mica-Interview mit Peter Nachtnebel (fluc)

Das fluc in Wien verstand sich schon immer schon als ein aus musikalischer Sicht sehr offener Ort, was auch die erst vor wenigen Monaten gestarteten und inzwischen sehr beliebten Konzertreihen HYPE! mit LIVE und WHERE HAS JAZZ GONE? belegen. Peter Nachtnebel, der Initiator unter anderem auch dieser beiden Programmschienen, im Interview. Die Fragen stellte Michael Ternai.

Du hast ja im letzten Jahr zwei sehr interessante Konzertreihen im Fluc angesiedelt. Zum einen die HYPE! mit LIVE-Reihe, die vor allem jungen Bands und MusikerInnen aus den verschiedensten Genres offensteht, und zum anderen die WHERE HAS JAZZ GONE?-Reihe, die wie der Name bereits verrät, den Fokus auf den Jazz legt. Was hat dich dazu bewogen, diese beiden Programmschienen im Fluc ins Leben zu rufen?
Der Hintergedanke war ein relativ einfacher: Das fluc hat als pluralistisch angelegtes Projekt von Beginn an viele unterschiedliche Genres unter seinem Dach versammelt. Mir war das Durcheinander der Stile irgendwann mal zu groß, weshalb ich etwas Übersichtlichkeit – sowohl nach innen wie auch nach außen –  schaffen wollte. Der Wiener Konzert-Overkill der letzten Jahre hat dazu geführt, dass man – wenn man zum Beispiel die Programmseiten des  „Falter“ aufschlägt –  mit einer Lawine an nationalen wie internationalen Namen konfrontiert wird. Manches kennt man, vieles ist aber auch hartgesottenen KonzertgeherInnen unbekannt. Ein Übertitel, ein Label kann somit in der grundsätzlich fortgeh- und entdeckungsfreudigen Wiener Szene Orientierung schaffen. Das fluc hatte immer ein offenes Ohr für die seit 7-8 Jahren wieder stark umtriebige lokale „Indie/Alternative“-Szene. Seit Gitarren-Musik verstärkt en vogue ist, melden sich monatlich Dutzende Bands aus diesem Eck. Das gleiche betrifft abstraktere Klänge. Neben der seit bald 5 Jahren monatlich agierenden Plattform Klub Moozak (www.moozak.org), die hochkompetent diverse Spielweisen der elektronischen Avantgarde und Sound Culture im fluc programmiert, musste zusätzlicher, regelmäßiger Raum für die hierzulande brodelnde Free- und Impro-Szene geschaffen werden, der wir uns immer verbunden gefühlt haben.

Besonders das Konzept der HYPE! mit LIVE-Reihe liest sich interessant. Kannst du ein wenig über dieses erzählen. Und was hat es mit der nun startenden Hörstunde auf sich?
HYPE! tritt mit einem augenzwinkernden Imperativ an. Die Bedeutung des Wortes hat sich ja in den letzten zwanzig Jahren weg vom Schmähwort hin zu einem positiv konnotierten Begriff entwickelt. Wenn wer was hype-t oder etwas ge-hype-t wird, scheint das gute Gründe zu haben. Im losen Verband mit den Medienpartnern FM4 und The Gap hypen wir also seit Jänner 2012 wöchentlich Bands, von denen wir denken, dass sie eine größere Aufmerksamkeit verdient haben. Diese kommen zu gut zwei Drittel aus dem “Indie/Alternative”-Milieu. Das letzte Drittel besteht aus österreichischem HipHop und seltener gibt es  auch IDM- oder Electronica-Pop zu hören.

Manche dieser Bands haben schon Tonträger und agieren sehr professionell, obwohl sie erst eine Handvoll Auftritte absolviert haben, andere wieder bekommen von unseren wohlmeinenden Tontechnikern erstmalig das ABC des Bühnen-Aufbaus und Soundcheckens erklärt, was für weitere Auftritte eine gute Schule ist. Nicht wenige Bands sind uns dankbar für die technische Betreuung, die anderswo oft weniger geduldig zu sein scheint.

