mica-Interview mit Mike Breneis und Andreas Schett (col legno)

Seit vielen Jahren nun schon dokumentiert das Wiener Label col legno umfassend und zeitgemäß das Geschehen im Bereich der Neuen Musik hierzulande. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Grund genug also den Betreibern einmal auf den Zahn zu fühlen. Mike Breneis und Andreas Schett im Gespräch mit Doris Weberberger.

Seit Jahren wird der CD der Untergang prophezeit. Wie geht man als Label, das auf den CD-Verkauf angewiesen ist, mit dieser Situation um?

Mike Breneis: Wir können nicht herumsitzen und lamentieren: Wir verkaufen nichts mehr, die Einkünfte sind zu niedrig, die Kosten zu hoch, der Staat gibt kein Geld, die Sponsoren auch nicht – das bringt nichts. Unsere Herangehensweise ist folgende: Musik wird es in irgendeiner Form immer geben, und deswegen wird es auch eine Art und Weise von Konservierung dieser Tonaufnahmen geben, auch wenn wir die Technologie noch nicht kennen. Der springende Punkt ist: Finden wir ein Geschäftsmodell, das diese konservierten Tonaufnahmen dem Publikum zur Verfügung stellt? Und ist das Publikum dann auch bereit, dafür Geld zu bezahlen? In unserer musikalischen Nische ist es noch nicht so tragisch, aber im Popbereich lädt man sowieso aus dem Internet herunter. Das heißt, da ist die Plastikscheibe schon Geschichte. Wobei man das auch differenziert sehen muss. Meine Kinder, die natürlich hauptsächlich die gängige Popmusik hören, wollen einen bestimmten Song haben und das sofort – deswegen kaufen sie bei iTunes. Aber es gibt ein paar Künstler, die ihnen super gefallen, von denen kaufen sie sich dann das Album. Da wird sogar das Booklet durchgeblättert. Unsere Klientel ist ein bisschen älter und in einer Nische zuhause, wo das haptische Erlebnis immer noch Gültigkeit hat. Deswegen produzieren wir auf relativ hohem Qualitätsniveau, auch mit künstlerischem Anspruch in Bezug auf das  Booklet. Im besten Fall gibt es eine Figur in der Literaturszene, die als Ersthörer fungiert und ihre ersten Eindrücke niederschreibt – das ist dann unser Hauptbooklettext. Der bekannteste, der einen Text für uns geschrieben hat, ist wahrscheinlich Franzobel. So versuchen wir, Musik und Literatur von vornherein zu verbinden und daraus ein schönes Produkt zu machen, das die Leute gerne haben wollen. Das heißt, die Plastikscheibe ist das Trägermedium, aber das Booklet, das Packaging, das Design ist uns sehr wichtig. Das ist der Grundkern unserer Produktionsphilosophie.

Andreas Schett:
Jetzt wurden wieder Zahlen veröffentlich, dass die CD-Verkäufe in Deutschland plötzlich wieder zugenommen haben, weil sich herausgestellt hat, dass man am iPod mit 30.000 Titeln dann doch keine rechte Freude hat. Deswegen bemühen wir uns sehr, seit wir das Label übernommen haben, dass wir einfach ein schönes Produkt machen können, das aber trotzdem nach Industriestandards funktioniert. Man kann natürlich theoretisch jede CD handschnitzen lassen und mit Kupferbeschlägen versehen, man hat ein tolles Produkt, nur: Es ist nicht finanzierbar, nicht einmal in kleinen Auflagen. Die Idee vom Design war, mit einfachen Mitteln zu arbeiten und trotzdem etwas Besonderes zu erzeugen. Wir glauben auch, dass wir mit dem physischen Produkt direkt an die Community kommen müssen und auch jetzt schon kommen, und dass dort das physische Produkt nach wie vor eine wichtige Funktion hat. Andererseits natürlich: Alle anderen zeitgenössischen Vertriebskanäle genauso ernst nehmen und extrem pushen. Das ist die Doppelstrategie, die wir fahren. Deswegen setzen wir auf digital release.

Mike Breneis: Ich weiß nicht, wie es bei den Majorlabels ist, aber wir machen ungefähr ein Prozent des Gesamtumsatzes mit Downloads und der Rückfluss ist bescheiden, auch von den Tantiemen her. Das ist einfach so. Was man sich beim rein digitalen Release natürlich sparen könnte, ist die Verpackung, der Druck, die Pressung der CD. Deswegen möchten wir nächstes Jahr auf unserer Website direkt digital releasen, möglichst in zwei verschiedenen Qualitätsformaten. Das heißt, man kann bei uns dann MP3-Dateien kaufen, aber auch ein höherwertiges Audiofile. Das ist die Vision. Ich glaube aber, dass unsere Kunden das Ding in der Hand haben wollen. Sie wollen über den musikalischen Genuss hinaus Informationen bekommen. Und das wird in den nächsten Jahren nach wie vor so sein.

