mica-Interview mit Günther Zechberger

Netzwerk ist sein Lieblingswort. Der Tiroler Komponist Günther Zechberger benutzt es oft und ganz bewusst. Denn ohne Netzwerke, so meint er aus tiefster Überzeugung, wären viele seiner Projekte nicht zustande gekommen oder schlicht undurchführbar. So heißt auch der im Jahr 2008 von Günther Zechberger und Komponistenkollege Alexander Zimmermann gegründete Verein „Gegen:Klang – Neue Musik und Netzwerke“. Dieser Verein bemüht sich, Musik des 20. und 21. Jahrhunderts auf vielfältig-phantasievolle Art und Weise hör-, sicht-, fühl- und spürbar zu machen – und das Länder übergreifend. Internationalität, interdisziplinäre Zusammenarbeit von MusikerInnen, ArchitektInnen und SchriftstellerInnen, Mobilität und neueste Kommunikationstechniken sind die maßgebenden Merkmale der Projekte, deren prominentestes „Drau/Drava – KlangMobil“ heißt. Mit Günther Zechberger sprach Ulla Fuerlinger.

Herr Zechberger, Sie studierten Komposition und Gitarre in Innsbruck und interessierten sich sehr früh für Computerkompositionen und elektronische Musik. Wie kam es dazu?

Günther Zechberger: Das täuscht ein wenig. Der elektronischen Musik gehört eigentlich gar nicht so sehr meine große Liebe, nur ist es ein Instrumentarium, mit dem man sich auseinandersetzen muss und mit dem ich mich auch auseinandersetzen wollte. Ich erhielt in Paris die Chance, die Ideen von Iannis Xenakis zu studieren, was großartig war. Aber es ist keineswegs mein Hauptgebiet. Der Großteil meiner kompositorischen Arbeiten sind analoge Arbeiten, Partituren am Papier. Es gibt verhältnismäßig wenig elektroakustische Kompositionen von mir. Das einzige, was ich gerne mache, sind Klanginstallationen im Raum. Raum an sich fasziniert mich. Musik ohne Raum gibt es nicht, und so beginnt man zu untersuchen und entdeckt, dass auch Lautsprecher Spaß und Sinn machen können. Ansonsten sind sie gelegentlich ziemlich langweilig und nervig.

Im Jahr 1984 gründeten sie das Tiroler Ensemble für Neue Musik. Was bewog sie dazu?

Günther Zechberger: Eigentlich zwei Dinge. Man muss, meine Biographie ergänzend, sagen, ich studierte Komposition im Konservatorium in Innsbruck und führte das Studium privat weiter bei Boguslaw Schaeffer In Salzburg. Das gab mir den entscheidenden Impuls und ich begann, Schranken im Kopf abzubauen und so war es eigentlich nur mehr ein Schritt dazu, in Tirol ein Ensemble für zeitgenössische Musik zu gründen. Das war damals eine absolute Notwendigkeit, es existierte in Tirol kein Forum für zeitgenössische Musik – nicht für Komponisten, nicht für Musiker. Ich beabsichtigte, eine Möglichkeit für beide Berufsgruppen zu schaffen. So spazierte ich durchs Konservatorium und rekrutierte Ensemblemitglieder. Bei respektablem Niveau fand man Aufnahme. Damals hatte das Ensemble eine Besetzung, die weltweit einzigartig war, das erfüllte mich mit großem Stolz. Allein am Klang ließ sich das Tiroler Ensemble für Neue Musik erkennen. Es war eine offene Plattform, wer wollte, der durfte. Das Repertoire richtete sich nach den Musikern, nicht umgekehrt. Auch eine Reihe von Komponisten konnte ich für dieses Ensemble begeistern und unter meiner Leitung kam es zu ungefähr 20 Uraufführungen weltweit. Nach 20 Jahren übergab ich das Ensemble, denn ich beobachtete Ermüdungserscheinungen an mir und überdies bin ich der Meinung, dass es keineswegs gut ist, wenn immer die gleichen Leute das Sagen haben.

Etwas später, 2008, riefen Sie den Verein Gegen:Klang ins Leben.