Bei HYPE! gibt es aber nicht nur Live-Bands zu sehen. Zusätzlich zu den Gruppen legen nach den Konzerten Newcomer-DJs oder jüngere lokale Produzenten auf, die ihre Homestudio-Tracks über eine Club-Anlage ausprobieren wollen. Da gab es schon manch unerwartete Überschneidungen zwischen Indie- und Techno-lastigerem Publikum.

Mit der “Hörstunde” kommt ab März ein weiterer  HYPE!-Programmpunkt hinzu: Mittlerweile erscheinen wöchentlich hörenswerte Releases aus Österreich, die nach einem kurzen medialen Aufflackern – wenn überhaupt –  sofort wieder von der Bildfläche verschwinden. Die mediale Infrastruktur von Österreich ist bekannt schwach und die Kultur-Ressorts der Qualitäts-Blätter haben zu wenig Platz, Interesse und Budget, sich ausgiebiger mit den musikalischen Randzonen dieses Landes zu beschäftigen. Eine Besprechung der  fünfundzwanzigsten Nick Cave-Platte scheint oft naheliegender zu sein.

In der “Hörstunde” sollen aktuelle Platten wie die neue Monobrother oder die geniale Sweet William van Ghost, aber auch Klassiker der Gegenwart, etwa “Rettet die Wale” von Gustav, vor den Live-Konzerten bewusst ganz durchgespielt werden. Vielleicht hilft das, erneut den Fokus auf ein Release zu lenken und auch den Album-Charakter mancher Platten besser wahrzunehmen. Nicht selten hört man sich nur ein paar mp3s im Netz an.  Mir kommt das dann oft so vor, als würde man sich bei einer Ausstellung nur drei Achtel eines Bildes anschauen. Der Gesamtzusammenhang fehlt.

Du outest dich ja in der Programmierung von WHERE HAS JAZZ GONE? ja auch als fundierter Kenner der Jazzszene.

Ein “fundierter Kenner” bin ich nicht. Dafür war mir diese Szene immer zu nah an den Produktions-  und Rezeptionsmustern bürgerlicher Hochkultur dran. Allerdings bin ich in meiner Musiksozialisation sehr früh mit den freien, anarchischen Spielweisen von “Jazz” in Berührung gekommen. Mit 14 oder 15  ist mir per Zufall eine CD von Don Cherry´s “Mu” in die Hände gerutscht. Diese Klänge waren im Vergleich zum (retrospektivisch gesehen von mir später wieder für gut befundenen) Kommerz-Pop der 1980er Jahre mindestens drei Galaxien woanders und definieren bis heute meine Wahrnehmung von Free Jazz und Improvisations-Musik. Über Hendrix, Sonic Youth, und Christian Fennesz´ unglaublich guter Band Maische, war es dann ein kleiner Sprung vom Caspar Brötzmann Massaker zu seinem Vater Peter Brötzmann und dem Rest. Das Wien der frühen 1990er Jahre war auch eine gute Zeit, um Acts aus dem Bereich “Punk-Jazz” zu sehen. Heute nicht mehr vorstellbar, damals normal: Fred Frith im WUK, Peter Brötzmann in der Arena, Eliott Sharp oder Blurt  im B.A.C.H. Bis heute erlebe ich die spannendsten und ekstatischsten Momente in dieser Musik, weshalb es nahe lag, eine Reihe im fluc zu initiieren.

