mica-Interview mit Frenk Lebel

Neben seinen künstlerischen Aktivitäten ist Frenk Lebel momentan Teilzeit-Kindergärtner und Musikvermittler. Als Songwriter schaffte er es mit der Band “Play The Tracks Of” (gemeinsam mit Werner Moebius) Mitte der Neunziger Jahre zum beliebtesten Pop-Album in der Jahreswertung des Chefredakteurs des Amerikanischen Rolling Stone Magazins. Seitdem sang er für Mauracher, schrieb Songs für Christina Stürmer und arbeitete im Stillen an seinem Solo-Album. Selbiges liegt jetzt vor, trägt den Titel “Poems and Contradictions” und zeigt ihn in Hochform. Mit dem mica sprach er über Jugend-Ghettos, den “Nowhere Train” und die Welteroberung mit melodramatischem Pop. Das Interview führte Markus Deisenberger.

Im Standard war neulich über Dich zu lesen, Du seist als Songwriter “ewig unterschätzt”. Für Dein neues Album “Poems Contradictions” hast Du nun mit Stefan Deisenberger von Naked Lunch, einer Band, der das Stigma “ewig unterschätzt” quasi eingebrannt ist, gemeinsame Sache gemacht. Gefällt man sich da in der Rolle der “ewig Unterschätzten”, oder ist das kein Thema?
Ich habe Jahre lang kein Album raus gebracht. Wer soll mich da schätzen oder unterschätzen?

Dieses “Unterschätzt sein” hat oft auch den Beigeschmack, dass sich da jemand in seinem Kämmerchen grämt, weil er nicht so wahrgenommen wird, wie er das gerne hätte…
Erstens hab ich das nicht über mich gesagt. Zweitens ist es einfach: Ich denke dass Christian Schachinger, auf den du dich beziehst, meine Arbeit als relevant und wertvoll einschätzt und sich dieser Umstand seiner Ansicht nach nicht zur Genüge im äußeren Erfolg spiegelt. Also vom derStandard fühl ich mich daher sehr geschätzt. (Schmunzelt) Und in meiner Wohnung, daheim, fühle mich eigentlich auch nicht ständig unterschätzt. Ich mach die Hausarbeit ganz gut.

Und wieso hat Dein aktuelles Album so lange gedauert?
Ich musste mich neu definieren. Neue Arbeitsweisen finden. Von Anfang an hatte ich eine gewisse Vorstellung, wie das Ergebnis klingen soll. Wenn ich einen Song schreibe, dann habe ich, nur wenn ich ihn auf der Gitarre spiele, immer schon eine ziemlich genaue “Audio-Vision”, wie er aufgenommen klingen muss. Ich weiß nur noch nicht, wie ich da hinkomme. Und vor allem: ich kann es technisch nicht umsetzen. Hab zwar selbst zu Hause aufgenommen und in verschiedenen Konstellationen mit anderen Technikern, teils kamen dabei Sachen raus, die sehr charmant waren. Veröffentlichen konnte man aber sie trotzdem nicht.

Wieso nicht?
Weil sie nicht wirklich die Idee von dem Song rüber brachten und zu schlecht aufgenommen waren. Also fing ich dann nach zwei Jahren noch mal von vorn an. Ich hab dazwischen bei Patrick Pulsinger einen Song für einen Film aufgenommen, in dem Pierce Brosnan mitspielte. Eine inszenierte Umwelt-Doku, an der österreichische Produzenten mitwirkten. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht wirklich namhaft. Deshalb haben sie eben Patrick Pulsinger dazu geholt und ich wiederum habe Stefan Deisenberger von Naked Lunch eingeladen, Keyboard und Klavier zu spielen. Die alte Naked-Crew kannte ich schon lange. Das war aber noch die Zeit bevor der  Stefan dabei war. Ihn selber hatte ich erst kurz vor den Aufnahmen kennen gelernt. Ich war ja lange aus der Szene abgetaucht, lebte in Berlin. Dann kam ich zurück, wurde Vater, hörte mit Play The Tracks of auf…