Das Haptische weckt den Sammeltrieb, auch die Farben der Hüllen.

Mike Breneis: Andreas hat das einmal sehr treffend beschrieben: Wir sind Suhrkamp im Tonträgerbereich.

Wie sieht es denn mit den Farben aus, kann man sich die als Künstler aussuchen, oder geht das nach einem bestimmten System?

Andreas Schett: Die suche ich aus.

Nach Lust und Laune?

Andreas Schett:
Nein, schon nach Inhalt.

Bei Suhrkamp ging es ja nach einer Farbreihe …

Andreas Schett:
Das war die berühmte Bogenreihe von Willy Fleckhaus, eines deutschen Graphik-Designers der 60er Jahre. In den 60er, 70er, 80er Jahren war die Suhrkamp-Kultur das Flaggschiff des deutschen Geisteslebens. Das ist ein bisschen unser Anspruch. Wir haben uns bei der Erfindung von dem Design, das mein Büro Circus macht, von so einer Idee leiten lassen. Für die Cage-Platte Harmonies & Melodies, die jetzt den Pasticcio-Preis bekommen hat, und auf der er Kirchenlieder aus Nordamerika von vor 200 Jahren zerschnipselt und wieder neu zusammengebaut hat, haben wir die Playmobil-Farben verwendet. Das merkt man im ersten Moment natürlich überhaupt nicht, aber es stimmt. Es ist schon ganz schön, wie man mit zwei Farbtönen und der Typographie jeder Platte ein völlig anderes Gesicht geben kann, und man, obwohl man nur im normalen Presswerk produziert, im Kaufumfeld trotzdem maximal auffällt.

Was neben dem Trägermedium und dem Äußeren glaube ich auch ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist, ist die Kooperation mit den Festivals.

Andreas Schett:
Wir haben vorhin von den Trägermedien geredet – das ist nur die Theorie. Die Praxis ist: Man muss an ein Publikum kommen. Das Publikum erreichen wir, indem wir eng mit wichtigen Festivals kooperieren, indem wir Musiker besonders fördern und in unsere Idee einbinden, die in der Regel selbst spielen, was in der zeitgenössischen Musik gar nicht selbstverständlich ist. Es gibt ganz, ganz viele zeitgenössische E-Musik-Komponisten, die ausschließlich für hochspezialisierte Ensembles komponieren, die Stücke bei Spezialistenfestivals aufführen, wo das Stück vor einem Spezialistenpublikum ausgepackt und dann wieder eingepackt wird.

Mike Breneis:
Und nie wieder ausgepackt wird.

Andreas Schett:
Wir interessieren uns für Musikerpersönlichkeiten, die in vielen verschiedenen Genres operieren, die selbst spielen, die Band-Projekte haben, die bei Festivals spielen usw. Deswegen ist Wolfgang Mitterer ein wichtiger Musiker für uns. Ensembles wie Franui, da spreche ich jetzt für mich selber, spielen wahnsinnig viel und verkaufen deswegen viel direkt. Das schafft, wie wir glauben, eine Bindung an ein Publikum, das daran interessiert ist, dass Gegenwartsmusik in den unterschiedlichsten Facetten dokumentiert wird.
Wir behaupten: Wir produzieren nicht CDs, wir produzieren Musik. Wir glauben ganz unerschütterlich daran, dass so viel gute zeitgenössische Musik wie noch nie produziert wird, und dass gerade auch in Wien so viele interessante Leute sind, die so viele interessante Dinge machen und das muss man dokumentieren – das ist ein Kulturauftrag. Die Rundfunkstationen haben kein Budget mehr für Aufnahmen, die Festivals sowieso nicht und die öffentliche Hand auch nicht – und wir sollen es verdienen, aber die CD ist ohnehin schon gestorben. Das ist ein bisschen eine verzwickte Situation.
Die Musiker haben inzwischen verstanden: Mit der CD verdient man kein Geld. Aber die meisten haben sogar verstanden: In eine CD muss man investieren, weil das Label das gar nicht mehr verdienen kann. Das ist schon Selbstausbeutung der Musiker. Wenn dann das Label nicht einmal so aufgestellt ist, dass es das produzieren kann oder dass das vertrieben werden kann, dann ist es ja ganz schlimm.

Col legno hat ein sehr vielfältiges Programm. Du hast ja schon angesprochen, es sind viele Musiker, die selber spielen, aber es ist ja auch Klassik dabei, wie die Schumann- oder Beethoven-Symphonien. Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl?


