mica-Interview mit Tupolev

Die Summe der einzelnen Teile – Alexandr Vatagin, Peter Holy und David Schweighart von der österreichischen Rockformation Tupolev erläutern im mica-Interview mit Markus Deisenberger ausführlich ihren Standpunkt gegenüber Pop-Strukturen, verlorenen Begriffen und dem klassischen Godspeed-Moment.

Zwischen eurer ersten Platte, die eigentlich eine EP war, und eurer zweiten Platte, die gewissermaßen euer Album-Debut darstellt, ist doch einige Zeit ins Land gezogen.
Alexandr: Drei Jahre insgesamt. Wir haben ziemlich einfach lange zum Aufnehmen gebraucht. Wir werten übrigens dieses Album jetzt als unser Debut.
Peter: Da wir alles selbst aufgenommen haben, hat sich das einfach gezogen. Ein Jahr nach der EP hatten wir mehr oder weniger alle Stücke schon fertig. Das Aufnehmen an sich hat dann allerdings so lange gedauert.
Alexandr: Dann haben wir die ersten Labels, so um die 50, mit Promos beschickt. Keine Reaktion. Daraufhin haben wir alles noch einmal neu abgemischt und mastern lassen. Im Sommer haben wir dann noch einmal vierzig Promos verschickt und für uns die Entscheidung getroffen, dass, wenn dieses Mal wieder nichts zurück kommt, wir einfach unser eigenes Label gründen werden.

Und es kam wirklich nie etwas zurück?
Peter: Fünf mal Nein auf achtzig Aussendungen. Nicht gerade eine tolle Ausbeute.

Enttäuschend?
Alexandr: Nicht wirklich. Wir waren es schon gewohnt, dass wenig bis nichts zurückkommt.
David: Von Hoanzl kam schon was.
Peter: Na ja, aber das war im Rahmen des Tonbandtests.
Alexandr: Das mit Promos ist so eine Sache. Einmal lief es auch so, dass jemand uns nach dem Konzert ansprach, ob er ein Promo haben könnte. Dabei hatte er längst eines, aber eben schon weggeschmissen. Das wollte er nicht zugeben. Da hat sich´s dann aus dem Internet geladen…

Das heißt aber auch, dass die Labelgründung nicht ursprünglich intendiert war, sondern aus der Not geboren.
Peter: Die Idee ein Label zu gründen gab es schon. Aber das sollte nicht unbedingt jetzt passieren, sondern eben irgendwann.
Alexandr: Lieber wäre es uns gewesen, auf einem anderen Laben zu releasen und Kontakte zu knüpfen.

Wieso überhaupt ein klassisches Label? Früher habt ihr doch auf Netlabels releast? Die EP damals war doch nur eine Begleiterscheinung des Net-Releases, wenn ich das richtig verstanden habe.
Alexandr: Für das deutsche Label (12 rec, Anm.) war beides wichtig. Circa 70% Net-Release und 30% als CD. Also nicht ganz Begleiterscheinung. Sie verkaufen auch nicht einmal so wenige CDs. Vergangenes Jahr haben sie über 100 Stück übers Internet verkauft.

Wie würdet ihr den Unterschied zur ersten EP und zur Solo-Platte von Alexander beschreiben?
Alexandr: Meine Solo-Platte hat gar nichts damit zu tun. Die habe ich zwar mit der Unterstützung dieser beiden Herren eingespielt, aber als Band konzentrieren wir uns schon eher auf komponierte Musik, während mein Ding ein Zusammenwurschteln war.
Peter: Alexanders Solo-Album war eher eine Collage aus bereits bestehendem Soundmaterial.
Alexandr: Eine Art Patchwork. Tupolev hingegen hat sich von vier Jahren, als Peter von Gitarre auf Klavier umstieg, eher darauf hinbewegt, dass wir wirklich viel komponieren. Mittlerweile ist das zu 100% so. Wir schreiben auch nicht viele Stücke. Peter braucht auch ziemlich lange für das Komponieren eines Stückes. Wir schreiben ja nur zwei bis drei Stücke im Jahr.

