„Mehr Mut – nicht nur am Theater – wäre wünschenswert“ – MARKUS STEINKELLNER im mica-Interview

„Für immer schön“ ist das neueste Bühnenwerk des US-amerikanischen Autors NOAH HAIDLE, das am 17. November 2017 am RESIDENZTHEATER in München unter der Regie von KATRIN PLÖTNER Premiere feierte. Cookie, die zentrale Figur des Stücks, ist eine unermüdliche Dienerin der Schönheit, eine in die Jahre gekommene Kosmetikverkäuferin, die nach wie vor von Tür zu Tür wandert, sich die Füße blutig läuft, um missionarisch Waren anzubieten, die keiner mehr kaufen möchte. Ihr starrsinniger Glaube an die Ordnung der Welt, an die Selbstverbesserung und auch an die Auferstehung Christi verlässt sie nicht. Für die Bühnenmusik zeichnete der Österreicher MARKUS STEINKELLNER verantwortlich, der für seine Formationen MERMAID & SEAFRUIT und IDKLANG bekannt ist. Julia Philomena sprach mit dem Künstler.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Residenztheater und der Regisseurin Katrin Plötner?

Markus Steinkellner: Mit Katrin arbeite ich jetzt schon seit über drei Jahren zusammen, wir haben uns nach einem Auftritt in Berlin kennengelernt, zu dem sie auf Empfehlung einer gemeinsamen Freundin und Kollegin kam, und zwar Henriette Müller. Seitdem haben wir um die zehn Produktionen gemacht. Katrin hatte nach dem Regiestudium eine Assistenz am Residenztheater gemacht und während dieser Zeit auch eine recht erfolgreiche Inszenierung der „Hamletmaschine“ abgeliefert. „Für immer schön“ war ihr erstes Gastengagement am Residenztheater.

„Mit der ersten Probe fange ich mit meiner Arbeit an.“

Zu welchem Zeitpunkt stand fest, dass es „Für immer schön“ geben wird?

Markus Steinkellner: Das wurde im Frühjahr 2017 fixiert. Meistens fragt mich Katrin einige Monate im Voraus, ob ich Zeit für eine Produktion habe. Bei der ersten Konzeptionsprobe habe ich in der Regel noch nichts dabei. Mit der ersten Probe fange ich mit meiner Arbeit an. Inhaltlich informiert man sich natürlich vorweg, liest das Stück, aber musikalisch steht alles bei null. Vor Ort, im Prozess und sehr improvisatorisch bildet sich nach und nach Gerüst – wie die Inszenierung selbst.

Wie kann man sich die Arbeit mit Katrin Plötner vorstellen?

Markus Steinkellner: Katrin beschreibt mir ihre Musikvorstellungen meist in Stimmungsbildern, oft mit sehr allgemeinen Begriffen wie „düster“ und „fröhlich“. Ich genieße so weit ihr Vertrauen, dass ich dann daraus machen kann, was ich möchte und worauf ich Lust habe.

War der Autor in den Entstehungsprozess eingebunden?

Markus Steinkellner: Noah Haidle war für zwei Tage zu Besuch, bei den Proben dabei, wollte sich alles ansehen und anhören, hat dann sogar auch noch textlich Änderungen vorgenommen. Er hat erzählt, dass es in Amerika üblich sei, vor der Premiere öffentliche Proben zu organisieren, bei denen neben den Mitarbeitenden auch schon ein anonymes Publikum zusieht. Das haben wir nach dem amerikanischen Vorbild auch zweimal gemacht, um zu sehen, wie das Stück funktioniert, welche Reaktionen ausgelöst werden. Dieser Versuch ist auf allen Seiten auf großen Anklang gestoßen.

„Für immer schön“ erzählt die Geschichte einer amerikanischen Verkäuferin, die einem Geschäft nachgeht, das vom omnipräsenten Verlangen nach unsterblicher Schönheit geprägt ist. Wie haben Sie sich stilistisch diesem Themenkomplex angenähert?

Markus Steinkellner: Eine der ersten Ideen war es, ein musikalisches Thema für Cookie zu finden, das jedes Mal zu hören ist, wenn sie auftritt. Energiegeladen und dynamisch. Ein Motivationskick, der unserer abstrakten Bühnenwelt eine konkrete Stimmung, eine Atmosphäre verleiht. Da das Residenztheater einen Probenraum mit 1-zu-1-Bühne hat, konnten wir von Beginn an in der „pinken Hölle“ sitzen und sehr effektiv arbeiten.

