„MAN MUSS IMMER SEINE EIGENE FREUNDIN SEIN“ – AMELIE TOBIEN IM MICA-INTERVIEW

AMELIE TOBIEN hat 2020 mit ihrem Debüt-Album „We Aimed for the Stars“ eine Ode an die Melancholie in ihren schönsten Folk-Facetten geschrieben. Mit ihrer neuen Single “Ocean Girl” eröffnet die österreichische Musikerin ganz andere musikalische Räume und erzeugt damit eine Form von Aufbruchsstimmung – sie feiert den Abschied und umarmt das Leben. Inwiefern das Eintauchen in die österreichische Indie-Welt ihren Zugang zum Musikmachen verändert hat und wieso das gemeinsame Arbeiten hier eine wichtige Kondition für Solidarität produziert, hat TOBIEN im Gespräch mit Ania Gleich und Christoph Benkeser erklärt. Außerdem: Wieso ist es wichtig, Abschiede zu zelebrieren und sie als Neuanfänge anzuerkennen?

Im Video zu „Ocean Girl“ verfolgst du ein Seil und zerrst – an dir selbst?

Amelie Tobien: Wie soll ich das sagen, ohne dass es zu persönlich wird …

Persönlich ist immer gut.

Amelie Tobien: Es gibt gewissen Menschen im Leben, die einen nicht loslassen können. Man steht dann vor der Schwierigkeit, sich zu emanzipieren und der Person klarzumachen, dass sie nicht immer und überall dabei sein kann. Manchmal muss man die Nabelschnur kappen. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, tu mir aber in vielen Situationen schwer, Nein zu sagen und dadurch gewisse Grenzen aufzuzeigen – weil ich auch ein harmoniebedürftiger Mensch bin und es allen gerne recht mache. Durch einen Song lassen sich diese Dinge leichter vermitteln. Deshalb sage ich in „Ocean Girl“ laut: No, you can’t come with me!

Während du am Seil ziehst.

Amelie Tobien: Genau, es wird durch diese Metapher verstärkt.

Es ist ein ziemlich langes Seil.

Amelie Tobien: Ein langes, schweres Seil, ja!

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In der konzentrativen Bewegungstherapie arbeitet man mit Seilen – um das Körperliche nachzumachen und den Knoten zu lösen.

Amelie Tobien: Gleichzeitig ist das Zerren mit einem Kraftakt verbunden. Jede Weiterentwicklung erfordert Mut. Egal, ob man sich einen neuen Job sucht oder eine Freundschaft, die nicht mehr funktioniert, hinter sich lässt – es ist mit Kraft verbunden, um eine Veränderung hervorzurufen. Mitschwimmen und nichts zu tun ist das Einfachste im Leben. Auf Dauer führt dieser Stillstand aber zu nichts. Deshalb ist das Seil auch die Anstrengung, die entsteht, wenn man neue Wege einschlägt.

Zu Beginn des Videos spannt das Seil noch wie eine Grenze über der Straße. Es ist eine Grenze.

Amelie Tobien: Und symbolisiert die Unfähigkeit, weiterzugehen – außer man tut etwas dagegen.

Diese Grenze zu akzeptieren, ist der erste Schritt, sie zu überwinden?

Amelie Tobien: Man muss das Seil erkennen, um daran ziehen zu können, ja. Irgendjemand hat außerdem unter das Video geschrieben, dass ich beinahe manisch durch den Wald laufe. Schließlich kenne ich weder das Ziel noch weiß ich, wohin mich das Seil führen wird. Es habe aber grenzwertig gewirkt, stand im Kommentar, der auch die Frage aufwirft, ob es gesund sei, die Sache mit dieser Vehemenz zu verfolgen. Das fand ich spannend, weil: Musik als kleinere Künstlerin in dieser Industrie rauszubringen, zehrt ohnehin an den Kräften und kann sich zerstörerisch auswirken. Vor allem, wenn man nur auf vermeintliche Erfolgszahlen wie Klicks oder Aufrufe schaut.

