“Salam Orient 2013 – Musik, Tanz und Poesie aus orientalischen Kulturen” – von 9. bis 31. Oktober findet das Festival Salam Orient heuer in Wien und in der Steiermark statt. Im mica-Interview erzählt Organisator und Festivalgründer Norbert Ehrlich über das Programm und warum der Begriff Orient dieses Mal genauer unter die Lupe genommen wird. Das Interview führte Jürgen Plank.
Eine Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das heurige Festival, nämlich: „Bis wohin reicht der Orient?“ Was wäre denn eine mögliche Antwort, die das Festival aus Ihrer Sicht gibt?
Norbert Ehrlich: Im Deutschen meint der enge Orientbegriff die Zentralen Kulturen der Türken, der Perser und der Araber. Im Französischen und Englischen aufgrund der Kolonialgeschichte dieser Länder sieht das völlig anders aus. „l’orient“ heißt im Französischen „bis in den fernen Osten“, was im Englischen dann als „far east“ bezeichnet wird. Wir haben uns erlaubt einmal abzuklopfen, ob nicht auch Indien, Indonesien und China im weiteren Sinn dazugehören könnten.
Und das Ergebnis ist, wenn man das Programm ansieht: „Ja, sie können dazu gehören“. Damit sind wir z.B. bei einem Programmpunkt, der aus einem Beitrag aus China besteht. Was können Sie denn dazu sagen?
Norbert Ehrlich: Dawanggang ist insofern ein untypisches Experiment, weil sich ein Musiker auf Wanderschaft begibt, jahrelang durch China reist, verschiedenste musikalische Eindrücke und Informationen sammelt und diese in Form eines sehr extravaganten Projektes jetzt das erste Mal in Europa und Österreich präsentiert. Wobei ein Subthema natürlich wäre: Wer weiß über das Musikgeschehen in China überhaupt Bescheid?
Was macht die Gruppe Dawanggang denn musikalisch genau?
Norbert Ehrlich: Es ist eine wilde Mischung aus Tradition, Folklore, Avantgarde und Experiment. Wenn man die Musik hört, ist man ratlos, weil man sie nicht einordnen kann, aber das ist ja manchmal sehr gut so. Sie sind im Übrigen für den Deutschen Schallplattenpreis vorgeschlagen und ich glaube, sie werden ihn auch bekommen. Mit ihrer CD, die im heurigen Jahr bei Jaro erschienen ist.
Einer der Höhepunkte des Festivals wird das Taksim Trio aus der Türkei im Konzerthaus sein. Was erwartet uns denn da?
Norbert Ehrlich: Wiederum eine Melange aus traditioneller türkischer Musik, die aber zeitgemäß präsentiert wird. Die drei Musiker sind Gypsies. Hüsnü Senlendirici ist ein in der ganzen Türkei hoch respektierter Klarinettist. Die beiden anderen Musiker schaffen mit ihm gemeinsam wirklich eine außergewöhnliche Form von türkischem Musikantentum, das seine Erdigkeit und Bodenhaftung nie verloren hat.
Eröffnet wird das Festival Salam Orient aber heuer nicht mit einem Konzert, sondern einem Vortrag von einem Professor für politischen Islam von der Harvard Universität, Professor Ousmane Kane. Warum ist es wichtig, dass ein Festival wie Salam Orient auf diese Weise eröffnet wird und worum wird es inhaltlich gehen?
Norbert Ehrlich: Wir versuchen einfach, auch Informationen mitzuliefern, die in den Zeitungen oder den Medien nur sporadisch vorkommen. Islamismus und Westafrika, was wissen wir darüber? Ich wusste sehr wenig. Auf der anderen Seite will ich mich nicht nur darauf verlassen, die Zeitung zu lesen, sondern will von Experten detailliertere Informationen bekommen. Nigeria ist nicht Mali, Mali ist nicht Burkina Faso, Burkina Faso ist nicht Niger.
