mica-Interview Taschenopern 2011

Unter dem Generalmotto „Der Engel des Herrn“ geht heuer das biennal ausgerichtete “Taschenopernfestival” in Salzburg vom 20. Juli bis zum 5. August in seine mittlerweile vierte Saison und präsentiert zur Festspielzeit sieben Musiktheater-Uraufführungen im Zeichen Neuer Musik. Erneut als Koproduktion von Klang21 (Verein zur Förderung von zeitgenössischer Musik und darstellender Kunst) mit der ARGEkultur Salzburg und dem oenm (oesterreichisches ensemble für neue musik) konzipiert, wird auch diesmal wieder der Frage nachgegangen, welche aktuellen Ansätze und Diskurse das Musiktheater in seinen mannigfaltigen Ausprägungen und Interpretationen liefern kann. Zudem gibt es heuer einen Schwerpunkt auf das Sachaffen von Komponistinnen und erweiternde Diskussionsangebote. Für mica unterhielt sich Didi Neidhart mit den beiden Klang21-Mitgliedern Cay Bubendorfer und Thierry Bruehl, der beim “Taschenopernfestival” auch als künstlerischer Leiter und Regisseur tätig ist.

Klang21 – Verein zur Förderung von zeitgenössischer Musik und darstellender Kunst, entstand 2004 als Kollektiv von jungen, internationalen Komponisten, Autoren und Regisseuren in Salzburg. Was sind die Vorteile einer solchen kollektiven Zusammenarbeit?

Thierry Bruehl: Gegründet wurde der Verein Klang21 ursprünglich von Nicolas Marchand (Schauspieler und Autor) und Thomas Hupfer, die zuvor schon das TRT (theatre des reves tetus) gemacht haben, zusammen mit den beiden Komponisten und Klang21-Gründern Jean-Baptiste Marchand und Fausto Tuscano.
Die haben sich überlegt, jungen Komponisten und Autoren ein Forum zu geben um gemeinsam an Opern im Miniaturformat zusammenzuarbeiten und sich da ausprobieren zu können. Ich bin dazu gestoßen, weil Nicola Marchand ein ehemaliger Mitarbeiter und Assistent von mir war, der mich einfach gefragt hat, ob ich für zwei Stücke Regie führen würde. Zuerst stand ich dem erstmal etwas skeptisch gegenüber, weil ich dachte, die gehen das etwas naiv an und sieben Uraufführen kriegen sie nie hin. Da müssen so viele Sänger und Sängerinnen organisiert und die Partituren rechtzeitig fertig werden, dass das für mich ein eher aussichtsloses Unterfangen darstellte.
Dann kam das alles aber ganz anders. Es klappte überraschenderweise relativ gut und in der Endprobenwoche waren plötzlich sieben Regisseure, sieben Komponisten und über 40 Leute die daran beteiligt waren am Start. Und nicht zuletzt fanden die Aufführungen auch ein Publikum.
Ursprünglich waren die Taschenopern ja als einmalige Geschichte gedacht. Aber dann habe ich gesagt, dass wenn man schon mal so was probiert und sich dabei auch ein Erfolg einstellt, fände ich es sehr schade, wenn es nicht fortgesetzt werden würde.
Also haben wir uns sukzessive dahingehend professionalisiert die Arbeitsabläufe stringenter auszurichten. Wir haben uns auf einen biennalen Rhythmus und auf die Zusammenarbeit mit dem oenm geeinigt (zuvor hatten wir ein zusammengewürfeltes Ensemble aus Mozarteums-Studenten) und haben auch nach ein bisschen erfahreneren Regisseure und Autoren Ausschau gehalten.

Wie entstand die Idee ausgerechnet ein “Taschenopernfestival” zu organisieren?