Das kann man ja dann wirklich getrost als Zeitlupen-Postrock bezeichnen, wie jemand mal geschrieben hat.
Alexandr:
Jetzt sind wir aber weit vom Thema abgekommen.

Mich würde interessieren, was sich von der EP bis zum jetzigen Album getan hat?
Peter: Auf der EP hatten wir teils noch Gesang, den wir dieses Mal weggelassen haben. Die Stücke sind auch um einiges ausgereifter und durchdachter als damals.

Die neuen Stücke sind zugänglicher?
Alexandr: ich finde, die alten waren zugänglicher.

Tatsächlich?
Peter: Schon, ja. Die alte Produktion war zwar rauer, vom Kompositorischen her waren wir aber zugänglicher. Was auch vom Weglassen des Gesangs herrühren kann.
Alexandr: Andererseits hat gerade der Gesang viele Leute irritiert.
David: Ich glaube, dass der Pop an sich auf der EP viel wichtiger war als jetzt.

Womit wir beim Thema wären. Ihr selbst beschreibt eure Musik als Popmusik mit deutlichen Einflüssen aus neuer Klassik, Jazz und improvisierter Musik.
(Allgemeines Gelächter)

Nun: Auf Jazz und zeitgenössische Kammermusik wäre ich selbst noch gekommen. Auf Pop nicht wirklich. Auf eurer My Space-Seite finde ich unter der wunderbaren Rubrik “infuenced by” dann auch keinen einzigen Pop-Act. Das müsst ihr mir erklären.
Peter: Doch: Bonnie Prince Bilie ist dabei. Und stehen da nicht sogar Acts wie Silver Mt Zion?

Würdet ihr die als Pop bezeichnen?
Peter: Inzwischen schon finde ich. Bei uns vermischen sich die Genres eben. Vielleicht sollte man eher U-Musik als Pop dazu sagen, keine Ahnung.

Das heißt eure Musik ist die Schnittmenge aus diesen Einflüssen?
Alexandr: Improvisiert ist sie sicher nicht mehr.
Peter: Na ja, schon ein bisschen.
David: Finde ich auch. Ich improvisiere fast immer.
Alexandr: Aber Du hast Deine fixen Muster.
David: Die ich aber mitunter vergesse und dann eben improvisieren muss.

Aber der  Bogen zwischen Bohren und der Club of Gore und Shostakovich ist schon ein großer und fordernder. Was ist die Essenz eurer Musik oder lässt sich das nur schwer festmachen?
Peter:
Die genannten sind halt die Sachen, die wir so hören. Letztlich versucht man natürlich, möglichst unbeeinflusst davon Musik zu machen. Aber das gelingt wenn überhaupt nur schwer, weil einen das, was man hört, immer bis zu einem gewissen Grad beeinflusst.
David: Ich finde es ja fast schon doktrinär zu behaupten, man mache etwas, was nach nichts anderem klingt.

Genau das ist aber doch das Interessante. Dass eine Musik, die eher schwierig zu klassifizieren ist, in den Rezensionen jede Menge Referenzen und Vergleiche auslöst: Schnittmenge aus Zorn und Hollis ist da ebenso zu lesen wie eben Silver Mt Zion, Bohren und der Club of Gore und und. In den fünf Rezensionen, die ihr auf eurer Homepage veröffentlicht habt, findet sich eine wahre Flut solcher Vergleiche. Nimm eine x-beliebige glatte Pop-Band und du wirst nicht einen Bruchteil dieser regelrechten Verweis-Sucht finden.
Alexandr: Man muss in einer Review eben einen Bezug zu seinem Publikum herstellen. Dann schreibt man halt einfach Bohren und der Club of Gore und Silver Mt Zion rein.

