Auch in Steyr waren die 70er Jahre die Zeit des Entstehens soziokultureller Initiativen, wie fast überall waren Gasthäuser bevorzugte Veranstaltungsorte – für über zwei Jahrzehnte. Seit 1997 gibt es nun das Kulturhaus Röda, einen offenen, unabhängigen und gemeinnützigen Platz für Konzerte, Proberäume, Werkstätten und mehr. Bei Sonnenschein sprach Stefan Parnreiter-Mathys mit dem aktuellen Geschäftsführer, Thomas Kern, und Stefan Csiszar, Mitgründer des Röda, unter anderem über das Hochwasser 2002 und dessen Auswirkungen auf den Kulturverein. In den Tagen danach holte die Geschichte das Röda beinahe ein – wie es scheint, ist jedoch diesmal das Haus mit einem blauen Auge davongekommen, der Schaden gering.
Wie ist das Röda entstanden, könnt ihr von der Geschichte des Kultur- und Jugendhauses erzählen?
Thomas: Seit Mitte der 70er Jahre gibt es in Steyr ein Bewegung für freie Kultur, damals ist die Basiskultur entstanden, das war ein Freiraum, ein Kulturhaus – zumindest aber eine Vereinsräumlichkeit, von wo aus verschiedenen Initiativen gestartet sind. Über die 80er Jahre hat sich das kulturelle Leben in Steyr immer weiter entwickelt, es war aber eine schwierige Zeit, auch hinsichtlich der Unterstützung durch die Stadt. Dann hat sich der Kulturverein Kraftwerk gegründet, der auch ein eigenes Lokal gehabt hat. Aus diesem heraus hat sich dann in weiterer Folge das Röda entwickelt.
Stefan: Der Kulturverein Kraftwerk hatte damals noch verschiedenen Lokale, in denen veranstaltet wurde, vor allem in verschiedenen Gasthäusern, später ist das Kulturhaus Röda als fixer Ort entstanden.
Thomas: 96 wurde mit der Arbeit daran begonnen, 97 eröffnet. Die Liegenschaft der alten Schnitzerei vom Helmut Röda, daher kommt auch der Name, wurde uns von der Stadt Steyr zur Verfügung gestellt, das Röda ist seitdem Mieter.
Das Röda war ursprünglich eine Werkstatt …
Stefan: … eine alpenländische Schnitzerei….
Thomas: Und es gibt noch immer eine Tischlerei, eine Schmiede, die Nähwerkstatt. Das Röda ist ein Kulturhaus mit Werkstätten, also mehr als nur das Veranstaltungshaus für Musik. Als Vereinsmitglied kann man alles benutzen, wenn man das regelmäßig macht, dann zahlt man noch eine Werkstättenbeitrag von zehn Euro im Monat.
Es gibt im Röda auch Proberäume – wie werden diese vergeben, was muss ich tun, wenn ich Bedarf habe?
Thomas: Ganz einfach: Bewerben. Es gibt keine Kriterien für Bands, nur anmelden. Und wenn ein Raum frei wird, bekommt man Zugang. Natürlich ist es so, dass immer sofort die nächste Band da ist, es gibt eine Warteliste, die auch den hohen Bedarf nach Proberäumen zeigt. Wir bieten derzeit drei Proberäume an, in denen je zwei Bands drinnen sind, kostet 40 Euro pro Monat und Band, das ist ein reiner Unkostenbeitrag.
Stefan: Das Hauptaugenmerk lag immer stark darauf, junge Bands rein zu kriegen.
Thomas: Die Bands aus den Proberäumen spielen bei uns auch oft als Supportacts, ich schaue auch, dass ich meine Kontakte nutze und den Bands anderswo Auftritte organisiere.
Gibt es aus dieser Szene Musiker, die bekannt wurden? Kann das Röda auch ein Sprungbrett sein?
Thomas: Phekt zum Beispiel hat im Röda angefangen, Teile von Nowhere Train haben früher bei uns geprobt. Catastrophe & Cure, die heuer den FM4 Amadeus gewonnen haben, haben ihre ersten Live-Erfahrungen im Röda gesammelt und sind hier immer sehr gern gesehene Gäste. Es ist schön, diese Entwicklungen beobachten zu können, und wir geben gerne die Möglichkeit, vor internationalen Bands zu spielen und Bühnenerfahrung zu sammeln. Leider hängt aber viel an einzelnen Menschen, wenn die weg gehen, dann bricht eine ganze Szene weg. Als Phekt, der im Röda viele Hiphop Konzerte veranstaltet und eine ganze Szene aufgebaut hat, weggezogen ist, ist die Szene zusammengebrochen.
Was sind, neben der erwähnten Nachwuchsförderung, die Aufgaben und Ziele des Röda?
