Vom 8. bis zum 15. November erlebt das vom Kulturverein Peña Flamenca Sin Fronteras Wien veranstaltete Flamenco Festival seine nunmehr sechste Auflage. Die sich stetig steigernden Besucherzahlen der vergangenen Male zeigen, dass der Flamenco auch hierzulande seinen Platz gefunden hat und auf große Gegenliebe stößt. Auch heuer darf sich das Publkum einigen wirklich spannenden Auffühungen entgegenblicken. Unter anderem in Wien zu Gast sein wird der Flötist Jorge Pardo, der jahrelang mit der Legende Paco De Lucia zusammengearbeitet und international daher den Ruf eines Stars geniest. Braño Krajčo und Sandra Krajčo-Riemer, die beiden Organisatoren des Flamenco Festivals, im Interview mit Michael Ternai.
Euer Festival findet in diesem Jahr inzwischen zum 6. Mal statt. Das lässt doch den Schluss zu, dass in der hiesigen Bevölkerung offensichtlich größeres Interesse am Flamenco besteht oder irre ich mich da?
Sandra Krajčo-Riemer: Nein, das stimmt auf jeden Fall. Als wir vor ein paar Jahren begonnen haben, Konzerte zu veranstalten, haben wir gesehen, dass diese eigentlich immer sehr, sehr gut besucht waren. Aus diesem Grund kam uns dann auch die Idee, ein Festival zu organisieren. Und siehe da, unser erster Eindruck hat uns nicht getäuscht. Auch das Festival zog ein doch großes Publikum an. Somit lässt sich daher schon von einem ersten Erfolg sprechen, wobei natürlich mehr Geld von Sponsoren natürlich immer schon auch wünschenswert gewesen wäre. Aber so ist das halt.
Und ist es ein durchmischtes Publikum?
Sandra Krajčo-Riemer: Eigentlich ja. Es sind Menschen aller Altersstufen dabei, wobei es natürlich davon abhängt, wo wir veranstalten. In manchen Locations haben wir inzwischen sogar schon ein Stammpublikum.
Und vermutlich ist euer Publikum auch eines der vielen Nationalitäten.
Sandra Krajčo-Riemer: Ja klar. Wobei jetzt klarerweise die Zahl von Menschen aus Spanien aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung doch gestiegen ist. Es kommen im Moment ja doch viele nach Wien.
Braño Krajčo: Was uns wirklich freut ist, dass wir vor allem auch das Wiener Publikum, sprich die Einheimischen, erreichen und dass auch sehr viele junge Leute Interesse am Flamenco zeigen.
Sandra Krajčo-Riemer: Ein Ziel von uns ist ja auch, den Leuten verständlich zu machen, worum es im Flamenco tatsächlich geht. Aus diesem Grund bieten wir im Rahmen des Festivals auch immer Vorträge und Workshops an.
So ein Festival auf die Beine zu stellen, ist ja kein leichtes Unterfangen. Wer hat euch dabei unterstützt?
Sandra Krajčo-Riemer: Entscheidend war, dass wir die spanische Botschaft für eine Zusammenarbeit gewinnen konnten. Die hat uns ja schon davor einige Zeit beobachtet. Und sie hat auch erkannt, dass ein Festival Sinn macht und auch funktionieren kann. Das war schon eine enorme Hilfe, weil sie quasi für uns die Türen zu anderen Institutionen öffnete. Wie etwa zum Instituto Cervantes, das uns Säle für Filmvorführungen zur Verfügung gestellt hat. Ohne die Hilfe der spanischen Botschaft wäre dies sicher nicht so leicht gewesen.
Braño Krajčo: Die Beteiligung der spanischen Botschaft führte natürlich dazu, dass uns auch von anderen Seiten geholfen wurde. So unterstützen uns zum Beispiel einige Hotels, deren Besitzer auch aus Spanien stammen. Die stellten uns Unterkunftsmöglichkeiten für unsere Gäste zu etwas günstigeren Konditionen zur Verfügung. Alles in allem ginge sich unser Festival in der jetzigen Form anders vermutlich nur schwer aus.
Sandra Krajčo-Riemer: Ein Umstand, der uns in einer bestimmten Form auch zu Gute gekommen ist, zumindest bis jetzt, war, dass den Leuten hier in Wien bis auf Paco De Lucia und Tomatito (José Fernández Torres) nur wenige andere Gitarristen ein Begriff sind. Aus diesem Grund war es für uns nicht notwendig, die wirklich großen und teuren Weltstars zu holen, wobei wir langsam aber doch versuchen, auch solche einmal zum Festival einzuladen.
