„Machen, machen, machen […]“ – JAY COOPER im mica-Interview

Der in London lebende Salzburger JAY COOPER spielt räudigen Rock mit Pop-Appeal. Mit Markus Deisenberger sprach er über die Londoner Szene, Rooftop-Partys und eine Zukunft ohne Angst und Zweifel.

Warum haben Sie Ihre Band Trippin in London aufgegeben und solo weitergemacht?

Jay Cooper: Gute Frage. Ich war damals neunzehn, zwanzig Jahre alt und es war völlig offen, wie es weitergehen sollte, das heißt, ob ich in Salzburg bleiben oder wieder nach London zurückgehen sollte, wo ich zur Schule gegangen war. Ich habe mich dann dafür entschieden, zurück nach London zu gehen und solo weiterzumachen – auch, weil es für mich am sinnvollsten ist, allein Musik zu machen, um meinem Perfektionismus gerecht zu werden.

Sie sind in England zur Schule gegangen?

Jay Cooper: Ja. Mein Stiefvater ist Engländer. Meine ganze Familie, Onkel, Oma und so weiter ist dort. Deshalb habe ich dort nach der Schule auch studiert.

Aber es zieht Sie trotzdem immer wieder nach Salzburg. Warum?

Jay Cooper: In den Sommermonaten, um Ruhe zu haben. Vom Londoner Stress wegzukommen, zumindest für eine Weile, tut mir sehr gut.

Sie haben Musik studiert?

Jay Cooper: Nein, das ist immer wieder zu lesen. In Wahrheit aber habe ich habe Wirtschaft studiert und im Jänner meine erste Firma gegründet, ein Start-up in London und Paris, eine Musikplattform, die in den nächsten eineinhalb Monaten online geht und sich „Roots“ nennt. Dabei geht es darum, Serviceleistungen für Künstlerinnen und Künstler durch Algorithmen zu verbessern. Zum Beispiel: Ich bin Fotograf, brauche mehr Aufträge und brauche einen Cutter, habe aber nur ein bestimmtes Budget; ich suche in der Umgebung Leute, die mir zu diesem Budget zur Verfügung stehen, d.h. ich suche nach zu meinem Profil passenden Personen, die mit mir zusammenarbeiten. Dieses Start-up habe ich die letzten eineinhalb Jahre verfolgt.

„Die Musik ist definitiv professionell, ich meine es ernst.“

Die Musik ist also nur ein Hobby?

Jay Cooper: Nein, nein, ganz und gar nicht. Die Musik ist definitiv professionell, ich meine es ernst. Ich war nur zwischendurch einmal ein Jahr lang in Sydney, und da kam mit die Idee, diese Firma zu gründen. Komme, was wolle. Da geht es auch weniger um Profit, als darum, es zu tun und dadurch zu helfen, einen Bedarf zu decken.

Wie lässt sich das vereinbaren: Firmengründung einerseits und Musik auf professionellem Niveau andererseits?

Jay Cooper: Mein Fokus liegt ganz klar auf der Musik. Bei „Roots“ sind wir insgesamt dreizehn Leute. Es war von Anfang an klar, dass es mir, sobald ich wieder richtig Musik mache, hauptsächlich darum gehen wird, die Musik voranzutreiben. Ich habe ja Material Ende nie … Zwei komplett fertig produzierte Alben. Die liegen herum und kommen jetzt Häppchen für Häppchen.

Wo und wann kommen diese Alben?

Jay Cooper: Das ist noch unklar. Ich muss jetzt erst einmal schauen, wie weit es allein geht, das heißt, wie weit ich allein komme, wenn ich mir Vertriebspartner suche. Inwiefern es funktioniert, die Marke zu stärken, ohne Deals eingehen zu müssen, unter denen ich leiden muss. Das ist mir ganz wichtig. Dieses Jahr kommen jedenfalls noch zwei Singles und eine EP. Nächstes Jahr werden wir sehen, wie viele Singles nachfolgen und ob sich jemand so dafür interessiert, dass ein ganzes Album erscheinen wird.

Wie leicht oder schwer ist es, in London Teil einer bestimmten Szene zu werden? Geht das überhaupt?

Jay Cooper: Unmöglich. In London bewegt sich die Szene hauptsächlich in Shoreditch. Das Problem daran ist, dass es viele, viele kleine Clubs sind, die von den U-Bahn-Stationen fünfzehn bis zwanzig Minuten entfernt sind. Das sind wirklich kleine Clubs in Kellern. Und man kann nicht einfach so hingehen und fragen, ob man bei der Session mitspielen könne.

„Das Prinzip von London ist es, dort aufzuwachsen, mit deinen Kumpels eine Band zu haben und es durchzuziehen.“

Sondern?

Jay Cooper: Es muss dich jemand mitnehmen. Das ist alles sehr abgeschottet. Das Prinzip von London ist es, dort aufzuwachsen, mit deinen Kumpels eine Band zu haben und es durchzuziehen. Eine Szene, in die du von außen stößt und der du dich dann zugehörig fühlst, gibt es in diesem Sinne nicht.

Irgendwo mitzumischen ist nicht drin?

Jay Cooper: Schwierig. Dadurch, dass alles teurer ist, die Distanzen größer sind, die U-Bahn langsamer ist, ist man auch nicht so mobil. Man kann nicht so viel Zeug herumschleppen. Aber trotzdem ist London, um Leute kennenzulernen und sich zu vernetzen, wirklich einzigartig. Besonders ist auch die Geschwindigkeit: Es muss alles fertig werden, weil das Herz der Stadt so schnell schlägt.