Günther Zechberger: Nach der Übergabe saß ich im Vorstand der IGNM Österreich (Internationale Gesellschaft für Neue Musik) und wurde von dieser gebeten, eine Bundesländerzweigstelle zu schaffen. So schuf ich die IGNM Tirol, die ich nach einer gewissen Zeit an einen anderen Tiroler Komponisten weitergeben wollte. Doch es fand sich bedauerlicherweise niemand und da ich die über die Jahre mühsam aufgebauten, funktionierenden Netzwerke und die Strukturen nicht verwerfen wollte, gründete ich den Verein Gegen:Klang, ein Verein für Neue Musik.

Als herausragendes Projekt des Vereins ist „Drau/Drava KlangMobil“ zu nennen– ein Projekt, das kein andächtiges Lauschen im Sitzen erlaubt und mit dem sie nicht den Besucher zur Musik, sondern umgekehrt die Musik zu den Menschen bringen. Warum ausgerechnet die Drau?

Günther Zechberger: Im Jahr 2006 startete ich damals noch im Rahmen meiner IGNM-Tätigkeit ein Projekt an der Drau – ein Fluss, der sprachlich fünf Länder berührt: Er entspringt in Toblach in Italien, fließt durch Tirol, Kärnten, Slowenien und wird zum Grenzfluss zwischen Ungarn und Kroatien. Und in allen Sprachen, bis auf das Deutsche, heißt der Fluss Drava. Mit zwei Begriffen deckt man fünf Sprachen ab. Das hat mich schlicht fasziniert, auch wenn das jetzt kindisch klingt. Flüsse bergen immer Spannung in sich und Wasser übt auf mich eine faszinierende Wirkung aus. Es war dann ein Kärntner Kollege, der mir vorschlug, ein Projekt mit ihm zu realisieren und so kam die Rede auf die Drau, die sowohl in Tirol als auch in Kärnten fließt. Seitdem hänge ich an der Drau und komme nahezu nicht mehr los von ihr.

Im Jahr 2006 gründete ich das temporäre Drau/Drava-Ensemble und dann ging es auch schon los, erstmals unter dem Titel „Drau/Drava – alter Fluss und neue Klänge“. Zehn Komponisten aus den Drau-Ländern schrieben Werke für dieses Projekt und auf einmal fingen auch die von mir geschätzten Netzwerke wieder an zu funktionieren und zu arbeiten. Und danach gingen wir auf Tournee – von Toblach bis an den Punkt, an dem die Drau in die Donau fließt.

2007 realisierte ich Klanginstallationen entlang der Drau. Ich entnahm dem Fluss Klänge, lernte viel von dem Strom, erkannte, dass Flüsse, abseits des Gebirges,  nahezu lautlos fließen und trat in engsten Kontakt mit den Anwohnern der Drau. Eine sehr schöne Erfahrung zu sehen, mit welcher Liebe die Menschen an ihrem Fluss hängen. Jeder nimmt ihn für sich in Anspruch, man identifiziert sich mit dem Wasser. Irgendwann entstand dann die Idee, ein neues Projekt im öffentlichen Raum zu realisieren, eines, in dessen Rahmen zeitgenössische Musik mit Literatur und Architektur vernetzt wird. Und so entstand Klang:Mobil, ich wollte mit meiner Musik mobil und im öffentlichen Raum sein. Natürlich sind mir die Vorzüge eines Konzertsaales, in dem perfekte Bedingungen herrschen, bekannt, doch der freie Raum besitzt spannende Facetten: Man erreicht Leute, an die man nie kommen würde und überdies verfügt im speziellen ein Flusslauf über unglaublich reizvolle Naturräume. Und es gab noch einen zusätzlichen Impuls von kroatischer Seite: man erzählte mir in Osijek, dass man versucht, den Drau-Radweg wieder zu beleben. Die Stadt litt sehr unter dem Krieg und ging daraus geradezu traumatisiert hervor. Man war bemüht, kulturell wieder etwas auf die Beine zu stellen. Das wollte ich unterstützen und verlegte mein Tun auf den Radweg. Alles fuhr Rad, auch die Musiker und über ein speziell konstruiertes Ü-Rad (analog zum Ü-Wagen) übertrugen wir live über Internetradio (www.dravaradio.eu).