Mein Zugang war jetzt eher: je schwieriger und eigenständiger die Musik ist, desto mehr dieser Referenzen brauche ich, um sie zu erklären.
Alexandr:
Nur leider gibt es nicht viele Leute, die sich gleichzeitig mit Silver Mt Zion, Hardcore, Jazz und Klassik beschäftigen. Das Spektrum ist schon ein sehr weites.

Wer ist dann euer Publikum, wenn es so wenige gibt, die sich damit beschäftigen?
David: Schwer zu sagen. Wir reden wenig mit dem Publikum. 

Alexander, Du hast vor kurzem, als Du im mica Promos vorbei brachtest, den lapidaren Ausspruch geprägt, die wenigen, die sich für eure Musik interessieren, würdet ihr schon selbst bemustern. Das klang nüchtern, abgebrüht und illusionslos. Ist das tatsächlich so?
Alexandr:
Eigentlich schon, obwohl man es auch positiv sehen kann, dass man aus vielen Bereichen Leute ansprechen kann.

Aber andererseits ist es doch auch so, dass eure Musik eine der ganz wenigen ist, die überall funktionieren kann.
Alexandr:
Tut sie aber nicht.

Aber das Potential ist da.
David:
Meinst Du damit, dass wir gleichzeitig auf fm4 und Ö1 laufen können?

Nein, das meine ich nicht. Ich will es polemisch formulieren: Eine Christl Stürmer wird es nie nach New York schaffen. Ihr schon. Sie wird es auch nie nach Rom schaffen. Ihr aber spielt schon dort. Soll heißen: Dieses vielleicht  enge Publikum, das ihr habt, finde ich in nahezu in jedem Land. Ob das nun Norwegen oder Südamerika ist.
Alexandr: 
Das ist das Schöne an so einer Musik. Das sehen wir ähnlich.

Interessieren sich die österreichischen Medien für euch?
Alexandr:
Schwer zu sagen. Die EP war eher rausgerotzt. Wir alle hatten damals noch keine Ahnung von irgendetwas. Ob sich jemand für uns interessiert, wird sich erst jetzt weisen, denke ich. In Italien machen wir Promotion über einen Agenten.

Wie seid ihr zu dem Promoter gekommen?
Alexandr:
Die Band, in der ich spiele, Port Royal, war Vorband von Blonde Redhead. Und der Tour-Manager von Blonde Redhead, eben dieser Agent, kam auf uns zu und fragte, ob er das nicht für uns machen könne. Wir haben jetzt schon 60 Promos hingeschickt und nach wenigen Wochen hat er schon mehr Promos angefragt, weil angeblich schon Journalisten von sich aus nachgefragt hätten. Wir haben keinen Vertrieb dort, wir haben drei Konzerte dort gespielt und…

Was macht ihr, wenn jetzt die italienischen Medien anspringen?
Alexandr:
Wir haben ja eh alle potentiellen Vertriebe angeschrieben. Dass sich niemand interessiert, verstehen wir nicht wirklich, da Port Royal eine der beiden wichtigsten Bands aus dieser Szene in Italien ist. Als Tupolev haben wir in Italien als Vorband auch schon den einen oder anderen Gig gespielt. Jetzt im April spielen wir auch ein paar Konzerte alleine. An sich ist das Interesse schon da. Wir bräuchten halt eine Booking-Agentur, dann ginge weit mehr.
Peter: An sich ist das mediale Interesse auch in Österreich nicht so schlecht.
David: Die Frage ist doch auch, wie viel die Medien von uns wissen und ob sie sich überhaupt mehr für uns interessieren würden, wenn sie mehr von uns wüssten.

Andererseits waren die wenigen Rezensionen, die über euch erschienen, doch allesamt positiv, um nicht zu sagen euphorisch.
Alexandr: Bis jetzt gab es keine einziges wirklich negatives Feedback.

Was habt ihr jetzt für Erwartungen an das Album und dessen Erfolg?
David: Den große Durchbruch (lacht).
Peter: Dass es uns leichter fallen wird, Konzerte zu bekommen, die halbwegs OK sind. Auch außerhalb von Österreich. 
David: Vor allem außerhalb.
Peter: Das ist die Hauptidee.