Thierry Bruehl: Das Interessanteste, wenn man mit jungen, zeitgenössischen Komponisten zu tun hat, ist die Erkenntnis, dass die alle eigentlich eine Oper schreiben wollen, dass es aber relativ schwer ist solche Kompositionsaufträge zu kriegen, auch weil der ganze Aufwand relativ hoch ist. Daraus ist dann die Idee entstanden, Opern in einem kleineren Format – so zusagen wirklich als Taschenopern – zu machen. Also Stücke, die zwischen zehn und zwanzig Minuten dauern sollten und mit einer auch etwas reduzierteren Besetzung, wo es keinen großen Opernchor braucht, sondern vier bis fünf Darsteller ausreichen. Dabei stand allerdings von meiner Seite aus vor allem die Zusammenarbeit zwischen Komponisten, Autoren und Regisseuren im Vordergrund. Was mich nicht interessiert, ist dass ein Komponist einen Auftrag kriegt, die Oper abliefert und die dann von einem Regisseur quasi im Alleingang inszeniert wird. Ich habe aus Erfahrung gemerkt, dass zwar alle Komponisten eine Oper schreiben wollen, die meisten sich dabei jedoch gar nicht so klar sind, was für Gesetzmäßigkeiten eine Bühne hat und ob es überhaupt Fragen dramaturgischer Natur gibt. Oft ist es ja leider so, dass bei Komponisten, speziell beim Anfangsstadium einer Komposition, der Text nur noch als Folie dient und die Bühne (also die konkrete Theater-Situation) sie letztlich gar nicht interessiert. Mir geht es jedoch darum, gerade darüber ins Gespräch zu kommen um die Problematiken zu erkennen und mögliche Schnittstellen oder Differenzen (gemeinsam) zu entdecken.

Wie stellt sich diese Zusammenarbeit konkret dar?

Thierry Bruehl: Die findet ja schon im im Vorfeld statt. Das möchte ich auch extra betonen, auch weil ich selber ja schon relativ viel herum gekommen bin. Diese Art der Zusammenarbeit, ist das Einzigartige an diesem Festival. Hier wird wirklich eineinhalb Jahre eng zusammengearbeitet. Das beginnt bei der Stoffwahl bis hin zu Überlegungen zu möglichen Dramaturgien und szenischen Entwürfen.
Ich arbeite bei diesem Projekt ja mit vier Komponisten zusammen und da gestaltet sich das Zusammenspiel jeweils anders.
Hüseyin Evirgen etwa interessiert für den Text nicht sonderlich. Was ihn jedoch interessiert sind szenische Arrangements. Also all das, was ich mir grafisch an Bildern vorstelle. Das entwickeln wir dann zusammen im Gespräch. Ich mache ihm dann so kleine Zeichnungen aufgrund denen er dann mit seiner Komposition anfängt.
Bei Michael Beil, der musikalisch aus der Pop Art kommt, also bestimmte bekannte Opern und Motive übernimmt und verwandelt, suche ich auf Grundlage der Gespräche die wir führen Texte heraus und gebe ihm dann Zeitfenster vor, in denen ich diese Texte gerne untergebracht sehen würde.
Bei Brigitta Muntendorf gab es einen Text von James Joyce, den ich wahnsinnig gerne auf dem Theater machen wollte, jedoch nicht als Theaterstück, sondern in Kombination mit Musik. Den hab ich ihr quasi vorgegeben und sie hat dann daran entlang komponiert. Und so gehen auch die Regisseure und Autoren auf ihre jeweiligen Eigenarten ein. Einfacher gesagt: Da lernt man dann Respekt, oder es knallt.

Kommt es oft zu solchen gegenseitigen Transformationen zwischen den einzelnen Bereichen?

Thierry Bruehl: Ja. Ich komme ja von der Regie und bemerke sehr stark, dass ein zunehmendes Interesse – bis hin zum Einmischen – an der Regiearbeit stattfindet. Das ist sehr schön, manchmal jedoch auch störend, weil da sind dann bestimmte Vorstellungen plötzlich schon im Kopf des einen, und das geht dann nicht immer reibungslos Hand in Hand. Aber im Fall von Michael Beil, mit dem ich ja nicht nur eine Taschenoper, sondern auch in Stuttgart Stücke inszeniert habe, läuft das mittlerweile sehr ausgeglichen. Inzwischen sind wir ja schon bei der vierten, fünften gemeinsamen Arbeit gelandet und entwickeln das fast komplett zusammen. Eigentlich könnten wir bei den Angaben zu Musik und Regie unsere beiden Namen darunter schreiben. Nur stimmt das natürlich doch nicht ganz, weil der Komponist dann schon in seinem Kämmerlein eine Arbeit macht, die singulär künstlerisch ist, wohingegen ich mehr auf das mir zugetragene eingehe.
Und bei den Autoren ist es – wie man sich leicht vorstellen kann – ganz stark von den einzelnen Persönlichkeiten abhängig. Es gibt bestimmte Autoren, die geben den Text ab und wollen dann nichts mehr damit zu tun haben. Andere geben ab und beobachten ganz neugierig, was damit passiert oder arbeiten ganz eng mit den Komponisten zusammen.