Es ist ein offenes Projekt ohne vorgegebenes Programm, es entwickelt sich so wie der Strom fließt und man weiß im Vorfeld nie wann/wo/was/mit welchem Team stattfindet?

Günther Zechberger: Es gibt eine kleine Stammcrew, die immer mit von der Partie ist. Jeder von diesen ist angehalten, wiederum Leute mitzubringen, die Kreise werden und wurden also immer größer. Wir wussten vorher nie, was wir spielen werden, das Programm ergab sich aus den vorhandenen Künstlern. Derlei offene Konzepte sind meine große Leidenschaft. So weiß ich heute noch nicht, wie es im Juni weitergehen wird, wer zu Beginn der dritten Etappe musizieren oder lesen wird. Da muss man natürlich über ein gerüttelt Maß an Flexibilität verfügen, da die Spielregeln stets neu ausgehandelt werden und diese Regeln müssen eine stattliche Toleranzbreite besitzen, sonst funktioniert das Ganze nicht. Alle müssen sich darauf einlassen, die MusikerInnen und die AutorInnen. Es gibt keine Zeit für lange Diskussionen, wir brauchen stets schnell gute Ergebnisse. Da braucht es viel geistige Mobilität und die körperliche gesellt sich dann dazu.

Erklärtes Ziel des Vereins Gegen:Klang ist, ich zitiere, „die Kunstmusik des 20. + 21. Jh. in eine Vielfalt von Netzwerken zu integrieren“. Entspricht das Projekt Drau/Drava – KlangMobil diesem Leitsatz?

Günther Zechberger: Ja, schon, natürlich keineswegs vollständig, aber ich und mein Kollege Alexander Zimmermann arbeiten an der Perfektionierung. Es gibt immer Dinge, die man besser machen könnte, aber zur Zeit ist das vorhandene Netzwerk dermaßen umfangreich und tragfähig, sodass wir uns eine Vergrößerung gar nicht erlauben können – es würden uns auch die Kapazität und die Finanzen dazu fehlen. In diesem Sinne mussten wir uns von der Idee, bildende Künstler miteinzubeziehen, schweren Herzens lösen.

Drau/Drava – KlangMobil ist international angelegt, die Künstler stammen aus Italien, Österreich, Slowenien, Ungarn oder Kroatien. Wie kommt es zur für das Projekt geeigneten Künstlerauslese und engagieren Sie auch Amateure oder nur Profis?

Günther Zechberger: Die geeigneten Künstler rekrutieren sich aus dem besagten Netzwerk, man kennt ja dann mit der Zeit immer mehr Leute, die ihrerseits wiederum Künstler mit einbringen. So verfüge ich z. B. in Kroatien über einen Kontakt zu einem Professor für deutsche Literatur, der kennt Gott und die Welt. Den muss man nur fragen, wer ihm für unser Projekt passend erscheinen würde. Oder in Slowenien, wo eine meiner Mitarbeiterinnen lebt, die Kulturpublizistin und -managerin ist und über einen unheimlich verzweigten Freundeskreis verfügt, vor allem auf dem Gebiet der Literatur. Da lässt sich dann schon etwas machen. Auf solchen Wegen stoßen Leute zu uns, die man alleine niemals finden würde. Wenn man selbst sucht, kommt man nur langsam weiter, lässt man auch seine Freunde und Bekannten suchen, dann multipliziert sich der Kreis an möglichen KünstlerInnen und MitarbeiterInnen rapide.