Das Video hatte nach einer Woche über 10.000 Klicks. Checkst du die Aufrufe regelmäßig?

Amelie Tobien: Ja, schon. Meine Screentime seit dem Release ist way up. Das ist nicht gut, deshalb muss ich mich bewusst davon runterholen.

Wir können auch weiter über den Abschied sprechen. Der Song und das Video sind schließlich ein Geschenk an ihn. Es zeigt auf, dass man manche Abschiede in der Gesellschaft nicht zelebriert. Bricht der Song deshalb etwas auf?

Amelie Tobien (c) Léa Marijanović

Amelie Tobien: Manche Abschiede werden, auch wenn sie einen weiterbringen und neue Wege aufmachen, zu selten zelebriert – gerade wenn sie traurig sind. Deshalb stimmt der Gedanke mit dem Aufbrechen. Der Sound geht zum ersten Mal weg von Folk, der mein erstes Album ausgemacht hat. Es entstand während meiner Zeit in Irland. Es ist durch die Erlebnisse und die Leute dort geprägt gewesen, aber: Diese Zeit ist vorbei. Ich lebe in Wien, bin von anderen Dingen und Menschen und Einflüssen umgeben. Trotzdem kann ich die Vergangenheit nicht einfach ausziehen. Der Schatz der Erfahrung ist in dem Lied vorhanden. Und er wird in den folgenden Liedern vorhanden sein. Die Vergangenheit steckt in mir drin.

Es kommen also weitere Abschiedslieder?

Amelie Tobien: Oje …

Ein ganzes Manifest an die Vergänglichkeit?

Amelie Tobien: Nicht nur, glaube ich.

Ein Aufbrechen reicht. Der Song umarmt das Leben, obwohl der Text traurig ist.

Amelie Tobien: Ich hab früher viele traurige Lieder geschrieben, aber das macht nicht so viel Spaß wie eine poppige Nummer. Deshalb probiere ich, solche Emotionen in einem energischen Sound zu verpacken. Weil … owezahn tut man sich ohnehin die ganze Zeit.

“ICH BIN LIEBER EKSTASTISCH UND GUT DRAUF.”

Würdest du dich als melancholischen Menschen beschreiben?

Amelie Tobien: Ich kann mich in der Melancholie verlieren, aber ich probiere bewusst, positiv und realistisch zu sein, um dem Wehmut nicht zu viel Platz einzuräumen. Wenn ich die Emotion fühle, habe ich sie nämlich gar nicht so gern. Ich bin lieber ekstatisch und gut drauf, will beim Fortgehen alles vergessen und es lustig haben.

Dabei sind die Menschen in Irland getränkt von Melancholie.

Amelie Tobien: Das stimmt, aber es ist keine verbitterte oder verzweifelte Melancholie.

Die Menschen strahlen eine Freude aus, ja.

Amelie Tobien: Dabei gibt es gerade in Dublin viel Armut, die im öffentlichen Raum sichtbar ist. Trotzdem ist die Beziehung zwischen Menschen, denen es besser geht, zu Menschen, die es schlechter haben, viel freundlicher als hier. Zumindest war das mein Eindruck.

Das Straßenmusizieren ist auch weniger mit dem Betteln verknüpft als in Wien. Es ist ein Teil …

Amelie Tobien: Der Kultur. Man schätzt die Menschen. Das fängt bei Projekte in Schulen an, die ein Engagement für Mitmenschen forcieren, durchzieht die Gesellschaft und wirkt sich auf die Art der Melancholie aus.

Du hast inzwischen eine neue Stimmung gefunden. Woher kam diese Energie?

Amelie Tobien: Ich sauge die Umgebung auf, in der ich mich befinde. Gerade in Wien gibt es richtig gute Indie-Bands, die edgy Musik machen.

Edgy?

