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mica-Interview mit Interview Oliver Steger

Vor kurzem ist im Annette Betz-Verlag das Buch “Jazz für Kinder” mit beiliegender Begleit-CD erschienen, das auf kindgerechte Art und Weise eine Einführung in das Genre des Jazz bietet. Autor und Komponist Oliver Steger stellt im mica-Interview mit Michael Masen dieses überaus gelungene Werk vor.

Wie und wann ist die Idee entstanden, ein Jazz-Buch für Kinder zu realisieren?
Oliver Steger:
Die Idee stammt nicht von mir, muss ich ehrlicherweise anmerken, sondern von der Lektorin des Verlages. Sie war ein paar Mal bei Konzerten, wo sie mich spielen gesehen hat und dann im Sommer 2006 wurde ich von ihr mit der Frage angesprochen, ob ich nicht Interesse hätte, so was zu machen. Mir hat dieser Vorschlag eigentlich von Anfang an sehr gut gefallen, erstens, weil es eine interessante Sache war, Jazz einmal für ein anderes Publikum aufzubereiten und außerdem wollte ich ohnehin schon immer mal für Kinder spielen.
Mein einziges Problem war, dass ich vorher noch nie Texte geschrieben und deswegen Bedenken gehabt habe, die sich dann allerdings, dank der Unterstützung durch die Lektoren, die mir weiter geholfen haben, bald verflüchtigt hatten. Zudem ist mir ja dann auch eine gute Geschichte eingefallen, so dass der weitere Prozess mir dann eigentlich keinerlei Probleme mehr bereitet hat.

Wie ist die Idee zu dieser Geschichte entstanden, die im Buch realisiert wurde. Hattest du von Beginn an ein Konzept und eine festgelegte Struktur im Kopf, beispielsweise, welche Stile, welche Künstler enthalten sein sollten, oder hast du einfach mal so drauf los zu schreiben begonnen?

Oliver Steger: Für mich war jedenfalls die Rahmengeschichte irrsinnig wichtig. Ich habe mir überlegt, wie ich die Aufmerksamkeit der Kinder bekommen, wie ich sie berühren kann, weil es ja ziemlich schwierig ist, jemanden zu begeistern, der nie irgendetwas mit dieser Musik zu tun gehabt hat. Da gibt es dann grundsätzlich einmal ein paar schwere Hürden, die man nehmen muss, um das Thema “Jazz” für Kinder in passender Weise aufzubereiten.
So habe ich mir schließlich gedacht, ich mache etwas mit einer Protagonistin, die quasi die Musik entdeckt. Ich wollte auch unbedingt die Rhythmusgruppe in den Mittelpunkt stellen, weil ich ja selbst auch Bassist bin und so habe ich ein Klaviertrio auserwählt, die Hauptrolle zu spielen und mir gedacht, gleich die Instrumente selbst sprechen zu lassen. In einem Jazzclub befinden sich ja zumeist Instrumente, die von Musikern nicht mit nach Hause genommen werden können, weil sie zu schwer sind.
Ich habe dann also dieses Klaviertrio, bestehend aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, in einem Jazzclub angesiedelt. Das sind altgediente Instrumente, die schon alles erlebt haben, weil alle Musiker auf ihnen gespielt haben. Das ist im Großen und Ganzen die Geschichte – das Mädchen entdeckt eben diese Instrumente in einem alten Schuppen und diese erzählen ihm von sich. Der alte Schuppen ist auch so ein wenig als Metapher für den Jazz als Musikrichtung gedacht, der ja momentan auch gesellschaftlich ein bisschen in einer Ecke verstaubt – bis er wieder von irgendjemand Jungem entdeckt wird.

War die Begleit-CD zum Buch auch von Beginn an Teil des Konzeptes, oder ist die Idee dazu erst im Laufe der Arbeiten entstanden?

Oliver Steger: Nein, das war eine Vorgabe. Dieser Verlag produziert ja Bücher mit so einer CD-Komponente – bisher vor allem in den Bereichen Klassische Musik und World Music. Ohne dem, also wenn ich nicht auch die Musik hätte machen dürfen, hätte ich das Projekt wohl ohnehin abgelehnt.

Zielgruppe sind, wie der Name des Buches bereits klarstellt, Kinder. Richtet es sich hier eher an Kinder, die bereits eine gewisse musikalische Vorbildung genossen haben, oder ist das für das Verständnis bzw. das Lesevergnügen nicht relevant?

