Die Erfahrung hat auch gezeigt, dass es selbst sehr schwer möglich ist, in Zügen zu filmen. Ein Auftritt in einem Zug scheint mir daher fast unmöglich zu sein. Ein Konzert auf einem Güterwagen, der irgendwo abgestellt ist, zu spielen, wäre dagegen, so glaube ich, machbar. Diese Vorstellung ist natürlich sehr reizvoll, ganz klar, mal schauen, wie sich das entwickelt.

 
Werden diese Field Recordings, die du als Bestandteil des fAbia-Sounds genannt hast, auch hin und wieder bei späteren Werken eingesetzt werden, als rückbezügliches Element sozusagen?

Theo Sand: Die Aufnahmen, die während eines Projekts entstehen, bleiben bei diesem einen Projekt und werden für andere nicht weiter verwendet. Es gibt keine, wie auch immer geartete, Verwurstung von Soundarchiven – das bleibt alles wirklich ganz konzentriert im ursprünglichen Kontext und wird nicht weiter verwendet. Ich will damit einer weit verbreiteten Beliebigkeit entgehen.

Stichwort “Beliebigkeit”: Was macht für dich das Besondere an fAbia aus?

Theo Sand: Das Spannende an einem Projekt wie Fabia ist es, dass jeder so seine eigene Lebenserfahrung mit hinein bringt. Das heißt, wenn wir die Strecke Budapest – Prag fahren, sind die Erinnerungen und Verbindungen mit einzelnen Orten für Agnes Kutas beispielsweise ganz andere als für mich. Sie ist in ihrer frühen Jugend von Budapest nach Prag ausgewandert, zum Studieren und dann zum Arbeiten und pendelt diese Strecke schon sehr lange. Die kennt die Strecke aus ganz anderen Zusammenhängen und hat ganz sicher andere Momente, über die sie erzählen wird, als ich.

Dasselbe beim Martin aus Prag. Wenn er diese Strecke fährt, so hat auch er einen völlig anderen Zugang zu dieser Reise, beispielsweise, warum er sie angetreten ist. Somit vermischen sich gänzlich unterschiedliche Blickrichtungen auf ein und dasselbe Ereignis, was alles irrsinnig spannend macht. Ich freue mich jedenfalls schon sehr auf diese Arbeit.

Bruno, du hast jetzt ein neues Radioprogramm fertig gestellt, namens “SSHHhh. Ichnogramm heißt Fußabdruck. Ein Soundwalk fürs Radio”. Kannst du darüber ein wenig erzählen?

Bruno Pisek: Ich beschäftige mich als Komponist, vor allem fürs Radio, jetzt schon seit längerer Zeit mit Stille in unterschiedlichen Kompositionen. Und jetzt, für dieses Stück, habe ich mir vorgenommen, eine längere Komposition zu erschaffen, die diese ganzen leisen Klänge zum ertönen bringt, die hinter dem Lärmschleier stehen. Diese Töne, die man jetzt hier im Kaffeehaus beispielsweise nicht hören kann, weil es so laut ist. Es gibt jede Menge kleine Sounds, die sehr spannend sind – diese heißen bei uns “Stille”. Und aus denen eine Komposition zu machen, die in sich schlüssig bleibt und trotzdem aber einen Spannungsbogen über 30 Minuten halten kann, dieses auf seine Machbarkeit auszuprobieren, war mein Ziel.

Ich habe auch bei ein paar Künstlern angefragt, die sich ebenfalls mit dieser Thematik beschäftigen, ob sie ebenfalls so kleine Bausteine für das Stück erschaffen und mir zur Verfügung stellen könnten, so dass ich es zu einem großen Ganzen machen kann.

Somit ist ein Stück entstanden, das nicht nur meine eigenen Vorstellungen, mit kleinen Geräuschen umzugehen, enthält, sondern auch diejenigen von Radu Malfatti, Mja Ratkje/Lotta Melin, Mitch Heinrich, David Felix und auch Martin Janicek.

Dadurch erfüllt sich auch ein anderes großes Anliegen von mir an dieses Stück – es soll nämlich Europäisches Radio sein. Das heißt, in diesem sogenannten virtuellen Raum, den das Radio darstellt, kann man ein Europa errichten, das sonst sehr schwer zu erschaffen wäre, nämlich vollkommen unterschiedliche und weit verstreute Orte und Menschen zueinander zu bringen. Genau das kann aber Radio sehr gut. Nun verbinden sich in diesem Stück Aufnahmen aus Oslo, Barcelona, Lisabon, London, Wuppertal, Berlin, Prag, Wien, Kreta, Island und einigen Orten dazwischen zu einem ganzen Stück. Ein richtiges Radiostück also, das in dieser Art wohl nirgendwo anders hörbar wäre. Mein großer Wunsch ist es, die Menschen ein bisschen zum Zuhören zu verleiten – wenn mir das gelingt, bin ich schon froh.