Wieso eigentlich?
Eine Phase, ein Zyklus war vorbei. Das Leben findet so statt: es ist vergänglich. Wir hatten eine großartige Zeit gemeinsam, haben aber auch immer gesagt, wir machen das, solange es passt. Sollte es mal nicht mehr stimmen, dann hören wir auf. Genau so haben wir es getan. Der Zug von Werner Moebius, Kunstmusik machen zu wollen und müssen, wurde einfach zu stark. Das ist ja auch das Feld aus dem er kam. Er ging zuerst nach Amerika, dann England. So einfach war das. Wir verstehen uns nach wie vor sehr gut und sehen uns auch, wenn er da ist, oder ich dort bin.

Vielleicht kommt sogar noch ein Album mit unveröffentlichten Play The Tracks Songs raus. Stücke mit denen wir damals nicht zufrieden waren. Werner war damals schon ganz woanders und ich hatte keine Lust mehr, alleine daran weiter zu arbeiten. Deshalb haben wir es letztlich gegen Ende hin auch nicht mehr auf den Punkt gebracht. Zwar hatten wir einen Deal mit EMI, haben es dann aber doch nicht gemacht. Wir waren immer schon gute Nein-Sager, wenn uns etwas nicht passte, etwas nicht gestimmt hat.

Stefan Deisenberger hab ich mit Naked Lunch beim ausverkauften Wien-Konzert der “This Atom Heart” – Tour gesehen und er hat mich wirklich sehr, sehr beeindruckt. Nach der Show haben wir uns dann Backstage kennen gelernt. Ich, eben zu seinem Fan mutiert, hab ihm entsprechend gehuldigt und er outete sich als ein Erz-Fan von mir. Wir gingen einen trinken und irgendwann hab ich ihm eröffnet, dass ich mit ihm mein Album machen möchte und er hat Ja gesagt. Daraufhin sind wir gemeinsam eineinhalb Jahre im Studio gesessen.

Am Anfang haben wir uns sehr lange Zeit gelassen, den Sound zu definieren. Es gab da einige Probleme für mich. Eine Hauptschwierigkeit zum Beispiel war, dass wenn ich alleine spiele, die Songs immer eine Dynamik haben, die dann im Studio verloren geht. Ich werde langsamer, ich werde schneller, lauter, leiser. Ansätze, die auch in der klassischen Musik durchaus Gang und Gäbe sind, in der Pop-Musik aber keine Rolle spielen. Da gibt es einen durchgängigen Klick im Studio und der ruiniert mir immer die Feinheit meiner Songs. Ich variiere ja auch nicht, sondern bin sehr präzise darin, wann ich genau schneller und langsamer werde. Das Problem schilderte ich Stefan, woraufhin er eine Lösung suchte und auch fand: Er hat den Klick so programmiert, dass er haarscharf meine Performance unterstützt und zu dieser dazu spielt und nicht umgekehrt und somit auch die ganze Elektronik mitzieht. Wir haben sozusagen den Klick geknechtet und nicht der Klick die Musik.

Das stelle ich mir sehr schwierig für die Musiker vor. Die müssen doch dann exakt mitziehen.
Überhaupt nicht. Das ist den Musikern nicht einmal aufgefallen. Nimm “Summer is Over”: Der Song fängt bei 115 bpm (beats per minute) an, steigert sich auf 121 bpm im Refrain und im Instrumental sogar auf 122. Das ist nicht einmal dem Schlagzeuger groß aufgefallen. Ich hab ihn gefragt. Es ist einfach organisch.

Faszinierend. Das ist nicht einmal ein kleiner Unterschied.
Stimmt. Genau da verläuft ja der Unterschied zwischen dem, was vom Musikhörer als langsam oder schnell aufgenommen wird: Die Herzschlag Frequenz. Exakt das aber ist auch die Intention des Songs: An Stellen, wo es die Aussage unterstützt, das Tempo anziehen, dann wieder entspannen. Das hat problemlos funktioniert und der Performance, dem Ausdruck und allem, was ich erreichen will, enorm geholfen. Das sind die Details, die letzten Endes entscheidend sind. Stefan Deisenberger war sehr, sehr wichtig für mich. Sein Einfluss bei dieser Produktion kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und so wie das Album jetzt ist, genau so wollte ich es auch. Ich hab mir lange Zeit gelassen. Weißt Du: Es gibt Leute, die dokumentieren alles, was sie machen und das ist in Ordnung. Mir aber fällt das nicht leicht. Ich kann keine Dinge raus bringen, von denen ich nicht restlos überzeugt bin. Mit diesem Album bin ich zufrieden, mit jedem Ton.