Amelie Tobien: Ja, eine Musik, die modern klingt, aber gleichzeitig nicht zu viel will. Mir taugt die Lässigkeit von Sharktank oder Leyya, generell die Sachen von Marco Kleebauer, aber auch Oehl find ich großartig. Diese Bands und Künstler:innen sind für mich Vorbilder, weil ich ihre Musik schätze. Für „Ocean Girl“ habe ich mit Mario Fartacek von Mynth gearbeitet. Ich habe ihn während einer Brauton-Session kennengelernt, die ich gespielt habe. Danach haben wir uns im Studio getroffen – mein Highlight des letzten Jahres!

Weil es sofort funktioniert hat?

Amelie Tobien: Wir haben in unserem Sound einen Punkt gefunden, in dem es fließen konnte. Dabei kannten wir uns davor kaum. Wir kommen zwar beide aus Salzburg und haben uns Ende der 2000er Jahre bei einem Jugendbandcontest getroffen – aber danach nie wieder. Trotzdem konnten wir connecten. Das ist wunderbar. Schließlich habe ich die letzten Jahre fast immer allein gespielt, obwohl ich gar kein Loner bin, im Gegenteil: Ich liebe Gruppenformationen. Dass wir uns begegnet sind, war Zufall, aber hat zu einer Leichtigkeit geführt, die ich allein nicht gehabt hätte.

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Auch weil man allein die ganze Last trägt? Bevor man einen Song veröffentlicht, muss man sich die ganze Zeit selbst überzeugen, dass man hinter diesem Statement noch steht. Im Dialog entsteht … Luftigkeit?

Amelie Tobien: Es braucht eine gute Balance, mit welchen und wie vielen Menschen man künstlerisch zusammenarbeitet. Ich will in Zukunft mit Band auftreten und frage gerade bei befreundeten Musikern an, ob sie Zeit haben. Schließlich ist es eine Herausforderung, gemeinsame Termine zum Proben zu finden, wenn man Brotjob mit anderen Projekten unterkriegen will … Gleichzeitig bin ich froh, dass ich mit Assim Records Menschen hinter mir stehen habe, die gut drauf und mit Herzblut bei der Sache sind.

Es ist eine Synergie, in die man eintritt. Das funktioniert nur, wenn niemand eine hidden agenda verfolgt. Sonst kippt die Dynamik.

Amelie Tobien: Verbissenheit ist in der Musik etwas Toxisches, ja. Wir haben vorhin über Zahlen des Erfolgs gesprochen. Das sind Ziele, die nicht emotionaler Natur sind, im Gegenteil: Man will etwas messbar machen. Dabei sollte man Erfolg als kleine, unabhängige Künstlerin anders definieren. Schließlich wird man in der Branche kein großes Geld verdienen. Deshalb überlege ich: Was sind meine Ziele in diesem Jahr, auf die man hinarbeiten kann, die einem auch etwas abverlangen, aber die nicht messbar sind.

Sind Auftritte nicht auch gute Klein-Ziele, um einen Anreiz zu haben, ohne sich darin zu versteifen?

Amelie Tobien: Ja, qualitative Ziele statt quantitative!

Wir streifen einen wichtigen Punkt: Viele Musiker:innen können nicht von ihrer Musik  leben, gleichzeitig verfolgt man das Ideal der großen Stars. Die große Mehrheit ist trotzdem prekär unterwegs. Es fehlen Vorbilder, an denen man sich realistisch orientieren kann.

Amelie Tobien: Wenn man die Leute, die man sich als Vorbilder nimmt, fragt, wie es ihnen damit geht, haben die in einer anderen Dimension genau dasselbe Problem.

Der Erfolg misst sich relational.

Amelie Tobien: Als Mensch ist es aber schwer, sich das ständig vor Augen zu halten.

Es gibt in der Szene kein Mittelfeld, wo Strukturen bestehen, die funktionieren und unterstützen. Kann man das so sagen?

Amelie Tobien: Es herrscht viel Zusammenhalt. Konkurrenz und Konkurrenzdenken gibt es immer, das steckt in uns drin. Trotzdem beruht viel auf Solidarität. Fragt man um Hilfe, bekommt man sie auch. Den Fehler, den Menschen oft machen, wenn sie Hürden sehen und nicht glauben, sie überwinden zu können, ist, dass sie sich nicht trauen, jemanden, der schon weiter ist, um Hilfe zu fragen.