Gibt es im Ausland außer dem italienischen Agenten andere Anlaufstellen?
Alexandr:
Als ich mit Port Royal in Frankreich tourte, habe ich auch dort Kontakte geknüpft. Dann machen wir auch noch mit Dance Promotion, die auch Mego, Mosz und Karate Joe betreuen, gemeinsame Sache. Und selbst legen wir auch noch Hand an, dh verschicken Promos und machen Promo-Arbeit für die Label-Acts. Für September haben wir eine kleine Europa-Tournee geplant.

Würdet ihr, wenn sich ein großes Label für den Release des aktuellen Tupolev-Abums interessieren würde, noch umsatteln und das Album dort noch einmal veröffentlichen oder lasst ihr es auch bei Interesse so wie es derzeit ist?
Alexandr: Das käme ganz auf die Größe des Labels an. Wir sind unser Label schon ambitioniert angegangen. Wir wollen auch nicht nur in Österreich veröffentlichen, weil Österreich einfach zu klein ist. Ich empfinde es als sehr angenehm, dass wir auch im Ausland auf der Bildfläche sind.
Peter: Wenn gute Angebote kommen, kann man sich immer etwas überlegen.

Hat eure Teilnahme beim Tonbandtest etwas gebracht?
Alexandr: Ein bisschen schon ja. Kontakte…. Zu Dir zum Beispiel. Sonst würden wir vielleicht jetzt nicht hier sitzen.

Aber jemand wie Andreas Felber, der eure Musik damals als “genial jenseitig” bezeichnete, müsste doch auch jemand sein, der sich erstens noch an euch erinnert und zweitens von seinem musikalische Background her der richtige, um euch im Standard entsprechend abzufeiern.
Alexandr: Ich habe schon Kontakt zu ihm aufgenommen.

Und?
Alexandr: Er hat gemeint, es interessiert ihn sehr und er wird schauen. Das heißt also: Abwarten.

Eure Musik wurde beschrieben als “Zeitlupen-Postrock zwischen Ambient und Minimalismus, indem sie ihren reduzierten, verhaltenen musikalischen Texturen in analoger Handarbeit eine trashig-räudige Note und also Leben und auratische Wärme einhauchen.” Ist es der Mut zur Langsamkeit, der Mut zur Brüchigkeit ist, der eure Musik bestimmt?
Peter:
Den Anteil an Langsamkeit und Brüchigkeit haben wir mit diesem Album versucht zu reduzieren. Wir versuchen, gerade die neueren Stücke weniger brüchig zu machen. Dh die Tendenz geht eher in die Richtung…

Kompakter zu werden?
David: Ja, die Phrasen zu verlängern und dadurch mehr Kontinuität zu erzielen
Alexandr: Wobei das alles auf unseren Kosmos bezogen gilt. Die meisten Leute würde unsere Musik wohl immer noch als langsam und brüchig bezeichnen.

Wobei es auf eurem Album dann doch auch sehr unterschiedliche Stücke gibt. Setzt man den Bartokschen Track 1 in Beziehung zu Track 3, der eher nach Robert Fripp klingt, liegen da Welten dazwischen. Wie gelingt es, den Bogen von Bartok zu Fripp zu spannen, ohne bemüht/ verkrampft zu wirken?
Peter: Gerade das dritte Stück fällt ein bisschen aus dem Rahmen. Das spielen wir eigentlich gar nicht mehr live und haben nur eine neue Version davon aufgenommen.
Alexandr: Wir haben ja einige Stücke von der alten Platte genommen und neu aufgenommen, weil wir sonst zu wenige hätten.
Peter: Und weil sie uns auch gut gefallen und wir einfach bessere Versionen davon machen wollten. Wie gesagt: Die EP war schon sehr trashig aufgenommen.
Alexandr: Als wir die erste Platte raus gebracht haben, haben wir ja überhaupt erst zwei Jahre lang Musik gemacht.
Peter: Klavier hab ich schon vorher gespielt.

