mica-Interview mit Peter Leisch und Marie-Therese Rudolph (Festival 4020)

Seit 2001 gibt es in Linz „mehr als Musik“ – das Festival 4020. Entlang eines je spezifischen Themas wird biennal Neue Musik verhandelt. Herausragend und spannend ist dabei vor allem der Perspektivenwechsel – Eurozentrismus wird ersetzt durch Reflexion über Neue Musik in anderen Kulturkreisen, vorrangig dem orientalischen Raum. Persische Musiker interpretieren europäische Kompositionen vice versa, im Rahmen von Residencies werden Kontakte befördert und Perspektiven erweitert. Für das Publikum ist all dies 2013 vom 24. – 27. April bei freiem Eintritt unter dem Motto „spiegel.persien“ zu erhören und erleben. Mit den Verantwortlichen, Dr. Peter Leisch und Mag. Marie-Therese Rudolph, sprach Stefan Parnreiter-Mathys.

Wie entstand das Festival 4020, was sind Ihre Rollen dabei?

Marie-Therese Rudolph: Ich betreue das Festival 4020 schon seit 2003 organisatorisch und durfte somit auch dessen Entwicklung miterleben, von der anfänglichen organisatorischen Anbindung ans Magistrat, dem Kulturamt, ins Brucknerhaus, von einem kleinen, feinen zu einem mittlerweile etablierten und beim Publikum große Resonanz findenden Festival.

Peter Leisch: Das Festival gibt es seit 2001, damals lag es in der grundsätzlichen politischen Entscheidung begründet, dass meine Abteilung ihre bislang ganzjährige Veranstaltungstätigkeit komplett einstellen sollte, da diesen Bedarf bereits andere bestehende Linzer Kultureinrichtungen abdeckten. Wir sollten uns auf die Aufgaben Förderung und Vermittlung fokussieren. Ursprünglich von Linz Kultur, damals noch Kulturamt, eigenverantwortlich veranstaltet, entstand 4020 seit 2004 in Kooperation mit dem Brucknerhaus, seit 2006 ist das Brucknerhaus Veranstalter im Zusammenwirken mit Linz Kultur. Meine Rolle dabei ist die des künstlerischen Leiters, das heißt, ich bin für das Programm und die Künstlerkontakte verantwortlich.
Wir sollten ein neues Format schaffen, das sich primär auf zeitgenössische Musik konzentriert. Ich habe damals Renald Deppe kennen gelernt und eingeladen, mit mir gemeinsam das Programm auszuarbeiten, was wir dann bis 2003 gemacht haben. Seit damals gibt es das Festival: anfangs jährlich, seit 2004 biennal. 2009, zum Kulturhauptstadtjahr, hat es auf eine Initiative von Peter Androsch hin außerhalb der Reihe zweimal stattgefunden. Das war ein bewusst gesetzter Impuls, es als ein kleines, feines, auf zeitgenössische Musik und benachbarte künstlerische Sparten konzentrierteres Festival besser im Linzer Kulturleben zu verankern.
Damals kam auch der freie Eintritt als eine Initiative, die von der Marketingabteilung des Brucknerhauses ausgegangen ist, ich hatte davor schon jahrelang darum gekämpft, das Festival bei freiem Eintritt zu gestalten. Warum? Um einen niederschwelligen Zugang zu schaffen, was sich dann ganz wunderbar erfüllt hat. Auch das Pflasterspektakel und das Linzfest, andere Veranstaltungen von Linz Kultur, finden ja bei freiem Eintritt statt.

Marie-ThereseRudolph: Die Klangwolke natürlich auch.

Peter Leisch: So war es, auch im Zusammenhang mit dem Linzer Kulturentwicklungsplan, ein völlig logischer und konsequenter Schritt, auch dieses Festival bei freiem Eintritt zugänglich zu machen.

Wie kam es zur inhaltlichen Fokussierung auf Neue Musik?

Peter Leisch: Zeitgenössische Musik war im wesentlichen mein eigener Impuls und Schwerpunkt. Zuvor gab es in Linz schon eine von mir konzipierte Reihe, „Anklänge“, die auf zeitgenössische Musik fokussiert war. Es geht aber beim Festival 4020 nicht nur um zeitgenössische Musik. Am Anfang und im Zentrum steht immer ein Thema, das den Bauplan des Festivals vorgibt. Entlang dieses Themas entwickeln wir dann inhaltliche Akzente, natürlich mit Fokus auf zeitgenössische Musik und immer neugierigem Blick auf benachbarte Sparten.

