mica-Interview Mann über Bord

Das Trio Mann Über Bord mit Erwin Schober (Schlagzeug, Gesang), Stefan Ehgartner (Gitarre, Gesang) und Stephan Sperlich (Synthesizer, Gesang) hat kürzlich sein Debut-Album “Frauen und Kinder zuerst.” fertig gestellt, das im September vorgestellt werden soll. Im mica-Interview spricht die Band den bevorstehenden Release.

Wie lange gibt es euch als Band “Mann Über Bord” jetzt schon?

Stefan Ehgartner: Unser Debut-Konzert und damit offizieller Startschuss für die Band war Silvester 2003, also von 2003 auf 2004.

War es schon länger von euch geplant, in dieser Konstellation einmal gemeinsam Musik machen zu wollen, oder ist die Band eher spontan entstanden?

Stefan Ehgartner: Die Band ist einfach so entstanden, aus der Tatsache erwachsen, dass wir alle denselben Gemeinschafts-Proberaum genutzt haben und dort auch die meiste Zeit verbracht haben und irgendwann dann auch angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen.

Stephan Sperlich: Erwin und ich kennen uns schon sehr lange, wir haben schon mit ungefähr 14 Jahren gemeinsam in einer Schulband gespielt und dann ist halt noch der Stefan an der Gitarre zu uns gestoßen und das funktioniert eigentlich ganz gut.

Habt ihr neben Mann Über Bord noch andere Projekte am laufen?

Stephan Sperlich: Ich bin noch in ein Projekt namens “78plus” involviert, bei dem alte Shellac-Platten gesampelt werden. Da entsteht momentan auch gerade ein neues Album. Und darüber hinaus, wie es halt so ist, hat man halt verschiedene Projekte. Ich bin auch ein bisschen in der Improvisationsszene unterwegs, Computermusik, elektro-akustische Musik, also viele verschiedene Sachen.

Kommt es bei den verschiedenen Tätigkeiten auch gelegentlich zu Terminkollisionen?

Stefan Ehgartner: “Gelegentlich” ist gut, eigentlich kommt es so gut wie immer zu Terminkollisionen.

Und wie schafft ihr es, Mann Über Bord mit euren anderen (musikalischen) Aktivitäten unter einen Hut zu bringen? Welchen Stellenwert räumt ihr dieser Band gegenüber anderen Projekten ein?

Stefan Ehgartner:  Mann Über Bord hat dahingehend eine Priorität, dass es da nicht so einfach geht zu sagen, “da wechseln wir jetzt irgendjemanden aus, wir nehmen einen Ersatzmusiker”, was bei beispielsweise bei den Freedom Fries schon möglich ist. Aber diese Terminschwierigkeiten sind natürlich immer allgegenwärtig, obwohl bis jetzt eigentlich noch alles ganz gut zu vereinbaren war und wir damit keine größeren Probleme hatten.

Erwin Schober: Ich spiele ja auch bei 78plus mit und da hatten wir schon mehrmals Schwierigkeiten, dass sich alles nicht ausgegangen ist und vor allem wird es dann blöd, wenn man an irgendeinem einzigen, bestimmten Tag nicht kann und dafür aber die halbe Tour absagen muss.Das wird dann auch schnell mal zu einem finanziellen Problem. Aber für mich hat prinzipiell Mann Über Bord Priorität, weil die Band eben aus uns drei Leuten besteht – bei Fatima Spar haben wir immer wieder mit Substituten gespielt und das hat dort auch super funktioniert, aber für Mann Über Bord kann ich mir das nicht vorstellen.

Stephan Sperlich: Für mich ist Mann Über Bord die Band, in der mir das Spielen einfach am meisten Spaß macht und die mir auch wirklich am Herzen liegt.

Stephan Ehgartner: Bei mir ist Mann Über Bord momentan das einzige Projekt, bei dem ich auch live spiele, schon alleine deswegen hat die Band für mich Priorität, weil ich, anders als bei den Jobs, die ich sonst mache, aus dem Studio raus komme und spielen kann – Rock’N’Roll halt.

Ihr habt jetzt vor kurzem ein Album mit dem Namen “Frauen und Kinder zuerst.” aufgenommen. Ist das euer erster Release?

Stephan Ehgartner: Ja, das ist quasi unser Debut-Album, das wir im Februar 2006 aufgenommen und jetzt eben fertig gestellt haben. Dabei haben wir vollkommen in Eigenregie gearbeitet, weshalb auch alles ein wenig länger gedauert hat, als wenn man gleich sämtliche Ressourcen zur Verfügung stehen hat. Wir haben das Album auch komplett selbst finanziert. Und jetzt, wo es endlich fix und fertig ist, sind wir auch sehr zufrieden damit.