Oliver Steger: Das Buch setzt natürlich schon ein gewisses Interesse an Musik voraus, jedoch nicht unbedingt fachliche Kompetenz. Es ist daher egal, ob die Kinder ein Instrument spielen oder nicht. Sie müssen einfach interessiert und offen sein für Musik, das ist alles. Wir haben ja mittlerweile als Band auch schon mehrere Live-Umsetzungen dieses Kinderprogramms durchgeführt, haben ein Kinder-Theater gemacht, wozu jetzt dann noch Lesungen kommen, wo auch Musik gespielt wird. Und bei diesen Veranstaltungen merken wir immer wieder, dass auch schon ganz kleine, also von drei oder sechs Jahren weg, Interesse zeigen. Ich habe auch versucht, alles modern zu arrangieren, so dass alles eigentlich kein Problem mehr ist, sobald sie diese Kinderlied-Melodie hören, die sie bereits kennen.

Also nicht bloß eine Sache für Eltern, die gerne hätten, dass ihre Kinder Jazz hören.

Oliver Steger: Nein, überhaupt nicht. Aber es ist sehr wohl auch eine Sache für Eltern, die sich eben erst mit dieser Art von Musik bekannt machen wollen. Das Buch ist also auch für Erwachsene als Einsteiger geeignet.

Illustriert wurde das Buch von Peter Friedl. Wie seid ihr genau auf ihn gekommen?

Oliver Steger: Das ist ein Berliner Illustrator des Verlags, den ich auch gar nicht persönlich kenne. Kontakt hatten wir während der Arbeit am Buch nur via Mail. Er ist einfach vom Verlag für diese Arbeit empfohlen worden. Ich selbst bin ja nicht Produzent oder so, sondern bloß für die Ablieferung von Text und Musik verantwortlich – alles andere ist Verlagssache und bezüglich Illustrationen hatten sie schon Vorstellungen, wie das alles aussehen soll.

Hattest du dann bei den Dingen, die in deinen Aufgabenbereich gefallen sind, komplett freie Hand, oder hat der Verlag noch in irgendeiner Weise eingegriffen?

Oliver Steger: Ursprünglich war die Geschichte ein wenig länger und es wurden dann ein paar Schmähs rausgenommen, die mir insofern eine Hilfe waren, als dass sie mir dramaturgisch etwas auf die Sprünge geholfen haben. Irgendwann, so nach dem sechsten oder siebenten Kapitel, habe ich dann gemerkt, dass ich mich nur noch wiederhole und es so nicht wirklich interessant bleibt. Da haben mich dann die wirklich guten Ideen der Leute unterstützt, die bereits viele Kinderbücher gemacht haben. Es wurde also schon ein wenig mitgeholfen, vor allem bei der dramaturgischen Entwicklung, jedoch wurde inhaltlich nichts verändert und auch nicht versucht, mich in irgendeine Ecke zu drängen. Von diesem Standpunkt aus gesehen, hatte ich eigentlich schon alle Freiheiten.

Kannst du dir vorstellen, noch ein weiteres Kinderbuch zu schreiben, vielleicht auch eines mit nicht-musikalischem Thema?

Oliver Steger: Tatsächlich schreibe ich gerade an einem zweiten Buch. Jazz für Kinder hat gut funktioniert und davon gibt es dann eben eine Fortsetzung. Zwischendurch habe ich jetzt auch einmal ein Angebot bekommen, ein Buch ohne Musik zu machen, also nur Text, was eigentlich auch ganz cool war, aber dann leider aus urheberrechtlichen Gründen nicht realisiert werden konnte.
Mir gefällt das Schreiben schon sehr, allerdings sehe ich mich jetzt auch nicht als Textautor für den Rest meines Lebens. Es ist eben gerade so ein Ding, das mir über den Weg gelaufen ist und mir Spaß macht, das war es dann aber auch schon wieder.

Also kein potentielles zweites berufliches Standbein für dich?

Oliver Steger: Kann ich nicht sagen. Vielleicht irgendwann mal, aber im Moment nicht. Es ist toll in Bereichen, wo ich merke, dass ich auch was zu sagen habe, aber ich bin dann auch nicht der Typ dafür, alles tot zu wälzen. Ganz im Gegenteil, wenn ich merke, dass irgendetwas nicht mehr cool ist oder nur noch “blabla”, dann mache ich etwas anderes.