Werden beim “Taschenopernfestival” konkret Kompositionsaufträge vergeben?

Thierry Bruehl: Ja. Kompositionsaufträge werden sowohl an Leute vergeben, mit denen schon mal zusammengearbeitet wurde wie an solche, die uns empfohlen worden sind.
Das besondere am Taschenopernfestival liegt ja auch darin, dass sich die Beteiligten selber einen Grund geben müssen, da mitzumachen. Obwohl die Subventionen okay sind, können wir durch die hohe Anzahl an beteiligten Personen – heuer sind es 64 Leute – in Sachen Bezahlung keine großen Sprünge machen.
Aber das war letztlich bei allen Komponisten nie wirklich ein Thema. Da ist es im Bereich Regie weitaus schwieriger gute Leute für so ein verhältnismäßig geringes Entgeld zu rekrutieren. Auch weil es nahe liegender weise szenische Einschränkungen gibt, keine riesigen Bühnenetats da sind und auch die Arbeitsbedingungen etwas anders sind. D.h., Bühnen- und Probezeiten müssen zusammen mit den anderen auf- und eingeteilt werden. Und das ist manchmal nicht ganz so einfach. Aber bei den Komponisten, Autoren und Darstellern ist die Neugierde an dieser doch etwas interdisziplinären Form der Arbeit doch sehr groß.

Das “Taschenopernfestival” gibt nun schon seit 2005. Wie waren die Anfänge, wie wurde das Festival damals aufgenommen?

Thierry Bruehl: Ich habe zwar zuvor schon in Salzburg Theater gemacht, komme jedoch nicht aus dieser Stadt, deshalb hat es mich auch sehr erstaunt, dass in solch einer Stadt, die Leute unseren Sachen offensichtlich doch sehr neugierig und empfänglich gegenüberstehen.
Als das Taschenopernfestival noch im Toi-Haus war, hatten wir eine Platzausnutzung von 110 Prozent und mussten bei den Aufführungen sogar noch extra Stühle hinstellen. Jetzt ist das Toi-Haus zwar auch nicht so wahnsinnig groß, aber wir wurden jedenfalls von Anbeginn an sehr gut aufgenommen. Jetzt haben wir in der ARGEkultur die doppelte Platzanzahl und hatten 2009 eine Platzausnutzung von 95 Prozent. Das Taschenopernfestival wird also auf alle Fälle angenommen.

Wie wichtig sind Kooperationspartner wie die ARGEkultur und das oenm?

Thierry Bruehl: Solche Kooperationen sind für uns unglaublich wichtig. Auch weil es uns als Verein Klang21 finanziell unmöglich ist eine eigene Infrastruktur aufzubauen – das Geld fließt bei uns ja alles in die Produktionen. Insofern ist natürlich die Infrastruktur eines Hauses wie der ARGEkultur enorm wichtig. Das reicht von der Werbung bis hin zum technischen Know-How. Ebenso verhält es sich mit dem oenm. Das ist ein offenes, aber auch organisiertes und aufeinander eingespieltes Ensemble. Wir können das oenm also quasi komplett bestellen und müssen uns nicht um jeden einzelnen Musiker kümmern. Das sind schon maßgebliche Aspekte solcher Kooperationen. Auch schlägt sich das finanziell nieder. So stellt uns die ARGEkultur ja nicht nur ihre Räumlichkeiten zur Verfügung, sondern ist auch mit eigenem Geld an den Produktionen mit beteiligt.
Das Angenehme an der heurigen Produktion ist, dass die Koproduktionen immer intensiver werden und auch der inhaltliche Austausch stärker wird. Am Anfang beschränkte sich das auf organisatorische und finanzielle Hilfsleistungen, inzwischen gibt es da auch ein inhaltliches Interesse. Ich denke auch, dass es für die ARGEkultur ganz attraktiv ist, neben ihrem Programm zwischen Kabarett und Musik, ebenso in die von uns bearbeiteten Bereiche vorzudringen.