Und Du Alexander hast erst so spät begonnen?
Alexandr: Ich hab erst mit zwanzig angefangen, Bass zu spielen.
Peter: dadurch dass die Stücke über einen größeren Zeitraum hinweg entstanden sind, sind sie schon recht unterschiedlich. Die Richtung ändert sich mit der Zeit schon sehr stark. Das ist ein wirklich großer Zeitrahmen, der da eingefangen wurde. 

Daher ist auch der musikalische Bogen recht groß.
Alexandr: Für uns schon.
David:
Es hat jetzt schrägere Gangarten. Würden wir die ersten zwei Jahre zusammenfassen, wäre das noch viele heterogener, weil wir in der Anfangszeit ganz anders klangen. Die Entwicklung geht immer weiter. Früher waren wir viel poppiger.

Aber irgendwie widerspricht sich das doch. Einerseits ward ihr früher poppiger, andererseits werdet ihr jetzt kompakter? Nähert ihr euch dem Songformat an?
David:
Das Songformat ist etwas, das Strophe und Refrain beinhaltet, also Muster, die sich wiederholen. Das ist schon lange weg. Das, was vielleicht jetzt wieder kommt, sind Dinge, die im Song schon einmal passiert sind und wieder aufgegriffen werden. Früher gab es das gar nicht.

Das ist das, was Du, Alexander, einmal folgendermaßen beschrieben hast: “Als die Besonderheiten an unserer Musik sehen wir den Kompositionsprozess, das Bemühen, mögliche Wiederholungen zu vermeiden, weiters das bewusste Bemühen, Assoziationsmöglichkeiten – in Bezug auf den Einsatz von Harmonie und Rhythmus und die von unserer Musik erzeugte Stimmung – zu anderen Musikstilen möglichst zu vermeiden.”
David und Alexandr:
Genau.
David: Das hat das Songformat total gekillt. Und jetzt kommt es, wenn auch auf viel schrägere Art und Weise, wieder. In dem Titel, an dem wir gerade arbeiten, gibt es erstmals ein wiederkehrendes Thema, ganze Passagen, die variiert wiederholt werden.
Alexandr: Aber ob das deshalb für Außenstehende leichter zugänglicher ist?
David: Klar. Wenn  du Puzzle-Teile ausstreust, kann niemand das Bild erkennen. Mittlerweile sind aber Teile dieses Puzzles schon zusammengesetzt. Dazwischen gibt es allerdings immer noch einzelne Teile, die herum liegen.

Warum verwendet ihr keinen Gesang mehr?
David:
Wirklich dagegen hat niemand etwas.
Peter: Zu unserer Musik ist es einfach schwer zu singen, da Gesang eben meistens Wiederholung braucht.
David: Und wirklich gut singt keiner von uns. Und würde jemand von uns besser singen, dann würde es vielleicht ins Opernhafte gehen, was wir alle nicht wollen.
Alexandr: Wenn Gesang, dann müsste er schon den gewissen Pop-Faktor haben.
Peter: Ein wesentlicher Punkt war auch, dass wir nicht wissen, was wir singen hätten sollen. Es gibt keine Texte.

Und auch kein Mitteilungsbedürfnis?
Peter:
Nicht wirklich
David: Obwohl wir es schon schön fänden, wenn jemand sänge.

Um auf das Zitat vorhin zurückzukommen: Mit Gesang tu ich mir natürlich auch leichter, Bezüge nach außen herzustellen.
Peter: Ich glaube, damit war nicht gemeint, dass wir ausschließlich in unserem eigenen Tupolev-Universum leben. Wir wollen schon auch Beziehungen zur Außenwelt herstellen.
David: Ein Publikum erreichen will jede Musik und kommunizieren will sie auch zwangsläufig.