Immer noch?
Ja. Nicht, dass man es nicht anders hätte machen können. Aber wir, Stefan und ich wollten das so.

Wann genau war es jetzt mit Play The Tracks Of aus?
2003. Es gab noch zwei Singles, die halbe EPs waren und Konzerte. Das Album kam dann aber nie mehr raus. Ein Freund von uns, Walter Robotka, der die Klanggalerie betreibt, ist immer noch Fan von diesen Sachen und möchte das Album jetzt heraus bringen. Mal sehen.

Und zwischen 2003 und dem Album jetzt? Was hast Du da gemacht?
Für Mauracher gesungen und Gitarre gespielt, auf Tournee gewesen, Songs für Christl Stürmer, Tammee Harrison, Lukas Perman und ich weiß nicht wen aller geschrieben, viele Songwriting-Kurse gegeben und Musikvermittlung für Lehrlinge und Schüler betrieben.

Welchen Song hast Du für Christl Stürmer geschrieben, wenn ich fragen darf?
“Wir halten jetzt die Welt an”. Damals war sie mit dem Musicalsänger Lukas Perman zusammen, für den ich schon gemeinsam mit Bobby Gutdeutsch Songs geschrieben hatte. So hat sich das ergeben.

Es muss ein großer Unterschied sein, für andere zu schreiben.
Ja. Es war ein Riesenunterschied, dass es für Christl Stürmer zum Beispiel auf Deutsch sein musste, was ich für mich so gut wie nie mache, wenn man jetzt einmal von persönlichen, unveröffentlichten Gedichten absieht, von denen ich nicht wüsste, wie ich sie singen sollte. Meine Sozialisation ist einfach englischsprachig und die englischsprachige Musik spielte von Anfang an eine zu große Rolle in meiner Geschichte.

Wie fing es an? Wie kamst Du zum ersten Mal mit der Musik, die Dich prägte, in Kontakt?
Angefangen hat es mit einem Hippie-Onkel, der The Who, Velvet Underground und alles Mögliche in der Richtung hörte. Das, was aus dem Regionalradio dröhnte – deutschsprachiger Schlager – löste schon als kleines Kind Unwohlsein bei mir aus. Aber die Musik dieses Onkels war fremd und deshalb cool. Der Beatles Song “Revolution Number 9” – so etwas hatte ich noch nie vorher gehört.
Dass ich kein Wort von den Texten verstand, war befreiend. Insgeheim beschloss ich schon damals, dass ich das auch machen will.
Das zweite Erweckungserlebnis hatte ich dann mit 14 auf einer Südtiroler Almhütte. Dort kam ich mit Joy Divisions “Disorder” in Kontakt, was nicht nur angenehm war. Diese Kitzel-Mischung aus depressivem Grusel und geballter Energie hat mich ungemein gereizt und gebannt. Ja, und dann bin ich in England mit den Smiths in Kontakt gekommen. Das wurde meine große Liebe… Es passte einfach ungemein zu meiner persönlichen Stimmung. In Linz, wo ich aufwuchs, fanden die Smiths alle langweilig. Die hörten dort the Police, was ich wiederum äußerst langweilig fand.

Grundsätzlich herrschte dort wahrscheinlich auch eine etwas härtere Gangart.
Nicht unbedingt. Es gab da durchaus Leute mit ausgeprägtem Popverständnis. Und Linz spielte eine wesentliche Rolle für meine Entwicklung. Ich war dort in sehr vielen Bands als Schlagzeuger, hab mich quer durch getrommelt, wenn Du so willst. Und das Bewusstsein für Styling und Inszenierung, genährt durch einen historisch bedingten Minderwertigkeitskomplex, war dort immer sehr groß.

