„MAN KANN JA NICHT AUS SEINEM WESEN, SEINEM GEISTE AUSBRECHEN.“ – KLAUS PAIER IM MICA-INTERVIEW

KLAUS PAIER kann hierzulande getrost als einer der Vorreiter und Wegbereiter des Akkordeonspiels bezeichnet werden. Seit mehr als 20 Jahren ist er mit seinen verschiedenen Projekten und Kollaborationen auf den international renommierten Bühnen unterwegs, und veröffentlicht als Instrumentalist, sowie Komponist regelmäßig spannende Werke. Am 2. Juni erscheint nun das mit seinen langjährigen Weggefährten ASJA VALCIC (Cello) und GERALD PREINFALK (Klarinette, Saxofon) eingespielte neue Album „Fractual Beauty“ (Skip Records). Im Interview mit Alexander Kochman sprach KLAUS PAIER über das neue Trio, wie er das vergangene Jahr wahrgenommen hat, und inwiefern sich der Stellenwert des Akkordeons verändert hat. 

Vielen Dank, dass du dir für das Gespräch Zeit genommen hast. Du kommst ja gerade von zwei Auftritten in Kroatien zurück. Ich nehme an, das waren auch für dich die ersten Gigs seit langem. 

Klaus Paier: Ja, genau. Wir hatten zwar letzten September noch ein paar Auftritte, aber dann mussten wir alles absagen. und hatten eben jetzt wieder die ersten beiden Konzerte. Das war natürlich super, auch wenn es aufgrund der Bürokratie ein bisschen mühselig war. Da gab es einen falsch positiven Coronatest etc. Aber sonst war es wirklich toll! Wir haben in einem Theater gespielt und hatten ausverkauftes Haus. Natürlich waren die Kapazitäten aufgrund der Covid-Regelungen beschränkt, aber wieder vor Publikum spielen zu können. war wunderbar! 

Du bist ja sonst wirklich sehr viel live unterwegs, wie hast du das letzte Jahr aus dieser Perspektive wahrgenommen?

Klaus Paier: Ich habe mir eigentlich eh schon länger ein bisschen Auszeit gewünscht. Ich war jetzt 20 Jahre immer sehr viel unterwegs, was super ist, aber so hatte ich im vergangenen Jahr auch ein bisschen Zeit, mich mal wieder mehr mit Musik zu beschäftigen. Neue Musik hören, mehr üben etc. Natürlich waren die Umstände widrig, aber mir persönlich war die Pause gar nicht so unrecht. Abgesehen davon konnten wir die Zeit im Sommer und Herbst auch gut mit dem Trio nutzen und zumindest proben, was ja auch nicht immer möglich war. Trotz allem wird es jetzt aber auch Zeit, dass es wieder losgeht.

Ich habe auch einen Ausschnitt eines Online-Wohnzimmer-Konzerts von dir und Asja Valčić gesehen.  Denkst du dieses Format hat auch in Zukunft Potential?

Klaus Paier: Nein [lacht].  Ich wurde vom österreichischen Kulturforum in Rom darum gebeten, aber für mich ist das nichts. Ich weiß, viele Kollegen haben solche Onlinekonzerte gespielt, aber meiner Meinung nach macht das ohne echtes Publikum keinen Sinn. Da kann ich auch zu Hause üben [lacht].  Auch auf klanglicher Ebene fehlt einfach zu viel. Ich habe mir selber ein paar Onlinekonzerte angeschaut, was für mich eher erschütternd und teilweise richtig unheimlich war [lacht].

Ich arbeite auch sehr gerne immer wieder mit denselben Künstlerinnen und Künstlern zusammen […]

Auf dem neuen Album „Fractual Beauty“ bewegst du dich, wie auch sonst, frei und leichtfüßig zwischen unterschiedlichsten musikalischen Formen und Stilen. Gibt es für dich mittlerweile noch so etwas wie einen musikalischen Heimathafen?

Klaus Paier: Einen Heimathafen gibt es eigentlich immer. Man kann ja nicht aus seinem Wesen, aus seinem Geist ausbrechen. Was das jetzt für mich und meine Musik ist, ist schwer zu sagen. Jazz, Weltmusik, vielleicht auch Klassik. Aber als Überbegriff würde ich Jazz wählen, weil das einfach mit den verschiedensten Facetten und vielfältigen Improvisationen wohl am besten passt. Mir war es auch von Anfang an wichtig, meine eigene Musik zu machen. Daher habe ich immer auch meine eigenen Projekte verfolgt. Ich arbeite auch sehr gerne immer wieder mit denselben Künstlerinnen und Künstlern zusammen, da ich der Meinung bin, dass die Musik enorm davon profitiert, wenn man gut aufeinander eingespielt ist.