Das “Taschenopernfestival” positioniert sich im Spannungsfeld zwischen Sprache, Performance/Theater und Musik und findet während der Salzburger Festspiele statt. Was für ein Publikum wird dabei überhaupt angesprochen?

Thierry Bruehl: Die Positionierung des Taschenopernfestivals während der Salzburger Festspiele entstand schon als explizite Idee. Es ist ja auch attraktiv für alle Beteiligten, sich zu dieser Zeit zeigen zu können. Es gibt bestimmt eine kleine, ca. 20- bis 30-prozentige Schnittmenge von Festspielpublikum und generell an Musik interessierten Leuten, die sowohl zu Festpielproduktionen wie zu den Taschenopern gehen. Natürlich gibt es auch eine kleine Community von speziell an Neuer Musik Interessierter, bei denen nur dieser Aspekt im Vordergrund steht.

Wie finanziert sich so ein Festival?

Cay Bubendorfer: Großteils durch die öffentliche Hand. Heuer werden wir erstmals zu gleichen Teilen von Stadt, Land und Bund, der heuer nachgezogen hat, finanziert. Das ist schon auch eine Bestätigung für die bisherige Arbeit. Es ist auch schön zu sehen, dass unsere Arbeit geschätzt wird. Wir begegnen unseren Ansprechpartnern bei den jeweiligen Kulturabteilungen ja auch bei den Aufführungen. Also da gibt es schon ein größeres Interesse an der Sache insgesamt. Zudem haben wir es hierbei auch mit sehr verlässlichen Partner zu tun. Sonst würde das alles ja auch gar nicht gehen.

Gibt es Zusammenarbeiten mit anderen Salzburger Institutionen?

Thierry Bruehl: Die gibt es, aber es sind verhältnismäßig eher wenig. Letztlich sind es unsere Kooperationspartner wie die ARGEkultur. Ansonsten kommt halt Geld durch die Einnahmen rein. Das hat aber ebenso damit zu tun, dass die Suche nach geeigneten Sponsoren auch einen enormen Organisationsaufwand bedeuten würde und wir im Moment niemanden haben, der das übernehmen könnte. Auch können wir uns das finanziell nicht leisten. Aber wir versuchen schon jedes Mal mehr zu zusammen zu kriegen.Vielleicht sind wir ja de facto noch eine Spur zu klein, um Sponsoren zu interessieren. Vielleicht jedoch ab diesem Jahr nicht mehr.

Wie viele Leute arbeiten bei Klang21 bzw. beim „Taschenopernfestival“?

Thierry Bruehl: Im Verein sind wir zu fünft. Cay Bubendorfer, ich als Regisseur, Sandra Quell-Heinrici als Sängerin, Hüseyin Evirgen als Komponsit und Reinhold Lay als Dramaturg. Das sind die Fünf, die das quasi organisieren. Ganz wichtig ist jedoch auch Juan García Rodríguez aus Sevillia als Dirigent, der schon von seit Anfang mit dabei und eine ganz große Stütze ist, indem er die ganze Sache musikalisch zusammenhält.

Cay Bubendorfer: Zudem hat sich auch die Stabsstelle für Chancengleichheit, Antidiskriminierung und Frauenförderung (früher Frauenbüro des Landes Salzburg) ganz spontan dazu bereit erklärt unser Programmheft mittels einer Extraförderung zu finanzieren. Was auch mit der heurigen Schwerpunktsetzung im Bezug auf Komponistinnen zu tun hat. Zudem ist das Programmheft auch ein wichtiges Element des Ganzen. Es bleibt so auch nach dem Festival etwas über, dass man in die Hand nehmen kann.

Auf wen aller dürfen wir uns heuer freuen?