Bild Für immer schön
“Für immer schön” (c) Julian Baumann

Was hat Sie an dem Stück besonders gereizt?

Markus Steinkellner: Das tragikomische Element. Am Theater habe ich mich thematisch zum ersten Mal damit auseinandergesetzt. Abgesehen davon merkt man, dass der Autor aus Amerika kommt, aus einer ganzen anderen Welt. Das ist natürlich spannend.

Hat sich das Ensemble mit dem Stoff verbunden gefühlt oder war das Eintauchen in diese ganz andere Welt schwierig?

Markus Steinkellner: Ich habe mitbekommen, dass es für die Schauspielerinnen und Schauspieler viele Identifikationsmöglichkeiten gab und alle schnell einen Zugang zum Stoff gefunden haben. Die Hauptdarstellerin Juliane Köhler hat selbst eine Zeit lang in New York gelebt. Für sie waren diverse Verhaltensmuster oder Denkansätze dadurch nachvollziehbar oder zumindest bekannt. Das hat nicht nur die Arbeit an ihrer Rolle, sondern die Arbeit aller Bereiche erleichtert, weil sie Rede und Antwort stehen konnte. Dieses im Stück thematisierte Von-Tür-zu-Tür-Verkaufsbusiness ist für uns genauso fern wie der American Dream. Wir haben versucht, eine zeitlose und ortsunabhängige Auslegung zu finden, die eben auch in Europa funktioniert. Musikalisch gab es somit keinen Übersetzungsbedarf, keine stilistischen Vorgaben.

In der Regel kommen Sie am Theater auf einen 10-Stunden-Arbeitstag. Haben Sie nach Probenschluss zu Hause noch weitergearbeitet?

Markus Steinkellner: Ja, das war hin und wieder notwendig.

Haben Sie durch diese Arbeit neue Erkenntnisse gewonnen?

Markus Steinkellner: Dazulernen tue ich immer! Durch die Konfrontation mit neuen Umständen entstehen neue Gedanken, neue Arbeitsweisen. In diesem Fall habe ich zum ersten Mal nur mit synthetischen Sounds gearbeitet, mit Synthesizer-Klängen, die ich für diese Inszenierung entwickelt habe.

„Manchmal kam der Wunsch, lauter zu werden, intensiver etc.“

Haben Sie das Gefühl, das Stück aktiv mitdirigieren zu können?

Markus Steinkellner: Auf jeden Fall! Das ist das Schöne an der Live-Komposition. Die Schauspielerinnen und Schauspieler haben während der Proben auf die akustische Ebene im selben Maße reagiert wie auf alle anderen Ebenen. Manchmal kam der Wunsch, lauter zu werden, intensiver etc. Das hat mir gezeigt, dass die Musik entscheidend zur Wahrnehmung beiträgt. Das ist am Theater nicht immer so. Alles konzentriert sich sehr oft nur auf den Text und den Ausdruck der Körper. Aber Katrin schafft es, alle Ausdrucksformen miteinander zu verbinden und die Aufmerksamkeit aller Beteiligten zu schärfen.

Würden Sie sagen, dass das Stück auch die Wahrnehmung des Publikums zu schärfen versucht?

Markus Steinkellner: „Für immer schön“ ist ein Abend, der – abgesehen von einem gewissen intellektuellen und sozialkritischen Anspruch – einfach gut unterhält. Insofern funktioniert er sicher gut in der Theaterwelt. Wenn die Leute kommen, der Zuschauersaal voll ist und am Ende keine Tomaten geworfen werden, sondern die Schauspielerinnen und Schauspieler vom laut applaudierenden Publikum immer wieder zurück auf die Bühne gerufen werden, freut einen das natürlich sehr.

Wird Sie das auch weiterhin dazu bewegen, für das Theater zu komponieren?

Markus Steinkellner: Allein der Entstehungsprozess ist etwas Spannendes. Die Inspiration kommt vom allen Seiten. Ich bringe nach jeder Produktion so viel Neues nach Hause, dass sich der Aufwand allein dafür lohnt! Nur mehr Mut – nicht nur am Theater – wäre wünschenswert.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

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