„MÄNNER HABEN ES SO EINFACH, ZU MACHEN, WAS SIE WOLLEN, OHNE KONSEQUENZEN“ – TOPSY TURVY IM MICA-INTERVIEW

Tauschen Instrumente wie andere Leute ihre Outfits, schreiben Songs irgendwo zwischen Jammen, Blödeln und plötzlicher Eingebung und geben sich dabei so wenig geschniegelt wie möglich: TOPSY TURVY machen auf Fighting the Ginormous Macho Nacho (VÖ: 27.3.26 bei Siluh) genau das, was ihr Name verspricht. Zwischen Garage-Attitüde, Glam-Gesten und einer ordentlichen Portion Trotz nehmen THERESA STROHMER, LENA PÖTTINGER und VICTORIA ARON nicht nur den titelgebenden Macho ins Visier, sondern gleich ein ganzes Bündel an Zuschreibungen, die ihnen als Band immer wieder begegnen. Klingt nach Konzept? Vielleicht – nur eben eines, das lieber aus dem Bauch kommt als aus dem Lehrbuch. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählen TOPSY TURVY unter anderem, warum Fehler manchmal die besten Ideen sind und wieso Bedeutung oft erst im Nachhinein entsteht. 

Euer Album kreist um die Figur des „Ginormous Macho Nacho“. Was war der erste Moment oder Gedanke, aus dem diese Figur entstanden ist?

Topsy Turvy: Wir waren entsetzt von einem Macho-Rock’n’Roll-Konzert, wo wir uns dachten: Männer haben es so einfach, zu machen, was sie wollen, ohne Konsequenzen. Wir hatten diese Selbstverständlichkeit nie, und unser Geschlecht ist immer Thema. Da ist deshalb auch immer die Befürchtung, dass die Leute weniger kritisch oder sogar extra kritisch mit uns sind, weil wir Frauen sind.

Wie hat sich diese Figur im Laufe des Schreibprozesses verändert?

Topsy Turvy: Nach besagtem Konzert hatten wir Worte für ein Gefühl, das schon lange da war. Im Lied steht der Macho Nacho jetzt allgemeiner für eine Ungerechtigkeit, die wir als Musikerinnen erleben. Der Macho Nacho, so wie er jetzt als Kinder-Robo-Spielzeug auf unserem Cover abgebildet ist, wurde von uns verniedlicht und es fällt schwer, sich davor zu fürchten.

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Wenn ihr das Album als eine Bewegung oder Dynamik beschreiben würdet: Worum geht es euch dabei?

Topsy Turvy: Das Album kommt mit einer gewissen Attitüde daher, es fühlt sich direkter und ungehemmter an als das letzte und das war uns auch wichtig rüberzubringen: dass man seine Gefühle und die Themen, die einen beschäftigen, nicht unterdrücken sollte, aus Angst, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden.

Was unterscheidet euren Zugang zum zweiten Album am deutlichsten vom ersten?

Topsy Turvy: Wir behandeln ernstere Themen und gehen offener mit unseren Emotionen um. Es ist selbstbewusster und direkter als das erste. Trotzdem bleiben wir verspielt und erlauben uns mit Texten wie bei »Ducktape« auch banale Themen, die uns ja ebenfalls ausmachen.

Ihr arbeitet sehr kollektiv: Wie entsteht bei euch ein Song ganz konkret – von der ersten Idee bis zur fertigen Version?

Topsy Turvy: Unterschiedlich. Meistens hat eine Person eine Idee, und dann probieren wir im Proberaum rund um diesen Einfall aus, bis ein Song entsteht – das geht oft recht schnell. Aus einem ersten Bla-Bla-Gesang wird dann schnell einmal ein Inhalt, den man lassen kann. Beim Jammen und Blödeln ist auch der eine oder andere Song entstanden.

WIR SCHREIBEN DEN SONGS OFT ERST, WENN SIE FERTIG SIND, IHRE BEDEUTUNG ZU.”

Welche Rolle spielt Spontaneität in eurem Schreiben? Und wo beginnt für euch so etwas wie Entscheidung oder Form?

Topsy Turvy: Wir sind sehr spontan, deshalb entsteht auch schnell etwas aus dem Nichts. Uns wird schnell fad, und dann ist es immer laut im Raum, wenn mal Pause ist – Jammen halt. Da kommt etwas raus, ohne dass wir Entscheidungen treffen. Ein konkretes Konzept kommt bei uns eher etwas verspätet. Wir schreiben den Songs oft erst, wenn sie fertig sind, ihre Bedeutung zu.

Bild der Band TOPSY TURVY
TOPSY TURVY © Anja Pöttinger

Der Instrumententausch scheint bei euch Teil der Methode zu sein: Was ermöglicht euch das, was sonst vielleicht nicht passieren würde?