Dieser Art von konzeptioneller Musik haftet doch auch immer das Vorurteil an, zwischen Avantgarde und Pop vor allem ein Körperteil anzustrengen: den Kopf nämlich. Dabei ist sie hochemotional.
Peter: Ob das in der Wahrnehmung als zu komplex aufgenommen wird, diese Frage stellen wir uns oft.

Ob man missverstanden wird?
Peter: Es verändert sich im Prozess des Spielens sehr viel.
David: Es stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt versucht wird zu verstehen. Du wirst dann live mit diesem Ding, das wir machen, konfrontiert. Machen sich die Leute überhaupt die Mühe, es zu verstehen? Keine Ahnung.

Was wiederum die Frage aufwirft, ob ich die Musik überhaupt verstehen muss, um sie zu mögen.
David: Musik, die auf diese Art und Weise funktioniert, wird gern als verkopft wahrgenommen und dadurch auch gleichzeitig abgewehrt. Bei jeder avancierteren Musik kommt es sehr schnell zu so einer Abwehhaltung.
Alexandr: Viele finden es interessant, aber nicht interessant genug, um sich wirklich eindringlich damit auseinanderzusetzen, weil es in dieser Musik wenig greifbare Sachen gibt. Wir spielen vierzig Minuten und in diesen vierzig Minute gibt es 10.000 verschiedene Motive. Manchmal machen wir uns den Scherz, dass man aus jedem unserer Stücke zwanzig Postrock-Stücke basteln könnte, weil es unendlich viele Einzelteile gibt. Manchmal, wenn wir diese Teile üben, spielen wir sie mitunter bis zu zwanzig Minuten lang, was dann tatsächlich so klingt wie ein Entwurf von Standard-Postrock.

Vielleicht ergibt sich daraus ja ein Ablegerprojekt. Aber zurück zu avancierter Musik. Ist das nicht auch ein gewisser Coolness-Faktor. Etwas zu machen, das viele gar nicht verstehen oder verstehen wollen? Und gibt das nicht auch einen gewissen Bonus? Nach dem Motto: Ach, das ist kompliziert, wird schon gut sein….
Peter: Schön ist natürlich, wenn live Dinge passieren, die schwer durchschaubar sind.
David: Ich frage mich oft, was jemand, der tagsüber fm4 hört, und dann auf eines unserer Konzerte geht, empfindet, was unsere Musik für einen Eindruck auf ihn macht.

Als ich euch das letzte Mal sah, war durchaus gemischtes Publikum zugegen. Dh es waren durchaus auch Leute da, die man dem klassischen fm4-Publikum zurechnen könnte. Mir kam schon vor, dass eine sehr emotionale und offene Stimmung vorherrschte. Fühlt man das auf der Bühne?
David:
Ich kriege viel zu wenig von dem mit, was da unten passiert.
Alexandr: Das geht uns allen so, weil wir uns so sehr auf das konzentrieren, was oben auf der Bühne grade abgeht.
Peter: Bei der letzten Nummer realisiere ich meistens erst, dass es jetzt bald aus ist, so sehr tauche ich ab.
David: Und ich sitze zu weit hinten und bin noch dazu kurzsichtig. Aber das, was ich von den Gesichtern in der ersten Reihe ablese, ist meistens ein großes Fragezeichen. Es kommt nach dem Konzert ja auch oft die Frage, ob das improvisiert oder ausgedacht ist. Und genau das steht den Leuten während des gesamten Konzertes ins Gesicht geschrieben.