Thomas: Das Röda ist ein selbstverwaltetes Haus für Junge und Junggebliebene und Platz für Alternativkultur. Die Aufgabe des Röda ist es, in einer Region ohne Alternativen für einen Raum zur Entfaltung kultureller Formen, dessen dauerhaften Betrieb und Entwicklung zu sorgen. Unser Ziel ist die Umsetzung eines vielfältigen Kulturangebotes zeitgenössischer Kunstformen mit den Schwerpunkten Musik und Literatur.
Stefan: Welche Schwerpunkte gesetzt werden, kommt immer auch darauf an, welche Phase gerade ist, welche Geschäftsführung und welche Zusammensetzung im Vorstand. Manchmal gibt es Phasen mit internen Schwerpunkten, Supervision, Coaching, Professionalisierung der Struktur und schauen, dass die Mitarbeiter alle zufrieden sind. Dann gibt es wieder Phasen, wo es eher um andere Dinge geht, Geld verdienen zum Beispiel. Das ist natürlich relativ, aber es soll immer möglich sein, die Leute ganzjährig anzustellen und nicht im Sommer abmelden zu müssen, was es auch schon einmal gab.
Gibt es starke Fluktuation in Team?
Thomas: Ja, es gibt eine große Fluktuation, auch im Vorstand, aber mit einer gutem Durchmischung aus Jung und Alt. Die Geschäftsführung wechselt meist alle zwei Jahre.
Stefan: Weil um das Geld kann das keiner länger machen.
Wie leicht findet ihr junge, aktive Leute in Steyr?
Thomas: Vor allem mein Vorgänger, Rabl Chris, hat diesbezüglich sehr gute Arbeit geleistet, er hat super Nachwuchsarbeit gemacht und geschaut, dass in den Vorstand jüngere Leute kommen, auch in die Abendgestaltung und andere Tätigkeiten wurden Junge eingebunden, Abenddienste, Vorverkäufer, generell jungen Leuten Kulturarbeit näher bringen. Und es gibt bemerkbares Engagement, junge Leute bleiben und tun was, aber ja, man kann sich auch mehr Engagement und Idealismus wünschen, das ist vielleicht in unserer Generation noch stärker ausgeprägt. Aber es muss so sein, dass junge Leute dazu kommen, anders kann es gar nicht gehen, alteingesessene Strukturen sind nie gut. Die jungen Leute können bei uns sehr schnell Verantwortung übernehmen, wenn Engagement dahinter ist.
Stefan: Das geht jetzt sogar viel besser, als noch vor einengen Jahren.
Ist die Arbeit bei euch ehrenamtlich oder bezahlt?
Thomas: Jeder, der offiziell Arbeit tätig, wird im Röda bezahlt. Natürlich musst du Idealismus mitbringen und es gibt immer genug zu tun, was man ehrenamtlich macht, aber vom Kassadienst über Ordner, Techniker oder Hausdienst bis zur Geschäftsführung,das ist alles bezahlt.
Und woher lukriert ihr das nötige Budget dafür?
Thomas: Unser Budget kommt aus Förderungen, also von Stadt, Land, Bund und von einem recht hohen Eingenfinanzierungsanteil von gut 60%. Aber so, wie der Betrieb jetzt läuft, das wäre ohne Förderungen auf gar keinen Fall möglich, nicht in dieser Form. Du kannst dann das Beisl machen und ein paar Lesungen, aber keine anderen Veranstaltungen. Weil wenn man die Leute bezahlt, dann sollte das fair sein.
Kennt ihr das Fair Pay Gehaltsschema der IG Kultur?
Thomas: Ja, das kenne ich, aber ich bin mir nicht ganz sicher, woher die Mittel dafür kommen sollen, das ist das Problem. Fair Pay ist extrem wichtig, aber es muss sich auch ausgehen. Würden wir weniger AKM zahlen, weniger hier und weniger dort, dann könnten wir auch mehr Gehälter zahlen natürlich, aber es ist einfach so, dass mit einem fixen Budget nicht mehr geht.
Subkultur hat sich immer auch hohe Solidarität ausgezeichnet, wie war das 2002 beim Hochwasser?