Was verstehst Du unter Minderwertigkeitskomplex?
Linz war bis in die Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts eine Kleinstadt, nix von urban und wurde erst durch den Bau der späteren Voest Alpine-Stahlwerke, die vorher die Hermann Göhring-Werke waren, groß, weil viele Leute vom Land hinsiedelten und einige Stadtteile – auch der, in dem ich aufgewachsen bin – entstanden erst zu jener Zeit. Dort wo ich aufwuchs, war Ghetto. Und auch heute noch ist die Gegend genauso stigmatisiert wie damals, hat mir kürzlich jemand erzählt.

Wo war das?
Zöhrdorfer Feld. Endstation Buslinie 41. Da herrschten Mord und Totschlag. Viele meiner Jugendfreunde wanderten schnurstracks in den Häfen. Das Erziehungsheim, das muss man den Stadtplanern lassen, war geografisch clever angelegt: Mitten im Viertel und direkt neben unserem Haus. Oft wusste man nicht, ob die Jungs drinnen oder draußen sind, weil es natürlich auch ein Loch im Zaun gab.
All diese Dinge waren aber insofern auch wichtig, weil es dadurch für mich eine ziemliche Notwendigkeit für einen Eskapismus gab. Dort nicht sein zu müssen, dort wegzukommen war das Ziel. Da dies in meiner Kindheit physisch nicht ging, musste ich das psychisch und spirituell erledigen: Musik war der einzige Raum, in den ich eintreten konnte, wo ich mich wegbeamen konnte.

Wie verlief die Schulzeit?
Zuerst eine Volksschule, die gar nicht witzig war. Dann die Musikhauptschule, die sehr wichtig war für mein Entwicklung und dann kam ich ins Lentia-Borg, das war wiederum furchtbar. Dort wollte ich nie hin.

Und dann hat man plötzlich die Matura…
Genau. Zuerst einmal bin ich nach Wien und von dort aus sehr viel gereist: Nach Dänemark zum Beispiel, England, USA. In der Zeit habe ich mir mit Schlagzeug spielen mein Geld verdient, aber auch schon begonnen Songs zu schreiben. Studieren wollte ich nie, obwohl und WEIL ich sehr lange klassischen Violinunterricht hatte.

Wieso war Studium nie ein Thema?
Um es mit einer Anekdote zu erzählen: mein Geigenlehrer bekam in einer meiner Stunden einen Schlaganfall, weil ich dreimal hintereinander einen Triller zu viel spielte. Ich würde mir heute schon auch ein wenig Bösartigkeit unterstellen, aber einen Schlaganfall wollte ich natürlich nicht erzielen. Mit einem riesigen Donner ist er aufs Klavier gebrochen. Zuerst hab ich mir gar nicht viel dabei gedacht. Hin und wieder ist ja auch ein Mistkübel nach mir geflogen. Aber nachdem er sich eine Zeit lang nicht rührte, hab ich seine Frau und die Rettung verständigt. Das war dann das innerliche Ende meiner bereits zehn Jahre dauernden Karriere als Violinist. Ich ging noch eineinhalb Jahre zu einem anderen Lehrer, aber in Wahrheit wollte ich nie Geiger werden und habs mit der Matura auch gelassen.

Ganz umsonst war es aber nicht: In der Band Nowhere Train spiele ich jetzt Mandoline und das geht nur aufgrund meiner Geigen-Erfahrung. Heute zum Beispiel  habe ich sehr viel Schostakovich gehört, wie ich überhaupt in letzter Zeit, seit ich an der Bruckner Uni Linz Musikvermittlung studiere, sehr viel klassische Musik höre. Leonard Bernstein z.B. war ein genialer Musikvermittler. Bei Schostakowitsch gefallen mir die Geigen-Parts so, dass ich neulich wieder meine Violine ausgepackt habe. Die ist so was von kaputt. Der Steg und alles – völlig fertig. Aber ich lass sie jetzt herrichten, weil ich für mich zu Hause wieder spielen will.