Sowohl bei der HYPE! mit LIVE-, wie auch bei der WHERE HAS JAZZ GONE?-Reihe gibt es musikalisch viel Neues zu entdecken. Inwieweit sollen die Leute mit etwas Neuem konfrontiert werden?
Das mit dem Neuen ist so eine Sache. Pop untersteht einem permanenten Innovations-Druck. Dieser kommt heutzutage nicht unmittelbar aus der Gesellschaft (oder deren Rändern), sondern mehr von den Kreativ-Büros in Berlin oder London. Deren Version von “neu” ist bekanntermaßen ein Retro-Mashup. Leider muss man sagen, hat die letzte Dekade am alternativen Gitarren-Sektor (!) außer ein paar bemüht-verkrampft um Individualität ringende Bands aus den Hipster-Grätzeln von Brooklyn oder Los Angeles wenig Aufregendes hervorgebracht. Das spiegelt sich dann bei uns wider, und so eben auch bei HYPE!, wo Bands deswegen allzu gerne in die jüngere, vom Geschmackskanon gut abgesicherte Vergangenheit flüchten, anstatt an einem sound of now zu arbeiten. Nach gefühlten 15 Jahren 80er-Jahre-Retro sind nun schon seit einiger Zeit die 90er en vogue. Das ist nicht unbedingt eine Horizont-Erweiterung! Entwicklungen im Indie/Alternative-Sektor höre ich maximal im klang-ästhetischen Bereich, der noch sauberer und polierter klingt als eh schon die Jahre zuvor. Es wäre schön, wenn viele der hiesigen Bands nicht mit der Schere im Kopf im Probe-Raum stehen würden, im Sinne von: “Das können wir nicht machen. Das werden die im Radio niemals bringen”.

Im Vergleich dazu funktioniert WHERE HAS JAZZ GONE? anders. Diese Musik hat im  experimentellen Bereich um spätestens 1970 ihren Zenit erreicht, für manche gilt sie als historisch abgeschlossen oder gar tot. Der Innovations-Druck scheint bei einer Musik, die schon vor Dekaden ihre maximalen Grenzen ausgelotet hat, weniger groß. Insofern finden sich auch bei WHERE HAS JAZZ GONE? einige retrogardistische Ansätze. Entscheidend ist für mich auch weniger das Neue daran, sondern der individuelle Ausdruck und Sound. Ich könnte jemanden wie Didi Kern, der in allen Stilen und Dekaden zu Hause zu sein scheint, stundenlang beim Spielen zuhören.

Besonders erfreulich ist, dass in beiden Reihen zu einem großen Teil heimische Acts zu Zuge kommen. Inwieweit sind diese Veranstaltungen dahingehend gedacht, dem heimischen (jüngeren) Publikum, erstklassige österreichische Musikkost näher zu bringen?
Ja, dieser Gedanke steht eindeutig dahinter und ich glaube auch, dass das fluc mit seiner Low-Budget-Eintrittspolitik einer der besten Orte Wiens für solche Veranstaltungsreihen ist. Vor allem bei WHERE HAS JAZZ GONE? kann man tolle Acts zu einem Preis sehen, für die man in den etablierten Jazz-Salons dieser Stadt mindestens das Dreifache zahlen muss.

Hast du das Gefühl, dass das Interesse an Musik aus Österreich aktuell im Wachsen begriffen ist? Wenn du einen Vergleich zur Situation vor einigen Jahren ziehen müsstest, merkst du einen Wandel?
Ich sehe eindeutig einen Wandel hin zum Positiven. Nicht nur in Bezug auf die Vielfalt der heimischen Musiklandschaft, sondern auch was die Qualität und Internationalität der Produktionen betrifft. Es ist eine gute Entwicklung, dass regionale Bands heutzutage als gleichwertig zu Bands aus dem anglo-amerikanischen oder skandinavischen Raum rezipiert werden. Schon öfter kam es vor, dass angesagtere internationale Acts wegen der Platten-Präsentation einer beliebten lokalen Band unter Publikums-Schwund zu leiden hatten. Sowas hat es um 1990 im Alternative-Bereich eher nicht gegeben. Da waren die Hierarchien meist noch recht klar: Vor der coolen, bewunderten, amerikanischen Hauptband hat die peinliche und schlechte in Schul-Englisch singende Support-Band gespielt. Da musste man durch. Ab den mittleren 1990er Jahren hat sich das dann zu ändern begonnen. Die mediale Situation war eine komplett neue und die Distanz zwischen popkulturellen Zentren und Peripherien hat sich zu verringern begonnen und scheint heutzutage nahezu aufgehoben zu sein.

