„Manchmal braucht man ein, zwei Jahre für einen Song“ – DIE WALLNERS im mica-Interview

Bands, die ausschließlich aus Geschwistern bestehen, sind keine Seltenheit in der Popgeschichte – angefangen von den Carpenters und Jackson 5 in den 60ern bis hin zu den Britpop-Rabauken Oasis in den 90ern und 2000ern (an dieser Stelle ein Ehrenplatz zugedacht wird selbstverständlich auch der Kelly Family). Spätestens seit 2021 hat auch Österreich seine eigene Geschwisterband: WALLNERS, das sind Anna, Laurenz, Nino und Max, haben nun ihr Debütalbum End of Circles“ herausgebracht. Ihre dazugehörige Tour startete am 21.2., im Wiener WUK halten sie am 28.2. ein Heimspiel. Im Interview mit Florentina Finder sprechen die vier über die Kraft der Ruhe, wie sie un(ter)bewusst zu ihrem Dream Pop Sound gefunden haben und wie man Gitarren zum Fliegen bringt.

Euer erstes größeres musikalisches Lebenszeichen, die EP „Prolog I“, kam 2021 heraus, vor kurzem habt ihr dann euer Debütalbum herausgebracht. Wie habt ihr den Weg von der ersten Veröffentlichung bis zum Debütalbum erlebt?

Laurenz: Für uns fühlen sich die vier Jahre eigentlich gar nicht so lange an. Wir haben die ganze Zeit ziemlich viel Musik gemacht. Für die ersten Lieder auf der EP hatten wir damals gefühlt genauso lange gebraucht, bis sie fertig waren, nur hat man halt nichts davon gemerkt. (lacht) Wir haben in der Zwischenzeit auch angefangen, live zu spielen. Was haben wir sonst noch gemacht?

Nino: Wir haben gewusst, wir wollen ein Album schreiben und dachten uns schon, dass es wahrscheinlich länger dauern wird, auch allein wegen der Lieder. Manchmal braucht es irgendwie auch so ein, zwei Jahre für einen Song.

Laurenz: Manchmal machen wir sie einfach nicht ganz fertig und dann greifen wir sie wieder auf. Die Songs werden ja auch nicht auf einen Schlag fertig.

Wir sind langsame Schnecken

Ihr wollt euch aber auch nicht vom Musikbusiness stressen lassen, oder?

Laurenz: Ja, das funktioniert gar nicht bei uns.

Nino: Man bekommt immer so den Eindruck, man müsste schnell eine Single nach der anderen releasen, aber bei uns funktioniert das nicht so.

Laurenz: Wir haben uns das von Anfang an auch selber gesagt: Wenn es schneller geht, super, auch für uns, aber es bringt nichts, sich da stressen zu lassen, es wird eigentlich nur schlechter dadurch. Deswegen haben wir da sicher auch unser eigenes Tempo.

Nino: Langsame Schnecken. (lacht)

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In eurer Musik, finde ich, klingt das ja auch so durch, dass es nicht gestresst ist, nicht gehetzt. Es ist eher so immersiv und tief als ein schneller Strom.

Laurenz: Ja, eben, es ist auch die Musik, die so ist und deswegen auch Zeit braucht.

Nino: Es ist ein entschleunigender Prozess, wenn man schreibt. Man begibt sich so in die Musik hinein. Es ist angenehm, so ein bisschen von der äußeren Welt in die Musik einzutreten.

End of Circles“ ist ja euer Albumtitel und Titel eines Songs. Was hat euch zu diesem Titel bewogen und habt ihr dabei an etwas Spezielles gedacht?

Laurenz: Wir hatten natürlich verschiedene Arbeitstitel. Aber man merkt dann schon, wenn es so ein bisschen aufgesetzt ist und eigentlich eh nicht passt. Und dann haben wir irgendwann hier im Studio den Song „End of Circles“ aufgenommen.

Nino: Der Song ist auch ein bisschen ein Herzstück vom Album.

Laurenz: Es war so ein Puzzlestück, das sich reingefügt hat. Bei der ersten EP, glaube ich, war es im Endeffekt ein Name eines Synthesizers also es sind Namen, die einen finden.

Nino: Und oft, wenn man zu viel darüber nachdenkt, wird es eigentlich nur schlechter.

Es gibt ja auch eigentlich kein End of Circles, oder, es ist irgendwie ein Paradox?

Laurenz: Genau. Der Titel soll eben irgendwas mit einem machen, und gleichzeitig auch offenbleiben. Uns gefällt es, wenn es einerseits nicht zu eindeutig ist, und andererseits irgendetwas eröffnet, wo man sich reinfallen lassen kann, gedanklich und auch vom Feeling her.