Topsy Turvy: Neue Ideen – man spielt anders, wenn man etwas nicht gut kann. Unabsichtliche Fehler können auch cool sein. Und dann formt man das Ausprobieren zu: „Okay, du spielst das und ich spiel das, so machen wir’s!“ Außerdem macht es einfach Spaß, nicht immer dasselbe Instrument zu spielen.

Viele Songs wirken sehr direkt, aber nicht unbedingt erzählerisch. Wie entscheidet ihr, was in einen Text kommt und was nicht?

Topsy Turvy: Manchmal erzählen wir schon ausgedachte Geschichten, dann ist das auch erzählerisch. Entscheiden tun wir eigentlich nicht so viel bei Texten. Entweder es gefällt uns oder nicht – wir denken da nicht so lange herum.

Wie wichtig ist euch beim Schreiben die Bedeutung von Worten im Vergleich zu ihrem Klang?

Topsy Turvy: Uns geht es viel um Klang. Es kann schon passieren, dass ein Inhalt wenig Sinn macht, aber die Wörter gut zur Melodie klingen und sich gut singen lassen. Beim Jammen wird oft herumgesungen, und daran orientieren wir uns.

Gibt es Themen oder Erfahrungen, die ihr bewusst nur indirekt oder über Bilder verarbeitet?

Topsy Turvy: Bestimmt! Zum Beispiel bei Macho Nacho, wo wir uns etwas ausgedacht haben, um die Ereignisse zu verpacken, ohne jemanden direkt öffentlich zu kritisieren.

WIR HABEN UNSEREN SOUND IRGENDWO ZWISCHEN DEN WELTE GEFUNDEN.”

Euer Sound bewegt sich zwischen verschiedenen Einflüssen: Wie merkt ihr, wann etwas „zu viel“ wird oder was genau richtig ist?

Topsy Turvy: Zu viel gibt es selten. Wir haben unseren Sound irgendwo zwischen den Welten gefunden – es stimmt also, dass es verschiedene Einflüsse gibt. Für dieses Album haben wir gemerkt, dass das Garagigere gut zu uns passt. Manchmal wird’s schon cheesy, wenn wir aus Spaß ein komplettes Country- oder klassisches „Dadrock“-Lied schreiben. Dann wird es manchmal umgeändert oder verworfen – oder live präsentiert.

Gab es beim neuen Album musikalische Momente, die euch selbst überrascht haben?

Topsy Turvy: Die Wirkung des Instrumententauschs auf jeden Fall und wie sich die Stimme ebenfalls als Instrument eignet. Gerade Resi hat viel mit ihrem Gesang experimentiert, was für viele Songs wichtig geworden ist. Bei dem Album haben wir auch viele Backing Vocals von uns allen eingebaut, die erst beim Recorden dazu kamen – das hat auch Spaß gemacht.

Eure visuelle Ebene ist sehr präsent: Wie entwickelt sich dieses visuelle Konzept parallel zur Musik?

Topsy Turvy: Sehr schleichend, eigentlich ähnlich wie unsere Musik entsteht. Unterbewusst gibt es oft gewisse „Trends“ oder Modeerscheinungen, die uns im Freundeskreis zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders zusagen. Auf unserer gemeinsamen England-Tour mit Laundromat Chicks war das zum Beispiel stark „Mod Fashion“. Irgendwann war uns das aber zu viel, und dann dachten wir uns: Space-Age-Fashion ist nicht weit davon entfernt und könnte gut auf der Bühne funktionieren.

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Welche Rolle spielt eure Szene in Wien für eure Arbeit?

Topsy Turvy: Eine große Rolle. Ohne Freundesgruppe oder Szene gäbe es uns als Band gar nicht. Musik verbindet und inspiriert uns auf allen Ebenen und sorgt dafür, dass wir immer weitermachen. Unsere Freund:innen helfen uns zum Beispiel auch bei Musikvideos, was sie für uns umso besonderer macht. Kreatives Schaffen funktioniert am besten mit Leuten, die man gern hat.

Wenn ihr auf das fertige Album blickt: Was hat sich für euch durch diesen Prozess verschoben oder neu gezeigt?

Topsy Turvy: Wir sind selbstbewusster in dem, was wir machen. Auch unser Sound wurde präziser, und man kann uns besser Genres zuordnen als früher. Wir entwickeln uns weiter und haben Spaß daran, unsere Musik so zu machen, wie wir sie machen – das ändert sich nicht.

Danke euch für das Interview!

Topsy Turvy: Danke dir!

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Ania Gleich

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Links:
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Topsy Turvy (Siluh Label)
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