Die Frage, ob nur Profis oder auch Amateure, lässt sich rasch beantworten: Wir arbeiten ausschließlich mit Profimusikern. Die gespielten Kompositionen müssen eine offene Struktur mit variabler Besetzung sein, die Probenarbeiten haben schnellstmöglich vonstatten zu gehen, das setzt einfach Profis voraus. Man muss sich das in realiter so vorstellen: Wir kommen an einen Ort, haben einen Nachmittag zum Proben und zum Installieren der von uns benötigten Infrastruktur, denn um 20 Uhr beginnt die Veranstaltung. Durch das schnelle Einstudieren kommt auf den Musiker eine große Verantwortung zu, sie müssen sehr schnell lesen können und das setzt Erfahrung voraus. Meine Rolle ist ja eigentlich nur die des Provokateurs in der ganzen Geschichte, um eine Interaktion zwischen Autoren, die lesen, und den Musikern zustande zu bringen. Alle müssen sich zusammenraufen, ich schaue von außen zu, dass sich das Ganze in die von mir gewünschte Richtung entwickelt.

Die Kompositionen, die im Rahmen des Projektes zu hören sind, stammen aus Ihrer Feder und aus der des Komponisten Alexander Zimmermann, ihrem Gründungspartner von KlangMobil. Sind auch Kompositionen anderer Künstler zu hören?

Günther Zechberger: Zu Beginn lieferten tatsächlich nur wir beide Kompositionen, es ist auch schwer Komponisten dafür zu begeistern, Werke zu liefern, die kaum Geld bringen. Da sprechen wir dann schon eher von Liebhaberei, denn ganz konkret: Es gibt momentan keine Kompositionshonorare.
Es gelang mir aber dann, Mirko Kelemen ins Boot zu holen, einen exzellenten kroatischen Komponisten, Drau-Anwohner, Gründer der Biennale Zagreb und Preisträger einer bedeutenden europäischen Auszeichnung, der heute sage und schreibe 90 Jahre alt ist. Er sandte mir zwei seiner Werke, die ich dem Drau/Drava – KlangMobil-Projekt einverleiben durfte. Und er riet mir, ein paar Musiker dazu improvisieren zu lassen, das ergäbe, so sein O-Ton, Stücke nach „meinem Gusto“. Solch eine Großzügigkeit findet sich nur ganz selten und ich betone: Das Geschenk ist aus der Hand des Doyen der kroatischen Musik!

Nicht unerwähnt bleiben soll, dass wir in den letzten Jahren vehement versuchten, die Gender-Problematik stärker zu respektieren. Anfangs waren wir wohl nahezu ein reiner Männerverein, bis mich eines Tages eine Dame auf diese Einseitigkeit aufmerksam machte. Doch wir konnten inzwischen aufrüsten: In Slowenien sind zwei Komponistinnen mit von der Partie, und auch unter den Autoren finden sich immer mehr Frauen. Seit letztem Jahr arbeite ich mit der Kärntnerin Simone Schönett zusammen, sehr erfolgreich. Sie wird auch heuer mit dabei sein. Was die Musikerinnen anbelangt, so macht mich der Ist-Zustand schon sehr zufrieden.

KlangMobil ist interdisziplinär, eine bedeutende Rolle spielt etwa die Architektur und vor allem die Literatur, die musikalisch-literarischen Interventionen werden live auf www.dravaradio.eu, also im Internetradio übertragen.

Günther Zechberger: Die Idee des Internetradios ist nicht neu. So hatte ich zuvor schon eines betrieben. Bei diesem Thema muss ich ein wenig ausholen und erzählen, dass ich über das Radio sozialisiert wurde. In meiner Kindheit gab es kein Fernsehen. Ich wuchs in Feichten im Kaunertal auf, das ist beträchtlich weit ab vom Schuss. Der Anschluss an die Welt, den Weg nach draußen, bot das Radio. Abends gab es bei meinen Eltern quasi eine heilige Stunde, da wurden Nachrichten gehört. Ein Fixpunkt, alle hatten zu schweigen. Ich blieb bis heute Radio-Fan und ich glaube nach wie vor, dass Informationsvermittlung über das Radio besser funktioniert als über TV. Internetradio ist deswegen so faszinierend, da man es von jedem Punkt der Welt aus betreiben und hören kann. Und man ist absolut frei: Über dravaradio.eu senden wir wann, was und wie wir wollen. Alles ohne Zensur. Ich appelliere immer an meine Komponistenkollegen und bitte sie, mir Material zu senden, wir verfügen über unbegrenzte Sendezeit.

