„Mein Ziel ist immer, dass die Musik eine Unmittelbarkeit besitzt.“ – MARTIN LISTABARTH im mica-Interview

Der Wiener Pianist Martin Listabarth entführt sein Publikum mit seinem Trio auf eine Klangreise zwischen stillen Momenten und kraftvollen Ausbrüchen. Auf „In Her Footsteps“ (o-tone music, 2026) lässt er sich von der außergewöhnlichen Weltreisenden Ida Pfeiffer inspirieren, die im 19. Jahrhundert mutig gesellschaftliche Grenzen überschritt. Mit warmem Klang, brillanter Vielseitigkeit und einladenden Grooves verwandelt Listabarth ihre Abenteuer in einen zeitlosen Soundtrack voller Emotion, Fernweh und Entdeckungsfreude – Musik, die in den Sog zieht und ein aufregendes Musikerlebnis verspricht. Im Interview mit Michael Ternai erzählt Martin Listabarth, wie sehr ihn das Leben von Ida Pfeiffer inspiriert hat, über singbare Melodien und wie wichtig ihm die Zugänglichkeit seiner Musik ist.

Du stellst deine Alben immer unter ein Motto oder ein übergeordnetes Konzept. Auf deinem letzten Album in Triobesetzung, „Postcards“, hast du jedes Stück einer bekannten Persönlichkeit gewidmet; auf deinem letzten Soloalbum „Dedicated“ bist du auf eine Reise um die Welt gegangen. Auf deinem neuen Album „In Her Footsteps“ erzählst du die Geschichte von Ida Pfeiffer, einer Frau, die Mitte des 19. Jahrhunderts allein um die Welt reiste und damit als Pionierin gilt. Wie bist du darauf gekommen, ausgerechnet die Geschichte dieser Frau musikalisch zu erzählen?

Martin Listabarth: Wie du eben gesagt hast, habe ich mir auch bei meinen letzten Alben jeweils ein bestimmtes Thema gesucht, zu dem ich dann Stücke komponiert habe. Mich hat aber schon lange gereizt, nicht immer nur mit einem übergeordneten Konzept zu arbeiten, sondern einmal eine durchgehende Geschichte zu erzählen. Ich fand es spannend, das Leben und die Entwicklung einer konkreten Person heranzuziehen und diese Geschichte musikalisch von Anfang bis Ende zu entfalten. Zudem wollte ich bewusst einen Menschen wählen, der in der breiten Öffentlichkeit noch nicht sehr bekannt ist und dessen Geschichte bislang kaum – schon gar nicht in musikalischer Form – erzählt wurde. So bin ich auf Ida Pfeiffer gekommen. Und ich hoffe natürlich auch, dass durch dieses Album nun mehr Menschen von dieser bemerkenswerten Frau erfahren und beginnen, sich intensiver mit ihr auseinanderzusetzen.

Ihre Geschichte liest sich auf jeden Fall sehr spannend. Sie hatte einen strengen Vater, der sie nach rigiden Regeln erzog, sie durfte nicht den Mann heiraten, den sie liebte. Irgendwann in ihrem Leben weigerte sie sich, zu akzeptieren, dass sie ein Mädchen ist – das tat sie erst später. Sie zerstritt sich mit ihrer Mutter und lebte daraufhin einige Zeit in Armut. Und mit ihren Reisen begann sie ja quasi erst, als ihre Kinder erwachsen waren, also mit Mitte 40. Wie bist du an diese Geschichte herangegangen? Hast du bewusst zurückgeblickt oder war für dich vor allem diese eine Reise – das Ereignis von Triest aus – der erste Zugang?

Martin Listabarth: Eigentlich war es so, dass ich, nachdem ich auf diese Geschichte gestoßen bin und mehr über Ida Pfeiffer erfahren habe, sehr viel über sie gelesen habe. Zum Glück gibt es diese Reiseberichte, die inzwischen wieder neu aufgelegt worden sind. Man kann darin im Original nachlesen, was sie über ihre Reisen berichtet hat und welchen Herausforderungen sie sich stellen musste.