Sie haben es schon angesprochen: Das Festival lotet die Grenzen Richtung Orient aus. Wie weit kann der Orient gehen? Es wird auch z.B. indischen Tanz geben in der Brunnenpassage.
Norbert Ehrlich: In Wien lebt seit kurzem eine Kathak-Tänzerin, die um sich herum ein kleines neues Zentrum gebildet hat, wo verschiedene indische Tanzformen gepflegt werden. Mir ist es natürlich auch immer ein Anliegen, Menschen aus Österreich, aus Wien zum Festival einzuladen, und dieses Projekt ist eines davon. Es wissen z.B. nur wenige, dass aus Westsumatra ein Kampfsportmeister seit vielen Jahren auf der Schmelz ein Studio betreibt, wo Kampfsport auch als psychische und nicht nur physische Bildung begriffen wird. Sie haben dort wunderbare Kostüme aus Sumatra lagern und haben auch Tänzer und Musiker zur Verfügung. Aus diesem Grund werden wir einen Abend mit der Präsentation dieser ganz speziellen Kultur durchführen.
Da geht es um die Kultur der Minangkabau aus Westsumatra, eine ethnische Gruppe, die matrilinear organisiert ist. Warum gehören diese ethnische Gruppe und ihre Kultur noch zum Orient?
Norbert Ehrlich: Indonesien ist das größte Land mit einer muslimischen Bevölkerung überhaupt. Dass ein so riesiges Land mit so unglaublich vielen Inseln in sich wieder sehr komplex sein muss, liegt ja nahe. Und wir haben ja heuer den einfacheren Weg gewählt, jemand aus unserer Nachbarschaft einzuladen, der nicht typisch ist für das Land, aber auf der anderen Seite doch, weil er halt einen Splitter dieses ganzen Regenbogens einbringt.
Im Programm gibt es auch eine Lesung, bei der es um Literatur aus Saudi Arabien geht, die man hierzulande kaum wahrnimmt. Ist das der Versuch, vielleicht auch diese Grenze ein bisschen näher zu rücken und aufzubrechen?
Norbert Ehrlich: Nun ja, Saudi Arabien ist mit Mekka und mit Medina der Zentralraum des Islam. Und was haben wir an Informationen? Nahezu nichts. Wir wissen, dass dort Erdöl gefördert wird, und der Westen hochinteressiert ist am Königshaus als Partner, der die Kontrolle über diesen Raum behält. Und es ist uns gelungen, über die Arbeit einer Wienerin, Elga Martinez-Weinberger, die sich über den saudischen Roman in der Jetztzeit informiert und darüber eine Dissertation geschrieben hat, Zugang zu einem Schriftsteller der jungen Generation aus Saudi Arabien zu erhalten. Er heißt Mohammed Hasan Alwan und ist ein Exponent der jungen Generation, die mit den elektronischen Medien aufwächst und sich eben nur schwer in die Spielregeln ihrer Väter und Großvätergeneration hineinpressen lässt. Diese Konflikte werden von ihm literarisch verarbeitet und in englischer Sprache in der städtischen Bücherei am Urban-Loritz-Platz den WienerInnen zugänglich gemacht.
Am 23. Oktober gibt es einen Vortrag zur aktuellen politischen Bewegung in der Türkei. Wie wichtig ist das für das Festival?
Norbert Ehrlich: Ja, da sind wir ganz nah am Jetzt und Heute. Wir wissen noch nicht, was im Oktober in der Türkei passieren wird. Beruhigt sich die Lage? Gibt es wieder weitere Wellen am Bosperus? Es gibt hier eine Parallelführung: Das eine ist das Taksim Trio, das mit dieser Bewegung mit Ausnahme des Namens überhaupt nichts zu tun hat, nur der Name ist ident. Zum anderen laden wir Augenzeugen ein, die beim Geschehen im Frühjahr dabei waren, um zu berichten, wie die Situation jetzt aussieht.
Warum sollte man denn unbedingt als Besucher zum Festival Salam Orient 2013 kommen?