Wie sieht es eigentlich mit MusikerInnen aus Österreich aus? Gibt es da welche, die Flamenco spielen.
Sandra Krajčo-Riemer: Ja, schon, es gibt auf jeden Fall ein paar wenige Künstler, die wirklich alle Qualitäten mitbringen. Diese präsentieren wir ja auch im Rahmen unseres Festivals. Wir wollen auch bewusst KünstlerInnen eine Bühne bieten, die nicht aus Spanien stammen. Uns ist es eigentlich egal, woher jemand kommt, unser einziges Kriterium ist, das die Qualität passen muss.
Wie sieht es auf den Universitäten aus? Könnte man nicht auch dort Leute dazu bewegen, sich mit dem Flamenco auseinanderzusetzen?
Braño Krajčo: Im Grunde genommen schon. Nur bedarf es da der richtigen Konzepte und der geeigneten Lehrpläne. Vielleicht kann man auch etwas von den Unis in Barcelona und Cordoba lernen. Zunächst muss man aber den Leuten einmal erklären, was Flamenco überhaupt bedeutet, man muss ihnen sagen, dass er, insbesondere beim Gitarrenspiel, zu den schwierigsten musikalischen Systemen zählt. Auch ist es notwendig, zu zeigen, dass man vom Flamenco sehr wohl auch Brücken zu anderen Spielformen, wie etwa zum Jazz, schlagen kann. Was wir ja auch im Rahmen unseres Festivals nun versuchen. Über diesen Weg gelingt es uns vielleicht, auch neue Zuschauergruppen anzusprechen.
Solch ein Input von außen kann doch sehr hilfreich sein. Blickt man auf andere Szenen, wie etwa auf die Balkan- oder Wienerliedszene, sieht man, dass viele junge Musiker Zugang zu diesen gefunden und damit die Musik auch populär gemacht haben. Das könnte ja in der Richtung Flamenco auch passieren.
Braño Krajčo: Ich kann mich noch genau an die 90er Jahre erinnern. Da war wirklich viel los. Es gab eine Art Hype um den Flamenco. Fast jede Woche fanden irgendwelche Flamenco-Veranstaltungen oder kleine Festivals statt. Wir haben sehr viel gespielt. Das war unglaublich. Dann setzte irgendwann ein Salsa-Boom ein, dann plötzlich spielten alle Balkan-Musik usw. Wir haben mit dem Flamenco hier eben wieder klein anfangen müssen. Aber es ist uns doch gelungen, wieder ein treues Stammpublikum zu gewinnen, das nun unsere Veranstaltungen und unser Festival besucht. Um dieses auf lange Sicht nicht zu verlieren, muss, wie schon vorher erwähnt, die Qualität stimmen.
Sandra Krajčo-Riemer: Die Leute vertrauen darauf, dass wir ihnen jedes Jahr wirklich etwas Gutes präsentieren.
Wie viel Publikum habt ihr ungefähr?
Sandra Krajčo-Riemer: Es kommt immer so drauf an, in welchen Saal wir etwas veranstalten. Wir haben ja keine fixe Spielstätte. Wir waren einmal im Metropol und dort hatten wir an den 3 Tagen zusammen 1000 Leute. Das war 2008. Danach sind wir ins etwas kleinere Theater Akzent gewandert, und auch dort waren wir ausverkauft. Generell veranstalten wir sehr gerne in kleinen Sälen, da es in diesen intimer zugeht. Als Besucher sitzt man sehr nahe am Geschehen, was den Flamenco ja auch interessant macht. Heuer sind wir im Radiokulturhaus.
Von der musikalischen Gewichtung her. Ist es für euch wichtig, auch etwas abseits des Klassischen zu bringen.
Sandra Krajčo-Riemer: Ja, musikalisch auf jeden Fall. Heuer bringen wir ja auch viel Jazz und Weltmusik. Im Tanz dagegen bin ich eher gegen das Moderne, das jetzt im Flamenco aufgekommen ist. Dieser Ansatz ist nicht so unsere Linie. Man kann das in etwa mit dem Gegensatz Ballett und Modern Dance, wo sich Leute plötzlich am Boden schmeißen, vergleichen.