Um auf den Eskapismus zurück zu kommen: Ist der Grund, aus dem Du damals Musik gemacht hast, überhaupt mit dem, weshalb Du heute Musik machst, zu vergleichen? Damals wolltest Du sicher die Welt erobern. Was ist es heute, das Dich antreibt?
Da hat sich viel geändert. Es geht jetzt vor allem um Kommunikation. Früher wollte ich, wie du sagst, die Welt erobern, nämlich die äußere. Und genau genommen, wollte ich aus meiner Haut raus. Aus dieser Haut, die nach Ghetto stank. Davon wollte ich so weit wie möglich weg. Von mir. Mir mit diesem Geruch und dieser Geschichte.

Heute will ich in meine Haut hinein und tiefer. Heute geht’s um innere Welten, Räume, die sich öffnen, in die ich eintrete, die ich in Song und Sound erforsche und ausdrücke. Es ist eine schlichte Notwendigkeit, es tun zu müssen, einfach weil es für mich so wesentlich ist. Egal, ob ich mich davon finanzieren kann oder nicht.

Dann ist es also doch Berufung, wie Christian Schachinger im Standard schrieb.
Natürlich. Weißt du wie das ist, wenn du entspannt da liegst und plötzlich steigt die Idee für einen Song oder überhaupt ein fix und fertiges Lied in dir auf, mit allem drum und dran, Text, Melodie, Chords? Pure Mystik. Das sind mitunter die glücklichsten Momente meines Lebens und dafür, dass ich das erleben kann, bin ich äußerst dankbar. Und diese Dankbarkeit gebe ich dann zurück und weiter indem ich die Songs singe und aufnehme. Da ich das so erlebe, weiß ich, dass diese Arbeit einen Wert hat, allein dadurch, dass sie von sich aus statt findet. Ob dieser Wert von anderen erkannt wird oder nicht, ist wieder eine andere Geschichte.

Schau: Vor drei Jahren, als ich mich entschied, das Album zu machen, hab ich dafür meinen Job im Kindermuseum an den Nagel gehängt. Damals hatte ich eine sehr dichte Phase. Täglich fielen mir ein, zwei Lieder ein und ich denke, dass man dann als Künstler auch die Verantwortung hat, das umzusetzen – das ist für mich eine Frage de Integrität. Unabhängig davon, ob und wie das von anderen wahrgenommen wird oder ob es monetär etwas umsetzt für mich. So jedenfalls empfinde ich es. So handle ich.

Auch von der Art, wie die Musik dargeboten wird, gibt es große Unterschiede zwischen damals und heute. Während “Play The Tracks Of” eine sehr inszenierte Angelegenheit waren, wirkte die Präsentation Deines neuen Albums geradezu relaxed, zwischendurch waren auch mal Kinder auf der Bühne. Eine Absicht, wohin genau das gehen oder wie es rezipiert werden soll, war nicht erkennbar.
Du triffst den Nagel auf den Kopf: Mittlerweile geht’s vor allem um Absichtslosigkeit. Um ein sich frei Bewegen, Entscheiden, Agieren, unmittelbar aus dem Moment heraus. Um Furchtlosigkeit – manchmal trotz Angst – Fear and do it anyway, wie eloui zu sagen pflegt.

Wenn wir das kleine Ich, das wir oft meinen zu sein, etwas hinter uns lassen können und uns nicht ganz so festlegen müssen auf ein Bild, das wir von uns selber haben, dann begegnen wir oftmals hinter der nächsten Ecke um die wir biegen, den erstaunlichsten Dingen, von denen wir gerade eben noch keine Ahnung hatten, dass es die für uns gibt. Im Grunde möchte ich in meinen Konzerten, gemeinsam mit dem Publikum, genau das machen, was ich allein zu Hause beim Songwriting auch mach: Immer mit dem rechnen, womit man nicht rechnen kann. Dem Moment sein Geheimnis entlocken.