Teilt ihr das Songwriting geschwisterlich auf?  

Nino: Es ist nicht immer so, dass alle vier im Raum sind, sondern oft, dass einer beginnt, dann kommt der nächste dazu, und dann am nächsten Tag machen die anderen zwei mit dem Songwriten weiter – immer so zusammengewerkelt eigentlich.

Und musikgeschmackstechnisch, kommt ihr immer auf einen grünen Zweig, oder habt ihr da ganz unterschiedliche Richtungen?

Laurenz: Anna hat immer ein bisschen einen anderen Musikgeschmack gehabt als wir.

Nino: Jeder hat irgendwie seinen eigenen Geschmack, aber oft ist es dann so, wenn man sich einen Song zeigt, den man wirklich mag, dann checken wir es schon meistens. Auch oft so instrumentalistisch, zum Beispiel hat Anna Sänger_innen, die ihr gefallen und du (an Laurenz) hast vielleicht irgendwelche Pianist:innen oder so.

Laurenz: Ja, vielleicht, wobei … eigentlich auch nicht. (lacht)

So vom Spektrum her von Klassik bis (sucht nach ungefähr zutreffendem Gegenpol) Death Metal?

Laurenz: Ich glaube, in Death Metal hat sich noch keiner von uns versucht.

Nino: Noch nicht.

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Da fliegen die Gitarren

Und das Ganze passiert ohne große Geschwisterstreits?

Laurenz: Beim Visuellen, gerade wenn’s um Covers oder so geht, da sind bei uns am meisten Diskussionen.

Da fliegen die Fetzen.

Laurenz: Da fliegen die Gitarren (lacht).

Nino: Ja, es geht, es kommt auf die Themen an. In der Musik ist es dann schon so, dass es allen gefallen muss. Zwischendurch hat man natürlich unterschiedliche Meinungen.

Laurenz: Zwischendurch gefällt’s niemandem (lacht). Ich glaube, wir haben schon eine gemeinsame Idee oder ein Bild vom Sound und auch vom Optischen her. Sonst würde das ja gar nicht funktionieren.

Glaubt ihr, dass eine Band, die aus Geschwistern besteht, eine längere Überlebenschance hat als Bands, die sich so zusammengefunden haben? Man sagt ja immer, Blut ist dicker als Wasser“.

Nino: Es ist schon angenehm, glaube ich. Wir reden dann oft gar nicht viel beim Musikmachen, weil man versteht sich einfach so. Wir kennen uns so gut, dass wir einfach eine Chemie haben. Ich weiß aber auch nicht, wie es in anderen Bands zugeht. Ich finde aber, es ist schon ganz angenehm so.

Laurenz: Noch. (lacht)

Es war immer unser Ansatz, dass wir bloß nicht irgendetwas abkupfern.

Stilistisch seid ihr ja schon sehr im Dream Pop verankert, wobei ihr dem Ganzen natürlich eure eigene Note gebt, durch die Instrumentierung und stilistische Elemente wie Klavier-Arpeggios und so. Haben euch dieses Genre oder Bands aus dieser musikalischen Ära inspiriert? Hört ihr das?

Nino: Es hat uns eigentlich nicht unbedingt geprägt, aber wir haben es dann auch gehört, gerade durch die vielen Vergleiche, und wir mögen die Richtung schon sehr. Es war aber nicht so, dass wir wussten, wir machen Dream Pop. Der Sound ist eigentlich von selbst entstanden.

Laurenz: Wir haben viele Bands, mit denen wir verglichen wurden, meistens gar nicht gekannt (lacht). Es war immer unser Ansatz, dass wir bloß nicht irgendetwas abkupfern. Unser musikalischer Stil ist eigentlich durch Experimentieren gewachsen und nicht aus dem Antrieb, dass wir eine gewisse Musikrichtung machen wollten.

Bild der Band Die Wallners von oben fotografiert in rotem Licht
Die Wallners © Tim Cavadini

Nino: Wenn wir einen neuen Song haben, denken wir uns oft so, „Boah, das ist ur neu“, also für uns hört es sich total neuartig an. Und dann zeigen wir es unseren Freunden und die sagen, „ah, das ist voll der Wallners-Sound“. Und wir dann so, „was?“ – unser Sound ist gar nicht geplant, aber es passiert dann irgendwie so.

Nino: Oft ist es ja so, dass wenn man etwas Neues schreibt, wenn man zu viel nachdenkt, nicht das Beste dabei rauskommt. Die coolsten Ideen kommen, wenn man im Flow ist, wenn man total abschaltet, und das kommt dann wahrscheinlich aus dem Unterbewusstsein.