Improvisiert ihr denn live?
Alexandr:
Die melodischen Instrumente sind fix. Die Drums sind manchmal improvisiert. Grundsätzlich ist die Musik schon durchkomponiert. In den stillen Momenten gibt es aber Momente der Improvisation.
David: Das, was für viele Leute die emotionalen Momente ausmacht, ist die Steigerung und die Monotonie, der klassische Godspeed-Moment also.
Peter: Bei uns hingegen ist es so, dass gerade dann, wenn man sich in eins unserer Stücke eingefühlt hat, es auch schon wieder aus ist.
Alexandr: Die Musik geht ja eher in den Jazz- und E-Bereich. Wir spielen aber immer nur vor Pop-Publikum. Mich persönlich würde es sehr interessieren, einmal vor einem anderen Publikum zu spielen. Die besten Reaktionen bekommen wir eigentlich immer von Musikern. Je mehr sich jemand mit Musik auseinandersetzt, desto mehr mag er uns, scheint es.
David: Obwohl unser jetziges Album dem jetzigen Stand wieder hinterher hinkt.
Peter: Der Schritt von der EP zur jetzigen Platte ist aber sicher größer als der von der aktuellen CD zu unserem Jetzt-Stand.

Was kann Avantgarde heute überhaupt noch bedeuten?
Alexandr: Wir machen uns über den Begriff oft lustig.

Inwiefern?
David: Er kann heute nicht mehr viel bedeuten. Avantgarde bedeutete immer, dass irgendwohin vorgestoßen wird. Heute bewegt sich die Avantgarde in einem besetzten Raum. Der klassische Avantgarde-Begriff hat für mich immer etwas mit Provokation zu tun. Und  provozieren kann man einfach nicht mehr.
Alexandr: Der Begriff ist zudem stark klischeebesetzt.
David: Die Avantgarde ist ein verlorener Begriff, mit dem sich nichts Positives mehr verbinden lässt.
Alexandr: Die Avantgarde ist zur Schublade geworden. Wir machen uns aber auch über Postrock lustig.
Peter: Ich mag ihn.
David: Das, was irgendwann mit Avantgarde verbunden wurde, hat sich doch irgendwann verkauft. Postrock, Punk…

Neue Musik…
Alexandr:
Spannend finde ich, dass alles, womit wir zu tun haben, in den letzten 60 Jahren passiert ist. Weil Du Neue Musik erwähnst: Mich würde es sehr interessieren, einmal vor einem anderen Publikum zu spielen.

Glaubt ihr denn, dass ein fachlich gebildetes Publikum weiter in eure Musik vordringt?
David: Vielleicht schon, weil sie von vorneherein damit rechnen, dass die Musik nicht linear konstruiert ist.

Und das Jazzpublikum?
David:
Der klassische Miles Davies-Fan kann mit uns sicher nicht viel anfangen.

Und ein wirklich offenes Jazz-Publikum?
David: Offen? Das war es vielleicht einmal.
Alexandr: Von Jazz und Neuer Musik sind wir weit entfernt. Für Klassik spielen wir einfach zu schlecht. Jazz noch eher als Klassik.
David: ich versuche mir immer vorzustellen, dass mein Gehörschul-Lehrer vom Konservatorium uns hören würde. Der würde uns so schlecht finden, dass er es nicht fassen könnte.

Was man vielleicht – nichts gegen Deinen Lehrer – auch als großes Kompliment werten könnte.
David:
In gewisser Weise hast Du recht, denn dass wir so hochgestochene Musik machen und sie eigentlich nicht spielen können, ist doch das schönste Element unseres Schaffens.

Und wohl die größte Herausforderung an sich selbst…
David: Die Vorstellung, dass unsere Musik Profis spielen würden, ist auch reizvoll. Ich bezweifle aber, dass mir das Ergebnis dann noch gefallen würde.
Peter: Der gewisse LoFI-Faktor ist schon enorm wichtig. Wobei sich das Problem stellt, dass auch wir auf unseren Instrumenten besser werden.
Alexandr: Für das E-Publikum wäre das, was wir spielen, aber eindeutig zu trashig.

Das heißt also, ihr geht davon aus, dass das E-geschulte Ohr den kompositorischen Anspruch durchaus zu schätzen wüsste, aber sich letztlich am Dilettantismus des Vortrags stoßen würde.
Alexandr: Denke ich schon. Wir verspielen uns ja dauernd. In der Klassik darf man vielleicht husten, aber sich nicht verspielen.

Danke für das Gespräch.

 

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