Bist Du, um diese Räume öffnen zu können, weg vom Major und hin zum eigenen Label?
Erstens: Nein. Denn ich war nie aufm Major. Zweitens: Ja, das war schon immer der Grund für eine starke Tendenz zur Selbständigkeit. In der Kunst gings mir zuerst immer um die Kunst. Alles andere macht für mich keinen Sinn. Und mal ganz ehrlich, was willst du denn heute von einem Major, noch dazu in Österreich, erwarten? Ein kleines englischsprachiges Label als Kooperationspartner zu finden – das wäre eine schöne Geschichte.

Wie denkst Du, ist das Album angekommen?
Von meinen beiden Fans gibt’s gute Rückmeldungen. Da war einiges an Fanmail, so vier sms und auch die Cd-Präsentation war ja zwei mal voll: um 19 Uhr sehr o.k. und vor allem unerwartet. Da dachten wir es kommen vielleicht die beiden Fans und ein  Freund dazu. Es waren aber dann zwei Freunde. Ich wusste gar nicht, dass ich so viele habe. Beim 22 Uhr Konzert wars ja dann richtig voll: die 2 Fans, ein weiterer Fan in Ausbildung, die zwei Freunde waren wieder gegangen, jedoch kamen noch ein paar Verwandte…  (lacht)

Nein, mit der Reaktion von Fanseite bin ich sehr zufrieden. In Printmedien gabs einiges: Standard, Falter, Skug Magazin, Rolling Stone Magazin bisher noch nicht , und so weiter. In einigen Artikeln, fand ich meine Arbeit sehr präzise porträtiert. Das hat mich gefreut. Radio war eher eine Enttäuschung. Ich war überzeugt, da geht was. Doris Knecht hat es auch passend im Falter umrissen.
Ich finde das ja dumm: In Österreich werden viele kreative Ressourcen einfach brach liegen gelassen.

Jetzt läuft die neue “Big Time” schließlich auf Fm4. Eine ältere Version von “Big Time” war vor 3 Jahren schon einmal auf Rotation und in den Fm4 Jahrescharts, wurde aber nie veröffentlicht. Die hatten sie damals in einer anderen, sehr rohen Version, ohne Veröffentlichung ins Programm rein genommen…

Ansonsten bereite ich mich darauf vor, im Frühling zu touren. Live habe ich mit der Band das erste Mal bei der CD-Präsentation gespielt. Unser Gitarrist wird heute Vater, ist gerade ins Krankenhaus gefahren. Da nehmen wir doch Rücksicht drauf, dann legen wir los.

Wirst Du im Frühling mit der gleichen Band touren?
Im Wesentlichen schon, eventuell will ich noch einen Keyboarder dazu haben. Das allerdings wird nicht der Stefan Deisenberger sein, da der zu eingespannt in andere Projekte ist.

Hast Du Kontakte zu anderen Protagonisten der Singer- Songwriter-Szene?
Klar. Zu verschiedenen. Ich hab auch immer wieder Kontakt zu Klaus Tozler und seiner Songwriter-Association, in deren Rahmen ich neulich auch spielte. Da ist mir auch der Pieter Gabriel untergekommen, dessen Musik ich toll finde.

Und Dein Projekt Nowhere Train…
…ist nicht MEIN Projekt, es ist ein interdisziplinäres Kollektiv bestehend aus einem Filmteam – Peter Sihorsch, Clemens Haslinger, Valenteeny Wanker, einem Autor – Hosea Ratschiller und fünf Musikern, nämlich Jakob Kubicek, der mit Stefan Deisenberger die Band Love and Fist betreibt und den Nowhere Train erfand. Ian Fisher aus St Louis, Stefan Stanzl von A Life A Song A Cigarette, Deisenberger Stefan und mir selbst. Dazu gekommen als Musiker ist jetzt noch Martin Mitterstieler am Bass, der auch bei mir in der Band spielt. Auch der fabelhafte Sir Tralala war mal als Gastmusiker dabei.