Andreas Schett:
Wir nehmen einfach jede dritte Produktion, die hereinkommt [lacht]. Vielfalt ist tatsächlich schwer zu beschreiben, weil es mit Beliebigkeit verwechselt wird. Unsere Idee ist, das zeitgenössisches Musikschaffen und zeitgenössisches Musikkonsumieren abzubilden, weil wir wissen, wie wir selber leben: Wir gehen ins Drei-Sterne-Restaurant, dann zum McDonalds, kaufen eine Designer-Brille in Berlin, dann gehen wir zum Zara für ein T-Shirt. Die Gewohnheiten haben sich völlig verändert. Die Idee, dass Musik einfach nur in einem bestimmten Gärtlein richtig gehegt und gepflegt werden kann und nur für ein gewisses Publikum ist, finden wir völlig obsolet. Wir glauben, dass ein zeitgenössischer Mensch sowohl gute Popmusik hört als sich auch mit Klassik beschäftigt, ein Schubert-Lied genauso hört wie ein zeitgenössisches Stück von Wolfgang Rihm, dass jemand Klassik-Bezüge mit zeitgenössischer Musik durchaus verstehen kann. Wir lieben Produktionen, wenn sie sich auf die Musikgeschichte beziehen, wenn sie „alte Melodien“ aufgreifen und diese in zeitgenössischem Musikdenken fortspinnen. Das ist eigentlich die Grundidee hinter dem künstlerischen Programm. Dass Luigi Nono und Varèse, die großen Klassiker des 20. Jahrhunderts, ganz selbstverständlich neben improvisatorischen Projekten stehen, wo ein DJ und ein Musikproduzent wie Patrick Pulsinger über Feldman weiter forscht – Feldman-Forschung für Wien Modern. Das geht dann zurück bis Schumann, Übermalungen von Franui usw. Das ist die Grundidee. Das ist jetzt seit fünf Jahren so mittlerweile möchten sehr viele Musiker bei col legno erscheinen. Und wir merken auch, dass das Publikum Vertrauen fasst. Einmal kommt Akkosax/Werner Pirchner vorbei, dann kommt im nächsten Monat Varèse und im übernächsten Monat Schumann. Dann Feldman-Forschung usw. Das ist doch ein Label, wo man sich gut aufgehoben fühlt.

Mike Breneis:
Diese Genreöffnung ist für uns sicherlich auch ein Kommunikationsproblem, da stehen wir auch beim Marketing vor Problemen, die wir lösen müssen. Wir wissen auch, dass unsere Vertriebe teilweise ein bisschen verwirrt sind, warum manches bei uns erscheint. Aber wenn man mit den Leuten spricht, verstehen sie es. Das Ziel der neuen Website ist auch, dass man wieder ein besser funktionierendes Kommunikationstool hat. Das Spannende finde ich, dass sich der Schumann-Fan, der Pulsinger-Fan und der Varèse-Fan so gegenseitig im Dialog befruchten und ihren eigenen Horizont erweitern. Ich finde, die Vermittlungsrolle eines Labels ist fast wichtiger als die Dokumentationsrolle, wobei die Dokumentationsrolle sicher auch sehr bedeutend ist.

Andreas Schett: Du musst zuerst dokumentieren, dann kannst du vermitteln.

Mike Breneis:
Eigentlich sehe ich die Hauptaufgabe des Labels erstens einmal als Filter, weil wir das veröffentlichen, was wir wollen, um es ganz hart zu sagen. Das heißt, es gibt eine col legno-Identität. Egal wie bunt etwas ist, das Publikum kennt sie und lässt sich von uns mehr oder weniger vertrauensvoll führen.

Wie schaut diese col legno-Identität bei den Beethoven- oder bei den Schumann-Symphonien aus?

Andreas Schett: Es gibt künstlerische Persönlichkeiten oder Arbeiten, die uns besonders interessieren; zum Beispiel die Arbeit von Gustav Kuhn – natürlich auch, weil er mit mir gemeinsam das künstlerische Programm von col legno verantwortet und einer der Teilhaber des Labels ist. Es ist spannend, wie man aus einem überregional relativ unbekannten Orchester wie dem Haydn Orchester Bozen, das finanziell gut ausgestattet ist, über die Jahre hinweg einen erstklassigen Klangkörper formen kann. Das ist auf derselben Ebene in Erl der Fall. Die Tiroler Festspiele, die wir dort 1998 mit der Idee gegründet haben, dass dort an diesem besonderen Ort für das Passionsspielhaus, wo jetzt ein neues Haus dazugebaut wird, etwas entsteht, das man nur dort sieht. Ideen wie diese sind für col legno essentiell.

Die künstlerischen Ideen, die ja nicht nur Musik umfassen, sondern auch Literatur, die gelesen wird, oder Günter Brus …

Andreas Schett: Es gibt einen super Ausspruch von Hanns Eisler, auch wenn es ein paar Dinge von ihm gibt, die ich nicht so gut finde: Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts. Das ist, wenn man so will, auch der Grund, warum col legno Musikproduktionen liebt, die neben dem musikalischen auch noch einen anderen Geist atmen.

 

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