Thierry Bruehl: Das Besondere heuer sind sicher die drei Komponistinnen, die wir eingeladen haben. Wir haben es ja auch in dem Feld, in dem wir uns bewegen immer noch mit einer sehr stark von Männern dominierten Domäne zu tun, auch was die Komposition an sich angeht.
Also Brigitta Muntendorf, die 2009 mit dem ZONTA-Musikpreis, sowie mit dem Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendium der Stadt Köln ausgezeichnet wurde, Silvia Rosani, die Preisträgerin des Kompositionswettbewerbs im Rahmen des Taschenopernfestival 2009 und Lisa Streich, die Schülerin von Johannes Schöllhorn und Adriana Hölszky war. Ich denke auch, dass diese drei Komponistinnen, die von uns heuer ein bisschen in den Vordergrund gestellt werden, in ein paar Jahren sicher zu den fixen Größen des Genres gehören werden. Auch was ihre theatralen Qualitäten, ihre Lust im Umgang mit Schauspielern, Sängern und theatralischer Instrumentierung angeht.
Das sind also quasi die Neuen. Und dann gibt es Hüseyin Evirgen, der heuer mit seiner dritten Taschenoper ein Trilogie abschließt. Das wird sicher ganz lustig und interessant. Letztlich geht es bei ihm um eine Geschichte in drei Episoden. Wir planen daher auch für nächstes Jahr eine Uraufführung aller drei Stück als große Oper.

Das “Taschenopernfestival” definiert sich sehr stark durch seinen “Werkstattcharakter”. Wie wichtig ist das Prozessuale, die Interaktion zwischen verschiedenen KünstlerInnen?

Thierry Bruehl: Der Werkstattcharakter ist im Prinzip in unserer Arbeitsweise schon vorgegeben. Natürlich werden dann Ergebnisse präsentiert, die eine mehr oder minder geschlossene Ästhetik haben. Die sich jedoch durch die Parameter und die unterschiedlichen Interpretationen und Übersetzungen dann auch wieder öffnen. Was ich immer ganz angenehm und schön fand, ist, dass das Publikum nach den Aufführungen meistens immer sehr lange zusammen ist und über die zuvor auf der Bühne erlebten verschiedenen Entwürfe redet. D.h., eine weitere Auseinandersetzung findet genau in diesem Rahmen statt. Dabei geht es hauptsächlich um ästhetische Fragestellen. Das ist auf der einen Seite erfreulich, manchmal jedoch auch enttäuschend, weil es weniger um thematische Aspekte geht. Man klinkt sich beim Inhaltlichen dann doch sehr oft eher aus.

Wird das inhaltliche nicht eher im Rahmenprogramm abgedeckt?

Cay Bubendorfer: Genau. Aber ein Rahmenprogramm ist immer auch eine Frage der Ressourcen. Letztes Mal gab es Workshops für Jugendliche und Schüler, was allen daran Beteiligten sehr viel Spaß gemacht hat. Wir haben jedoch auch gemerkt, dass in den Sommerferien Schüler und Kinder quasi nicht greifbar sind. Deshalb haben wir heuer Abstand davon genommen und präsentieren stattdessen drei Gespräche bzw. eine Lesung.
Sabine Coelsch-Foisner vom Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst der Universität Salzburg hat hier die Zusammenarbeit mit uns gesucht. Sie kennt ja auch Thierry und Projekte von ihm und hat die Ateliergespräche organisiert. Es geht um zusätzliche Blicke und neue Perspektiven auf Thematiken mit denen sich die Komponisten, Regisseure und Autoren unter ganz anderen Voraussetzungen auseinander gesetzt haben. Das wird sicher sehr spannend und auch witzig, weil da auch Wissenschaftler und Experten aus ganz anderen Feldern dazukommen werden.
Zudem war es uns auch wichtig unsere explizite Einladungspolitik in Sachen Komponistinnen öffentlich zu thematisieren. Deshalb gibt es auch vor der Prämiere ein Gespräch mit den drei, damit gleich zu Beginn einen diskursiven Rahmen schaffen und das Publikum gezielt damit in Kontakt bringen können.

Heuer “bilden zwölf Minuten, ein Blitz und der Satz „Angelus Domini nuntiavit Mariae – Der Engel des Herrn verkündete Maria“ den Ausgangspunkt für sieben Uraufführungen.” Was ist darunter zu verstehen? Wieso gerade dieses Thema?