Mit Nowhere Train spielen wir unsere eigenen Songs und interpretieren sie mit einem Country-Instrumentarium. Wie der Name schon sagt war die Idee, sich gemeinsam in den Zug zu setzen und zu Plätzen zu fahren, wo man eigentlich nie spielt, auch auf Straßen, vor Bahnhöfen und Tieren. Und das taten wir dann auch. Hosea Ratschiller schrieb täglich eine Geschichte über das, was wir gerade erlebten.  Fm4 veröffentlichte das Tag für Tag auf ihrer Homepage inklusive eines kurzen Filmclips. Immer noch nachzulesen und schauen unter fm4.orf.at/nowheretrain. Bei unserer ersten Reise entstand eben auch ein Film, den wir kürzlich auf einer weiteren Zugfahrt durch die Lande vorstellten. Insgesamt war das eine der besten Sachen, die wir alle miteinander je gemacht haben. Im Sommer sind schon wieder Konzerte fixiert.

Wenn man so quer durch die Landen fährt, erlebt man sicher allerhand.
Das kannst du laut sagen. Erste Station war eine Agrarkommune in Kärnten, danach  spielten wir in Kirchbichl in Tirol ein Konzert für Kühe (100 Menschen schauten dabei zu), dann gab es einen Tag, an dem wir nicht wussten, wo wir enden. In Salzburg am Land, am Wallersee war das Wetter schließlich so schlecht, dass der beim Konzert im Strandbad anwesende Hoteldirektor Alfred, uns alle gratis im Viersterne-Hotel  übernachten ließ. Eine tolle Geste. Am nächsten Tag gings in die Steiermark. Über Fm4 und die Regionalradios hatten wir ankündigen lassen, dass wir für den, der uns abholt und ein Essen organisiert, spielen werden. Gespielt haben wir dann schlussendlich auf einem Spielplatz in Schladming.

Was aber wirklich zählt, sind die Begegnungen. Beim Seewiesen-Fest etwa hatte Stefan Stanzl keine Zeit. Der Zufall wollte es so, dass einer der jungen Menschen, die uns nach Schladming einluden, mir eine CD in die Hand drückte, die so gut war, dass wir ihn vom Fleck weg mitnahmen. Den neunzehnjährigen Songwriter Philipp Szalay – ein Name, den Du Dir merken musst. Er hatte mit uns die Zeit seines Lebens, hat er nachher gesagt. Wir mit ihm auch. Das Schöne im Nachhinein war: Vorher hat er nie ein Konzert bekommen. Nachdem er mit uns unterwegs war, hat er im Vorprogramm von Helgi Hrafn Jonson in Graz gespielt. Und der Helgi war übrigens auch Gastmusiker bei uns.

Wenn man mit Dir spricht fällt aber überhaupt auf, dass Du von anderen Musikern, Mitmusikern, Weggefährten etc immer sehr achtungsvoll sprichst. Eine fehlt mir noch: Elouie, die Dich stimmlich vor allem auf Platte und Bühne optimal ergänzt. Elouie und Du, ihr scheint euch gesanglich gefunden zu haben.
Das ist auch einer dieser raren Glücksfälle. Wir haben schon vor vielen Jahren, als ich wieder nach Wien kam – da war sie noch gar keine Musikerin –  im Kindermuseum gemeinsam gearbeitet. Dann kam auch noch das Kinderkonzertprojekt Triolino dazu, wo wir beide aber für den bildende Kunst Teil zuständig waren. Im Zug sind wir einmal auf einer Triolino-Konzerttournee von Innsbruck nach Linz gefahren und ich hab die Gitarre ausgepackt. Ich weiß noch, es war ihr Geburtstag, wir sind falsch und versehentlich in Wels statt in Linz ausgestiegen, vor lauter singen und nicht aufpassen. Das war auch ein Nowhere Train. Ich hab gespielt und gesungen, sie hat dazu gesungen und das war so gut, dass ich sofort gemeinsam etwas machen wollte. Dann fing sie auch noch zum Bassspielen an. Für die Aufnahme mit Pulsinger hab ich sie gebeten, den Bass-Part zu spielen, weil ich wusste, dass ich von ihr genau das bekomme, was ich haben will. Ich habe ihr vertraut. Sie hat mir vertraut und es dann auch gemacht. Es war perfekt. Mittlerweile machen wir schon einige Jahre gemeinsam Musik.