Das Internetradio, das natürlich mehrsprachig ist, kann man als besonderes Liebkind von mir bezeichnen. Und es ist eigentlich eine einfache Sache. KlangMobil verfügt über einen sechs Meter hohen Turm, den wir immer mit uns führen und überall aufbauen. Die Konstruktion des Turms steht über einer Grundfläche von 3 mal 3 Metern, darüber werden Planen gespannt. Die Architekten sind gefordert, den Turm in den landschaftlichen Kontext zu stellen, temporär.

Ein von mir lang gehegtes Vorhaben, das sich leider nur langsam entwickelt, zielt darauf ab, Architektur hörbar und über das Radio „radiophon“ zu machen. Ein schwieriges Unterfangen, doch nach unzähligen Gesprächen mit Architekten hat sich mittlerweile eine konkrete Vorstellung herauskristallisiert. Nun geht es darum, die Zeit für die Umsetzung zu finden und natürlich die finanziellen Mittel. Dann wird es darum gehen, Architektur zu suchen und sie akustisch transparent zu machen, Räume zu suchen, die akustisch etwas bieten können. Architekten übersehen bisweilen die akustische Komponente. Architektur ist nichts statisches, sie ist dynamisch, davon bin ich überzeugt. So macht es einen eklatanten Unterschied, ob ich mich durch einen großen Sakralraum schnell oder langsam bewege. Also, meine Intention ist es, mit Architekten auf einem Nebengleis zu wandeln, sie abzulenken und mit ihnen über das Hören zu diskutieren. Vielleicht gibt es ja zu dem Thema „Architektur hören“ Erkenntnisse und Menschen, die sich damit schon beschäftigen, dann ließe sich daraus schon wieder ein wunderbares Netzwerk bilden.

Bewegung macht hungrig. Im Rahmen von KlangMobil entsteht auch ein Kochbuch.

Günther Zechberger: Ein Work in Progress, wie alles bei uns. Das Kochbuch wird von meinem Sohn mit großer Liebe betreut. Er ist bildender Künstler und Koch und beschäftigt sich mit der regionalen Küche von Österreich, Italien, Kroatien, Slowenien, Ungarn. Auch auf dem Gebiet bedienen wir uns eines Netzwerkes: In Ljubljana kennen wir einen großartigen Koch, einen ziemlich versponnenen Menschen, ein Zufallstreffer gewissermaßen. Mit ihm wird sich mein Sohn jetzt zusammenschließen. Eine spannende Geschichte, denn in unser Kochbuch wird nicht die Haute Cuisine Eingang finden, sondern die regionale Küche, mit Produkten, die in den jeweiligen Gebieten wachsen oder die dort vorhanden sind. So entsteht eine weitere Facette des Kulturraumes Drau.

Nach der letzten Etappe von Drau/Drava – KlangMobil liegt also ein Kochbuch auf, das online nachzulesen sein wird – über www.dravaradio.eu kann man jetzt schon ein wenig darin schmökern. Auch ein paar alte Rezepte wurden aufgenommen, allerdings in modifizierter Form, denn die einstigen Essensgewohnheiten würden den heutigen Magen mitunter arg irritieren.

KlangMobil setzt nicht nur künstlerisch Akzente, sondern auch ökologische. Die für die Veranstaltungen benötigte Energie kommt aus einem transportablen Photovoltaiksystem, diese Anlage versorgt wiederum ein ausgeklügeltes, speziell entwickeltes Soundsystem.

Ja, wir entwickelten ein eigenes, neues Energiekonzept und bauten z. B. Verstärker, die nur 10 Prozent der üblichen Energiemenge benötigen. Mit Solarenergie und Akkus lässt sich die Veranstaltung ganz gut beschallen. Die während des Radfahrens entlang der Drau entstandene Musik muss übertragen werden. So kreierten wir das vorhin schon erwähnte Ü-Rad, das ein ungemein charmantes Surrounding besitzt. Es ist immer wieder schön, die Erfahrung zu machen, dass man einen Wunsch äußert – ein kleines Vorrecht des Komponisten, das zu tun – und sofort kompetente, fähige Menschen findet, die diesen in die Realität übersetzen können. Auch das ist wieder einem funktionierenden Netzwerk zu verdanken.