Thierry Bruehl: Sowohl von Komponisten wie von Regisseuren es gibt immer diese Selbstverständlichkeit zu sagen “Okay, wir machen jetzt eine Oper”. Und das Publikum sagt dann “Ja, Oper”.
Ich habe mir gedacht, dass diese Art von Zusammenarbeit eigentlich gar nicht so selbstverständlich ist. Von daher war der erste Gedanke für das heurige Festival: Allen lauter Stolpersteine in den Weg zu legen. Also eine Zeitbegrenzung vorzugeben (was immer sehr unangenehm für einen Komponisten und einen Regisseur ist). Das sind heuer exakt zwölf Minuten. Ebenso gemein ist es von der Dramaturgie her zu sagen, dass nach sechs Minuten der Blitz einschlägt – und nicht nach sieben, weil man da noch nicht einmal den Goldenen Schnitt hat. Zudem fand ich ein katholisch Thema in und für Salzburg sehr nahe liegend. Letztlich gehört dieses Thema zur Tradition, andererseits haben ganz wenige, spezielle im künstlerischen Milieu, noch etwas damit zu schaffen. Ich habe mir einfach gedacht, man hat eineinhalb bis zwei Jahre Zeit und da wird einem schon was einfallen. Was hat man eigentlich in zwölf Minuten zu dieser Verkündigungsgeschichte zu sagen, wie kann das in in dieser Zeitspanne erzählt werden? Und wenn man nichts dazu zu sagen hat, muss man sich trotzdem in Bezug dazu setzen. Insofern war das dann alles zusammen der Ansatz: Lauter Stolpersteine vorzugeben.

Cay Bubendorfer: Die die konzeptuelle Idee besteht ja nicht darin, dass jeder irgendwie die Verkündigungsgeschichte her nimmt uns nach spielt.

Thierry Bruehl: Es muss ja auch nur dieser eine Satz vorkommen. Wie der motiviert wird, ob gesungen, gesprochen, zerhackt, in Silben ist dabei jedem selber überlassen.

Cay Bubendorfer: Sowohl für alle, die mitmachen und mitarbeiten wie für das Publikum entsteht durch diesen Focus auf ein Thema eine einmalige und interessante Situation. Da die Rahmenbedingungen für alle Stücke in etwa gleich sind, erhalten wir dadurch die Möglichkeit, zu sehen wie unterschiedlich das im Einzelnen aufgelöst werden kann. Was fällt den Leuten dazu ein? Wie weit schert jemand aus? Es hätte ja auch sein können, dass uns jemand austrickst und eine völlig andere Lösung findet.

Thierry Bruehl: Für das Publikum ist diese Art der Präsentation auch gut, weil dadurch eine Vergleichbarkeit hergestellt wird. Dadurch entsteht das diskursive Moment bei den Taschenopern. Und da holt einen das Werkstatthafte wieder ein. Das Publikum hat die Möglichkeit an einem Abend auf einer Bühne verschiedene Interpretationen eines Themas zu vergleichen. Das war auch die Idee hinter dem letzten Taschenopernfestival. Da gab es ein Libretto, das fünfmal vertont wurde. Das war immer die selbe Geschichte, jedoch musikalisch und inszenatorisch immer anders erzählt. Einfach um zu schauen, wie reagiert das Publikum. Kommt das Publikum in ein Gespräch oder nicht.

Diese Empfängnis durch das Ohr ist ja auch ein sehr schönes Bild für das Wahrnehmen, das Hören von Musik überhaupt. Spielte dieser Aspekt auch eine Rolle?

Thierry Bruehl: Ja, ganz klar. Letztlich sieht man ja durch die Musik auch Bilder anders, hört man Sprache anders und kreiert etwas ganz Eigenes. Eine Phantasie etwa.

War das eine auch intendierte Vorgabe?

Thierry Bruehl: Nein. Also wenn da jemand auf diesen Aspekt drauf kommt ist es gut, wenn nicht, dann selber schuld. Oder es spielt sich vielleicht unbewusst ab.

Danke für das Gespräch.

http://www.klang21.com/
http://www.argekultur.at/
http://www.oenm.at/index.php

 

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