Amelie Tobien (c) Léa Marijanović

The Art of Asking!

Amelie Tobien: Von Amanda Palmer, genau! Man muss fragen. Das Video zu “Ocean Girl” entstand nicht ohne Grund mit Ariel [Oehl, Anm.]. Dabei kannte ich ihn bis vor Kurzem gar nicht. Ich hab ihm auf Instagram geschrieben, ob er Zeit und Lust hat – und er hat zugesagt.

Im Vergleich zu anderen Kunstsparten wohnt Musiker:innen etwas Gemeinsames inne, allein durch das gemeinsame Musizieren und Bearbeiten von Musik. Es ist nicht nur an einzelnen Personen festzumachen.

Amelie Tobien: Als Sängerin trägt man natürlich Wesentliches bei. Trotzdem ist jedes Werk – egal in welchem Musikbusiness man sich bewegt – immer von vielen Leuten getragen. Auch wenn es solche geben mag, die alles können …

Behaupten sie zumindest!

Amelie Tobien: Ich sehe die Musik lieber als Zusammenspiel, weil: Ich möchte gar nicht alles alleine machen.

Wie du sagtest: Man muss sich halt auch trauen zu fragen und den Mechanismus der Verunsicherung ausschalten – oder ist es Angst vor Zurückweisung?

Amelie Tobien: Würde mich eine Freundin fragen: Mah, du kennst den, könntest du ihn nicht fragen, ob der für mich etwas machen kann? Ich würde es sofort tun. Für mich selbst überlege ich trotzdem sicher länger. Deshalb muss man immer seine eigene Freundin sein, die das erledigt.

Damit schließen wir den Kreis zum Video. Deine innere Freundin hält das andere Ende des Seils!

Amelie Tobien: Das ist ein versöhnliches Ende, ja! Wir stehen uns gegenüber und ziehen am Seil. Dabei ist sie meine innere Freundin, weil sie mir weiterhilft. Das ist eine schöne Lesart!

Was kommt nach “Ocean Girl”?

Amelie Tobien: Wir werden sicher ein Album aufnehmen. Wie viel möglich ist, hängt davon ab, ob ich genug Förderungen bekomme.

Bleibst du beim Sujet des Wassers?

Amelie Tobien: Gute Frage! Das Thema des Wassers zieht sich auch durch andere Songs, die ich geschrieben habe. – vielleicht wird’s ja ein Konzept Album.

Stehende Gewässer, fließende Gewässer…

Amelie Tobien: Es gibt mindestens zwei weitere Songs, in denen ich Wasser thematisch verarbeite. Es fasziniert mich einfach – dabei hab ich eigentlich Angst vor dem Meer …

Trotzdem hat das Meer etwas Erhabenes, das einen Eindruck hinterlässt.

Amelie Tobien: Dinge, die man fürchtet, findet man auch interessant und spannend. Es ist eine Form der Hochachtung!

Man sieht die endlose Weite und denkt sich: Jetzt ist man richtig klein.

Amelie Tobien: Es ist schön,wenn man sich klein fühlt. Gerade in der Stadt ist man eh nur im Kopf verhaftet, ist dauernd nur da. Steht man vor einer Naturgewalt, checkt man : Es ist alles riesig. Deswegen bin ich auch gern in den Bergen. Man blickt von oben auf die Täler, das macht uns Menschen klein und nichtig. Es ist ein angenehmes Gefühl zu wissen, dass wir eh nicht so groß und toll sind, wie wir häufig tun.

Deshalb: ab und zu kleiner machen und sich aus der Distanz beobachten?

Amelie Tobien: Das ist eine schöne Song-Idee. Wir müssen eine Hochachtung vor der Weite entwickeln.

Wunderbar und danke für das Gespräch!

Ania Gleich & Christoph Benkeser

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