Wie seid ihr zu dem Label Pumpkin Records gekommen, auf dem das Album erscheinen wird?

Stephan Sperlich: Ich komme aus der Südsteiermark und den Wolfgang von Pumpkin Records kenne ich jetzt sicher schon seit 15 Jahren und der ist in dieser Gegend eine der wenigen, oder vielleicht sogar die einzige popkulturelle Anlaufstelle überhaupt. Bei dem habe ich auch schon meine ersten Konzerte mit meiner damaligen Schülerband gespielt und auch für ihn und mit ihm verschiedene Sampler-Beiträge gemacht – das Album jetzt bei ihm raus zu bringen, war der einfachste Weg. Darüber hinaus haben wir über Pumpkin Records mit Trost einen sehr guten Vertrieb und es ist einfach ein sehr interessantes und nettes Label, auf dem anfangs sehr viele Sampler erschienen sind, gerade in letzter Zeit aber vermehrt eigenständige Band-Projekte, wie beispielsweise ein Release von Thalia.

Also war es von vornherein für euch klar, dass das Album auf diesem Label erscheinen wird und ihr habt euch gar nicht anderweitig nach anderen potentiellen Labels umgesehen?

Stephan Ehgartner: Nein, nicht wirklich ernsthaft. Dadurch dass wir Pumpkin Records als sichere Option hatten, haben wir uns auch nicht so richtig Mühe gegeben, etwas anderes zu finden. Diese Option war einfach da und ein wirklich gutes Angebot, so dass die Motivation, ein anderes Label für uns zu finden wirklich sehr gering war.

Im Zuge der Recherchen zum Interview bin ich auch auf ein Video zum Album gestoßen, das ein gewisser Sakgayo gemacht hat. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden?

Stephan Sperlich: Also, ich kenne den Sakgayo über den Günther, den Sänger von 78plus. Die haben mit ihm schon für ein Projekt zusammen gearbeitet, bei dem Sakgayo für die Visuals zuständig war und die Idee, für uns ein Video zu machen, stammt eigentlich von ihm. Umgesetzt haben wir die Idee dann ziemlich schnell. Innerhalb von ein bis zwei Stunden sind die Aufnahmen am Donaukanal entstanden und er hat dann komplett in Eigenregie in Korea wirklich was sehr tolles zusammen geschnitten. Das Endergebnis hat jedenfalls unsere Erwartungen bei weitem übertroffen, vor allem im Hinblick auf die doch eher bescheidene Menge an Videomaterial aus dieser ein oder zwei Stunden Aufnahme.

Wie entstehen bei euch Stücke, beispielsweise die, die jetzt auch auf dem Album gelandet sind. Kommt da schon jemand mit einer fixen Idee im Kopf zur Probe, die dann versucht wird umzusetzen, oder spielt ihr einfach mal drauf los und schaut, was dabei raus kommt?

Stephan Ehgartner: Das ist eigentlich unterschiedlich. Meistens existiert aber schon irgendeine Grundidee, irgendein Riff oder eine rhythmische Vorstellung, oder auch genauso gut ein außermusikalischer Anstoß, die dann aufgegriffen und umgesetzt werden bzw. es versucht wird, diese umzusetzen.

Wollt ihr mit euren Stücken auch einen Inhalt, eine Art Message transportieren oder seht ihr die Stimme einfach nur als weiteres Instrument an?

Stephan Ehgartner: In erster Linie ist das einfach, weil wir singen wollen. Der Drang, irgendwie Vokale als Instrument in den Sound einzubringen und nicht irgendeine Form, das Lied jetzt als Medium zum Transport irgendwelcher Botschaften zu nutzen. Stimmungsmäßig kann man ja schon aus der Musik heraus hören, dass das alles recht zornig ist, aber eine bestimmte Message gibt es da nicht. Man kann sagen, dass bei uns nicht die Musik die Texte transportiert, sondern vielmehr der Text die Aussage der Musik verstärkt.

Also kein übergeordnetes Album-Thema.

Stephan Ehgartner: Zumindest kein für uns erkennbares. So etwas war eigentlich auch nie geplant und von uns auch nicht für notwendig befunden. Die Tracks sind alle ziemlich unterschiedlich und das Album an sich einfach so zusammen gewachsen, wie es sich ergeben hat. Die Nummern sind sowieso alle ganz straight eingespielt, ohne große Klinkerlitzchen oder Firlefanz und die Produktion auch ziemlich homogen und insofern steht der Sound sowieso für sich, ohne irgendein Konzept notwendig zu haben.