Norbert Ehrlich: Um eine Lücke mit Informationen und positiven Erlebnissen zu füllen, um sehr starke Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen hautnah zu erleben und dann seine eigenen Schlüsse zu ziehen.
Eine persönliche Frage an Sie: Waren Sie schon einmal im Orient? Wenn ja, wo waren Sie?
Norbert Ehrlich: Ich war in Ägypten, Syrien und Aserbaidschan. Jeder, der einmal in Syrien war, kann nur die Haare raufen über die derzeitige Situation. Es ist ja, abgesehen von der menschlichen Katastrophe, das Zertrümmern einer jahrtausende alten Kultur. Es ist unbeschreiblich, man ist fassungslos, wie dort die Dinge aus dem Ruder laufen. Wir hatten natürlich auch schon aus Syrien Künstler beim Festival. Alle sind ratlos und man kann ihnen nur wirklich wünschen, dass möglichst rasch wieder Normalität einkehrt.
Es wird auch einen Programmpunkt für Kinder geben. Was ist denn da im Angebot?
Norbert Ehrlich: Die Überschrift über die Aktivitäten mit und für Kinder und Jugendliche ist, das so genannte “Fremde“ möglichst früh hautnah zu erleben. Also die Angst vor dem „Fremden“, das berühmte „Fremdeln“ der Kinder in einer sanften und kindgemäßen Form zu unterlaufen und ihnen zu zeigen, dass eben orientalischer Tanz, ein orientalisches Kostüm, etwas Wunderschönes sein kann. Sie können beim Workshop „Afrikanische Trommeln“ auf selbigen sich austoben, sie können nordafrikanische Perkussion erleben. Es kommt heuer auch aus Indien ein Kindertheater in den „Dschungel Wien“, die das Thema Wasser, seine Knappheit und Strategien dagegen in einer jugendgemäßen Form darstellen.
Wann wird das stattfinden im Dschungel?
Norbert Ehrlich: Am Montag, dem 14. Oktober. Es gibt zwei Vorstellungen: am Vormittag für Schulklassen, am Abend für alle.
Begleitend zum Festival gibt es auch eine Ausstellung im Wien-Museum namens „Amman Re:Organize“, worum geht es denn da?
Norbert Ehrlich: Es geht in erster Linie um Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Menschen die ihr Dach über dem Kopf verloren haben, sind für jede Art von Unterschlupf und Quartier dankbar. Eine Gruppe von Studenten der Technischen Universität Wien hat vor Ort versucht, in einfacher und wirksamer Weise solche Unterkünfte zu beschaffen. Das Ergebnis ist im Wien-Museum zu besichtigen.
Der Hintergrund ist, dass Amman, die Hauptstadt Jordaniens, ein enormes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen hatte, in den letzen 40 bis 50 Jahren.
Norbert Ehrlich: Wir hier in Europa jammern über 500, über 5000 Bootsflüchtlinge aus Nordafrika. Der Nahe Osten explodiert ja im Moment vor Menschen auf der Flucht. Im Irak, in Jordanien, in der Türkei, in allen Nachbarländern der Krisenregionen explodieren die Bevölkerungszahlen. Die Menschen sind ohnehin dort sehr gastfreundlich und nehmen viele auf. Aber der Ozeandampfer ist eigentlich voll – und nicht das Boot.
Was ist denn als Abschluss des Festivals geplant?
Norbert Ehrlich: Mit einer indischen Großgruppe, dem Bollywood Masala Orchestra aus Bombay geht es im Akzent Theater am 31. Oktober zu Ende. Das ist schlicht und einfach eine Revue, alles dreht sich, alles bewegt sich. Bunt, schrill, Feuerschlucker, Tänzerinnen, Bollywood-Brass und ein Spektakel als Fest zum Abschluss.
Foto 1 © Jürgen Plank
Foto 2 © Taksim Trio
Foto 3 © Jürgen Plank
Foto 4 © Kaveri
Die Diskussions- und Vortragsreihe mica focus wird unterstützt durch die Abteilung für Wissenschafts- und Forschungsförderung der MA7 Wien.
http://salam-orient.at/