Du hast bereits angemerkt, dass das Buch überall gut angekommen ist. Liegen schon konkrete Verkaufszahlen vor, oder beziehst du dich auf Kritiken?

Oliver Steger: Verkaufszahlen weiß ich jetzt noch nicht. Ich weiß nur, dass es seitens der Händler sehr gut aufgenommen wurde, weil es ein spannendes Thema ist, das viele interessiert hat. Ich weiß auch, dass die Musik gut angekommen ist und ich habe mittlerweile auch schon einige positive Reviews bekommen. In Deutschland wurde das Buch beispielsweise in der Kindersendung “Quergelesen” auf KIKA präsentiert.
Es gibt natürlich auch immer wieder mal Leute, die mit Jazz überhaupt nicht klar kommen, denen sagt es dann überhaupt nicht zu, aber im Großen und Ganzen wird es überall sehr gut aufgenommen. Die Musik setze ich auch mit meinen Bands live um und dann haben wir noch für die Jeunesse ein Theater-Projekt realisiert, eine ziemlich große Produktion. Dann macht auch heuer noch das Jazzfest Wien einen Kinderschwerpunkt, der in den nächsten Jahren fixer Bestandteil davon werden soll. Für das Jazzfest bin ich jetzt scheinbar auch so etwas wie ein Kinderbeauftragter geworden; da tun sich wirklich interessante Sachen auf, die auch dem Jazz sehr gut tun – einige gute Impulse.
Und mich würde das natürlich sehr freuen, wenn viele Musiker in anderen Ländern das aufgreifen und auch in dieser Richtung etwas machen. Ich glaube, dass es dann in 10 bis 15 Jahren sehr viele junge Leute geben wird, die sich für diese Musik interessieren.

Im deutschsprachigen Raum ist die Resonanz also sehr gut. Gibt es auch Bestrebungen, das Buch in andere Sprachen zu übersetzen und in anderen Ländern anzubieten?

Oliver Steger: Der Verlag hat sich kürzlich auf einer Messe in Bologna präsentiert und da wurde das Buch auch diversen Lizenzierungspartnern aus Korea oder Griechenland und keine Ahnung, woher überall noch, angeboten. Was da allerdings raus kommen wird, kann ich noch nicht sagen. Ansonsten wird das Buch halt auf normalem Weg per Katalog vertrieben.

Du hast bereits anklingen lassen, dass deiner Meinung nach das Interesse der nachkommenden Generationen am Jazz eher gering ist. Was kann man deiner Meinung nach tun, damit das Interesse wieder zunimmt?

Oliver Steger: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass viele Sachen eigentlich ganz gut funktionieren. Die Leute von der Jazzwerkstatt beispielsweise machen in ihrem Alterskreis genau das, was eben richtig ist, um viele junge Menschen zum Jazz zu bringen und sich für diese Musikrichtung zu begeistern.
Was für mich immer ein wenig schwierig ist, ist dieser Anspruch, gehobene, verhirnte Kunst zu machen, die wenige Menschen interessiert. Und ich glaube, dass da der Jazz, vor allem in Europa, in den letzten Jahren ein wenig in eine Sackgasse geraten ist. Die junge Generation macht jetzt allerdings bereits vor, wie man das alles verbessern und wie man wieder mehr Publikum anziehen kann. Es wird wieder alles interessanter und man merkt, dass das Handwerk Musik wieder Spaß macht. Nicht nur beim Jazz, sondern genreübergreifend werden alle möglichen modernen Musikstile eingebunden, was einen sehr belebenden Effekt mit sich bringt.
Und auch für mich hat sich jetzt durch dieses Buch etwas aufgetan, nämlich die Möglichkeit, auch die ganz Kleinen für diese Musik begeistern zu können. Bisher hat es ja im Jazzbereich so etwas noch nicht gegeben, sondern lediglich so Dixieland- und Umtata-Kasperltheater-Sachen. Die Möglichkeit, eine wirkliche, anspruchsvolle und ernsthafte Auseinandersetzung mit der Musik für Kinder anzubieten, wurde allerdings ignoriert – Jazz für Kinder soll hier einen Schritt in die richtige Richtung darstellen.

Danke fürs Interview

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Oliver Steger