Release-Termin für das Album war der 13. Juni, wie ich gelesen habe.

Stephan Ehgartner: Das ist falsch. Offizieller Release-Termin ist im September. Aufgrund des bescheidenen Budgets, das wir zur Verfügung haben, ergeben sich immer wieder gewisse Verzögerungen, was aber nicht wirklich schlimm ist. Nur wäre der Release jetzt eben genau in das Sommerloch gefallen und wir haben uns entschieden, das Album erst im September raus zu bringen, da wird es dann auch eine Release-Party geben und wir werden mit der Promo-Arbeit zum Album richtig durchstarten. In den Sommermonaten werden wir uns eher schon wieder aufs Aufnehmen von neuen Sachen konzentrieren.

Habt ihr schon wieder neue Sachen in Planung?

Stephan Ehgartner: Ja, in der Zwischenzeit hat sich schon wieder einiges an neuem Material angesammelt.

Aber noch kein genauer konkretisierter Veröffentlichungstermin dafür in Sicht? Wollt ihr euch wieder so lange Zeit lassen, wie für euer Debut?

Stephan Ehgartner: Nein, noch gar nichts Konkretes. Mann Über Bord ist ja gewissermaßen Forschung und Lehre. Jetzt gibt es einmal dieses aktuelle Album, mit dem wir dann auch touren werden. Für das nächste Album haben wir uns zwar schon musikalisch viel überlegt, aber da werden wir sicher keinen Schnellschuss wagen, sondern auch erst einmal schauen, wie bestimmte Sachen funktionieren und am besten umzusetzen sind. Auch mal prüfen, ob Sachen, die live super funktionieren, auch im Proberaum reproduzierbar sind.

Wollt ihr das auch alles wieder in Eigenregie auf Tonträger bannen?

Stephan Ehgartner: Das auf jeden Fall. Wir hätten aber auch alle nichts dagegen, einmal was beim Steve Albini aufzunehmen. Uns gefällt die Philosophie, die hinter seiner Arbeit steckt und die wir auch stets umzusetzen versuchen, nämlich, das Ding genau so aufzunehmen, wie es ist und nicht irgendetwas nachträglich groß zu bearbeiten.

Steve Albini hat, soweit ich weiß, ziemlich moderate Preise, der Wunsch bei ihm Aufzunehmen, ließe sich daher ja durchaus realisieren.

Stephan Ehgartner: Ja, der hat generell Standardpreise, also von dem her wäre das auf jeden Fall leistbar. Nur sind halt auch die peripheren Kosten nicht zu vernachlässigen und da wir in unserer Umgebung auch wirklich gute Möglichkeiten haben, selbst zu produzieren  und aufzunehmen, kommt uns das schon wesentlich billiger, als ein Amerika-Flug. Vielleicht realisieren wir diesen Wunsch dann mit dem dritten oder vierten Album, aber momentan ist das wie gesagt noch nicht akut, vor allem weil wir keinerlei Druck haben, irgendwo anders hin zu müssen, damit wir ein gutes Album produzieren können.

Wollt ihr auch mal ein Live-Album aufnehmen?

Stephan Ehgartner: Ja, das haben wir schon mal überlegt – zumindest mal ein Konzert ordentlich mitzuschneiden. Das hängt dann natürlich auch davon ab, ob das Material gut genug ist. Die Band hat live sicher eine ganz bestimmte Energie, die eben wichtig ist und die man durch einen Live-Mitschnitt sicher am besten auf eine Scheibe bekommt, aber die Wahrheit ist, dass die besten Aufnahmen sowieso nie auf CD kommen – ein Phänomen sondergleichen, dass wirklich grenzgeniale Sachen niemals festgehalten werden. Wir lassen aber immer alles einfach auf uns zu kommen und in dieser Band funktioniert diese Methode wirklich wunderbar, das Leben als Inspirationsquelle sozusagen.

Wie waren die Reaktionen auf “Frauen und Kinder zuerst.” von denjenigen, die es schon hören konnten?

Stephan Ehgartner: Denen hat es eigentlich allen sehr gut gefallen. Ohne irgendwo angebunden, gezwungen oder bedroht zu werden. Die sind alle freiwillig geblieben und haben sich das angehört.

Danke fürs Interview.

Das Interview führte Michael Masen.

Fotos Mann über Bord: Anna Steiden

 

 

https://www.musicaustria.at/musicaustria/liste-aller-bei-mica-erschienenen-interviews