Drau/Drav ist mehrjährig und Etappenförmig ausgelegt. Letztes Jahr wurde gestartet, heuer folgen Etappe 3 und 4, kommendes Jahr der Schluss mit Etappe 5. Wann und wo wird heuer gestartet?

Die dritte Etappe startet am 28.Juni in Maribor und endet am 6. Juli in Virovitica. Dazwischen liegen die Stationen Ptuj (29.06.), Ormož (01.07.), Varaždin (02.07.), Koprivnica (04.07.). Die 4. Etappe nimmt ihren Anfang am 30. August in Lienz und führt bis Selkach in Kärnten, wo wir am 5. September ankommen werden. Dazwischen fahren wir die Stationen Oberdrauburg (31.08.), Spittal an der Drau (02.09.) und Villach/Beljak (04.09.) an.

Nächstes Jahr führt die Reise dann von Virovitica nach Aljmaš (HR).  Die exakten Daten lassen sich unter www. dravaradio.eu/bridging.html nachlesen. So alles planmäßig läuft, endet das Projekt Dau/Drava – KlangMobil nächstes Jahr. Dann wird man sehen, was in weiterer Folge passiert. Garantiert wird es eine große Aufarbeitungsphase geben und in irgendeiner Form werden wir weitermachen.

Auf welche Höhepunkte darf sich der Besucher heuer freuen?

Günther Zechberger: Ein wichtiger Tag steht uns am 1. Juli bevor. Da wird in Ormós, der Grenzstadt von Slowenien nach Kroatien, ein ganztägiges Fest über die Bühne gehen. An diesem Tag tritt Kroatien der EU bei und da ich im tiefsten Herzen überzeugter Europäer bin und Kroatien unglaublich schätze – wir realisierten dort auch viele Projekte und ich finde dort Dinge, die sich anderswo nicht mehr finden lassen -, werden wir auf unsere Art mitfeiern.

Wäre es für Sie vorstellbar, ein Festival an einem fixen Austragungsort durchzuführen respektive zu leiten?

Günther Zechberger: Eigentlich nein. An sich hege ich eine Aversion gegen immerwährende Festivals. Alle meine Projekte sind temporär angelegt. Wenn etwas ewig weitergeführt wird, verliert man doch meist irgendwann die Lust daran, es wird uninteressant. Doch wenn die große Verführung käme und man verleitet werden würde, dann könnte man sich überlegen, ein Festival über einen gewissen Zeitraum zu veranstalten um dann zu sehen, wie man letztendlich die Grenzen wieder sprengen kann. Kreative Arbeit fängt doch tatsächlich erst da an, wo man Gegebenes missachtet, nicht im negativen Sinn sondern im Sinne einer Zerstörung des Gegebenen, um aus den Bruchstücken wieder etwas Neues zu formen.

So war ich in Tirol der Erste, der mit seinem Ensemble ungewöhnliche, unübliche, teils auch nicht gut funktionierende Orte im Land wählte, um Konzerte auszutragen, z. B. in der Gletscherhöhle am Hintertuxer Gletscher. Da kann ich doch mit Stolz sagen, gewisse Pionierarbeit geleistet zu haben. Ich war auch der Erste, der in den 90er Jahren von Tirol aus ein Simultankonzert mit Musikern in Madrid geleitet hat, das lief über neue Technologien, über ISDN-Leitung. Doch um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist natürlich anzufügen, dass die Idee, an ungewöhnlichen Orten Aufführungen zu machen, nicht von mir stammt, das wurde bereits in den 60er Jahren von Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel praktiziert.

Doch zurück zu etablierten Festivals, die für mich dann durchaus problematisch sind, wenn eine große Menge Geld zur Verfügung steht, die es möglich macht, nach Katalog einzukaufen. Das wäre mir ehrlich gestanden viel zu langweilig.

http://www.dravaradio.eu
http://www.gegenklang.eu
http://www.zechberger.at