„Nichts Besonderes machen, aber das wunderschön“ – MARTIN PHILADELPHY im mica-Interview

Heuer hat der umtriebige Musiker MARTIN PHILADELPHY gleich zwei Alben veröffentlicht: Unter dem Titel „Retrograde“ hat er sich Gastmusiker wie MARTIN EBERLE, MANU MAYR und FERNANDO PAIVA ins Studio geholt. Jürgen Plank hat mit MARTIN PHILADELPHY ein Gespräch über Improvisation, das Tourleben zwischen New York und Skandinavien und darüber, wie musikalische Ideen reifen, geführt.

Wie ist das aktuelle Album „Retrogade“ entstanden?

Martin Philadelphy: Die Idee dazu ist schon vor längerer Zeit geboren. Durch die Babypause hat alles etwas länger gedauert, aber jetzt haben wir die Idee umgesetzt. Das ist recht schnell gegangen, denn die Aufnahmen waren an einem Tag eingespielt. Dann gab es noch ein paar Overdubs vom Perkussionisten und vom Trompeter. Für mich ist es wichtig, dass ein Album schnell eingespielt wird, das macht es frischer und man kann es öfter hören.

Das heißt, Sie haben die Lieder gemeinsam live eingespielt?

Martin Philadelphy: Ja, wir haben im Trio immer alles gemeinsam eingespielt und ich finde, man hört bei den Aufnahmen auch, dass das Album wie aus einem Guss ist.

Es sind aber außer dem Trio – neben Ihnen Philipp Moosbrugger am Bass und Niki Dolp am Schlagzeug – noch Gäste wie Fernando Paiva, Martin Eberle von Kompost 3 und der Bassist Manu Mayr dabei.

Martin Philadelphy: Manu Mayr spielt bei drei Vierteln der Nummern die Bässe. Er hat die nötige Ruhe am Bass eingebracht, die so einfache Stücke auch brauchen. Um sie verspielt und musikalisch rüberzubringen, braucht es einen Bass, der wie ein Fels in der Brandung ist.

Wie ist Martin Eberle dazugestoßen?

Martin Philadelphy: Ich kenne diese Musiker alle, Martin Eberle habe ich einfach gefragt, ob er dabei sein möchte. Ich hätte ihn eigentlich noch gerne bei einigen Stücken mehr dabeigehabt, aber das ist sich zeitlich nicht ausgegangen. Aber wir arbeiten jetzt schon miteinander an neuen Stücken. Mit diesen Musikern möchte ich auch in Zukunft spielen – unter dem Namen Retrograde.

„[…] verspielt und auf Druck und gleichzeitig zurückgelehnt, als wäre man schon 75 Jahre alt.“

Sie haben eingangs erzählt, dass die Idee zu „Retrograde“ schon länger bestand. Wie haben Sie Ihre Ansätze an die Mitmusiker vermittelt?

Martin Philadelphy: Für mich war der Arbeitstitel ewig lange da: nichts Besonderes machen, aber das wunderschön. Ich habe den Musikern vermittelt, dass es um die Ruhe geht. Ums Atmen. Und darum, jeden Ton genießen zu können und auch auf diese Weise auf der Bühne zu spielen: verspielt und auf Druck und gleichzeitig zurückgelehnt, als wäre man schon 75 Jahre alt. Ich habe mir gedacht, es wäre schön, wenn es so klingt!

Ist die Umsetzung gelungen?

Bild Martin Philadelphy
Marin Philadelphy (c) Archiv Band

Martin Philadelphy: Ich finde, es kommt recht gut hin. Speziell, wie die Musik gespielt ist. Es sind oft recht einfache Ideen, auch wenn es ein bisschen ungerade ist. Es sind recht einfach gestrickte Geschichten, umso wichtiger ist es, wie gespielt wird. Die Art, wie solche Musik gespielt wird, macht auch das Magische und ein bisschen den Zauber aus. Das kann auch schnell kippen. Da geht es auch darum, dass man auf der Bühne keine Angst vor „zu langsam“ bekommt.

Wie sind die Reaktionen des Publikums auf diese Langsamkeit?

Martin Philadelphy: Ich glaube, für das Publikum war es immer recht cool, für mich sind es Liegestuhlkonzerte. Man kann auch ein bisschen dazu tänzeln und einen Cocktail trinken. Aber es ist auf alle Fälle keine Partykrachermusik, das will ich nicht machen.

