Die Oper “Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung” – frei nach dem Theaterstück von Christian Dietrich Grabbe – ist ab 19. Februar in einer Produktion der Neuen Oper Wien in der Halle E im Museumsquartier zu sehen. Detlev Glanert, der Komponist dieser “komischen Oper”, erhielt dafür gemeinsam mit seinem Librettisten Jörg W. Gronius 2001 den Bayerischen Theaterpreis. Vor der Premiere der österreichischen Erstaufführung in Wien sprach Heinz Rögl mit dem Komponisten.
Es ist ein Lachen der Verzweiflung, das der weitgehend erfolglose und unglückliche Dichter Christian Dietrich Grabbe in seinem zu Lebzeiten nie aufgeführtem Theaterstück “Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung” (1822) anstimmte. Als verbitterter Moralist hielt er einer aus den Fugen geratenen Welt einen Zerrspiegel vor, indem er das Genre der Verwechslungskomödie parodierte und die Gesellschaft seiner Zeit – Adelige, Journalisten, Dichter, Naturhistoriker, Schulmeister und Spießer – einem gnadenlos-sarkastischen Trommelfeuer aussetzte. Kernaussage: Die Menschen sind noch schlechter als der Teufel. Ehrgeiz, Gier, Neid und Egoismus leiten sie.
Der Teufel stattet der Erde einen Besuch ab, weil die Hölle einer gründlichen Reinigung unterzogen wird. Während die Naturhistoriker vergebens versuchen seine wahre Identität herauszufinden, wird dem Höllenfürsten eine wunderbare Vorlage für seine Intrigen geboten. Am Ende stellt er fest, dass er auf der Erde nichts verloren hat, da die Menschen ohnehin viel böser sind als er. Die Welt, so Grabbe im Stück, erscheint “als ein mittelmäßiges Lustspiel, welches ein gelbschnabeliger Engel zusammengeschmiert hat. Die Hölle ist das ironische Nachspiel, das als einziges gelungen ist.” Für den Weltuntergang sorgt nicht der Teufel, sondern ein Mensch, das böse Bürschlein Gottliebchen.
Detlev Glanert, 1960 geboren, studierte u. a. in Köln bei Hans Werner Henze und arbeitete bei dessen Festival in Montepulciano mit diesem zusammen. Er zählt heute zu den in Deutschland erfolgreichsten Musikdramatikern. Zuletzt war er 2007 mit einer “Caligula”-Oper in Köln und Frankfurt erfolgreich. Glanert versteht sich in einer stilistischen Tradition, die sich nicht aus einem “Purismus der Materialerforschung” speist, sondern aus der Lust, Musik aufs Theater anzuwenden. Neben Henze seien ihm dabei etwa Bernd Alois Zimmermann und Wolfgang Rihm wichtige Vorbilder gewesen.
Wie sind Sie auf den Grabbe gekommen, was wurde an der Vorlage verändert, worum geht es Ihnen in der Oper?
Nach den großen tragischen Stoffen wollte ich einmal etwas Komisches machen. Ich hatte Lust auf eine schnelle, rasante Sache, die das Problem unserer heutigen Zeit – nicht nur der Grabbe-Zeit – auf sehr komische Weise auf den Punkt bringt: die allgemeine Anarchie und Verworrenheit im täglichen Leben, wo das wirklich Böse, bei Grabbe der Teufel, längst zum Popanz geworden ist. Das einzig Schauderhafte, das uns in unserem Dasein bedroht, ist das kleine Bürschchen Gottliebchen, der am Ende das Theater und damit die Wirklichkeit zerlegt. Es war klar, dass man den Grabbe-Text so wie er war, nicht vertonen konnte. Er enthält ja sehr viele zeitgebundene Anspielungen, für die man heute dauernd in einem Lexikon nachschlagen müsste. Und es gibt auch viel zu viele Personen. So kam ich auf Jörg Gronius, dessen Hörspiele mich sehr gepackt haben, als ich sie las, weil sie sehr kurz und prägnant formuliert sind. Der kann in Drei-, Vier-Wort-Sätzen irrwitzige Situationen verdichten und das schien mir genau das Richtige. So kamen wir zur Zusammenarbeit – mit dem Segen der Oper Halle.
Komische Opern gab es nach 1945 nur wenig, abgesehen vom “Großen Makabren” Ligetis.
Ligetis Le Grand Macrabre oder Henzes Der junge Lord, im Musiktheater nach dem Zweiten Weltkrieg sehr große Ausnahmen, sind zwei Beispiele, die mich natürlich begeistert haben. Weil sie mit einer ganz anderen Art von Geschwindigkeit umgehen. Ich habe in meiner Grabbe-Oper versucht, eine Musik von hoher Geschwindigkeit zu schreiben, die einen schnellen Witz und einen leichten Fuß hat.
Sie haben zum Teil auch die Theatergeräusche mitkomponiert, ein fast mechanisches, maschinelles Sich-Drehen wie bei einem Perpetuum mobile.