Wie sehr Musik aus Österreich in einem ökonomischen Sinne im Wachsen begriffen ist, kann ich ohne belegende Daten schwer sagen. Die Bands verkaufen ihre Tonträger eher auf Konzerten als in Plattenläden. Vieles gibt es gratis im Netz. Es herrscht der Glaube vor: Besser man verschenkt die Musik als man bekommt gar keine Aufmerksamkeit. Viele Bands halten ihre Auflagen bewußt klein und suggerieren mit oft liebevoll gestalteten Vinyl-Editionen eine besondere musikalische Aura.

FM4  promotet teilweise sehr geschickt jene heimischen Bands, von denen sie sich eine steigende Hörerbindung erhoffen. Bei einer täglichen Reichweite von 5,2%  hilft das allerdings nur einer überschaubaren Anzahl an MusikerInnen.

Wie sieht es mit den Besucherzahlen von HYPE! mit LIVE und WHERE HAS JAZZ GONE? aus. Lässt sich jetzt schon ein Erfolg festmachen? Zeigen sich die Leute interessiert.  Planst du in der Zukunft noch weitere Veranstaltungen wie diese beiden?
Mich hat sehr gefreut, dass beide Reihen in ihrer Unterschiedlichkeit von Anfang an gut aufgenommen wurden. Vor allem HYPE! hat sich rasch rumgesprochen. Die Besucherzahlen liegen je nach Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad der Acts zwischen 60-180 Leuten, zuletzt waren es auch mehr. Da ich zusätzlich zu den beiden Reihen bei mehreren fluc-Abenden die Finger kuratorisch im Spiel habe, gibt es eigentlich eh einiges zu tun. Dennoch würde es mich reizen, eine Reihe zu starten, die außerhalb der üblichen westlichen Wahrnehmungsmuster liegt. Das aber ohne “Ethno-” oder “World”-Hautgout. Ich höre zur Zeit viel Musik aus Afrika und anderen Kontinenten. Dort passieren für mich gerade die wirklich spannenden Sachen.

 

HYPE! mit LIVE Märztermine

05.03. Pi Mal Daumen (HipHop/Bgld), DJ Langos
Hörstunde: Monobrother: “Unguru” (2013)

12.03. Bionic Babies (Indie-Rock/A), DJ Mister Bellini,
Hörstunde: Sex Jams: “Trouble, Honey” (2013)

19.03. Lasko und Friends of Uranus (beide deutschsprachiger Songwriter-Pop), DJ Jan Chen,
Hörstunde: Neigungsgruppe Sex, Gewalt & Gute Laune: “Loss mas bleiben” (2012)

26.03. AIKO AIKO (Electro-Pop/A), idklang (IDM/A)
Hörstunde: Gustav: “Rettet die Wale” (2004)


WHERE HAS JAZZ GONE?

06.03. Part 5
Quehenberger & Kern (Impro-Free-Rock/A), Albatre (Jazzcore/Rotterdam), FS Massaker (Michael Masen/Werner Thenmayer)

08.04. Part 6
Mulabanda (Free-Jazz-Trio/Brüssel)

17.04. Part 7
Arktis/Air (Free/Impro/Jazzcore) – Philipp Harnisch (reeds), Robert Pockfuß (guit), Markus Steinkellner (guit), Bernhard Höchtel (synth), Bernhard Geigl (synth), Niklaus Dolp (drums)
DJ David von Hennersdorf

29.04. Part 8
Rara Avis feat. Ken Vandermark (Free/Impro/Noise/IT/USA)

15.05. Part 9
Alessandro Vicard (Bass), Markus Krispel (Sax), Andi Menrath (Drums), Eric Arn (Guit)

19.06. Part 10
Max Nagl, Clemens Wenger, Herbert Pirker