Kann man aus dieser abgeschotteten Szene trotzdem etwas mitnehmen oder ist das eine Welt, die einem total fremd bleibt, weil sie nach ihren ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert?

Jay Cooper: Was man mitnehmen muss, ist, dass es so extrem gute Leute gibt und man schnell an einen Punkt kommt, wo man sich sagen muss: „Egal, wie es läuft, und egal, wie schnell sich das Ganze dreht, nie aufgeben!“ Machen, machen, machen, das lernt man in dieser Stadt. Mit einem Misserfolg muss man sofort klarkommen, weil es in dieser Stadt einfach nicht die Zeit gibt, sich lange die Wunden zu lecken. Durchhängen – das gibt es nicht.

Durchhängen sollte man aber auch in anderen Städten nicht, wenn man es schaffen will.

Jay Cooper: Schon, schon. Aber ich begegne in Österreich schon immer wieder Leuten, die mir von ihren Krisen erzählen. Und da liegt der Unterschied. Zeit für die große Krise und Lebensfindungsproblematiken gibt es in London nicht. Das interessiert hier niemanden. Da geht es darum abzuliefern, auf welche Art und Weise auch immer.

Gehen wir zur Single „More, more, more“. Kann man sagen, dass Sie auf eine gewisse Dreckigkeit des Gitarrensounds Wert legen, gleichzeitig aber auch auf die Eingängigkeit des Songmaterials achten?

Jay Cooper: Definitiv. Aber für mich ist jede Nummer auch anders, deshalb kann ich mich da nicht so klar deklarieren: Ja, Gitarren sind mir wichtig. Verzerrte Gitarren sind mir wichtig, weil ich aus dem Post-Punk komme. 90‘s Grunge, Alternative … Das ist die Ecke, aus der es herzieht. Und die Eingängigkeit passiert. Groove und Flow müssen stimmen, die Musik muss sich im Moment richtig anfühlen. Sonst könnte ich die eigene Kunst nicht richtig rüberbringen.

„Frauen, die sich durch das Video angegriffen fühlen, finden es offenbar nicht gut.“

Wie waren die Reaktionen auf Single und Video?

Jay Cooper: Witzig, dass Sie das fragen. Letzte Woche, nachdem das Video drei Tage lang gelaufen war, war ich fort. Da sprach mich jemand auf der Straße darauf an, dass es ihm gefalle. Seine weibliche Begleitung drehte sich aber um und ging. Männer finden es super. Frauen, die keinen riesigen Drang zum Feminismus verspüren, finden es auch super. Frauen, die sich durch das Video angegriffen fühlen, finden es offenbar nicht gut. Aber mir ging es bei dem Video um die Ästhetik. Ein Take, hundert Euro Budget. Und wir haben es einfach gemacht. Das zweite Video, das kommen wird, „Don‘t shoot the gun“, wird ein von einem großen Team produziertes Video sein, das genaue Gegenteil von diesem also.

Wobei ich mich frage, wie man sich durch eine Frau, die sich lasziv zur Musik bewegt, angegriffen fühlen kann. Ich finde nicht, dass die im Video spielende Frau als Sexobjekt inszeniert wird. Noisey schrieb sogar, man müsse den Feminismus ausblenden, um das Video cool zu finden.

Jay Cooper: Anscheinend ist es die Nacktheit, ich verstehe es auch nicht ganz. Ich finde es erotisch und nicht sexistisch.

Sie haben neulich in Salzburg auf einer Rooftop-Party gespielt. Wie kam es dazu?

Jay Cooper: Das passierte wie so vieles bei Jay Cooper impulsiv. Wir haben von einem Tag auf den anderen beschlossen, dass es doch cool sein könnte, auf diesem Dach zu spielen, und es dann einfach getan. Ursprünglich wollten wir das ja beim Festspiele-Opening auf dem Dach des Festspielhauses machen, haben es aber leider aus Zeitgründen nicht geschafft. Dann haben wir nach Ersatz gesucht und sind auf diese Möglichkeit gestoßen. Und zum Glück waren die Ressourcen da, um es auch wirklich zu machen. Das ist Rock ‘n’ Roll: sich wo raufstellen, wo man eigentlich nicht sein dürfte, und zu spielen. Anecken.

Ist die Band, mit der Sie dort aufgetreten sind, fix oder wechseln die Mitglieder?

Jay Cooper: Nein, die Mitglieder sind fix: Drummer Sebastian Rinnerthaler, der auch schon bei Trippin in London mit von der Partie war. Bassist Sebastian Umadum, ein alter Freund. Und Gitarrist Stefan Wascher [von Tangerine Turnpike; Anm.]. Der ist die einzige Person in Salzburg, die Rock ‘n’ Roll ist. Die große Rock-‘n’-Roll-Instanz.

Inwiefern?

Jay Cooper: Der lebt das, ist 100 % authentisch.

Nebenbei spielt er auch noch gut Gitarre …

Jay Cooper: [lacht] Ja, und er versteht viel von Film und vom Cutten. Ohne Stefan und die anderen Jungs wäre das alles nicht möglich.

Was erwarten Sie sich in den nächsten Monaten und Jahren vom Projekt „Jay Cooper“?

Jay Cooper: Dass es weitergeht, dass wir viel spielen und die Marke aufbauen. Ungezwungen. Dass wir Schritt für Schritt die Leiter hochklettern und den Leuten vorleben, dass sie das tun können, worauf sie Bock haben. Ohne Angst und Zweifel. Einfach Tun. Um das geht es bei dem Ganzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

Foto Jay Cooper 1 (c) Raffael Stiborek
Fotos Jay Cooper live (c) Jay Cooper

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