Das Klavier hört man ja sehr oft und scheint eine zentrale Klangkomponente in eurer Musik zu sein. Hat das Instrument eine besondere Bedeutung für euch?

Laurenz: Ja, wir haben alle ein bisschen Klavierspielen gelernt. Unser Vater hat ein Klaviergeschäft.

Nino: Laurenz ist der Einzige, der dabeigeblieben ist. (lacht)

Laurenz: Ja, ich spiele noch als Einziger Klavier. Alle anderen haben relativ schnell geswitcht, weil keiner mehr Bock hatte. (lacht)

„Irgendwo findet man immer ein Klavier bei uns im Haus”

War da der väterliche Blick drauf zu streng?

Laurenz: Naja, der hat sich ganz früh als Lehrer versucht, aber das wurde von niemandem für gut befunden. (lacht) Wir hatten eine Klavierlehrerin, einmal die Woche, da haben wir so ganz klassisch begonnen, wie viele eigentlich. Ich glaube, Anna und ich haben noch ein bisschen länger weitergemacht, aber Nino hat schnell mal Gitarre gespielt und Max Trompete. Jeder wollte sein Ding machen. Ich finde Klavier aber nach wie vor gut.

Nino: Du kannst noch wechseln. (lacht)

Laurenz: Man kam dem Klavier auch nicht wirklich aus, irgendwo findet man immer ein Klavier bei uns im Haus.

Eure EP hatte für mich ein bisschen eine treibendere, tanzbarere Grunddynamik. Jetzt ist es noch mehr dieses tiefe, melancholische Klangmeer und die introvertierten Töne noch ausgeprägter. War das eine bewusste Stimmungsveränderung für euch?

Bild der Band Die Wallners in Leelergang rot beleuchet
Die Wallners © Tim Cavadini

Laurenz: Ich glaube, was wir uns beim Schreiben gedacht haben, ist, dass wir es ein bisschen reduzierter halten und etwas mehr unsere Instrumente im Fokus haben wollen.

Nino: Wir hatten auch zum ersten Mal Live-Drums dabei. Für das Album haben wir das erste Mal mit Max Legat zusammengearbeitet, der für unsere Songs Drums recorded hat. Bisher hatten wir alles programmiert und jetzt haben wir erstmals eine Mischung gemacht. Das hat nochmal so eine Dynamik reingebracht, wir wurden auch sehr inspiriert durch sein Spiel. Live ist jetzt auch ein Drummer mit auf Tour.

Ein fünftes Geschwisterchen habt ihr ja nicht für die Drums. Cousin oder Cousine vielleicht?

Nino: (lacht) Egal, der wird dann auch einfach Wallner genannt.

Gibt es für euch Herzenslieder auf dem Album?

Nino: Es ändert sich bei mir immer, aber für mich sind es jetzt gerade wahrscheinlich „Easy“ und „After All Everything“.

Laurenz: Für mich, würde ich sagen, sind es „End of Circles“ und „Old Fashioned“. Das ist einfach so ein Gefühl im Moment.

Nino: Bei mir auch. Der Recording-Prozess bei „Easy“ und „After All Everything“ war, kann ich mich erinnern, in beiden Fällen cool, weil wir es am Land aufgenommen haben. Wir waren viel in der Natur und haben auch zum Beispiel Geräusche von Käuzchen und Grillenzirpen aufgenommen.

Laurenz: Die haben wir dann leicht reingemixt. Bei vielen von den Liedern haben wir Teile immer wieder in den Bergen, wo es ziemlich still ist, aufgenommen. Dort zu schreiben hat einfach einen speziellen Vibe, das inspiriert einen dann schon.

Man freut sich dann wieder, sich in was Neues hineinzustürzen

Nach dem großen Meilenstein des Debütalbums, was ist euer nächstes großes Ziel als Band?

Laurenz: Jetzt steht erstmal die Tour an, das wird spannend. Und dann machen wir mal ein bisschen Urlaub.

Das ist ein geiles Ziel.

Laurenz: Dann erholen wir uns mal von dem ganzen Stress (lacht).

Nino: Ja voll. Dann kommt mal vier Jahre lang nichts mehr (lacht).Nein, aber die Tour steht an, im April spielen wir auch das erste Mal ein Konzert in Frankreich. Wahrscheinlich beginnen wir auch jetzt schon wieder zu schreiben. Man freut sich dann auch schon wieder auf neue Lieder und, sobald man was fertig hat, sich endlich wieder in was Neues hineinzustürzen.

Laurenz: Es ist schon angenehm, dass es jetzt fertig ist und man wieder ein bisschen mehr Raum für Neues hat. Nach 100 verschobenen Deadlines.

Danke für das Interview!

Florentina Finder

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