Wie kommt es zur so intensiven Beschäftigung mit dem orientalischen Raum?

Peter Leisch: Der orientalische Raum ist eine relativ rezente Entwicklung. Ich persönlich habe aber schon seit meiner Jugend sehr großes Interesse daran. Zeitgenössische Musik ist natürlich ein sehr weit gefasster Begriff, wobei sich dabei immer auch die Frage nach unserem Verhältnis zu außereuropäischen Musikkulturen stellt. Wie weit können Andere an der Moderne, am aktuellen Geschehen partizipieren? Die zeitgenössische europäische Moderne war immer von einem sehr eklektischen Zugriff auf andere Musikkulturen geprägt. Die spannende Frage ist nun, wie es umgekehrt aussieht. Können sich die [Perser, Anm.] mit dem gleichen guten Recht eigentlich nicht ebenso eklektisch und auf Augenhöhe aus dem Fundus der abendländischen Musikgeschichte bedienen? Das ist eine sehr spannende Fragestellung, die mich in den letzten Jahren begleitet hat und wo man ganz eigene Antworten aus außereuropäischen Kulturen finden kann, wenn man auch danach sucht.

Welche Antworten finden Sie dazu im Rahmen der Residencies, wie entwickeln sich diese?

Peter Leisch:
Wir haben gerade drei Composers in Residence hier, zwei Komponistinnen und einen Komponisten. Im Bereich der Proben ist es ein zentrales Ziel, dass zwischen den Musikern ein Austausch stattfindet. Ein dialogischer Prozess zwischen Musikern und Komponisten wurde schon vorher eröffnet, im Zuge der Auftragskompositionen, die wir vergeben haben. Wir haben auch eine experimentelle oberösterreichische Autorin, Angela Flam, mit eingebunden, deren Texte vertont werden, ein äußerst spannender Prozess zwischen Komponistin und Autorin!

Marie-Therese Rudolph: Neben den Auftragskompositionen wird es übrigens heuer auch einige Uraufführungen geben, die zwar nicht von uns beauftragt wurden, sich aber einfach ergeben haben.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit persischen Gästen, was sind die Herausforderungen?

Marie-Therese Rudolph: Bisher haben wir hauptsächlich per Mail kommuniziert, nur mit den drei Komponisten die schon hier sind, haben wir bereits Zeit verbracht und gearbeitet. Die Kommunikation mit dem Iran ist ausschließlich schriftlich und großteils auf Englisch, obwohl manche auch Deutsch können, dabei sind schon ein paar Verständnisschwierigkeiten impliziert. Erschwerend kommt dazu, dass es sehr oft auch Probleme mit dem Internet gibt, dass kein Zugang besteht, die Mail Accounts nicht funktionieren, so ist oft tage-, ja wochenlang Sendepause. Sehr überrascht hat mich, dass Facebook besser funktioniert als diverse Mailanbieter. Dieser Staat überwacht und schikaniert seine Bewohnerinnen und Bewohner, das Internet spielt dabei eine große Rolle. Und die Mentalität ist etwas anders: Österreicher wollen oft ein halbes Jahr vorher alles schon ganz genau wissen, wo sind wir untergebracht, von wann bis wann ist was zu tun. Bei den iranischen Musikern gibt es viel mehr Gelassenheit. Ich habe mir abgewöhnt, mich aufzuregen, bin sehr entspannt und sicher wird alles gut. Für Administratives kooperieren wir sehr eng mit dem Österreichischen Kulturforum in Teheran, dorthin haben wir mit Diplomatenpost auch die Verträge geschickt, die wurden dort unterschieben und wieder retourniert.

Peter Leisch: Das war ein ziemlich langer Prozess, ich war deswegen auch vergangenes Jahr sowie heuer vor Ort. Ich muss sagen, dass das Kulturform ganz tolle Arbeit macht, es ist das letzte Kulturforum westlicher Staaten, das wirklich noch geöffnet ist. Es gibt einen musikalischen Schwerpunkt, ein eigenes Austro-Iranian Ensemble [AISO Streicherensemble, Anm.]. Da ist ein hochmotivierter Musikerpool, mit dem es auch eine eigene Musikschiene gibt, die zeitgenössische Impulse setzt. Besonders erwähnenswert ist, dass das ÖKF Workshops und Masterkurse für junge Musiker anbietet, da waren unter anderem Pia Palme oder Johanna Doderer in Teheran und haben mit Leuten vor Ort mit großem Engagement zusammengearbeitet. Frau Doderer hat sich dann auch um ein konzertantes Forum in Wien gekümmert, wo iranische KomponistInnen gastierten.