Stefan: Die Schäden damals waren veritabel, das ganze Haus war unter Wasser, das ist so schnell gekommen, dass wir nicht mehr viel retten konnte, also folgte dann quasi ein Neubeginn. Es war alles im Eimer. Die Solidarität war dann sehr groß, aber nicht nur für uns sondern ganz Steyr, da sind aus ganz Österreich Leute gekommen und haben geholfen. Für das Röda war da einerseits tragisch, andererseits hat auch niemand seinen Job verloren und die Chance wurde genutzt, um bauliche Fehler, die man anfangs gemacht hat, auszubessern, das Haus ein wenig gescheiter wieder aufgebaut. Es hat auch finanzielle Zuwendungen gegeben, von Plauen, der Partnerstadt von Steyr, viel Sponsoring, Solidaritätskonzerte, Hilfe von der Stadt. So tragisch das alles war, war es auch eine super Zeit, weil es sehr viel Unterstützung und Power gab. Wir hatten so ein uraltes, riesiges Mischpult, das komplett unter Wasser und Schlamm war, das hat ein Vermögen gekostet, aber das spielt noch immer. Hochdruckreiniger, zerlegen, putzen, es geht noch immer und steht bei uns FOH.
Wer ist für die Musik im Röda verantwortlich, gibt es bestimmte musikalische Schwerpunkte im Röda?
Thomas: Schwerpunkte gibt es eigentlich nicht, die Musik muss ein gewisses Niveau haben, also rassistische oder sexistische Sachen gehen gar n icht und ganz klar geht es um Alternativkultur, es sollte also nicht zu kommerziell sein. Aber da ist auch die Frage, wo fängt Kommerz an und wo hört er auf, wo beginnt Alternativkultur und wo endet sie? Im Grunde aber geht einfach um Alternativkultur. Ich als Geschäftsführer bin dabei für das Booking verantwortlich.
Wenn ich im Röda spielen will, was muss ich dann tun?
Thomas: Anrufen oder schreiben, ich nehme das sehr ernst und höre mir alles an, was ich bekomme und finde dann meistens auch einen Platz, nicht für alle, die anfragen, aber vor allem für lokale Bands. Für die ist das wichtig, dass sie spielen können und für das Haus ist es wichtig, dass wir diese Bands haben. Klar gehört auch Glück dazu, gebucht zu werden, aber wenn man engagiert ist und keine hohen Anforderungen hat, dann kann man auch als Support bei uns spielen, wir geben gerne der jungen Szene ein Platz, da ist ja ein Kulturauftrag von uns, den wir zu erfüllen haben und den wir auch erfüllen wollen. Auch etablierte österreichische Bands, die man als Headliner buchen kann, laden wir sehr gerne ein. Ich finde generell, das sich in den Letzten Jahren sehr viel getan hat, ich finde die österreichische Musikszene gerade sehr spannend. Der Support für österreichische Bands im Land ist immer noch recht zurückhaltend, aber unser Programm setzt sich zu 70% oder 80% aus österreichischen Bands zusammen. Bewusst auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite ist es für uns extrem schwierig, an internationale Acts zu kommen, weil alle im Posthof in Linz oder im Schlachthof Wels oder in Wien spielen. Du kommst da nicht ran, weil die Bands von gar nichts mehr wissen, sie können sich ihre Gigs gar nicht mehr aussuchen, weil alles über die Bookingagenturen rennt. Und dadurch, dass der Tonträgerverkauf so eingebrochen ist, sind das zweite Standbein die Gagen, die somit sind extrem gestiegen sind. Selbst bei österreichischen Acts, sobald die einen Hit auf FM4 haben, aber trotzdem nur 30 Leute zum Konzert kommen, verlangen die Gagen, die du nicht mehr zahlen kannst. Ich glaube das oft gar nicht, wenn mich eine Band fragt ob sie spielen kann, und ich dann frage was sie haben wollen, das ist oft arg. Wobei ich zahle gern gute Gagen, wenn ich weiß, das Leute kommen. Und manchmal zahlt man als Veranstalter auch bewusst drauf, weil man einen Act unbedingt haben will, weil es einfach wichtig ist.
Wie ist grundsätzlich eure Gagenpolitik?
Thomas: Wir zahlen generell Fixgagen, auch bei Vorbands. Wenn lokale Bands sich am Vorverkauf beteiligen wollen, dann kriegen sie dafür 10% Provisionen, das ist so quasi das Zuckerl dazu, aber Fixgagen gibt es immer.
Was bedeutet für das Röda, für euch Erfolg?
Thomas: Zufriedene Gäste, Mitarbeiter und Musiker und am Ende des Jahres kein Minus, einen gewissen Wohlfühlfaktor schaffen für alle und den Kulturauftrag erfüllen.
Letzte Frage: Hättet ihr einen Wunsch für das Röda frei …
Thomas: Ich wünschte mir, dass das Röda ein wenig mehr am Radar der Leute wäre und die Leute kämen, um sich das mal anzusehen, das gilt für Publikum, Bands und Agenturen.
Stefan: Ich wünsche mir, dass es finanziell mal so ausschaut, dass alle Mitarbeiter angemessen bezahlt werden können, das würde einiges leichter machen, nicht immer diese halbprekären Sachen.
Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch.
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