Ich habe mir dann verschiedene Blitzlichter, Momente und Stationen ihres Lebens und ihrer Reisen herausgesucht, die mich besonders angesprochen haben – wo ich das Gefühl hatte, einen persönlichen Bezug dazu zu haben. Denn auf der einen Seite ist ihre Geschichte natürlich sehr spezifisch: Es sind die Herausforderungen des 19. Jahrhunderts, einer Zeit mit sehr starken sozialen Konventionen. Die Rolle der Frau war klar definiert – als brave Mutter und Hausfrau.

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Umso spannender ist es, ein Individuum wie Ida Pfeiffer zu betrachten, die schon als Kind ganz andere Wünsche und Träume hatte. Und da habe ich mir gedacht: Obwohl das eine sehr konkrete historische Geschichte ist, stecken darin universelle Themen, die uns bis heute betreffen. Dieses Gefühl, von Dingen zu träumen, die für das Umfeld vielleicht undenkbar sind – und dann die Frage, wie es gelingen kann, diesen Spagat zu schaffen.

Denn man kann sich nicht vollständig aus einer Gesellschaft lösen, man ist Teil eines sozialen Gefüges. Gerade im Fall von Ida Pfeiffer beeindruckt mich besonders, mit welcher Entschlossenheit sie – noch dazu in einem für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohen Alter – ihren Traum konsequent verwirklicht hat. All die Hürden, die ihr in den Weg gelegt wurden, sowohl durch die Gesellschaft in Wien und Österreich als auch auf ihren Reisen selbst, unter Bedingungen, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Aber wie bist du es musikalisch angegangen? Hast du dir im Vorfeld bereits ein Konzept überlegt, oder hast du dich von den Geschichten inspirieren lassen und die Dinge zunächst aus der Improvisation heraus entstehen lassen?

Martin Listabarth: Eines der ersten Stücke, die entstanden sind, ist „The Call of the Unknown“. Es ist letztlich auch das Eröffnungsstück des Albums geworden. Eigentlich ist es so etwas wie das übergeordnete Stück des Albums, in dem musikalisch bereits viele Themen angelegt sind, die im weiteren Verlauf in anderen Stücken in abgewandelter Form wieder auftauchen.

Man kann es ein wenig wie eine Ouvertüre verstehen: Es enthält bereits zentrale rhythmische Patterns, aber auch konkrete Melodien und Harmoniefolgen, aus denen ich später Motive herausgenommen und in anderen Stücken weiterverarbeitet habe. Diese Idee hat mir sehr gefallen – dass das Album nicht nur auf inhaltlicher Ebene durch die Geschichte zusammengehalten wird, sondern dass es auch musikalisch immer wieder auf sich selbst verweist und Referenzen herstellt.

Ich kenne dich jetzt schon seit einigen Jahren, und aus meiner Sicht merkt man deutlich, dass du in dieser Zeit immer mehr gereift bist. Bei diesem Album habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wirklich alles zur Gänze zusammenpasst. Zuvor war das natürlich auch schon beeindruckend und stark, aber hier ist es noch einmal auf einem anderen Level. Es ist anspruchsvoller Jazz, der rhythmisch stellenweise stark groovt und zugleich eine hohe rhythmische Komplexität aufweist. Das eigentliche Kunststück ist jedoch, dass du und deine beiden Mitmusiker, Sebastian und Gidi, all das so fließend, leicht und mit einem so warmen Ton klingen lasst. Die gesamte Komplexität und die technische Herausforderung, die ihr auf euren Instrumenten meistert, ist beim Hören kaum spürbar. Stattdessen trägt die Musik ganz unmittelbar die Gefühle.