Braño Krajčo: Mit der Musik ist es natürlich leichter, der Flamenco hat ja sowieso eine lateinamerikanische Geschichte, eine aus Brasilien, Kuba und Kolumbien…
Sandra Krajčo-Riemer: Die vielen Einflüsse, die sich im Flamenco finden, sind ja arabische, jüdische oder von den Roma. Aus diesem Grund kann man da schon viel machen.
Wie ist es für einen Musiker aus Spanien, wenn er nach Österreich kommt. Kennt er die hiesige Szene und interessiert er sich dafür oder spielt er einfach nur sein Programm runter? Und wie trefft ihr eure Auswahl?
Sandra Krajčo-Riemer: Wir haben jahrelang in Spanien gelebt, da haben wir in dieser Zeit auch viele Künstler kennengelernt, vermutlich so viele, dass wir unser Festival-Programm für Jahre gestalten könnten. Wichtig ist uns aber, dass wir die Leute, die wir einladen möchten, schon vorher kennenlernen. Es muss schon das Gefühl da sein, dass es funktioniert. Es ist uns auch schon passiert, dass wir Leute geholt haben, mit denen wir nicht wirklich konnten. Es macht klarerweise wenig Sinn, wenn sich jemand wie eine Diva gibt. Das führt nur zu Komplikationen.
Braño Krajčo: Es ist nicht immer leicht, mit Spaniern zusammenzuarbeiten.
Sandra Krajčo-Riemer: Ja, manchmal ist es wirklich schwer.
Braño Krajčo: Es ist aber schon so, dass ihnen sehr wohl bewusst ist, dass sie in einer bedeutenden Musikstadt spielen und dass es für ihr Renomee nicht ganz unbedeutend ist, hier einen Auftritt zu haben. Wer kann schon erzählen, dass er einmal im Wiener Musikverein gespielt hat. Und natürlich ist es auch für sie schön zu sehen, dass es hier in Wien doch auch Interesse für den Flamenco gibt.
Sandra Krajčo-Riemer: Inzwischen schreiben uns sogar schon spanische Künstler an, die hier auftreten wollen. Und viele von ihnen würden wir auch gerne herholen, nur können wir sie uns nicht wirklich leisten. Aber es spricht sich international herum, dass hier etwas entstanden ist. Und das freut uns natürlich.
Wie lang braucht ihr eigentlich für das Aufstellen dieses Festivals? Von der ersten Planung bis hin Realisierung?
Sandra Krajčo-Riemer: Eigentlich beginnen wir mit der Planung des nächsten Festivals sofort nach dem Ende des aktuellen. Wir müssen ja schon die Säle organisieren, um überhaupt eine Vorstellung davon zu bekommen, was wir realisieren können und was nicht.
Was sind die Höhepunkte, was kann sich das Publikum erwarten?
Braño Krajčo: Auf jeden Fall viel Spannendes. Etwa das Konzert von mir und den beiden Gitarristen Luis Gallo und Jannis Raptis. Jannis Raptis ist ein Grieche, der Flamenco spielt, aber seine sehr eigene Note hat. Diese wird natürlich auch spürbar werden. Spielen werden wir Eigenkompositionen, was wir im Programm unseres Festivals eigentlich noch nie hatten.
Dann spielt auch noch der Flötist Jorge Pardo, der jahrelang mit der Legende Paco De Lucia zusammengearbeitet und mit ihm auch gemeinsam Musik geschrieben hat und zudem von der französischen Jazz Akademie zum besten europäischen Musiker gewählt wurde. Spielen wird er im Trio mit Jose Bandolero, einem der im Moment begehrtesten Percussionisten der Flamenco- und Jazz-Szene Spaniens, und Josemi Carmona, der einer der bekanntesten Dynastien von Flamencogitarristen, den Habichuela, angehört. Dieses Konzert, das am 14. November im Radiokulturhaus stattfinden wird, ist eines jener, die speziell für ein Jazzpublikum gedacht sind. Darüber hinaus gibt es natürlich noch viel, viel mehr.
Sandra Krajčo-Riemer: Unser Festival bietet einfach auch die Möglichkeit, solche Musiker zu erleben, die es nicht jeden Tag hier zu sehen gibt. Und das in einer wirklich großartigen Atmosphäre.
Ein kleiner Tipp: Karten für das Jorge Pardo Trio gibt es online statt 38€ um 34€.
http://www.flamenco-festival.com/