Nervt es Dich das eigentlich, wenn Du nach all den Jahren immer noch auf “Play the Tracks of” angesprochen wirst?
Nein, überhaupt nicht. Das war eine wichtige Zeit: Für mich selber und ein paar andere Leute auch. Play The Tracks Of war auch nie Frenk Lebel allein, das war immer die Fusion aus Werner und mir. Und mein Album heute würde sicher nicht so klingen, wenn ich nicht mit ihm zusammen gearbeitet hätte.

Aber Du würdest nicht das machen wollen, was er heute macht und umgekehrt…
Nein und außerdem, keiner von uns beiden würde es können. Aber das war schon immer so. Jeder hat das investiert, was er investieren konnte.

Faszinierend ist doch auch, dass ein Projekt so auseinanderdriften kann.
Der Zug war uns aber immer bewusst und wir haben uns immer gegenseitig versichert, dass, wie schon gesagt, wenn es nicht mehr passt, wir aufhören. Genau unsere Gegensätzlichkeit war es ja, die so befruchtend war. Und deshalb war uns einigermaßen klar, dass diese Gegensätze irgendwann mal wieder auseinanderdriften, wieder ein anderes Forum brauchen würden, als z.B. das Forum des Popduos play the tracks of.

Anfangs, nachdem er aus Wien weg war,  habe ich jemanden gesucht wie den Werber Moebius, mit dem ich meine Songs bis zu einem gewissen Punkt hin dekonstruieren kann. Es gab danach z.B. auch noch einen sehr kurzen Versuch, gemeinsam mit Radian etwas auf die Beine zu stellen. Hat aber zu nichts geführt. Sie waren damals im ganz Abstrakten und ich war da nicht. Dinge, Situationen lassen sich nicht wiederholen.

Allerdings hinterlassen solche Kooperationen ihre Eindrücke: Ich selber mache zwar keine Klangkunst, aber über Triolino habe ich Isabel Ettenauer kennen gelernt, die in der Neuen Musik sehr umtriebig ist und die ich als Künstlerin sehr verehre. Für sie habe ich mein erstes klassisches Stück komponiert. Für Toy-Piano. Isabel ist virtuose Toy-Pianistin. Ich wollte immer schon einmal ein Minimal-Music Stück komponieren. Und für sie hab ich das endlich tun können.

Ein weiteres Beispiel für die unsinnige Trennung zwischen E und U.
Ja, unnütz und doof. Ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit als Musikvermittler ist ja genau, dass der Überbegriff schlicht “It´s the music!” ist. Ich hab auch schon mit Lehrlingen Mozart erarbeitet. Es kommt halt darauf an, wie man es ihnen schmackhaft machen kann.

Und wie macht man es ihnen schmackhaft?
Ich wähle immer den passenden Ansatz. Einmal nahm ich die Entführung aus dem Serail von Mozart, weil da sehr viele türkische Einflüsse drin sind, und viele türkische Jugendliche in der Gruppe waren.

Und die Querverbindungen haben sie gecheckt?
Klar. Man darf den Kids durchaus etwas zutrauen. Vor allem haben sie ja auch die ausdrückliche Erlaubnis, dass es ihnen nicht gefällt. Es muss nicht gefallen. Grundsätzlich biete ich ihnen einen respektvollen Raum, wo sie ohne Angst davor ausgelacht zu werden, ihre eigenen Gefühle ausdrücken können. Dafür sind sie IMMER äußerst dankbar.

Und technisch gesehen, kann das z.B. so gehen: Wir hören den Mozart mit der Intention, mit Teilen daraus zu arbeiten. Das reduziert sofort den Widerstand. Sie wissen: dabei bleibt es nicht. Dann holen wir uns da einige Takte aus dem Stück, von denen wir ausgehen und zu den Takten produzieren und spielen wir dann dazu. Oft fällt dann sogar das Original, weil es ganz woanders hingeht.

 

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