Martin Listabarth: Das ist mir sehr, sehr wichtig. Und es freut mich extrem, dass du das so wahrnimmst. Für mich ist es nämlich so: Wenn etwas komplex ist, darf diese Komplexität niemals im Vordergrund stehen. Das sind dann eher Dinge, die mich musikalisch interessieren und die für mich eine Herausforderung darstellen. Genau das ist es auch, was für mich dieses innere Feuer am Leben hält – dass man sich immer wieder neue Herausforderungen setzt und versucht, sie umzusetzen. Aber am Ende darf das nie Selbstzweck sein. Mein Ziel ist immer, dass die Musik eine Unmittelbarkeit besitzt, dass sie sofort berühren kann und dass jemand bereits beim ersten Hören einen Zugang dazu findet und anknüpfen kann.

Bild des Martin Listabarth Trios
Martin Listabarth Trio © Julia Wesely

Das Schöne ist auch, dass du für das Erwecken von Gefühlen und für deine musikalische Geschichte keine Worte brauchst. Du erzählst mit deinen Melodien, die – für den Jazz eher untypisch – auch mit Hooks arbeiten. Wie sehr ist es für dich eine Herausforderung, diese beiden Pole zusammenzubringen?

Martin Listabart: Das hängt sicher damit zusammen, dass ich auch privat sehr gerne Popmusik höre. Diese Pop-Ästhetik – also die Idee starker, prägnanter Melodien – spricht mich persönlich sehr an, und ich versuche, sie zu übertragen, auch wenn meine stilistische Heimat natürlich der Jazz ist. Mir geht es darum, Melodien zu schreiben, die trotz rein instrumentaler Musik im Grunde gesanglich gedacht sind, also Melodien, die man auch singen könnte. Das ist für mich immer eine Art Test: zu schauen, ob es eine Melodie ist, die tatsächlich singbar wäre.

Gleichzeitig merkt man aber deutlich, dass die Musik zum Teil – vor allem auch rhythmisch – sehr komplex ist. Man spürt, dass darin viel Kopfarbeit steckt. Wie intensiv feilst du an einem Song? Ich nehme nicht an, dass die erste Idee oder die erste Version am Ende jene ist, die es tatsächlich auf das Album schafft.

Martin Listabarth: Absolut. Es gibt tatsächlich Songs, an denen ich sehr lange gearbeitet habe. Manchmal hat es von der ersten Idee bis zum fertigen Stück mehrere Monate gedauert. Ich habe sehr viel ausprobiert und Dinge immer wieder überarbeitet. Was ich bei diesem Album ganz bewusst versucht habe, war, im Nachhinein auch wieder Elemente wegzulassen und zu reduzieren, um zu einer Essenz zu kommen. Zu einem Punkt, an dem man sagen kann: Jetzt wird das Stück wirklich kompakt. Auch Ideen, die für sich genommen vielleicht spannend oder „cool“ sind, aber der Geschichte oder dem Song eher im Weg stehen, habe ich bewusst wieder gestrichen – und mich davon auch lösen können.

Wie sehr hat sich deine Arbeitsweise im Laufe der Jahre entwickelt? Worin unterscheidet sich dein Zugang beim aktuellen Album von früheren Arbeiten? Wie viel routinierter ist dein Denken inzwischen in dem, was du tust?

Martin Listabarth: Ich würde sagen, am Anfang war mein Zugang sehr intuitiv. Ich habe versucht, einfach etwas fließen zu lassen und zu schauen, was entsteht. Mit den Jahren ist meine musikalische Vision jedoch deutlich konkreter geworden. Damit meine ich vor allem diese Idee von singbaren Melodien, von Kompaktheit und Zugänglichkeit. Mir ist heute viel bewusster, dass genau das der Kern dessen ist, worum es mir musikalisch geht. Dieser Zugang war beim aktuellen Album sicher noch klarer und reflektierter als bei den vorherigen, weil diese Vorstellung in meinem Kopf bereits sehr konkret war – nämlich das, was mir musikalisch wirklich wichtig ist.