Marie-Therese Rudolph: Auch bei der Pressekonferenz haben die Composers in Residence erwähnt, dass diese Workshops am Kulturinstitut für sie sehr sehr wichtig sind, weil da aus der europäischen Tradition kommende Komponisten und Komponistinnen hinkommen und unterrichten, weil ansonsten einfach sehr wenig Zugang zu der Materie besteht. Youtube ist für iranische Musiker extrem bereichernd, weil dadurch erst Zugang zu jeder Art von Musik ermöglicht wurde. Es gibt im Iran auch nur ganz wenige zeitgenössische Partituren. Vice versa zu den Workshops im ÖKF in Teheran bieten wir in Kooperation mit der Bruckneruni Workshops an, die von den iranischen Musikern geleitet werden, sowohl für die Studenten als auch für alle anderen Interessierten. Es werden die Geschichten ihrer traditionellen Instrumente erzählt, die unterschiedlichen Spielweisen und Technikern vermittelt.

mica – music austria bietet online ja Partituren an.

Peter Leisch: Das wäre ganz toll, dadurch hätten Musiker wie jene aus dem Iran leicht und auch kostenlos Zugang zu den Noten des mica. Im konkreten Fall ist das ÖKF ganz sicher ein fantastischer Partner, dort gibt es ja Strukturen, Aktivitäten und einen großen Hunger, alles was an Angeboten kommt, wird aufgesaugt.

Will ich als Komponist oder Musiker in den Iran, was sind die ersten Schritte?

Peter Leisch: Es gibt immer die Möglichkeit, beim ÖKF sein Interesse zu bekunden. Es werden auch Literaten, bildende Künstler und so weiter eingeladen. Der erste Weg ist immer sich direkt vorzustellen, man ist dort sicher sehr willkommen.

Und wenn ich beim Festival 4020 auftreten will? Gibt es ein „Booking“?

Peter Leisch: 4020 ist ein Kuratorenfestival, aber ich sammle natürlich immer wieder, was es an neuen Entwicklungen gibt. Auch durch meine „doppelte“ berufliche Tätigkeit, ich bin ja auch als Leiter einer Förderstelle tätig und damit unmittelbar mit aktuellen Entwicklungen konfrontiert. Wir haben zum Beispiel auch NML, Neue Musik in Linz, begleitet. Daraus ist der Verein Musik im Raum entstanden, eine sehr interessante Plattform, die nun auch mit einer Sonderförderung von LINZimPULS gestartet und wirklich sehr aktiv ist. Das heißt ganz einfach, dass ich natürlich interessiert bin und auch immer aktiv forsche, was es an neueren Entwicklungen gibt. Grundsätzlich besteht für jede/n Künstler/in die Möglichkeit, mir Materialien zu schicken, die seine/ihre Arbeit dokumentieren. An erster Stelle steht aber immer ein Thema, an dem entlang ich das Festival entwickle.

Österreichische und internationale Gäste, Männer und Frauen – wie wird ausbalanciert?

Peter Leisch: Quote ist immer ein Thema für uns gewesen, unser Ziel ist immer, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Musikerinnen und Musikern, Komponistinnen und Komponisten herzustellen. Das ist aber eine Angelegenheit, die sich unterschiedlich gut umsetzen lässt. Es gibt ja auch Ensembles, die mit fixen Besetzungen spielen, wo also schon eine Quote gegeben ist oder Ensembles sich mit Musiker/inne/n ihrer eigenen Wahl zusammenfinden. Das Verhältnis der Nationalitäten ist ein tendenziell ausgewogenes, konkret ist es so, dass heuer der Schwerpunkt auf Persien liegt; das heißt, dass zum Beispiel Arbeiten von iranischen Komponistinnen und Komponisten von österreichischen Musikern aufgeführt werden. Das kann aber auch umgekehrt sein, ich frage natürlich immer nach der jeweiligen Gegenposition.

Marie-Therese Rudolph: Eine Quote für das Verhältnis von einheimischen Künstlern und Gästen von auswärts gibt es nicht, es gibt aber zum Beispiel einige oberösterreichische Musiker, die seit vielen Jahren immer wieder dabei sind.

Wer setzt sich mit der Musik auseinander – wie sieht dies auf Seiten des Publikums aus?