Eine durchgedrehte Welt, die sich immer schneller bewegt und wo das Missverständnis die treibende Kraft ist. Meine Musik kommt sehr aus dem Optischen, und zwar in erster Linie durch Beobachtung von Menschen, das war schon als kleines Kind so. Ich konnte mir Musik ohne sich bewegende oder agierende Menschen – oder auch das Gegenteil davon – gar nicht vorstellen. So kam ich sehr früh schon mit der Bühne in Kontakt. Ich würde sogar sagen, dass auch meine Konzertmusik davon wesentlich geprägt wurde.
Wie würden Sie sich stilistisch einordnen? Woraus – auch im Umgang mit Tradition und “Fortschrittsdenken” – setzt sich Ihre Musiksprache zusammen?
Die schwerste Frage, die Sie mir stellen können. Weil ich selbst natürlich, stilistisch gesehen, den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe. Weil ich mir selbst zu nahe bin. Es ist ganz gewiss so, dass ich einer Musikströmung angehöre, die sich weniger mit Materialerrungenschaften beschäftigt, als vielmehr mit den psychischen und syntaktischen Auswirkungen eines Materials. Mit der Sprachfähigkeit. Wenn man das so sagen darf, ist das der zweite Strom im deutschsprachigen Musikgebiet gewesen, im Kontrast zu der von Darmstadt geprägten Materialerforschung und -findung. Ich glaube, dass ich da doch eher zum zweiten Strom gehöre, zu dem besonders Henze wesentlich beigetragen hat. Wichtig waren für mich Komponisten wie Wolfgang Rihm, aber auch Bernd Alois Zimmermann. Und von dem Wiener Dreigestirn der Zweiten Wiener Schule würde ich spontan immer sagen, Alban Berg. Und weniger Webern. Und da schieden sich ja die Strömungen. Im Theater kommt es ja auch auf die Lust an, Musik auf etwas anzuwenden, was natürlich mit einem Materialpurismus kaum möglich ist
Sie sind auch ein sehr guter Orchestrator, der Vokalgestus, Dynamik und Orchestersprache akribisch aufeinander abzustimmen vermag.
Das freut mich natürlich sehr – aber das ist Handwerk, das hat nichts mit der Stilistik zu tun. Lachenmann ist auch ein ganz hervorragender Instrumentator.
Man muss sich – bei aller Brüchigkeit – um Verständlichkeit bemühen?
Man muss das Misstrauen mitkomponieren, das ist ganz wichtig. Auf der anderen Seite bin ich kein Einzeltäter im elfenbeinernen Turm. Ich brauche das Publikum, die Öffentlichkeit, an die ich mich wende.
Und wie sind da Ihre Erfahrungen?
Sehr positiv. Es gibt genug neugierige Leute, die sehr interessiert in neue Opern gehen. Und die hören auch manchmal mit mehr Anteilnahme zu, als das Publikum einer ausverkauften Traviata-Vorstellung, wo die Leute wegen eines Namens hingehen und oft von der Musik doch nichts verstehen. Ich habe immer wieder spannende Publikumsdiskussionen erlebt, nicht immer nur mit Zustimmung, beileibe nicht. Solche Aufmerksamkeit und Neugier – auch wenn man gegen Manches protestiert oder es nicht mag – ist mir lieber als ein gelangweiltes, routiniertes Zuhören bei Altbekanntem.
Bleiben Sie dem Musiktheater weiter treu?
Ich versuche immer etwas Neues zu machen. Derzeit eine experimentelle Sache, eine Mischung aus Schauspiel, Oper und Tanz für Aachen: Die Grundlage ist ein Tagebuch des berühmten Tänzers Nijinski, das ist ein ganz einzigartiger Text, den der geschrieben hat, bevor er ins Irrenhaus kam. Ein Text voller Grenzübertritte, den ich auf sechs Darsteller verteilt habe, die auf der Bühne alle Nijinski sind.
SCHERZ, SATIRE, IRONIE UND TIEFERE BEDEUTUNG
Österreichische Erstaufführung
Komische Oper frei nach Grabbe
Musik von Detlev Glanert
Text von Jörg W. Gronius
Premiere 19. Februar 2008, 19.30 Uhr
Spielzeiten 22., 23., 27., 28. Februar 2008, 19.30 Uhr
Spielort Halle E im Museumsquartier, Wien
Musikalische Leitung Walter Kobéra
Inszenierung Nicola Raab
Ausstattung Benita Roth
Choreographie Nikolaus Adler
Der Teufel Bernhard Landauer
Der Baron Alfred Werner
Liddy, seine Tochter Magdalena Hoffmann
Freiherr von Mordax Thomas Tatzl
Einführungsgespräch mit Walter Kobéra jeweils vor den Vorstellungen um 18.45 Uhr, Halle E im Museumsquartier, Wien
Fotos: Plakatsujet: © garnitur
Detlev Glanert: © Iko Freese
Karten & Info: www.neueoperwien.at
Tel.: 01/218 25 67 oder
Wien-Ticket, Tel.: 01/58 885, www.wien-ticket.at
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