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Aber wenn du es jetzt in Prozent ausdrücken müsstest: Wie weit bist du auf dem Weg zu deiner eigenen musikalischen Sprache? Wie viele Prozent davon hast du bereits gefunden – oder gibt es noch Bereiche, bei denen du sagst, dass sie dich weiterhin antreiben und in neue Richtungen ziehen?

Martin Listabarth: Ich hoffe eigentlich, dass das ein Prozess ist, der nie ganz abgeschlossen sein wird, und dass ich mein ganzes Leben lang immer wieder neue Dinge entdecke, die mich faszinieren und bei denen ich mir denke: Das würde ich gerne in meine musikalische Sprache integrieren.

Gleichzeitig glaube ich aber, dass die Grundidee dessen, was mir musikalisch wichtig ist, inzwischen deutlich gefestigter ist. Dieses Fundament bildet sozusagen ein Gefäß, in das man immer wieder neue Zutaten hineingeben kann.

Welche Rollen übernehmen deine beiden Kollegen im Trio, Sebastian Simsa (Schlagzeug) und Gidi Kalchhauser (Bass), im Entstehungsprozess? Welchen Anteil haben sie am Gesamtsound? Lässt du ihnen Freiraum, sich einzubringen?

Martin Listabarth: Sebastian und Gidi bringen sich sehr stark ein, und genau das macht den Prozess, ein Album zu erarbeiten, so spannend. Ich möchte, dass beide ihre eigenen Ideen einbringen. Im Grunde setze ich den Rahmen, erkläre meine musikalische Vision und wohin die Stücke sich entwickeln sollen. Innerhalb dieses Rahmens gestalten sie jedoch aktiv mit. Ich bin niemand, der Note für Note vorgibt, was gespielt werden muss – das auf keinen Fall.

Was mir bei dem Album auch wirklich auffällt, ist der Sound insgesamt. Er ist in sehr warmen Klangfarben gehalten.

Martin Listabarth: Das freut mich zu hören. Schön ist auch, dass es mittlerweile schon das vierte Album ist, bei dem ich mit Franz Schaden im Wavegarden-Studio zusammenarbeite. Je klarer und konkreter für mich geworden ist, wohin ich musikalisch will, desto leichter fällt es natürlich auch Franz Schaden, meine Vorstellungen nachzuvollziehen und umzusetzen.

Die langjährige Zusammenarbeit spielt dabei sicher eine große Rolle. Franz bringt nicht nur das tolle Studio mit, sondern auch ein sehr feines musikalisches Gespür dafür, worum es mir geht. Dadurch konnten wir gemeinsam genau die Klangfarben erzeugen, die das Album so warm und stimmig machen.

Nach dem Release eines Albums steht ja meistens eine Tour an. Wie sieht es bei dir aus?

Martin Listabarth:  Wir haben am 21. März unser offizielles Album-Release-Konzert in Wien. Da spielen wir im MUTH in Wien. Und auch ab März beginnt dann unsere Tour mit Terminen in Österreich, Deutschland. Wir spielen auch in Budapest im Opus Jazz Club und auch in Zagreb. Also jetzt die Zeit im Frühjahr bis zum Sommer ist wirklich schon gut gefüllt mit Album-Tour-Terminen. Da freue ich mich sehr drauf.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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Martin Listabarth Trio live
13.03.26 Opus Jazz Club, Budapest, HU Tickets
21.03.26 MuTh, Wien, AT – Album Release Konzert “In Her Footsteps” Tickets

10.04.26 Blue Note Dresden, Dresden, DE Tickets
17.04.26 SZentrum, Schwaz, AT Tickets
19.04.26 Schloss Kuenburg, Tamsweg im Lungau, AT Tickets

30.04.26 BP Club, Zagreb, HR
08.05.26 Stiftsschaffneikeller Lahr, Lahr/Schwarzwald, DE Tickets
09.05.26 Kulturhaus Emailwerk, Seekirchen am Wallersee, AT
06.06.26 Stiftsweingut Meyer, Gleiszellen, DE
07.06.26 Hainfelder Jazztage, Hainfeld, DE

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