Marie-Therese Rudolph: In den letzten Jahren hat sich ein sehr sehr tolles, bunt gemischtes Publikum herauskristallisiert. Das ist nicht nur das typische Neue Musik Publikum, es ist genauso jenes, das sich für Weltmusik, für Literatur interessiert, es ist ein ganz durchmischtes, auch von den Altersgruppen her. Auf jeden Fall sehr sehr interessiert. Es fällt immer wieder auf, dass man die Gäste kennt, dass es ein Stammpublikum gibt. Wir haben heuer im Vorfeld auch schon sehr viele Anfragen vom Publikum bekommen: Wo gibt es den Folder, gibt es Zählkarten, kann man Plätze reservieren usw. Dieses neugierige Publikum hat sich über die Jahre gebildet, ja, es hat ein wenig gedauert.

Peter Leisch: Am Anfang war das ein etwas zäher Prozess, als das Festival völlig neu in der Landschaft war.

Marie-ThereseRudolph: Mit ’09, als der Schritt gesetzt wurde, das ganze bei freiem Eintritt zu machen, ist der Publikumszuspruch enorm gestiegen. Man kann bei diesem Programm nicht erwarten, dass diese Musiker und Komponisten jemandem bekannt sind. Man kennt eventuell den einen oder anderen Musiker, man kennt den einen oder anderen Komponisten, aber niemand kennt das gesamte Programm. Man braucht also Neugier und Muße, wenn aber nichts zu zahlen ist, man bewusst Zeit und Aufmerksamkeit investiert, scheint es gut zu funktionieren.

Welche Ziele verfolgt das Festival – neben den schon erwähnten Aufgaben der Vermittlung und Förderung?

Peter Leisch:
Ich war gestern bei einem Kollegen, der meinte: The only time I pray is when I pray for money. Natürlich ist es immer ein Ziel, das Festival budgetär besser zu positionieren. Ganz am Anfang war es noch viel großzügiger ausgestattet, mit dem Dreifachen des derzeitigen Budgets. Genau aus diesem Grund findet es auch biennal statt, weil wir das Budget quasi ansparen. Andere Ziele sind die Vermittlung, das programmatische über den Tellerrand blicken, unseren eigenen Umgang mit außereuropäischen Kulturen genauer und kritisch zu reflektieren, ein eminent politisches Thema. Ziel ist es dezidiert, konstruktive Impulse zum Nachdenken zu geben. Eine andere Sache ist Förderung durch Kompositionsaufträge. Heuer sind alle Aufträge an iranische Komponistinnen gegangen. Das ist ein Aspekt, der auch in der Neufassung des Kulturentwicklungsplans eine wichtige Rolle spielt, Interkulturalität ist dort ein wichtiges Element. Niederschwelligkeit ist auch ein ganz wichtiges Anliegen, die Leute für diese Themen und Künstlerpersönlichkeiten zu interessieren. Eine Element dessen ist auch der freie Eintritt.

Was würden Sie dem Publikum besonders ans Herz legen, welche Highlights bietet das kommende Festival?

Peter Leisch: In der Intensität und der Ernsthaftigkeit der künstlerischen Auseinandersetzung mit der sich unsere Gäste einbringen, kann ich grundsätzlich alles empfehlen. Ein ganz besonderes Highlight ist aber sicher das schon erwähnte Projekt von Roodabe Shamloo, einer jungen iranischen Komponistin, die auf der Basis eines Textes von Angela Flam ein Projekt erarbeitet hat, das als Auftragswerk hier seine Uraufführung finden wird. Außergewöhnlich ist auch das Ensemble von Milad Mohammadi, den man als Jimi Hendrix der Tar bezeichnen kann. Tar, das ist die iranische Langhalslaute, ein traditionelles Instrument, das eine zentrale Rolle in der klassischen iranischen Musik spielt. Milad hat einen völlig unorthodoxen und mitreißenden Umgang mit dieser Musikkultur, er ist natürlich mit der klassischen Musik aufwachsen, hat aber sehr urbane, kosmopolitische Einflüsse. Das ist kein Crossover oder keine Weltmusik, es ist einfach faszinierende, frische Musik, spannend gegen den Strich gebürstet.

 

Ö1 Spielräume zu „spiegel.persien“ am 26.04.2013 live aus aus Landesstudio OÖ (und in Folge 7 Tage im Archiv nachhörbar): http://oe1.orf.at/spielraeume    

Foto Peter Leisch: www.sra.at
Foto Marie-Therese Rudolph: privat

 

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