Beim Anhören des Albums, habe ich oft an Filmmusik gedacht. Können Sie mit dieser Assoziation etwas anfangen?

Martin Philadelphy: Ich kann damit viel anfangen, denn bei improvisierter Musik und bei Instrumentalmusik ist es cool, wenn Bilder kommen. Ich würde sehr gerne mehr Filme vertonen, das würde mich sehr interessieren. Aber es ist schwierig, in dieses Genre hineinzukommen, genauso wie bei der Theatermusik.

„Bei der Improvisation ist es die schönste Kritik des Publikums, wenn die Leute sagen, dass bei ihnen Bilder entstanden sind.“

Haben Sie bereits Filme vertont?

Martin Philadelphy: Ja, für Kurzfilme habe ich einige Vertonungen gemacht, das macht schon Spaß. Bei der Improvisation ist es die schönste Kritik des Publikums, wenn die Leute sagen, dass bei ihnen Bilder entstanden sind. Dann wirkt die Musik.

Sie sind sehr fleißig am Produzieren und Veröffentlichen, was treibt Sie an? Es gibt auch Musiker, die zwei oder drei Jahre für ein Album brauchen.

Martin Philadelphy: Bei mir staut es sich schon in der Schublade. An der CD „Retrograde“ habe ich auch drei oder vier Jahre lang gearbeitet. Da geht es auch darum, zum Beispiel einen irre guten Schlagzeuger zu finden, der Zeit hat. Niki Dolp ist ein Traum – wir haben uns gefunden, und das funktioniert extrem gut.

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Erzählen Sie bitte ein wenig von Ihrem Arbeitsalltag als Musiker.

Martin Philadelphy: Ich spiele jeden Tag, auf alle Fälle. Sobald mein Bub im Bett ist, spiele ich.

Arbeiten Sie immer an mehreren Projekten gleichzeitig?

Martin Philadelphy: Ja. Es sind zurzeit an die sieben Projekte. Man kann nicht sagen, dass ich schnell arbeite, aber ich arbeite viel. Ich möchte jetzt auch ein Singer-Songwriting-Projekt machen. Gleichzeitig gibt es die Improvisation. Ich habe gerade mit Trevor Dunn aufgenommen. Ich werde mit Ed Schuller aufnehmen. Das muss alles noch produziert werden. Dann habe ich gerade in New York mit Rick Parker und Jeremy Carlstedt aufgenommen. Und ich arbeite gerade an einer neuen Puzzle-Works-CD. Das ist alles in verschiedenen Stadien.

Nochmals zurück zum aktuellen Album: Die Mehrzahl der Stücke ist instrumental, nur bei drei Stücken wird gesungen. Sind das besondere Momente, wenn Sie singen?

Martin Philadelphy: Ich komme wieder zum Singen zurück, ich singe ja eigentlich sehr gerne und habe auch so angefangen. Ich komme vom Pop und vom Songwriting, fast ein bisschen von der Comedy. Da ist mir dann das Singen immer mehr vergangen und ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich habe immer mehr Ausdrucksformen für mich in der Improvisation und im Instrumentalbereich gefunden. Aber ich schreibe immer wieder und gerne Songs. Man sagt mir immer, ich solle das öfter machen.

Ein Stück heißt „Schankschwank“, was ist ein Schankschwank?

Martin Philadelphy: An der Schank einen Schwank vom Leben erzählen, einen Schankschwank. Im Wirtshaus. So soll auch die musikalische Wirkung sein, mit einem 7/4-Takt und der eher ländlichen Melodie.

Sie waren heuer auch auf Tour in Skandinavien. Wie war das?

Martin Philadelphy: Ich bin seit rund fünf Jahren immer wieder dort, weil ich oft eingeladen werde, dort zu spielen. Dort ist die Impro-Szene etwas ganz anderes, obwohl ich sagen muss, dass sich in Österreich speziell durch die Jazzwerkstatt Wien einiges getan hat. Ich habe Kresten Osgood kennengelernt, wir haben ein Konzert miteinander gehabt und ich habe sofort gewusst, dass das extrem cool ist. Wir spielen auch einmal im Jahr in New York zusammen. Das Projekt mit sechs E-Gitarren möchte ich in New York auch umsetzen. So geht nach 15 Jahren die Idee auf, nicht in New York zu bleiben, aber dort trotzdem immer mehr zu machen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

 

Martin Philadelphy live:
Mo 19.9.2016, Radiokulturhaus Café, 20h
Links:
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