Paier-Valcic-Preinfalk
Paier-Valcic-Preinfalk (c) Michael Reidinger

In deinem neuen Trio spielst du gemeinsam mit Asja Valčić und Gerald Preinfalk. Mit Beiden hast du auch seit Jahren Duoprojekte.

Klaus Paier: Ja genau. Mit dem Gerald spiele ich schon seit über 20 Jahren. Wir haben in dieser Zeit auch zwei CDs als Duo veröffentlicht, aber in den letzten Jahren ist dieses Projekt ein bisschen in den Hintergrund geraten, weil halt für uns gerade andere Dinge vordergründig waren. Seit 2009 spiele ich eben auch sehr viel mit Asja am Cello.  Nach einer gewissen Zeit war dann die Idee dann nicht mehr fern, etwas Gemeinsames zu machen. Auch, weil die jeweiligen Instrumente gut harmonieren. 

Inwiefern unterscheidet sich das kreative Arbeiten im aktuellen Trio, verglichen mit den Duoprojekten?

Klaus Paier: Da gibt es natürlich schon eine ganz andere Herangehensweise, gerade auch von den Kompositionen her. Auf dem aktuellen Album hat jetzt jeder zufällig drei der zwölf Stücke geschrieben. Da hat auch jeder seinen individuellen Stil bzw. seine Ideen eingebracht, und wir haben es dann natürlich auch speziell für unser Instrumentarium arrangiert. Auf der anderen Seite hat es logischerweise auch ein bisschen mit den bisherigen Duos zu tun, da ja jeder Mensch seine Eigenheiten und Stilistiken hat, welche nicht einfach so abzulegen sind. Trotzdem hat es einen ganz neuen und eigenen Zugang.

„Ob man jetzt beispielsweise mit einer Rhythmussektion spielt oder nicht, macht schon einen sehr großen Unterschied.”

Wie ist das für dich persönlich am Instrument?

Klaus Paier: Das ändert sich auch auf jeden Fall. Das ist natürlich auch das Interessante, bzw. die Herausforderung für mich und mein Instrumentarium. Akkordeon und Bandoneon werden ja immer, je nach Kontext, ganz unterschiedlich eingesetzt.  Ob man jetzt beispielsweise mit einer Rhythmussektion spielt oder nicht, macht schon einen sehr großen Unterschied. In Duosituationen habe ich im Vergleich dazu natürlich sehr viel Begleitfunktion, während das jetzt im Trio wieder ganz anders ist. Dass mein Instrument immer eine andere Rolle spielt, ist auch ein Thema, was mich besonders fasziniert.

Bild Paier-Valcic-Preinfalk
Paier-Valcic-Preinfalk (c) Michael Reidinger

In den letzten Jahren hat das Akkordeon viel Aufwind erlebt. Wie hat sich deiner Meinung nach, der Stellenwert des Akkordeons seit Beginn deiner Karriere verändert?

Klaus Paier: Sehr stark. Zusammen mit ein paar Kollegen waren wir so um 1987/88 die ersten Studenten, welche die Möglichkeit hatten, klassisches Akkordeon an einer Hochschule, damals am Kärntner Landeskonservatorium, zu studieren. Davor war das überhaupt nicht möglich.  Die meisten Leute kannten das Akkordeon nur vom „Humtata“, und das dann auch noch schlecht gespielt [lacht].  Daher wurden wir ganz am Anfang schon eher belächelt. Heutzutage hat sich da ein ganz anderes (Selbst-) Bewusstsein entwickelt, und man kann Akkordeon auf jeder Hochschule studieren. Da hat auch, gerade in Österreich, das von Friedl Preisl organisierte internationale Akkordeonfestival in Wien sehr viel beigetragen.  Als es vor über 20 Jahren zum ersten Mal stattfand, hätte sich wahrscheinlich niemand gedacht, dass es so ein Erfolg werden würde. Aber mittlerweile ist es weltbekannt und praktisch jedes Land hat in irgendeiner Form ein Akkordeonfestival. Diesbezüglich war Friedl Preisl ein absoluter Vorreiter und Wegbereiter!

Heute ist es ja auch im Jazz und in der improvisierten Musik ein absolut gängiges Instrument…

Klaus Paier: Ja, ich muss auch immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich online sehe, wie unfassbar viele Projekte mittlerweile mit Akkordeon besetzt sind. Heutzutage hat man in den Programmheftern praktisch immer irgendwo ein Akkordeon vertreten. Es ist einfach ganz normal geworden, was ich natürlich super finde.

Vielen Dank für das nette Gespräch! 

Alex Kochman

 

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