Ist es auch in gewisser Weise ein Bestreben, aufzuzeigen, dass Radioprogramm auch mehr sein kann, als bloße Hintergrundberieselung, zu der es heute ja zumeist verkommen ist?

Bruno Pisek:
Ja, das stimmt. Ich möchte das Zuhören wieder in den Vordergrund rücken. Das andere, das im Radio natürlich ganz schwierig zu bewältigen ist, sind die stillen Sequenzen. Jede Radiostation und jeder Radiomacher fürchtet sich vor Stille, als wäre es der Aussatz. Es gibt eine ganz spezielle Einrichtung im Österreichischen Rundfunk, die sich einschaltet, wenn für 30 Sekunden lang kein Signal gesendet wird. Dieser Notsender aktiviert sich dann und sendet Klassische Musik.

Die Frage ist natürlich jetzt, woher denn diese Angst vor der Stille kommt. Ich glaube, das hat viele unterschiedliche Gründe, auf die ich jetzt aber gar nicht eingehen will. Worauf ich allerdings schon zu sprechen kommen möchte, ist der Kunstgriff, mit dem ich diesen Notsender unterwandern musste. Es gibt ja auch in meinem Stück diese ganz ruhigen Passagen, wo man leise Klänge hört, die aber vom Signal her technisch zu leise sind, als dass der Sender sie als solches erkennen könnte. Deshalb musste ich kleine Signale einflechten, die ich sonst für eine CD Produktion nicht verwende. Es gibt da jetzt also für das Radiostück ganz kleine Signaleinheiten, die so mancher als “Fledermaussounds” kennt. Diese Bezeichnung deswegen, weil Echolotsounds eigentlich für uns Menschen nicht hörbar sind und nur durch den Detektor wahrgenommen werden können. Allein diese Idee, das Unhörbare hörbar machen zu müssen, hat mich auf die Idee gebracht, dass das genau die Signale sind, die es braucht, damit sich der Notsender nicht aktiviert. Ich finde diese Verbindung sehr gut und so bleibt, wie ich hoffe, das ganze Stück für 30 Minuten in der Ruhe erhalten.

Es ist aber nicht so, dass da jetzt 30 Minuten lang nur ganz kleine Dinge passieren. Es kommen ganz eindeutige musikalische Töne unterschiedlicher Art von vielen Instrumenten. Nur dazwischen stehen immer wieder ruhige Passagen, in denen sich die vielen kleinen, stillen Sachen abspielen, die man sonst nicht hört. Man braucht also keine Angst zu haben, dass 30 Minuten lang überhaupt nichts passiert oder nur ganz wenig. Die Dinge sind eindeutig hörbar – lediglich gibt es zwischendurch schöne und beruhigende Pausen.

Existiert bei dem Programm auch so etwas wie ein roter Faden, der sich von vorne bis hinten durchzieht?

Bruno Pisek: Der rote Faden in der Komposition ist ein Ichnogramm, ein Fußabdruck. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und hat wohl auch das Wort “ich” mitgeformt, das unser Bewusstsein so nachhaltig beeinflusst hat. Als ich zum ersten Mal diese “Fußabdrücke” entdeckt habe, musste ich an die Robinson Crusoe und Freitag Geschichte denken, diese Fußabdrücke im Sand.

Darüber hinaus haben wir ja auch alle den Wunsch, in unserem Leben Spuren zu hinterlassen für die Nachwelt. Dieser Soundwalk fürs Radio gestaltet sich so, dass es einzelne Orte gibt, zwischen denen ich mich langsam bewege. Von einem Ort zum nächsten. Die ruhigen Passagen bestehen aus ungefähr neun Sekunden langen, einzelnen Geräuschtönen unter leisen Sequenzen. Diese neun Sekunden sind so etwas, wie einmal mit dem Fuß abrollen. Nach sieben oder acht Schritten ist man dann am nächsten Ort, wo das nächste Klangerlebnis auf einen wartet – man befindet sich somit in einem neuen Klangraum.

Auf diese Weise baut sich das ganze Stück auf und es gibt Rückbezüglichkeiten zwischen den Klängen, die man auch wahrnehmen kann. Es ist also wirklich als ganzes Stück durchkomponiert, eine Komposition, bei der sich die Teile zueinander hinwenden und einander erklären.

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